Angriff auf die Welt – der „wahre“ Bond (Kapitel 1-29)

Sönke Paulsen, Berlin

Angriff auf die Welt – der „wahre“ Bond

Im Folgenden lege ich Ihnen, liebe Leser, eine Fortsetzungsgeschichte vor, die von dem berühmtesten Geheimagenten der Welt handelt, von James Bond. Ich weiß heute noch nicht, wohin diese Geschichte führen wird, bin mir aber sicher, dass diese Agenten-Story bitter notwendig ist.

In einer Zeit, in welcher der aktuelle Bond-Film („Keine Zeit zu sterben“) wegen eines chinesischen Virus nicht in die Kinos kommt und seit über einem Jahr verschoben wird, ist etwas faul. Deshalb brauchen wir James Bond so dringend, wie nie zuvor. Davon bin ich fest überzeugt.

Da Julian Assange weiterhin in dem Londoner Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh einsitzt und von allen Medien abgeschnitten wurde, wird er die wahre Geschichte, rund um das chinesische Virus und wie es die Welt in diktatorische Verhältnisse drückt, weder hacken noch veröffentlichen können.

Wir brauchen also Bond, der mit teilweise altmodischen, auch brachialen Methoden vorgehen kann und uns endlich Klarheit über den „Angriff auf die Welt“ verschafft. Ich hoffe das zumindest, weil ich noch nicht weiß, wie die Sache am Ende ausgehen wird.

Ich weiß es wirklich nicht!

Allerdings muss ich mich hier insofern korrigieren, dass aus Gründen des Markenschutzes, James Bond für meine Geschichte nicht engagieren darf. Dasselbe gilt für Q, M, Moneypenny und die ganze 00er Reihe von Agenten.

Ich habe mich also nach einem anderen Schauspieler umgesehen und bin auf Marcus Brand (kurz Marc Brand) gestoßen. Der Mann ist anders als Bond. Er ist älter und handelt überlegter, weniger draufgängerisch. Trotzdem ist er für knallharte Aktion zu haben und ebenso in der Geheimdienstwelt verwurzelt, wie James Bond.

Bereits nach den ersten Kapiteln der Geschichte, die ich mit Marcus geschrieben habe, ist er mir ans Herz gewachsen. Ich bin sicher, dass ich die gesamte Story mit ihm durchstehen werde und hoffe, liebe Leser, dass sie mir dabei Gesellschaft leisten.

Dafür biete ich Ihnen mehr als eine Story, denn ich werde am Ende jedes Kapitels Realität und Fiktion ziemlich engagiert auseinander nehmen und dokumentieren, was Fiktion ist und wo sie an die Grenzen der Realität rührt. Auch was tatsächlich Realität ist, werden Sie am Ende der Kapitel erfahren, so weit sie durch Recherchen zugänglich ist.

Es wird also eine spannende, fiktive Reise durch eine Realität, in der wir alle zur Zeit gefangen sind und die bestimmten Leuten Vorteile bringt, weshalb sie an der Schaffung dieser Realität erheblichen Anteil haben. Ich rede, in verklausulierter Form von nicht weniger, als dem Angriff auf die Welt, dem wir derzeit alle ausgesetzt sind.

Ich möchte jedenfalls erfahren, wie es dazu kommen konnte, wie die Welt sich dadurch verändert und möglicherweise absichtsvoll verändern soll und wer dahinter steckt.

Ein Land steht dabei im Mittelpunkt meiner Recherchen und dieser Geschichte. Ich spreche von China, das wir bei jeder Fortsetzung etwas mehr kennenlernen und fürchten werden. So viel kann ich schon einmal vorwegnehmen.

Die anderen Schauspieler, die ich engagieren konnte sind. Ein gewisser Chief, der Brands Vorgesetzter beim britischen MI6 ist, ein Mister Z, der ähnliche Aufgaben hat, wie Q in der originalen Bond Geschichte und eine bezaubernde Mrs Moneycent, deren Namensähnlichkeit zu Mrs Moneypenny in den Bond-Geschichten allerdings zufällig ist. Denn Moneycent hat es im Unterschied zu Moneypenny selbst zu einer Doppelnullagentin gebracht, die mit 00M abgekürzt wird. Außerdem gibt es eine Reihe anderer Agenten, die nicht durch Zahlen, sondern durch die Anfangsbuchstaben ihres Nachnamen abgekürzt werden. Mike Fetcher in Honkong ist dann also 00F. Einzige Ausnahme dieser Regel ist Marcus Brand, der als 00Y bezeichnet wird. Das Y soll dabei auf seine unwiderlegbaren männlichen Qualitäten hinweisen.

So, verehrte Leser, jetzt viel Spaß bei einer fiktionalen Reise durch unsere gemeine, globale Realität, auf der Suche nach den Schuldigen!

Disclaimer:

Müßig zu erwähnen, dass alle Namen in der Geschichte ausgedacht sind, außer die bekannter Firmen, Konzerne, Organisationen, Städte, Länder und Produkte, die ich in dieser Geschichte platziere, ohne dadurch Werbeeinnahmen zu generieren, was ich beim Bart meiner Mutter beschwöre. Das Lesen aller Kapitel, die ich hier veröffentliche, ist völlig kostenlos. Allerdings gibt es Schleichwerbung (aus Überzeugung) beispielsweise für den VW Golf. Es gibt aber auch Antiwerbung (aus Überzeugung) beispielsweise für Huawei Kommunikationselektronik. Es handelt sich in beiden Fällen um meine persönliche Meinung, mehr nicht. Sollte ich dennoch die Rechte von jemandem verletzen, bitte ich um eine Mittelung von betroffener Seite und tue mein Bestes auch ohne, dass es der Einschaltung eines Rechtsanwaltes bedarf. Wer mich einfach so abmahnen möchte, sollte auch wissen, dass ich eine ausgezeichnete Versicherung habe, die alle Ansprüche ziemlich genau prüft und bei ungerechtfertigten Abmahnungen, die eigenen entstandenen und nicht unerheblichen Kosten gegenüber dem Abmahner geltend machen wird. Somit also nicht unbedingt profitabel.

Schließlich noch ein Wort zu den Links am Ende jedes Kapitels, wenn es um die Realitätsprüfung geht. Für die übernehme ich keine Verantwortung. Wenn unter diesen Links ungesetzliches Zeug auftaucht, liegt es nicht in meiner Macht. Ich habe die Links beim Schreiben der erläuternden Texte nach bestem Wissen und Gewissen geprüft und diese für landläufig seriös befunden. Ich habe sie auch alle angeklickt und keinen erkennbaren Schaden dadurch erlitten.

Soweit das Rechtliche und jetzt das rechtlose erste Kapitel (für das ich aber bitte den eventuellen Nachdruck oder die Veröffentlichung an anderer Stelle trotzdem genehmigen möchte, wie für alle anderen Kapitel auch)!

Sönke Paulsen, Berlin d. 1.4.2021

Die Vorgeschichte – Wie es beginnt

Die britische Mutation des Virus, die zahlreiche Menschenleben kostet, erweist sich als besonders aggressiv. Der MI6 wird aufmerksam, als der Wissenschaftler Godfrey in der britischen Virusvariante eine RNA-Sequenz entdeckt, die nicht natürlich entstanden sein kann. Es handelt sich um ein Gen, das die Virusreplikation um einen Gigafaktor steigert und damit das Potential des Virus, zu mutieren, um das millionenfache gegenüber natürlich entstandenen Viren steigern kann.

Godfrey hat den Verdacht, dass es sich um eine chinesische Technologie aus einem verborgenen biologischen Waffenprogramm des chinesischen Militärs handeln könnte, über das es nur Gerüchte gibt und nimmt Kontakt zum MI6 auf.

Wenige Tage, nachdem Godfrey dem MI6 seine Ergebnisse präsentiert und den „chinesischen Verdacht“ geäußert hat, stürzt er in London aus einem, oben offenen, Doppeldecker-Bus und stirbt.

Marcus Brand der sich derzeit in einer Klinik bei Salisbury befindet, um dort seine Alkoholabhängigkeit zu behandeln, bekommt Besuch von seinem Vorgesetzten Chief. Er überrascht ihn in seinem Krankenzimmer, während der Geheimagent gerade dabei ist, eine junge Ärztin in die Kunst der Leibesvisitation einzuführen.

