Marc Brand und die Gobi (Kapitel 1-3)

Sönke Paulsen, Berlin

Die Wüste Gobi ist ein Trockengebiet von der Größe Algeriens, was mit 2,3 Millionen Quadratkilometern, das größte afrikanische Land ist. Sie verteilt sich zwischen China und der Mongolei, wobei in Letzterer Steppen dominieren und in Ersterem die eigentlichen Wüsten liegen.

Im Westen grenzt das Gebiet an die Taklamakan-Wüste an, die in Xinjiang liegt, dem Gebiet der Uiguren, die von der chinesischen Regierung kulturell, religiös und politisch verfolgt werden. Dort befinden sich zahlreiche Konzentrationslager mit insgesamt über einer Million Häftlingen.

Die chinesisch mongolische Grenze liegt im mittleren Teil der Gobi und hat eine Gesamtlänge von fast fünftausend Kilometern, wovon der größte Teil in der Wüstenregion liegt.

Im Nordosten schließt sich die Innere Mongolei an, die zu China gehört und ebenfalls ein Ort der Verfolgung ist. Auch hier gibt es zahlreiche Umerziehungslager für Mongolen, die mit den dominierenden Han-Chinesen gleichgeschaltet werden sollen.

In der Wüste selbst, die aus Teilwüsten besteht, welche felsiger Natur sein können oder ausgedehnte Sandwüsten sind, wie die Baidan-Jaran-Wüste auf dem Gebiet der Inneren Mongolei Chinas, zeigt sich das dunkle Wesen Chinas.

Hier bereitet sich das „Reich der Mitte“, militärisch auf die Konfrontation mit den anderen Supermächten, Russland und den Vereinigten Staaten von Amerika vor. Hier befinden sich Weltraumbahnhöfe, Raketensilos für Interkontinentalraketen und ausgedehnte Testgelände für Waffen aller Art. Hier befindet sich auch ein wichtiger Stützpunkt der Strategischen Kampfunterstützungstruppe der Volksrepublik China deren Aufgaben offiziell so formuliert werden:

Überwachung und Ausforschung gegnerischer Ziele; Abschöpfung von Informationen im Besitz besagter Ziele.

Betrieb der Navigationssysteme in Frieden und Krieg, einschließlich des Beidou-Satellitennavigationssystems und der chinesischen Aufklärungssatelliten; Schutz besagter Systeme vor Störung durch den Gegner.

Abwehr von Angriffen auf die chinesische Luftraumüberwachung, das Küstenradar, den Funkverkehr, das zivile Internet sowie das regierungseigene und das VBA (Volksbefreiungsarmee)-eigene Intranet.

Der geheimdienstliche Teil wird von der „vierten Brigade“ übernommen, welche ihr Hauptquartier allerdings nördlich von Peking am Fuß des Yan Gebirges hat. Sie wird auch als „Einheit 61786“ bezeichnet.

Die Kampfunterstützungstruppe ist auch für die Infrastruktur der chinesischen Raumfahrt zuständig und kontrolliert einen der wichtigsten Landeplätze der bemannten Raumfahrt in China, den „Ostwind-Landeplatz“ in der Baidan-Jaran-Wüste. Obwohl es sich nur um einen Ausweich-Landeplatz handelt, findet ein reger militärischer Betrieb statt und bemannte Landekapseln gehen häufig hier und nicht am Weltraumbahnhof Jinquan mit seinen Landeplätzen in der nördlicheren Gobi nieder.

Das Gebiet ist hügelig und schwer einsehbar, Landungen sind riskant, finden auch meist ohne jede Öffentlichkeit statt, was den Ostwind-Landeplatz für militärisch geheime und brisante Raumfahrtexperimente prädestiniert.

Im Jahre 2007 gelang es der chinesischen Armee mit einer Vorgängerrakete der vierstufigen Dongfeng-Interkontinentalrakete, einen eigenen Satelliten in der Erdumlaufbahn zu zerstören. Dieser Vorgang, der erst zwei Wochen später bekannt wurde, führte zu Protesten vor allem der USA und Großbritanniens. Man fürchtete, dass China daran arbeite, auch Satelliten anderer Länder aus der Umlaufbahn zu schießen und damit die Infrastruktur von Raketensystemen seiner Gegner, zu zerstören.