Betreten äußert Brand, beim Anblick seines Chefs, dass ihn sein Arbeitgeber nicht einfach mitten in einer medizinischen Behandlung stören könne, das sei gegen die Vorschriften. Chief entgegnet kühl, dass sein Krankenstand für England unterbrochen werden müsse. Brand sei wieder im Dienst. Die hübsche Ärztin lächelt bedauernd und 00Y wird mit einem Helikopter nach London ins Hauptquartier geflogen, das sich aus Sicherheitsgründen in einem stillgelegten Tunnel unterhalb der Themse befindet.

In dem dortigen schwefelig-feuchten Klima, bekommt er seine Aufgabe, den Tod von Godfrey aufzuklären und herauszufinden, was an dessen Verdacht einer synthetischen Viruskomponente, „Made in China“, dran sei.

Die hübsche Virologin, Melanie Bringuy, soll ihm helfen, sobald er eine heiße Spur hat und das feindliche Labor genauer untersuchen muss. Sie ist Spezialistin für virologische Replikationsmethoden. Außerdem bekommt Brand einen Chip in die Nase implantiert, der in kürzester Zeit jedes Virus, das er einatmet analysiert und die Ergebnisse an das Hauptquartier sendet.

Zuvor besucht Brand das virologische Institut des getöteten Wissenschaftlers Godfrey und macht eine irritierende Entdeckung. Dort arbeiten nur chinesische Wissenschaftler, die ihn ausgesprochen feindselig anschauen. Zwei Männer und eine Frau, die aus Hongkong stammen, der ehemaligen britischen Kronkolonie.

Die Frau, Tia-Nam, deren Vater ein englischer Geschäftsmann in Hongkong ist, steckt ihm unbemerkt eine Mikro-SD-Karte ins Jackett, als sie ihn, gut sichtbar für die anderen, unfreundlich aus dem Labor verweist. Ihre Lippen formen dabei lautlos die Worte: „Mein Vater.“

Brand liest in einem Café mit maskierten Menschen, welche ihre Masken nur zum Trinken abnehmen und dann wieder aufsetzen, die Karte über sein Smartphone aus und stellt, anhand der Fotos, fest, dass ihr Vater beste Kontakte zum chinesischen Geheimdienst zu haben scheint. Er ist dort in freundschaftlicher Umarmung mit dem Geheimdienstchef Wu zu erkennen, der dem MI6 bekannt ist. Wu gilt zugleich als der Pate von Hongkong, weil er dort die Korruption mitorganisiert und sich erheblich bereichert.

Am Abend wartet Brand auf Tia-Nam. Als sie das Labor verlassen hat, folgt er ihr und stellt sie zur Rede. Was weiß sie über den Tod von Godfrey und warum die Fotos? Die attraktive Halb-Chinesin verweigert aber jede Auskunft und verschwindet in einem Hauseingang. Brand verschwindet ebenfalls in dem dunklen Hauseingang. Hier endet die Szene.

Am nächsten Tag bekommt 007 einen Anruf von Chief, der ihm berichtet, dass es einen weiteren mutmaßlichen Todesfall im Umfeld von Godfrey gegeben habe. Eine junge Chinesin namens Tia-Nam, die nach Angaben einer Freundin in die Themse gestürzt und seitdem verschwunden sei.

Brand fliegt nach Hongkong.

Er will den Vater Tia-Nams überprüfen und hat bereits Kontakt mit dem MI6 in Hongkong aufgenommen. Am Flughafen erwartet ihn 00F.

Während der Fahrt zum Hotel werden sie durch eine Demonstration der Demokratiebewegung aufgehalten. Studenten halten Plakate mit der Aufschrift „Hongkong is the World“ vor die Seitenscheiben des Bentleys. Brand quittiert das mit einem ironischen Lächeln. Mike Fetcher (alias 00F) kritisiert Brand. Er solle nicht so überheblich sein. In Hongkong würde gerade geprobt, was stärker sei, der Demokratiewille der Menschen oder die Repressionen eines kommunistischen Überwachungsstaates. Brand tut interessiert: „Was ist stärker?“ fragt er seinen Kollegen. Fetcher räuspert sich „Zur Zeit ist es die chinesische Regierung in Peking.“ Brand nickt und will das Thema wechseln, aber 00F setzt nach.

Es habe seltsame Fälle von Erkrankungen unter diesen Studenten gegeben, die nach dem neuen Virus aussehen. Allerdings…Fetcher macht eine kurze rhetorische Pause und bekommt die Aufmerksamkeit von 00Y…allerdings sei das seltsam, denn alle diese erkrankten Studenten, waren kurz zuvor gegen das Virus geimpft worden.

Im Hotel angekommen erwartet Brand eine Nachricht von Chief. Der Geschäftsmann und Vater der verstorbenen Tia-Nam, Karl Klixfield, sei nach London, abgereist. Der MI6 habe 00M auf ihn angesetzt, die ehemalige Sekretärin von Chief, Moneycent, die inzwischen zur Agentin befördert wurde. Auch sie hat die Lizenz zu töten (mit den Waffen einer Frau natürlich).

Brand beschließt, in Hongkong zu bleiben und sich nach Wu dem Geheimdienstchef umzuschauen. Er hofft etwas über den Tod Godfreys und das manipulierte Virus herauszufinden, obwohl Wu, als Leiter des Geheimdienstes in Hongkong, eigentlich nur mit der Niederschlagung der Demokratiebewegung beauftragt ist, wie Fetcher bereits in Erfahrung brachte.

Mary und Bruce

Am Abend der Anreise klopft es an Brands Zimmertür. Brand öffnet die Tür mit gezogener Waffe und erblickt eine junge Frau, die sich als Studentin und Aktivistin zu erkennen gibt. Ihr Name ist Mary. Mary hatte ihn mit Fetcher, der ihr bekannt ist, weil sie ihn über die seltsamen Erkrankungen der Aktivisten informiert hatte,  in das Hotel gehen sehen. Sie bittet Brand um Hilfe, weil sie glaubt, ihr ebenfalls erkrankter Bruder sei vergiftet worden. Die Ärzte hätten aber kein Gift nachweisen können, weshalb er mit der Diagnose „Viruserkrankung“ jetzt in seiner Studentenbude in Quarantäne sei. Es gehe ihm von Tag zu Tag schlechter.

Brand ist müde von der Reise und will Mary wegschicken, aber sie lässt nicht locker. Schließlich macht sie ihm unzweideutige Avancen, denen Brand nur widerwillig folgt. Er schiebt sie in einer freundlichen Umarmung zur Tür und verabschiedet sie mit einem schnellen Kuss.

Am nächsten Morgen will Brand Wu in seinem geheimen Hauptquartier aufsuchen, das der Secret-Service schon seit längerem kennt. Offiziell ist die chinesische Geheimpolizei in das ehemalige Metropark-Hotel an der Causeway Bay, mit seinen dreihundert Zimmern und einem einzigartigen Blick aufs Meer, eingezogen. Inoffiziell hat Wu aber noch ein Büro auf einem festliegenden Kreuzfahrtschiff im Victoria-Hafen von Kowloon.  Dort befindet sich das Spielcasino eines bekannten Kreuzfahrtunternehmens, das auch für Wu recht einträglich zu sein scheint. Als Brand das Hotel verlässt und ein Taxi nehmen will, steht plötzlich Mary vor ihm und bittet ihn erneut, ihren Bruder aufzusuchen.

In Kowloon mit Mary und ihrem Bruder Bruce

Intuitiv, aber rational wenig überzeugt, gibt 00Y nach und steigt mit Mary in ein Taxi. Die Fahrt geht nach Kowloon einem dicht besiedelten Bezirk in Hongkong, in dem sich auch die City University befindet.

Einige Straßen dort sind für ihre Roof-Top-Slums bekannt. Wohnungslose haben sich auf den Dächern der Hochhäuser angesiedelt und dort ihre Hütten gebaut. Die Studenten der City University leben teilweise in diesen Hochhäusern in kleinen fensterlosen Wohnungen von acht Quadratmetern Größe.

Ein solches Wohnhaus betreten Brand und Mary. In einem beschmierten und dunklen Fahrstuhl geht es in die 27. Etage. Der Flur ist sehr lang und wird durch Lichter aus den anliegenden Mini-Wohnungen beleuchtet. Man hört Murmeln von Menschen und Husten, irgendwo schreit ein Säugling. Die Bewohner haben ihre Wohnungstüren weit offen stehen, um so eine gewisse Belüftung herzustellen.

Die Luft ist schwül und stickig, es riecht nach Essen, aber wenig appetitlich.

Brand fühlt sich unwillkürlich an einen Gefängnistrakt erinnert und merkt ironisch an, dass eigentlich nur noch die Gitter an den Türen fehlen würden. Mary hat in diesem Augenblick schon die Wohnung ihres Bruders erreicht und winkt 00Y heran.

Das Innere der Wohnung wird, wie ein sehr kleines Hotelzimmer im stark heruntergekommenen  Zustand, vor allem durch das Bett ausgefüllt, vor dem ein Tisch steht, auf welchem sich Bücher und Papiere stapeln. Darauf fällt das Licht einer schwachen Glühbirne, die frei im Raum hängt. Ihr Bruder, Bruce, liegt apathisch auf dem Bett und begrüßt die beiden nur schwach.

Mary beugt sich sorgenvoll über ihn und fragt ihn, wie es ihm gehe. Brand steht immer noch an der Tür, will eigentlich den Raum nicht betreten.

„Ich bin geimpft worden“, sagt Bruce schwach, „danach ging es mir plötzlich schlecht. Ich glaube es war die Geheimpolizei, die haben da ein Gift. Anderen Aktivisten geht es auch so. Die Ärzte sagen, es sei das Virus, aber ich glaube das nicht. „Bruce studiert Medizin“, erklärt Mary zu Brand gewandt. Brand wirkt erstaunt, zieht die Augenbrauen hoch und scheint dann einen Entschluss gefasst zu haben.

Er tritt an das Bett von Bruce, der sein Gesicht verbirgt, und sagt ihm. „Ich bin auch „geimpft“, keine Sorge.“ Brand bittet Bruce ihn anzuatmen, wobei er etwas betont durch die Nase einatmet. Dann nimmt er sein Smartphone aus der Tasche und drückt auf „Senden“.

Der Analyse-Chip in Brands Nase, übersendet augenblicklich alle möglichen Virusinformationen aus der Atemluft des Erkrankten nach England. Brand setzt sich auf einen alten Hocker und fragt Bruce, ob er schon mit der Geheimpolizei Kontakt gehabt habe. Bruce lacht schwach und bestätigt. „Mehr als einmal.“

Brand zeigt Bruce die Fotos von Tia-Nams Speicherkarte und Mary schaut ihm über die Schulter, als sie plötzlich erschrocken aufschreit. Dann flüstert sie. „Das ist Wu zusammen mit Klixfield, einem wichtigen Unterstützer unserer Aktionsgruppen. Er finanziert seit kurzem die Demokratie-Bewegung“.

„Ein Großspender der Demokratiebewegung und ihr ärgster Feind,“ lächelt Brand, „sieht so aus, als wären beide die besten Freunde.“

In diesem Augenblick ertönt das Empfangssignal seines Smartphones. „Kein Virusnachweis! Ihre M.B,“ liest der Agent und gibt die Information sofort an die beiden Studenten weiter. „Tatsächlich kein Virus nachweisbar.“ Mary schaut 00Y ungläubig und erstaunt an.

Bruce lässt seinen Kopf mutlos ins Kissen fallen. “Also doch Gift“, stöhnt er, „ich werde sterben.“

Vom Flur hört Brand die Geräuschkulisse, chinesische Radiomusik, dazwischen Gemurmel das manchmal lauter wird, das Schreien eines Babys und manchmal lautes Schimpfen irgendwo aus einer dieser Zellen, die nur eine Tür als Fenster haben und aus denen elektrisches Licht den Flur erleuchtet.

In den letzten Minuten waren junge Männer in dunklen Trainingsanzügen vorbeigegangen und hatte verstohlen in die kleine Wohnung geschaut. Sie hatten alle eine gewisse Ähnlichkeit in ihren Bewegungen und dem Gesichtsausdruck, so dass der Agent wachsam wurde.

Plötzlich wird es draußen ruhiger, nur das Baby schreit und die Musik dröhnt weiterhin durch den Flur, aber Brands Gesicht spannt sich. Er hebt seinen rechten Zeigefinger und zeigt den beiden Studenten damit, dass etwas vor sich geht.

Brand zieht seine Walter PPK aus dem Schulterhalfter und stellt sich neben die Tür, als am hinteren Ende des langen Flurs ein aufgeregter Lärm entsteht. Mit einem Satz, seine Pistole im Anschlag, springt er in den Flur. In diesem Augenblick sieht er eine Gruppe Männer in besagter Trainingskleidung davon laufen, in entgegengesetzter Richtung der Lärmquelle, bei der es sich um eindringende Polizisten mit Absperrbändern handelt.

Ein Uniformierter trägt ein Megaphon und erklärt den Anwohnern, dass dieses Haus nun unter Quarantäne stünde. Keiner käme raus und niemand herein. Die Leute sollten ruhig bleiben. Die Polizei wird alle Bewohner testen.

„Wir müssen weg,“ ruft Mary Brand und Bruce zu.“ Sie werden uns sonst mitnehmen. Mister Brand“ sagt sie flehend, „bitte helfen Sie uns! Wir stehen auf deren Liste, sie werden uns verhaften.“

Bruce hatte sich inzwischen aufgerappelt und steht mit glühenden Augen, die von Angst bis Verzweiflung alles signalisierten, vor dem Doppelnullagenten.

Intuitiv fasst 00Y einen Entschluss. Er würde die beiden mitnehmen und wenigstens Bruce nach England schaffen.  Der junge Medizinstudent könnte ein Mosaikstein in des Rätsels Lösung sein.

Wie groß dieses Mosaik am Ende sein wird, ahnt der Agent noch nicht.

„Aufs Dach“ ruft Bruce, der sich augenblicklich wie ein Aktivist verhält, „die Polizei kommt von unten.“ Er zeigt Brand das mittig gelegene Treppenhaus und die drei laufen hinauf in den dreißigsten Stock. Oben stoßen sie eine angelehnte Stahltür auf und stehen im Freien, begrüßt durch das Gackern einiger Hühner, die sich in einem Käfig neben ihnen befinden. Vor ihnen mehrere Reihen eng stehender Blechhütten, die kleine Gänge bilden, welche an ihren Enden in den Abgrund führen. 

Bruce kennt den Weg durch die Roof-Top-Slums und steuert auf eine Brandleiter zu, die das ungleiche Trio mehrere Etagen nach unten auf ein weiteres Dach mit ähnlicher Bebauung führt. 

In wenigen Sekunden haben sie das verfallene Treppenhaus erreicht und steigen hinab. Doch auch von dort kommt Polizei. Sie müssen umkehren.

Von diesem tiefer gelegenen Dach gibt es keinen einfachen Fluchtweg mehr und das Gebäude ist immer noch fünfundzwanzig Stockwerke hoch.

Eine der Blechhütten, deren ältere Bewohnerin sie misstrauisch beäugt, ist jedoch an die Fassade eines dritten Hauses angelehnt. Direkt darüber ein umlaufender Balkon, den sie vom Blechdach aus erreichen können.

Bruce ist geschwächt und Mary hat Angst. Brand zieht beide auf den Balkon auf welchem sie an die Vorderseite des Hauses gelangen. Von dort erkennen sie, dass der gesamte Häuserblock von der Polizei abgeriegelt wurde.

Eine häufige Maßnahme hier, erklärt Mary. „Die Polizei kommt ohne Vorwarnung und holt die Leute aus den Wohnungen. Die meisten werden nur getestet, einige aber nehmen sie mit. Sie kommen dann in einem ähnlich schwachen Zustand wieder, wie mein Bruder. Meist sind das Studenten.“

Brand der fieberhaft an einem weiteren Fluchtweg arbeitet, nickt abwesend.

Er blickt auf die Straße und betrachtet das Chaos der aufgeregten Menschen, die von der Polizei eingekesselt wurden. Dann dreht er sich um und wendet sich dem Eingang zum Hausflur zu. Er ist offen. Von der Decke hängt ein Hinweisschild mit einem aufgemalten, roten Kreuz.

Ein paar Meter weiter dann eine Tür zu einem kleinen Sanitätsraum.

Brand bricht die Tür auf und bedeutet den Geschwistern, ihm zu folgen. Aus einem Schrank nimmt er eine breite Verbandsrolle und fängt an, sich diese um den Kopf zu wickeln, so dass sein Gesicht fast darunter verschwindet.

„Ich bin der Patient,“ bemerkt er mit einem ironischen Grinsen in der Stimme. Bruce und Mary verstehen sofort und suchen sich zwei Kittel, Gesichtsmasken und sterile Kopfbedeckungen, die sie anziehen. Dann gehen die drei zum Lift und fahren in das Erdgeschoss des Hauses.