Im gleichen Jahr brachten die Amerikaner einen Abwehrsatelliten in die Umlaufbahn, der in der Lage war, startende Atomraketen, mittels Infrarottechnologie, schnell zu identifizieren. Außerdem gelang es ihnen eine Langstreckenrakete, die in Alaska gestartet wurde, bereits kurz nach dem Start, von einem entfernt liegenden Stützpunkt aus, zu zerstören.

China, das über nicht mehr als drei bis vierhundert Atomraketen verfügte, sah die eigene Abschreckungsstrategie gegenüber den USA gefährdet und hatte vor allem kein Interesse, dass das nordkoreanische Drohpotential gegen Taiwan, Japan und die amerikanische Pazifikküste, entwertet wurde.

Aus Sicht Pekings waren die Amerikaner dabei, ein global wirksames Raketenabwehrschild im Weltraum zu entwickeln, welches das Abschreckungspotential ihrer Gegner früher oder später neutralisieren würde. Dies war der Grund, warum die KP-Chinas einen Marschbefehl für die Zukunft herausgab, der in dem chinesischen Programm für Weltraumwaffen gipfelte. Dieser sollte das Land bei weltraumgestützten Waffensystemen technologisch noch vor die USA bringen.

Im Jahr 2025 erklärte der chinesische Präsident Xi Jinping dieses Ziel als im Wesentlichen erreicht. China sei nun in der Lage, militärische Satelliten seiner Gegner zu erkennen und unschädlich zu machen. Man werde in Kürze mit dem Aufräumen im Weltall beginnen. Wenige Tage später hob von der Wüste Gobi aus, der erste chinesische Killersatellit mit einer Trägerrakete zu seiner Reise in die Umlaufbahn ab.

Alle westlichen Nationen waren überrascht und beunruhigt. Es gab bisher keine geheimdienstlichen Informationen, dass China einen effektiven Killersatelliten baut, der andere Satelliten in der Erdumlaufbahn angreifen und zerstören kann. Die Meldung kam überraschend und wurde verschiedentlich auch als chinesische PR-Aktion eingestuft.

Der Kuss des Friedens

Im Hauptquartier des MI6 in London herrscht Ratlosigkeit.

Chief und der Verteidigungsminister sitzen in einem großen Büro im neuen Hauptquartier, das im Unterschied zum alten, getarnten „Fabrikgelände“, unverkennbar ist. Es wirkt, von der Themse aus betrachtet, wie ein Aztekentempel, den man auf dem Fundament eines Hochbunkers aus dem zweiten Weltkrieg errichtet hat. Der allgemeinen Architektur in London vollkommen entrückt und zugleich martialisch, wie eine moderne Festung.

Minister und Geheimdienstchef haben allerdings andere Probleme und befinden sich in einem angespannten Gespräch.

„Was wissen wir denn nun genau“, fragt der Verteidigungsminister gerade seinen MI6-Chef und wirkt dabei durchaus gereizt.

Chief bleibt cool. Er weiß, dass auch die Amerikaner nicht mehr wissen und insgesamt die „Five Eyes“ das Thema sträflich vernachlässigt hatten. Vielleicht, weil die technische Observation in China so schwierig geworden ist.

Das chinesische Internet ist gespickt mit Algorithmen, die jede Aktivität auf ihren Auslöser zurückführen können und so die komplette Kontrolle haben. Außerdem ist das Internet in China von einer „chinesischen Mauer“ umgeben, die Experten auch als die „big firewall“ bezeichnen. Da ist kaum ein Durchkommen. Wie in einem Kokon mittendrin und trotzdem getrennt, befindet sich das militärische Intranet der Chinesen, die vom Versteckspiel wirklich etwas verstehen. Da ist kein rankommen.

„Der Satellit wird von den Chinesen „Hépíng zhiī wen“ genannt, was so viel bedeutet, wie „Kuss des Friedens“. Dieser Name deutet auch auf die Funktionsweise des internen Waffensystems hin, das auf eine sehr starke Annäherung des Satelliten an das Zielobjekt angewiesen ist“.

Chief projiziert eine Grafik in den Raum, gut sichtbar für den Verteidigungsminister, der aufsteht und sich die Sache genauer anschaut. Dabei geht er um die Grafik herum, die, wie ein Hologramm, im Raum schillert.

„Das ist ja primitiv“, ruft der Minister aus, „diese kleinen Spikes an der Oberfläche sollen unsere Satelliten zerstören“?

„Ja“, entgegnet sein Untergebener, „das Ganze funktioniert wie ein Morgenstern aus dem Mittelalter. Das Ziel wird angerempelt und dabei zerstört“.

Der Verteidigungsminister schüttelt den Kopf.

Chief setzt nach. „Die eigentliche Intelligenz liegt in der Steuerung des Satelliten. Diese muss genial sein, weil sie durch die Orbitalkräfte wirkt. Wir wissen nur nicht genau wie. Aber der Satellit kommt mit einem relativ kleinen Protonenkraftwerk aus“.

„Und wir wissen nichts über diese Methode“, fragt der Minister.

„Wir wissen, dass wir nichts wissen“, antwortet Chief und kratzt sich die Glatze, „die Chinesen haben uns vollkommen überrumpelt“!

„Schicken Sie Ihre Leute dahin und besorgen Sie uns die Konstruktionspläne“, antwortet der Minister herrisch.

„Keine Chance“, antwortet der Geheimdienstchef, so sicher, als wollte er sagen, „das wissen Sie doch, Herr Minister“!

„Dann besorgen Sie uns etwas anderes. Den Konstrukteur, einen Prototypen, ein Modell, den Satelliten selbst. Irgendwas“!

Chief seufzt. „Sir, ich habe niemanden, der das kann. Ich hatte einen Spezialisten, aber den haben die Chinesen vor einem Jahr zusammengeschossen“.

„Einsatzfähig“, fragt der Minister.

„Ich weiß nicht“, antwortet Chief, „er ist aus dem Dienst ausgeschieden, bevor ihn die Chinesen erwischt haben. Ich weiß nur, dass er überlebt hat und ein halbes Jahr in Rehabilitation war. Im Augenblick weiß ich nicht einmal, wo er sich aufhält“.

Der Verteidigungsminister ahnt, von wem die Rede ist. Die harmlose Ansprache seines Geheimdienstchefs bezog sich auf den berühmtesten Agenten des MI6 nach James Bond. Marcus Brand, der das chinesische Virus, während der zurückliegenden Pandemie, als Teil des Biowaffenprogramms der Chinesen enttarnt hatte und damit einen „neuen kalten Krieg“ zwischen dem Westen und den Chinesen eingeläutet hatte.

Der Verteidigungsminister denkt einen Augenblick nach. „Dieser Agent ist tatsächlich ein Spezialist, der uns weiterhelfen könnte“. Er wendet sich an Chief und schaut ihn scharf an. „Finden Sie den Mann und holen Sie ihn her. Ich will ein Gespräch!“

Kapitel 2

Marc Brand betrachtet das muntere auf und ab seiner Füße, während er in die Pedalen tritt. Dieser Anblick gibt ihm schon seit einem halben Jahr Mut. Damals in der Rehaklinik war es noch eine Maschine, welche die Pedalen zum Rotieren brachte. Seine Beine waren dazu nicht in der Lage.

Die Kugel, die in seinen Hals eingedrungen war, hatte sein Rückenmark verletzt. Es war nur dieser glückliche Umstand, dass er sofort in ein neurochirurgisches Zentrum geflogen wurde, wo sein Halsmark dekomprimiert wurde, dass er überlebte und jetzt sogar wieder laufen kann. Zurück bleiben Gefühlsstörungen in seinen Füßen, die er nicht einmal klar beschreiben kann. Es fühlt sich an, als habe er eine dicke Wachsschicht auf seinen Zehen, die ihm die sensible Wahrnehmung nur noch in sehr indirekter Weise erlaubt. Das Lageempfinden ist aber intakt.