Es gelingt verhältnismäßig leicht vom Foyer über die Straße auf einen Krankenwagen zuzugehen, der außerhalb der Polizeiabsperrung steht. Man lässt sie passieren, ohne Fragen zu stellen.

Zu ihrem Glück ist der Wagen in diesem Augenblick unbesetzt und offen. Brand kennt den Wagentyp und weiß, dass das Zündschloss leicht zu knacken ist. Mit einem „scharfen Schlüssel“ an seinem Schlüsselbund, überwindet er den Widerstand des Schlosses in Sekunden und der Krankenwagen springt an. Mit aufheulender Sirene fahren sie davon.

Fortsetzung folgt

Hintergrund: Fiktion und Wirklichkeit

Cov-Sars2

Es gibt unterschiedliche wissenschaftliche Auffassungen, wo die Pandemie ihren Ursprung hatte. Die überwiegende Zahl der Autoren geht von China aus. Allerdings ist der Patient 0 in China nie sicher festgestellt worden. Er muss nicht in Wuhan auf dem bekannten Markt infiziert worden sein. Es gibt Hinweise darauf, dass bereits Wochen vorher in anderen Regionen Chinas das Cov-Sars2 Virus aufgetreten sein kann. Wuhan wäre dann der erste, mit Sicherheit bekannte Ausbruchsort der Pandemie, nicht aber zwingend ihr Ursprung.

Im Februar 2020 ging durch die Medien, dass das neuartige Virus keine Hinweise darauf bietet, dass es in einem Labor gezüchtet wurde. Es sei allerdings hervorragend an den Menschen als Wirt angepasst, was Fragen aufwerfe. Ein Nachweis einer Sequenz im Genom des Virus, die auf künstliche Manipulation hinweist (wie der Wissenschaftler Godfrey ihn in der Geschichte gefunden haben will) wurde nie erbracht.

Fakt ist aber auch, dass das „Wuhan Institute of Virology“ nicht nur über Jahre an Corona-Viren geforscht hat, sondern auch gefährliche Viren aus der Corona-Familie künstlich angezüchtet und gentechnisch verändert hat. Entsprechende Veröffentlichungen des Institutes in Fachzeitschriften weisen eindeutig darauf hin. Es handelt sich mindestens zum Teil um sogenannte „Gain of Function-Studien“, die eine erhöhte Replikationstendenz der Viren und damit auch eine Steigerung ihrer Gefährlichkeit beinhalten. Vor Ausbruch der Pandemie haben Wissenschaftler aus Wuhan tatsächlich diverse Fachveröffentlichungen zu diesem Thema gehabt. Danach allerdings nicht mehr.

Im Vorfeld des Ausbruches in Wuhan, soll es im Herbst 2019 eine Grippewelle unter Mitarbeitern des Institutes gegeben haben.

Verschiedene Veröffentlichungen bringen das Wuhan-Labor auch in Zusammenhang mit einem chinesischen Biowaffenprogramm, das wiederum grundsätzlich „Gain of Function“-Manipulationen an Viren und Bakterien beinhalten soll.

Nano-Chips

Der Einsatz von Nano-Chips ist nicht so fiktional, wie man im ersten Augenblick glauben möchte. Der Chip den Brand in die Nase implantiert bekommt, kann allerdings eindeutig zu viel für seine Größe. Es gibt Chips, die beispielsweise Diabetikern unter die Haut implantiert werden und den Blutzuckerspiegel bestimmen und dann auch senden können. Diese haben aber immer noch die Größe einer 1-Cent-Münze.

Wesentlich kleiner sind Nanobots (Nanoroboter), die biotechnologisch hergestellt werden und Molekulargröße besitzen. Passenderweise hat eine chinesische Arbeitsgruppe aus Peking einige Veröffentlichungen darüber. Geforscht wird daran aber auch in den USA, auch für das Militär. Hier gibt es Veröffentlichungen seit mindestens 2011, nach denen so genannte Nano-Drug-Transporter beispielsweise selbsttätig Morphine in den Körper von verletzten Soldaten abgeben sollen. Das Programm beschäftigt sich mit dem „Human Enhancement“ also der Leistungssteigerung von Soldaten, wobei es auch Forschungen gibt, wie man den militärischen Gegner mit Nanobots schwächen kann. Nanobots als Drugtransporter, sind also wenigstens in der Erprobung.

Die Vorstellung, dass Bruce, der Student und Aktivist aus Hongkong, um den Brand sich kümmert, mit Nanobots absichtlich infiziert wurde, die nun seinen Körper manipulieren, ist also alles andere als abwegig und keine wissenschaftliche Fiktion mehr.

Die Injektion der Nanobots erfolgte bei Mäusen intravenös, wie die erwähnte chinesische Arbeitsgruppe in ihrem Paper erklärt. Impfungen werden allerdings nicht intravenös verabreicht.

Insgesamt ist davon auszugehen, dass es neben der öffentlich-wissenschaftlichen Forschung in diesem Bereich auch eine nichtöffentliche industrielle und militärische Forschung gibt, die in nationaler Konkurrenz durchgeführt wird. Wir können also davon ausgehen, dass die internationale Öffentlichkeit hier nur die Spitze des Eisberges kennt. In sicherheitsrelevanten Bereichen findet sehr viel Forschung statt, die geheim gehalten wird.

Chinesische Geheimpolizei

Die Chinesische Geheimpolizei ist ein Teil der Gliederung des Ministeriums für Staatssicherheit in Peking. Das Ministerium verfügt über 12 Abteilungen (so genannte Büros). Außerdem eine Generalstelle, ein Politbüro und eine Parteikommission. Daneben gibt es ein Ministerium für Öffentliche Sicherheit, welches die Leitung der chinesischen Polizei darstellt. Außerdem gibt es den militärischen Nachrichtendienst der Volksbefreiungsarmee.

Die sogenannte Strategische Kampfunterstützungsgruppe mit der jüngsten Abteilung für elektronische Kampfführung und eine neue Abteilung für den Krieg im Weltraum.  Beide Abteilungen sind aus der so genannten „Vierten Abteilung des Generalstabes“ unter der Leitung von General Que-Yong hervorgegangen und wurden seitdem mehrfach umstrukturiert.

Der militärische Nachrichtendienst wurde mit der „Einheit 61786“ für elektronische Kampfführung zusammengelegt, die wiederum den Kern der so genannten „Dritten Abteilung“ bildet und die Hauptabteilung für „Netzaktivitäten“ der Volksbefreiungsarmee darstellt. Ihr Leiter ist General Zheng, der zuvor Büro für „Friedenssicherung“ geleitet hatte. Ihr Hauptquartier befindet sich am Fuß des Yang-Gebirges, nördlich von Peking.

Beide Geheimdienste spielen in dieser Geschichte eine Rolle, wobei die Geheimpolizei, die man als den zivilen Nachrichtendienst mit umfassenden Vollmachten betrachten kann, ganz offen in Hongkongs Metropark Hotel an der Causeway Bay, mit seinen dreihundert Zimmern, residiert. Der starke Mann ist aber der Leiter des chinesischen Verbindungsbüros in Hongkong, Luo Huining, der seit einiger Zeit Mitglied im Zentralkomitee der Chinesischen KP ist. Luo Huining kontrolliert faktisch die Regierung von Carrie Lam in Hongkong.

Der Geheimdienstchef Wu in der Geschichte ist eine Mischung aus dem realen Luo Huining, der auf einer öffentlich zugänglichen Liste des amerikanischen State-Departements als Direktor des neu geschaffenen „Committee for Safeguarding National Security of the Hong Kong Special Administrative Region (HKSAR auf Grundlage des umstrittenen Sicherheitsgesetzes aus Peking)“ bezeichnet wird und einem fiktiven Geheimdienstchef, der die allgegenwärtige chinesische Korruption in den Behörden symbolisieren soll.

Auf die ausgeprägte Korruption weist auch das inoffizielle Büro Wu´s auf einem Kreuzfahrtschiff im Hafen von Kowloon hin, dessen Spielcasino in Hongkong berühmt ist. Sowohl das Schiff, als auch das Casino sind Realität, nur das Büro von Wu und dessen Einfluss auf das Casino ist erfunden, genau wie die Figur Wu selbst, der in der Geschichte als der Pate von Hongkong bezeichnet wird.

Volksbefreiungsarmee im Cyber-Krieg

Die chinesische Armee hat in den letzten Jahren technisch stark aufgerüstet. Ohnehin ist sie die Armee mit dem zweithöchsten Wehretat und den meisten Soldaten weltweit. Der chinesische Rüstungsetat der mit rund 260 Milliarden Dollar ein Drittel der amerikanischen Rüstungsausgaben betrug, ist kräftig auf Wachstumskurs (knapp 7 Prozent jährlich) und übertrifft die zweitgrößte Militärmacht der Erde, Russland, bereits um das Vierfache.