Der Ex-Agent macht eine Pause und steigt von seinem Fahrradtrainer ab. Tia Nam, die seine Übungen beaufsichtigte, reicht ihm lächelnd einen heißen Waschlappen, mit dem er die angestrengten Beinmuskeln entspannt. Er legt sich auf die Couch und reibt seine schmerzenden Waden ab.

„Du warst heute ziemlich gut“, lobt Tia Nam und lacht ihn an, wobei ihre gleichmäßigen Zähne etwas zu leuchten scheinen. Brand liebt den Anblick seiner lachenden Freundin und nickt heftig. „ Fünfunddreißig Minuten Volllast, das ist meine Bestleistung seit dem Schuss“!

Sie nickt. „Ich bin froh, dass Du Dich erholt hast“, ihr Blick verdunkelt sich etwas, „manchmal dachte ich, dass Du es vielleicht nicht schaffst“.

Brand grinst sie an und antwortet: „Das dachte ich sogar ziemlich oft. Aber dann hat mir euer chinesisches Schwein geholfen, Du weißt schon“.

Tia Nam setzt sich zu ihm auf das Sofa und umfasst seinen Oberkörper.

„Ja, ich weiß. Du bist dieses willensstarke Schwein. Das habe ich immer gewusst. Du wirst auch hundert Jahre alt werden“.

Brand winkt ab. „Vielleicht nicht Hundert, sondern nur Neunzig. Das wäre schon mehr als genug“.

Das Paar befindet sich in einer Wohnung mit einem wunderschönen Blick auf den Atlantik. Sie liegt in einem Küstenort unweit von Birmingham in Mittelengland. Mehr soll nicht gesagt werden, denn Mr. und Mrs. Muller, wie sie offiziell heißen, sind untergetaucht, nachdem der Agent aus der Rehaklinik entlassen wurde. Beide sind sich sicher, dass der militärische Geheimdienst der chinesischen Armee sie noch auf der Rechnung hat. Vielleicht sogar mehr, als je zuvor.

Brands Ermittlungen hatten massive Folgen für die Chinesen. Das Land ist inzwischen politisch isoliert und wirtschaftlich mit umfangreichen Sanktionen des Westens belegt worden. Das hat auf der anderen Seite den Nachteil, dass die westlichen Geheimdienste, auch der MI6, in China kaum noch Boden unter den Füßen haben. Ausländer leben dort in einer Situation der Dauerüberwachung, insbesondere, wenn sie aus Großbritannien oder den USA kommen.

Im Prinzip handelt es sich um einen unerklärten Kriegszustand mit den Commonwealth-Staaten und Teilen der Europäischen Union, die sich immer noch nicht klar gegenüber China positionieren konnte. Das Staatenbündnis zeigt darüber einen deutlichen Zerfallsprozess.

Den Ex-Agenten interessiert das nicht mehr. Er hat genug von der Macht, insbesondere von der dunklen Seite der Macht, mit der er sein ganzes Berufsleben zu tun hatte. Es ist vorbei.

Der Agent geht unter die Dusche und freut sich auf „Ham and Eggs“ als Frühstück, das Tia Nam gerade zubereitet. Nach dem Morgenkaffee möchten beide an den Strand gehen und Treibgut sammeln. Tia Nam hat eine kleine Werkstatt angemietet, in der sie Treibgut zu Kunstgegenständen verarbeitet. Tatsächlich hat sie schon einiges davon verkauft und freute sich, als sie am Strand einen fast kreisrund gewachsenen Ast aus Eiche fand. Inzwischen ist daraus ein Kronleuchter geworden. Ein Kunsthändler aus Birmingham, der ihr schon einiges abgenommen hat, zeigt Interesse und will annähernd eintausend Pfund dafür geben. Ein stolzer Preis für ein Stück Treibholz.

Der Tag ist etwas regnerisch, aber das stört die beiden nicht. Sie gehen in Gummistiefeln die lange Strandpassage entlang, die bis zum Nachbarstädtchen reicht. Sie brauchen etwa eine Stunde dafür und eine knappe Stunde zurück. Der Atlantik ist aufgewühlt, was eher ungünstig für das Auffinden interessanter Gegenstände am Strand ist. Die Wellen ziehen die Dinge immer wieder ins Meer zurück und manche tauchen in der weißen Gischt gar nicht auf.

Erst im letzten Augenblick bemerkt Marc ein großes Stück Aluminium, das von den Wellen als Spielball benutzt wird. Es kann nicht viel wiegen und Brand möchte Tia Nam eine Freude machen. Er ruft sie heran.

Die kleine Chinesin nimmt Abstand von einem Stein, den sie gerade begutachtet hatte und kommt zu Brand an die Wasserlinie.

„Siehst Du das Stück Aluminium dort? Wie es glänzt“, fragt er sie.

Tia Nam nickt und ist augenblicklich interessiert. „Meinst Du, wir kommen dran“, fragt sie zurück.

Brand konzentriert sich auf das unruhige Stück Leichtmetall, das eine gebogene Oberfläche besitzt und vielleicht von einem Boot stammen könnte, eventuell sogar von einem Flugzeug.

„So groß wie ein Medizinball“, schätzt der Ex-Agent.

Plötzlich stürmt er los, als sich die Welle, die das gute Stück anspülen wollte, mit ihrem Besitz wieder zurückzieht. Er rennt einige Meter ins Meer, greift das Metallstück und sprintet nun vor der zurückkommenden Welle davon. Das ganze Manöver gelingt ihm, ohne nennenswert nass zu werden und Tia Nam klatscht begeistert in die Hände.

„Marc“ schreit sie in den stürmischen Wind, „Du bist in Höchstform“!

Die beiden lassen sich lachend auf einer Steinmole in sicherer Entfernung vom Wasser nieder und betrachten ihre Beute.

Tia Nam staunt nicht schlecht, als sie ein kleines aufgeprägtes Banner der amerikanischen Flagge auf der Metalloberfläche entdeckt. Darunter identifiziert Brand noch die Buchstaben SA.

„USA“, ruft die Chinesin begeistert und will ihrem Geliebten die Beute entreißen. Doch der hält sie fest und starrt konzentriert auf  das Stück.

„Nein“, sagt er dann, „das heißt nicht USA. Die Buchstaben passen nicht unter die Flagge“. Er schaut Tia Nam verwundert an und reicht ihr das Metall. „Das“, sagt er und wirkt irritiert dabei, „das heißt NASA“!

Die beiden bleiben einige Augenblicke stumm und schauen auf den Fund, der noch verhältnismäßig gut erhalten ist. Dann sagt Brand:

„Vermutlich ein Stück von einem Satelliten“.

„Wow“, sagt Tia Nam, „das Ding ist aus dem All!“ Sie beginnt zu lachen. „Es ist aus dem All zu uns gekommen“!

Brand nickt und schaut auf die verkohlten Ränder des Metallstücks. „Vermutlich war es da oben“.

Dann schauen beide in den Himmel, als würden sie noch mehr Teile erwarten, die auf sie herabfallen. Aber alles was sie bekommen sind fette Regentropfen, die von einem dunklen Atlantiktief kommen. Zu ungemütlich für die beiden, deren Regensachen langsam durchlässig werden. Sie laufen nachhause, so rasch wie es geht. Ihr Fundstück fest unter dem Arm haltend.

„Wir hängen es ins Wohnzimmer“, ruft Brand gegen den Wind.

„Mindestens“, ruft Tia Nam zurück.

Am Nachmittag begutachten Sie ihren Fund in der Werkstatt von Tia Nam.