Die chinesische Hackerszene ist mindestens halbstaatlich, vergleichbar Russland, und befindet sich quasi im Krieg mit amerikanischen und europäischen Servern, die unter Dauerfeuer der Chinesen stehen. Der Cyberkrieg findet weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit statt und ist auch eine wichtige Domäne der „Dritten Abteilung“ der chinesischen Kampfunterstützungsgruppe sowie einiger „Büros“ des Ministeriums für Staatssicherheit, außerdem der chinesischen Industrie, die über Korruption, politische Übernahmen durch die Mächtigen der KP Chinas und offizielle Private-Public Partnerships eng mit der Regierung verknüpft ist.

Gearbeitet wird auch daran, ein unabhängiges, chinesisches Satellitensystem aufzubauen, das im Ernstfall auch gegen den militärischen Gegner eingesetzt werden kann und von diesem möglichst nicht manipulierbar ist.

Demokratiebewegung Hongkong

Die Idee, dass ein englischer Geschäftsmann (Karl Klixfield) in Hongkong die Demokratiebewegung unterstützt und zugleich beste Kontakte zur chinesischen Nomenklatura und auch zum Chef der chinesischen Geheimpolizei in Hongkong unterhält, ist frei erfunden.

Die einflussreichste NGO der Demokratiebewegung ist die „Civil Human Rights Front“, die an die fünfzig Mitgliedsorganisationen aus dem gesamten Spektrum der bürgerlichen Gesellschaft in Hongkong hat. Geld dürfte also nicht so sehr das Problem sein, auch wenn vor allem Studenten an vorderster Front stehen, die ja bekanntlich ständig unter Geldknappheit leiden.

Glaubt man den Medien wird jedoch reichlich gespendet und über Großspender ist nichts bekannt.

Die Frage, die mit der konstruierten Verbindung zwischen Wu und Klixfield in den Vordergrund rücken soll, ist die, ob die Demokratiebewegung nicht in Wirklichkeit den chinesischen Behörden in die Hände spielt. Denn die gesetzlichen Verschärfungen kommen immer im Gefolge großer Proteste, wie zuletzt im Jahre 2019 oder nach der versuchten Regenschirmrevolution 2014. China spricht dann von Umsturzversuchen, gegen die man sich wehren müsse, um die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten. Mit jeder großen Aktion der Studenten, bekommt dieses Narrativ neue Nahrung.

Man könnte sich also vorstellen, dass Interessenten einer schnellen und vollständigen Eingliederung von Hongkong nach China die Demokratiebewegung eher unterstützen, solange sie den Vorwand liefert, den Prozess der Eingliederung zu beschleunigen. Dabei gibt es auch deutliche Absetzbewegungen in der Bevölkerung von der Demokratiebewegung, welche von den chinesischen Behörden und der Marionettenregierung Pekings, unter Carrie Lam, regelmäßig propagandistisch ausgeschlachtet werden. Diese Absetzbewegungen sind auch auf die Ängste zurückzuführen, die die Massenproteste bei den Hongkongern verursachen. Man sieht dort schon, dass diese Proteste die chinesische Machtübernahme nur beschleunigen. Es könnten sogar Provokateure im Dienst des chinesischen Regimes eine Rolle spielen.

Die Lage ist so schwer zu analysieren, weil sich weder die NGOs der Demokratiebewegung noch das Chinesische ZK in die Karten schauen lassen. Westliche Geheimdienstberichte sind hier, soweit öffentlich einsehbar, wenig ergiebig.

Die Frage, ob die chinesisch kontrollierte Regierung, Lam, so weit gehen würde, Aktivisten der Demokratiebewegung bewusst körperlich zu schädigen, ist indirekt schon beantwortet. Die Berichte, nach denen die muslimische Volksgruppe der Uiguren in chinesischen Umerziehungslagern als „Versuchskaninchen“ in der Impfstoffentwicklung benutzt wurden, nehmen in letzter Zeit zu. Davon wird in einem anderen Kapitel die Rede sein.

Aktuell gibt es aber keine Hinweise, dass Aktivisten in Honkong zwangsgeimpft oder gar infiziert wurden, wohl aber wurden viele von ihnen zwangsgetestet.

Corona-Pandemie in Hongkong

Hongkong hat lediglich moderate Zahlen während der Pandemie gehabt. Es gab bisher 10500 offiziell registrierte Infizierte und 180 Todesfälle im Zusammenhang mit Covid19. Die Behörden haben allerdings radikale Methoden beim Aufspüren von Infektionsherden entwickelt, die in ganz Hongkong gefürchtet sind, zumindest dort, wo ärmere Menschen wohnen.

Der Tagesspiegel berichtet aktuell von überfallartigen Abriegelungen ganzer Wohnblocks durch die Polizei. Die Leute werden dann auf die Straße geholt und getestet. Wer sich weigert wird verhaftet oder unter körperlichem Zwang getestet. Es werden drastische Strafen verhängt. Von der Regierung, Lam, wird mindestens ein unangekündigter Lockdown pro Tag angedroht. Die Menschen sollen ganz offensichtlich eingeschüchtert und verängstigt werden. Dabei ist es überhaupt nicht nachvollziehbar, wie eine Quarantäne, die dicht an dicht lebenden Hongkonger schützen soll. Vorzugsweise werden die Abriegelungen und Zwangstestungen in den dicht besiedelten Stadtgebieten mit alten Wohngebäuden, wie auf der Halbinsel Kowloon, vorgenommen.

Der Eindruck, dass die Pandemie auf diese Weise auch dazu benutzt wird, die Bevölkerung und unter ihnen die Aktivisten der Demokratiebewegung ruhig zu halten, besteht durchaus.

Roof-Top-Slums

Beengte Wohnformen gibt es in ganz Asien in den Städten. Das reicht von fensterlosen Ein-Zimmer-Appartements, die es auch in Tokyo häufig gibt, über die Kultur der „Wohnkapseln“, bei denen die Leute quasi in einem Wandschrank von zwei Quadratmetern in großen Wohnfluren leben, über komfortablere Kapsel-Hotels für Touristen bis hin zu den so genannten Roof-Top-Slums für Mittellose. Dabei handelt es sich um Hütten die auf den Dächern der Wohnhäuser, auch der Hochhäuser errichtet werden, wobei jeder Quadratzentimeter ausgenutzt wird. Die Behörden drücken vor allem in den sehr dicht besiedelten Bezirken, wie Kowloon ein Auge zu. In anderen Bezirken werden die illegalen Bewohner vertrieben und die Hütten abgerissen.

Dort, wo die Slums auf den Dächern stehen bleiben, werden sie zu pittoresken Hütten-Dörfern, die sich über mehrere Gebäude erstrecken und teilweise Verbindung zueinander haben. Alles in luftiger Höhe von bis zu dreißig Stockwerken.

Kapitel 2

Ein heißer Tag in Peking. Chi schwitzt unerträglich. Er weiß nicht, wie er den Schweißfluss, der unter seinen Achseln beginnt und über die Arme bis zu den Händen herunterläuft, stoppen soll. Die Augen brennen, so oft er sie auch mit seinem feuchten Taschentuch abtupft. Seine wenigen, verbliebenen Haare kleben in dicken, dunklen Strähnen an seinen Schläfen, aus denen es ebenfalls tropft.

Gleich wird er zum Vorsitzenden vom zehnten Büro gerufen und dann möchte er nicht in einem nassen Hemd, dessen Feuchtigkeit auch sein graues Jackett erfasst hat, vor ihn treten. Chi hat Angst, während er in einem der vielen Warteräume des klassizistischen Palastes sitzt, der eigens für das Ministerium für Staatssicherheit hergerichtet wurde. Der kleine Mann mit der fanatischen Ausstrahlung hat in diesem Augenblick sogar große Angst.

Chi ist ein fanatischer Mann, der den Untergang des Kommunismus in China fürchtet. Er ist stark motiviert, die Welt der kapitalistischen Staaten, die er als Kolonialisten sieht, zu schädigen. Aber gleichzeitig ist er ein Patriot, der sein Land im Globalisierungswettlauf auf dem ersten Platz sehen will. Er hofft, dass China, wenn es die Kontrolle über die Welt gewonnen hat, eine „silenced World under control of Beijing“ erzwingen kann. Er hat gute Kontakte zum 10. Büro der Staatssicherheit, das mit wissenschaftlich-technologischem Fortschritt im Dienst Chinas befasst ist. Gleichzeitig ist er aus seiner Zeit in der chinesischen Volksbefreiungsarmee gut vernetzt mit der strategischen Kampfunterstützungstruppe, die von General Li geführt wird.

Der kleine nasse Mann sitzt allein in einem Raum von etwa acht mal zehn Metern, in dem nur wenige Stühle stehen. Der Raum wirkt überdimensioniert, die Decken sind hoch und durch gerade Stuckaufsätze von den Wänden abgegrenzt. Der Stuck leuchtet goldfarben zu ihm herunter. Chi weiß, dass er versagt hat. Sein virologischer Geniestreich hat ein globales Desaster ausgelöst und ganz China steht unter Verdacht.

Was wird er dem Vorsitzenden sagen? Die Büchse der Pandora ist geöffnet und das Virus wird Mutation um Mutation entwickeln, mit der es die Welt über Jahre in Atem halten kann. Chi hat kein Gegenmittel, der Impfstoff kommt immer zu spät und alle Welt schaut auf China.

Ein Land in dem die Infektionsketten mit brachialer Gewalt gebrochen werden, in dem Menschen in ihren Wohnungen eingeschweißt werden, die man besser in ihren Wohnungen verhungern lässt, damit sie das Virus nicht weitertragen. Denn es gibt kein Mittel dagegen.

All das hat Chi auf dem Gewissen. Sein Kopf sinkt auf die Brust, dann rafft er sich wieder auf und denkt an den glorreichen Sieg Chinas über die Welt. Sein großartiges Land, hat die Macht gezeigt, die es hat, die Welt in die Knie zu zwingen, denn die Welt weiß, dass das Virus aus China kommt.

Die Welt weiß nur nicht, dass es von Chi kommt.

Natürlich wird der Vorsitzende ihn tadeln. Die wirtschaftliche Macht des Landes wird durch das Virus vielleicht sogar gebrochen. Der Vorsitzende wird sagen, dass dieses Virus Jahrzehnte der erfolgreichen, chinesischen Akquisition in Europa und den USA zunichtemachen kann. Aber der chinesische Markt mit seiner Milliarde Menschen ist viel zu groß. Niemand kann einen solchen Markt vom Welthandel ausschließen. Keine Sanktion könnte jemals wirksam sein. Darin würde ihm auch General Li beipflichten, dessen Waffenprogramm in Chi´s Labor große Fortschritt gemacht hatte. Chi ist stolz darauf.

Nein, man wird ihn nicht einfach bestrafen können, niemand wird ihm sein Labor wegnehmen. Chi wird weiterarbeiten können, da ist er sich in diesem Augenblick vollkommen sicher!

Eine Tür wird geöffnet. Jetzt werden sie ihn hereinbitten. Chi nimmt Haltung an. Ein uniformierter Mitarbeiter tritt in den Raum und macht eine Bewegung, als würde er mit dem Finger auf den Wissenschaftler zeigen. Ein heller Blitz, der aus einem dunklen Gegenstand kommt,  ist das letzte, was Chi von dieser Welt sieht.

Noch am selben Tag tritt die Wissenschaftlerin und Expertin für biologische Kriegsführung, Mae-Chen, im Rang eines Generalmajors der Volksbefreiungsarmee, die Leitung des Labors an. Das Labor wird hermetisch von der Öffentlichkeit, auch der wissenschaftlichen Öffentlichkeit, abgeschottet. Sieben wissenschaftliche Mitarbeiter werden entlassen. Zwei von ihnen verschwinden spurlos, die anderen haben gelobt, zu schweigen.

Der Führungswechsel sei eine notwendige „Umstrukturierung“, angesichts der Bedrohung durch die Pandemie, wie ein chinesischer Pressesprecher es ausdrückt.  Mae-Chen ist aber mehr Soldat als Wissenschaftler und soll das Labor wieder unter Kontrolle bringen.

Als die Pandemie in Wuhan ihren Ursprung nahm, war die Aufregung groß. Einige Mitarbeiter hatten es verlernt zu schweigen und mussten es wieder beigebracht bekommen. Das Schweigen, die chinesische Tugend, die vor allen Tugenden steht, ausgenommen vielleicht, der Gehorsam.

Letztlich wird es erforderlich sein, das Labor ganz zu schließen, aber wird dann die Weltöffentlichkeit nicht erst recht misstrauisch?

Die kleine La-Meng ist untergetaucht, nachdem sie verbreitet hatte, dass das Virus aus einem Labor käme. Diese Virologin würde Mae-Chen zu gern in die Finger bekommen, aber sie hält sich irgendwo in den USA, an einem unbekannten Ort auf.

Dann ist da noch dieser Gao, dieser Exil-Oligarch, der schon seit Längerem schlecht über ihr Land redet, die Korruption anprangert, die allgegenwärtig sei. Mae-Chen hasst die Korruption, aber Gao, dieses verlogene Plappermaul hasst sie noch viel mehr. Er hat eine Organisation, über die er auch La-Meng unterstützt, „Right of Law Society“, was soll das sein? Law-Society! Lächerlich!

La-Meng hatte ihre Studien von Hongkong aus publiziert und war danach aus China geflohen. „Hongkong, verdammtes Hongkong,“ denkt Mae-Chen, während sie die Unterlagen ihres Vorgängers durchgeht, „das werden wir schon säubern, genau wie dieses Labor!“

Mae-Chen hält es für Schlamperei, dass das Virus aus dem Labor entkommen ist. Sie ist Expertin für Biowaffen und kennt das chinesische Programm, das in Wuhan beforscht wurde. Ihr ist klar, dass das Virus eine Waffe ist, aber sie verschwendet keinen Gedanken darauf, dass das Virus bewusst freigesetzt worden sein könnte. Sie ist eine chinesische Wissenschaftlerin mit hohem militärischem Rang, keine Kriminelle.

Flucht aus Hongkong

Brand ist mit seinen beiden Schützlingen nur wenige Straßenecken weiter vom Krankenwagen in die Metro umgestiegen. Bruce wirkt schwach, sein Gesicht sieht grau aus. Mary sitzt angespannt neben ihm. Brand steht und beobachtet bei jeder Einfahrt die Bahnhöfe. Noch im Krankenwagen hatte er Fetcher kontaktiert, der ihnen davon abgeraten hat, in das britische Generalkonsulat zu gehen, das nicht weit vom Metropark-Hotel liegt, in dem die chinesische Geheimpolizei ihr Hauptquartier hat.

Stattdessen fahren sie nach Norden zur Diamond Hill Station, wo Fetcher auf sie wartet. Die Metro-Station ist weitläufig und bietet in allen Richtungen Fluchtmöglichkeiten. Oben wartet 00F in einem Taxi, das sich schnell in Bewegung setzt und den Highway nach Süden nimmt.

In wenigen Minuten sind sie im Jachthafen von Kwun-Tong. Fetcher steigt mit den beiden Aktivisten aus. Brand fährt mit dem Taxi weiter. Er hat noch etwas vor.

Die Nachmittagssonne hat die Stadt bereits erheblich erhitzt und die Bewegungen der Menschen auf den Straßen sind langsamer geworden, als am Morgen dieses Tages, an dem überall heftiges Getriebe war. Während Bruce und Mary direkt in den kühlen Hafen laufen können, um dort mit 00F auf einer Motoryacht zu verschwinden, fährt Brand die Seitenscheibe seines Taxis herunter, um etwas mehr Luft zu bekommen.

Das Taxi steuert den Victoria-Hafen von Kowloon an. Brand hofft, Wu dort zu finden. Der Quai ist typisch touristisch. Von dort fahren Schiffe aller Art, auch Kreuzfahrschiffe, wie die Princess Jang, die allerdings bereits seit Jahren dort festliegt und deren Casino eine Touristenattraktion ist. Das Schiff wird von der Reederei im betriebsfähigen Zustand gehalten, denn die Liegegebühren im Hafen sind extrem hoch. Sollte das Geschäft mit dem Glücksspiel einmal einbrechen, wird die Princess wohl ihre letzte Fahrt auf eine Abwrackwerft unternehmen. Aber derzeit läuft es noch.

Brand kann das Schiff ohne Umstände betreten und im Casino ist bereits Betrieb, obwohl es noch nicht Abend ist. Automaten, Spieltische und Bars wechseln sich ab. Brand bestellt sich einen Martini „extra dry“ und beginnt ein Gespräch mit dem Mädchen an der Bar. Er beobachtet dabei eine aufgeregte Auseinandersetzung zwischen einem Gast in kurzen Hosen und einem Sicherheitsmitarbeiter. Der Gast hat ein stark gerötetes Gesicht und wird laut. Er wolle den Manger sprechen.