„Es ist eben nur ein kleines Stück, das von verschiedenen Satelliten stammen könnte“, meint Brand, während Tia Nam kleine Stichverletzungen am Metall feststellt, „aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er nicht sehr weit oben war“.

„Wie meinst Du das“, fragt Tia Nam.

„Das ist Aluminium. Normalerweise verbrennt es restlos beim Widereintritt in die Atmosphäre“.

„Das ist allerdings mysteriös“, antwortet sie.

„Vielleicht ist es nur bis in die Stratosphäre aufgestiegen, an einem Ballon vielleicht. Das wäre eine Erklärung. Ein Stratolit“.

Tia Nam schaut Marc nachdenklich an. „Was macht ein amerikanischer Stratolit vor der englischen Küste“, fragt sie.

„Warum ist er abgestürzt“, lächelt Brand, weil er eine Gegenfrage gefunden hat.

„Vielleicht wurde er abgeschossen“, antwortet die Chinesin.

„Gut möglich“,  meint der Ex-Agent und setzt nach einer Pause erneut an. „Das ist zumindest wahrscheinlicher, als ein Atmosphäreneintritt, den dieses Metall nicht überlebt hätte“.

„Aber warum finden wir ihn hier“, fragt Tia Nam, „und nicht in Nordamerika oder sonst wo“?

„Jetstream“, fällt Marc als Antwort ein, „ der polare Jetstream verläuft oft direkt über uns und geht von West nach Ost.“

„Damit ist die Sache erklärt“, meint Tia Nam und beginnt sich dem ästhetischen Wert ihres Fundstückes zuzuwenden.

Brand kocht den beiden einen Tee, da es fünf Uhr geworden ist. Dann nimmt er sein Convertible und surft ein bisschen im Internet., während Tia Nam verschiedene Gestaltungsmöglichkeiten für das Satellitenstück ausprobiert.

Tatsächlich findet Brand, dass das Stück mit einem Beobachtungssatelliten der NASA eine gewisse Ähnlichkeit hat. Solche Geräte werden tatsächlich an Stratosphären-Ballons betrieben. Sie sind wegen ihrer hohen Auflösung sehr beliebt. Aber wo kommt dieses Stück her?

Auf einer Insiderseite findet der Ex-Agent einen Beitrag, der über Spionageballons der USA geht, die in Russland und China eingesetzt werden.  Der Vorteil ist der Preis, der viel niedriger ausfällt, als bei normalen Satelliten.

Ein weiterer Vorteil ist aber, dass solche Ballons über Tage, teilweise über Wochen stationär ein Gebiet überwachen können, vorausgesetzt, sie bleiben unentdeckt und geraten nicht in den Jetstream, durch den sie schnell weggetragen werden können. Der polare Jetstream kann dabei bis in subtropische Regionen mäandrieren und Flugobjekte in Schlangenlinien um den Erdball treiben.

In einem weiteren Hack eines CIA-Berichtes findet Brand dann tatsächlich Bilder von etwa dreißig Spionagesatelliten, die an Ballons hängen und wirklich Ähnlichkeiten mit ihrem Fundstück aufweisen.

Der Artikel, in dem diese Bilder auftauchen, beschreibt die Anstrengungen der Amerikaner, die Weltraum- und Rüstungsaktivitäten der Chinesen zu verfolgen. Ein Schwerpunkt der Observation liegt über der Wüste Gobi, von wo aus, Raketen starten, wo es Landeplätze der Chinesen gibt und streng geheime Sperrgebiete. Von dort könnte der Satellit sogar gekommen sein.

„Vielleicht“, sagt Brand zu Tia Nam, während sie eine Pause machen, „vielleicht kommt unser Satellit aus der Gobi-Region“.

Brand grinst in das erstaunte Gesicht der Chinesin.

„Er könnte um den halben Erdball geflogen sein“, lächelt er erfreut, „bevor wir ihn gefunden haben“.

Die Chinesin ist beglückt über diese weitere Aufwertung ihres „Kunstobjektes“.  Sie ist gerade damit beschäftigt eine Halterung aus Edelstahl mit gedrechselten Füßchen aus Kirschholz dafür zu basteln. Sie möchte eine große Obstschale daraus machen.