Brand weiß, dass nun Verstärkung kommen wird und beobachtet die Situation ebenso beiläufig wie aufmerksam. Aus einer Schwingtür, im hinteren Bereich kommen drei Männer in billigen, dunklen Anzügen. Sie komplimentieren den lauten Touristen vom Schiff.  Sie zeigen das typische Verhalten von Sicherheitsleuten aus dem nicht ganz seriösen Milieu. Brand ist klar, dass Wu hier seine Leute hat, für die er Schutzgeld kassiert.

Er entschuldigt sich kurz bei dem Mädchen, tut so, als suche er die Toiletten. Unbemerkt verschwindet er dann hinter der Schwingtür, die zu einem Gang führt, welcher in einem Treppenabgang endet. Schnell und leise steigt er hinab und steht vor einem kleinen Speiseraum in dem offensichtlich geraucht wird.

Brand öffnet die Tür und tritt in den Raum. Mehrere Männer springen sofort von ihren Stühlen auf und treten ihm entgegen. Dahinter sieht Brand einen dicken Chinesen, der an  einem reichlich gefüllten Tisch diniert.

Wu sitzt allein am Tisch und macht eine abwehrende Bewegung, so als wollte er eine Fliege verjagen. Die Männer packen Brand, der laut und vernehmlich sagt: „Ich will Wu sprechen.“

Noch einmal schlägt Wu nach dem nicht vorhandenen Insekt und die Männer lassen von Brand ab.  „Wer sind Sie, was wollen Sie,“ fragt der kleine Chinese mit vollem Mund, ohne Brand anzusehen. Er hat viel mehr Augen für eine attraktive Languste, an der er sich mit seinem Besteck zu schaffen macht.

„Mein Name ist Brand,  Marcus Brand.“ Nach einer kurzen rhetorischen Pause. „British-Secret-Service.“ Die Männer ziehen, wie auf Befehl, augenblicklich ihre Waffen und Wu dreht sich zu Brand um. “Soll das ein Witz sein?” Brand gibt einem der Männer seinen alten Dienstausweis, der ihn an Wu weitergibt. Der studiert ihn auffällig gründlich, hält ihn sogar gegen das Licht.

Dann grinst er. „Der MI6 weiß wohl immer, wo ich zu finden bin und jetzt besucht er mich sogar.“ Wu lacht kurz. Die Männer halten immer noch ihre Waffen auf Brand gerichtet.

Brand lächelt. „Ach, ich will Ihnen doch nur ein paar Fotos zeigen…“ Brand greift in seine Jackentasche und holt ein, nicht aktiviertes, Smartphone heraus, während es um ihn herum laut und vernehmlich klickt. Alle Waffen sind jetzt schussbereit, aber Wu winkt ab.

„Durchsucht ihn und gebt mir das Handy.“ Die Männer interessieren sich kaum für Brands Waffe. Sie wird herausgenommen und auf einen Tisch gelegt. Die Leibesvisitation ist nicht angenehm, denn man sucht nach einem Sender und geht dabei sehr gründlich vor.

Währenddessen betrachtet Wu das Foto.

„Und?“

„Ein Freund,“ fragt Brand?

Wu antwortet nicht. Die Männer sind immer noch an Brand dran, der sie gewähren lässt. „Schuhe aus“ befiehlt ein ziemlich groß gewachsener Chinese mit breiten Schultern und auffällig starker Behaarung. Brand streift seine Slipper ab und behält Wu im Auge, der versonnen auf das Handy schaut. Etwas zu lange, wie Brand findet.

Dann wird Wu ungeduldig. „Werden sie endlich deutlicher.“

„Die Tochter von Klixfield wurde in London ermordet,“ sagt Brand scharf. „Eine Virologin, sie hat das Virus analysiert. Der Leiter des Labors wurde ebenfalls ermordet.“

Brand beobachtet Wu´s Reaktion sehr genau. Er wirkt erstaunt und etwas verärgert. „Mister Brand, warum belästigen Sie mich mit Dingen, die in London vor sich gehen und stören mein Dinner? Nur wegen eines harmlosen Fotos?“

„Nein“, entgegnet Brand sofort und sehr scharf, „ wir denken, dass Sie es waren!“

Wu zuckt, aus seinen schwarzen Augen sticht ein kurzer Blitz in Richtung des Agenten, dann lehnt Wu sich zurück und gibt sich gelassen, fast generös.

„Sie sind nicht dumm, aber auch nicht besonders klug.“

Wu steckt sich eine Zigarre an und bläst einen blauen Ring in Richtung Decke.

„Sie suchen mich hier auf, nicht im Hauptquartier. Sie stellen mir nach und konfrontieren mich mit einem, sagen wir, Vorwurf. Keine offizielle Anfrage, nein. Ein Marcus Brand kommt auf mein Schiff und zeigt mir ein Foto. Das Dumme ist nur, dass ich nicht weiß, wovon Sie reden. Nichts davon ist mir bekannt. Das ist alles.“

Brand wird abgeführt. Die Waffe bekommt er nicht wieder, ebenso wenig das Handy und seinen Ausweis. Kein Problem. Brand hatte damit gerechnet. Er wird zur Tür eskortiert und dann die Gangway zum Quai heruntergeschubst. Was ihn dazu verleitet, reflexartig einen der Männer mit einem Wurfgriff ins Wasser zu expedieren, während er einen anderen auf die Gangway legt.  Dann hebt er die Hand und gibt dem Dritten, der gerade seine Waffe zieht, zu verstehen, dass er nicht weiterkämpfen will. „Unglücklicherweise habe ich vergessen, meinen Martini zu bezahlen.“ Aus seiner Hosentasche zieht er einen größeren Geldschein und hält ihn dem Gorilla mit der Pistole entgegen.

In vollendetem britischen Stil bittet er ihn: „ Sir, es war die Bar Nr.3, würden sie freundlicherweise die Rechnung für mich erledigen?“

Brand schmunzelt vor sich hin. Er hatte Wu sozusagen auf seinem Örtchen besucht, wo er sein großes Geschäft erledigt.

Eine offizielle Verhaftung des MI6-Agenten hätte Wu nicht riskiert, zumindest nicht hier, auf seinem Schiff, außerhalb seines offiziellen Aufgabenbereiches. Wer hätte Brand auch verhaften sollen? Wu´s Männer auf dem Schiff sind ausschließlich Kriminelle. Brand wird nicht festgesetzt. Er kann einfach davon gehen und niemand hält ihn auf.

Er ist sich sicher, dass Wu mit dem Mord an Godfrey zu tun hat. Wie genau der Chef der Geheimpolizei in der Sache drinhängt, wird Brand noch herausfinden. Entscheidend ist, dass er das Spiel eröffnet hat. Wu wird den nächsten Zug schon machen.

Im Hotel angekommen, packt Brand seine Sachen. Er holt sein aktuelles Smartphone aus dem Zimmersafe und sieht die Botschaft von 00F. „Das Paket ist unterwegs nach London“. „Sehr gut“, murmelt er zufrieden, während er die Botschaft löscht, genau dahin fliegt er jetzt auch.

Auf dem Weg zum Flughafen, grübelt er darüber nach, ob Wu es riskieren würde, ihn, einen bekannten MI6 Agenten, am Flughafen offiziell festsetzen zu lassen. Wenn ja, wäre das ein untrügliches Indiz dafür, dass die Geheimpolizei einen behördlichen, wenn auch verdeckten Auftrag aus Peking in dieser Virus-Affäre hat. Ansonsten würde Wu von Brand tunlichst die Finger lassen, um sich keine unnötigen Probleme einzuhandeln.

Tatsächlich kommt Brand ungehindert durch die Passkontrolle und besteigt sein Flugzeug nach London.  Wu scheint noch zu überlegen.

Fortsetzung folgt

Hintergrund: Fiktion und Realität

Labor in Wuhan

Die plötzliche Umstrukturierung des virologischen P4 Labors am Stadtrand von Wuhan ist nur ein Eingriff unter vielen gewesen, die chinesische Behörden, in dem 2015 neu hergestellten Labor vorgenommen haben.