„Gute Idee“, findet Brand.

Kapitel 3

John Rutter steht einige Tage später in Tia Nams Werkstatt und begutachtet ihre neue Obstschale.  Er ist Kunsthändler und handelt auch mit Design-Objekten. Er war es, der Tia Nam gewissermaßen entdeckt hat.

„Mrs. Muller“, sagt er anerkennend, „so etwas habe ich noch nie gesehen“!

Tia Nam nickt erfreut. „Ein Stück von einem Satelliten“, sagt sie, „jetzt ist es eine Obstschale“.

John Rutter lächelt. „Eine Satellitenschüssel also“, witzelt er, stößt dabei aber auf ein ernstes Gesicht der Chinesin, die das gar nicht komisch findet.

„Nun gut“, räuspert sich Rutter, „ich glaube, das Stück lässt sich gut verkaufen und ich überlege sogar, ob ich es zu meiner nächsten Auktion nach London mitnehme. Es ist schließlich absolut einzigartig“.

Tia Nam lächelt wieder. „Lassen Sie es mich wissen“, sagt sie würdevoll, „eventuell möchte ich bei der Auktion dabei sein“.

Rutter nickt.

Er beginnt die Schale von allen Seiten zu fotografieren und sagt am Schluss nüchtern. „Ich lasse es abholen, sind tausend Pfund genug“?

Tia Nam nickt erfreut und fragt sich gleichzeitig, wie viel Rutter wohl bei der Auktion dafür bekommen wird.

„Mit welchem Startpreis  werden sie beginnen“?

Rutter zögert kurz. Dann antwortet er: „Ich denke mit eintausend Pfund“.

Tia Nam lacht.

Rutter grinst.

Die beiden sind sich einig.

Am Abend erzählt Tia Nam Brand von ihrem Verkaufserfolg.

Marc lächelt. „Gratulation“, ruft er.

„Marc“, sagt Tia Nam schnell, „Rutter will es auf seine Auktion mitnehmen, und ich werde mitfahren“.

Brand starrt Tia Nam kurz an. Dann blickt er nach unten.

„Ich weiß“, sagt sie, „wir sollten uns nicht in der Öffentlichkeit sehen lassen. Aber es ist ein kleines Auktionshaus mit wenigen Besuchern. Die Gefahr erkannt zu werden, ist wirklich gering“.

Brand sieht, wie glücklich seine Freundin ist und möchte ihr in diesem Augenblick nichts abschlagen.

„Na gut“, sagt er, „aber für mich ist London ein zu großes Risiko. Ich muss Dich allein fahren lassen“.

Tia Nam nickt eifrig. „Ich habe ja den alten Rutter bei mir“, lacht sie.

Brand schüttelt den Kopf über so viel Enthusiasmus und gibt sich geschlagen.

„Ich könnte Dich wohl kaum abhalten“!

Eine Woche später sitzen Rutter und Mrs Muller in dem alten Daimler des Kunsthändlers und unterhalten sich vergnügt. Die Fahrt nach London vergeht schnell. Die Objekte hatte Rutter bereits an das Auktionshaus geschickt.

„Ich bin jedes Mal wieder aufgeregt“, gibt der ältere Mann zu. „Auktionen sind wirklich sehr spannend“.

„Und lukrativ“, ergänzt die Chinesin.

Rutter nickt. „Bisher habe ich immer ganz gut dabei verdient“.

Die Auktion beginnt um 14.00 und die beiden haben noch Zeit für ein Lunch in einem kleinen Bistro. Rutter entwickelt dabei einen beträchtlichen Appetit und verdrückt drei Sandwiches. Die Chinesin staunt nicht schlecht.

Mrs Muller wird inkognito in der Auktion sitzen. So ist es verabredet. Rutter wird bei der Auktion nicht darauf hinweisen, dass die Künstlerin sich im Raum befindet.

Rutter hat das Satellitenstück begutachten lassen, so dass die Herkunft außer Frage steht. Es handelt sich um die Reste eines Stratoliten der Nasa, der für Beobachtungszwecke eingesetzt wird.

Als die Schale an die Reihe kommt, gibt es gleich drei Bieter, die sich den Kauf streitig machen. Es sind erkennbar professionelle Händler, denn sie bieten sehr vorsichtig und behalten sich dabei gegenseitig im Auge. Am Ende zahlt es sich für einen der drei aus. Die Schale wird für zweitausendfünfhundert Pfund versteigert. Rutter lächelt zufrieden und Tia Nam fühlt sich sehr stolz und glücklich.

Einer der beiden Bieter, die leer ausgegangen sind, spricht Rutter am Ende der Auktion an.

„Sir, mich würde interessieren, ob es sich wirklich um das Stück eines Satelliten handelt. Darf man fragen, wo es die Künstlerin gefunden hat“?

„Natürlich“ antwortet Rutter, „ es wurde an der Westküste, am Strand gefunden“.

„Bemerkenswert“, antwortet der Mann, der sich nicht vorgestellt hat, „dann hat dieses Stück Blech wohl einen sehr weiten Weg hinter sich“.

„Das denke ich auch“, antwortet Rutter und wendet sich Tia Nam zu, die sich neben die beiden gestellt hat.

„Ein erfolgreicher Tag für mich, meine Liebe. Fahren wir nachhause“?

Tia Nam nickt. Der Fremde verabschiedet sich kurz.

Dann begeben sich die beiden auf den Heimweg. Sie wollen den Weg nach Birmingham noch bis zum Abend schaffen. Rutter fährt, auf Grund seines Alters, nicht mehr gern in der Dunkelheit. Die beiden rechnen mit zwei Stunden Fahrtdauer nach Birmingham und dann noch einmal über eine Stunde an die Küste. Dann ist Rutter erst nach Einbruch der Dunkelheit zuhause. Was weder ihm, noch seiner Frau Mary besonders gefällt. Er versucht also den Highway etwas schneller anzugehen, als sonst.

Etwa einhundert Kilometer nördlich von London will der alte Daimler plötzlich nicht mehr. Rutter bekommt ein leicht rotes Gesicht und wendet sich an Tia Nam. „So soll ein erfolgreicher Tag nicht enden“.

Die beiden haben Glück. Ein zweiter Wagen fährt auf den Standstreifen und zwei Männer steigen aus. Sie bieten Rutter ihre Hilfe an. Sie sehen aus wie Büroangestellte, die gerade auf dem Heimweg sind. Rutter willigt ein und die beiden steigen um und lassen sich in die nächste Ortschaft fahren, wo es eine Werkstatt mit einem Abschleppwagen gibt. Vor der Werkstatt bieten sich die Männer noch an, zu warten, bis Rutter wieder herauskommt. Tia Nam steigt mit ihm aus, und vertritt sich etwas die Füße.

Rutter geht in das kleine Büro des Betriebes, das glücklicherweise noch geöffnet hat. Er muss auf den Meister warten, der sich zehn Minuten Zeit lässt, bis er auftaucht und Rutters Problem anhört. „Kein Problem“, meint der Mann, „wir holen ihren Wagen hierher. Wenn es eine Kleinigkeit ist, können Sie heute noch weiter fahren“.

Rutter ist erleichtert und geht hinaus zu Tia Nam. Im ersten Augenblick realisiert er nicht, dass sich etwas verändert hat und geht noch ein paar Schritte in Richtung Straße. Dann merkt er plötzlich, dass der Wagen mit den Männern verschwunden ist. Tia Nam ist auch nicht mehr da. Er ruft laut nach Mrs Muller und schaut sich um. Aber der Platz vor der Werkstatt ist leer. Nur der verwunderte Kfz-Mechaniker steht dort und fragt ihn: „Alles in Ordnung, Sir“?

„Ich weiß nicht“, antwortet Rutter, „aber ich glaube,  ich muss die Polizei verständigen“.

Fortsetzung folgt