Ursprünglich als Kooperation französischer und chinesischer Wissenschaftler gedacht, war das Labor ein weiterer, erhoffter Meilenstein der chinesisch französischen Zusammenarbeit. Die Creme der französischen Exportunternehmen befindet sich bereits in der Millionenstadt. Darunter  L’Oréal, Peugeot, Renault, Schneider und Pernod-Ricard. Das Labor sollte die chinesisch-französische Zusammenarbeit noch ergänzen. Dafür lieferte Frankreich die Sicherheitstechnologie, die den hohen Standard überhaupt erst ermöglichte. Weltweit gibt es keine dreißig Labore mit dem P4-Standard.

Was dann passierte, ärgerte die Franzosen massiv. Die gemeinsame wissenschaftliche Leitung wurde von den Chinesen ausgehebelt, so dass sich die Franzosen letztlich aus dem Labor zurückzogen. Der Prozess der allmählichen Abschottung des Labors gegenüber der wissenschaftlichen Weltöffentlichkeit betraf allerdings auch die Amerikaner und schließlich die WHO.

Zuletzt wurde dies im vorläufigen Abschlussbericht der WHO zum Ursprung des Virus dokumentiert, anlässlich dessen internationale Wissenschaftler massiv bemängelten, dass sie eine ganze Reihe von wichtigen Forschungsdaten in Wuhan nicht zu sehen bekamen und dass die Transparenz des Berichtes darunter erheblich gelitten habe. Dennoch ist die WHO zur Einschätzung gekommen, dass das Virus von der Fledermaus über einen unbekannten Zwischenwirt auf den Menschen übergegangen sei. Ein Entweichen des Virus aus dem Labor in Wuhan sei „sehr unwahrscheinlich“.

Der renommierte amerikanische Virologe, Redfield, der ehemals die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC leitete, war nicht in dem Untersuchungsteam der WHO, bezieht aber eindeutig Stellung, dass das Virus eben doch aus dem Labor in Wuhan kommen müsse. Das Virus mit seinen Eigenschaften, mache, biologisch gesehen, keinen Sinn. Viele Fragen bleiben offen. Das Labor aber ist unzugänglich geworden, obwohl dort noch geforscht wird. Die chinesische Firma Sinopharm hat ihren Impfstoff in Zusammenarbeit mit Wuhan entwickelt. Die Methoden der Entwicklung werden an späterer Stelle nochmal besprochen.

Insgesamt entsteht der Eindruck, auch bei französischen Politikern, die die Partnerschaft für den Aufbau dieses Labors, seit Jaques Chirac gefördert haben, ob die Chinesen nicht in Wirklichkeit von Anfang an den Plan hatten, die Sicherheitstechnologie für das Labor von den Franzosen zu bekommen und sie dann aus der Zusammenarbeit heraus zu komplimentieren. Interessanterweise gibt es seit Abgang der Franzosen aus Wuhan auch die Gerüchte, dass das Labor eine Abteilung für militärische Zwecke eingerichtet hat, also seit 2017.

Allerdings waren die Chinesen so gründlich, dass sie inzwischen auch alle Forschungsarbeiten, die in Richtung gefährliche Virusforschung gingen, vom Server der National Natural Science Foundation of China (NSFC) genommen haben. Einen wesentlichen Anteil an diesen Arbeiten hatte die renommierte Virologin, Shi Zhengli, in der Wissenschaftswelt auch als Batwoman bekannt, weil sie nachwies, dass Sars-Viren von Fledermäusen kommen.

Shi Zhengli und Chi (aus der Geschichte)

Die Wissenschaftlerin Shi Zhengli, die immer vehement den Verdacht bestritten hat, dass Cov-Sars 2 ein Produkt der „Gain of Function-Forschung“ in Wuhan sei, wo sie selber forscht, hat mit der fiktiven Person von Chi (ein Fanatiker, der auch bewusst gefährliche Viren auf die Welt losgelassen hat) nichts zu tun.

Sie wird trotzdem vom amerikanischen State-Department verdächtigt, nicht die Wahrheit zu sagen und die wahren Risiken und Ausmaße ihrer Forschung zu vertuschen. Eine Veröffentlichung an der sie beteiligt war, hat sogar ein künstlich kombiniertes Virus mit hoher Pathogenität für die menschliche Lunge zum Gegenstand. Immer wieder wird auf eine militärische Kooperation ihrer Arbeitsgruppe im Jahre 2017 hingewiesen, an der auch Shi-Zhengli beteiligt gewesen sein musste.

Was dagegen spricht ist, dass China als Unterzeichnerstaat der Biowaffenkonvention, wohl kaum in der Lage ist, ein Virus zu züchten, das nur „Nicht-Chinesen“ angreift. Sehr viel wahrscheinlicher wird die biologische Kriegsführung in Richtung von molekularen „Nanomaschinen und Robotern“ entwickelt, die in Zukunft ähnliche Wirkungen und Verbreitungsmuster aufweisen können, wie Viren und Bakterien, aber als Maschinen kontrollierbar bleiben und vor allem keine Mutationen entwickeln. Hier liegt ganz sicher ein Schwerpunkt nicht nur der amerikanischen militärischen Forschung, sondern auch der chinesischen.

Insofern geht die Geschichte ein bisschen an der Realität vorbei. Ein rationales Kampfmittel im Krieg können Viren sicher nicht sein. Jedoch auch nicht im Frieden?

China hat die Pandemie so ziemlich als erstes Land in den Griff bekommen und setzt extrem repressive Mittel ein, um weitere Infektionsherde schnell zu „löschen“. Außerdem hat es als einziges Land der Erde gleich drei verschiedene Impfstoffe entwickelt, die nun zugelassen werden. Es geht also sowohl was die Verbreitung, als auch die Bekämpfung des Virus angeht, global in Führung.

Wie wir aktuell sehen, sind radikale chinesische Methoden überall auf der Welt in Gebrauch, auch in Europa, wo das Virus mit quasi diktatorischen Mitteln bekämpft wird, die massiv in die Menschenrechte eingreifen. Mit dem Virus kam eben auch die chinesische Unfreiheit in die Welt. Von Peking gewollt oder nicht?

Dabei demonstriert China gleichzeitig seine wissenschaftliche Dominanz auf dem Gebiet und die schnelle Anpassung seiner pharmazeutischen Industrie.

Kurz, das Land führt uns eine vermeintliche Welt-Führung in diesem Bereich vor. Seltsame Abhängigkeiten zwischen der Führung der WHO und Peking kommen hinzu, die teilweise auch in finanzieller Unterstützung bestehen. Allerdings ist auch der Chef der WHO, ein Äthiopier und ehemaliger Minister, Tedros Adhanom Ghebreyesus, nicht ganz frei von einem „chinesischen Korruptionsverdacht“.

Ob tatsächlich chinesisches Dominanzstreben auf dem Gesundheitsmarkt so weit gehen kann, dass China die Welt mit einer viralen Katastrophe überzieht, ist nicht geklärt. In der Geschichte ist es so, in der Realität hingegen scheint es tatsächlich möglich zu sein.

Mae-Chen und Chen-Wei

Die Wissenschaftlerin Mae-Chen ist der realen Person Chen Wei nachempfunden, wenn auch nicht identisch. Beide sind in der Volksbefreiungsarmee mit einem hohen Rang (Generalmajor) versehen und haben politische Aufgaben. Chen-Wei ist Spezialistin für Biowaffenforschung im Bereich Virologie. Interessanterweise hat sie als Leiterin einer Arbeitsgruppe an der Entwicklung eines Phase-1-Impfstoffes gegen Cov-Sars 2 mitgewirkt. Sie hat sich dabei das Vakzin noch vor Tierversuchen selbst gespritzt. Im August 2020 bekam sie dafür die Auszeichnung „Held des Volkes“ verliehen.

Im Februar 2020 übernahm sie eine Leitungsposition im Wuhan Labor, von der allerdings nichts Näheres bekannt ist. Die leitenden Wissenschaftler sind scheinbar im Amt geblieben. Die Abordnung eines hohen Militärs in das Labor hat allerdings diverse Spekulationen über eine mögliche Biowaffenforschung in Wuhan angeheizt.

Fazit:

In Bezug auf das P4 Labor in Wuhan gibt es derart viele Unstimmigkeiten, Verschleierungsmanöver, Schließungen und Öffnungen und Umbesetzungen, dass hier tatsächlich ein Objekt ersten Ranges für eine Investigation mit geheimdienstlichen Mitteln vorliegt. Das Dumme ist nur, dass die Öffentlichkeit von den Ergebnissen nichts erfährt.

Es gibt auch einige Ansätze dafür, zu überlegen, ob die EU überhaupt ein Interesse daran haben kann, dieses „französische Labor“ offen zu legen. Frankreich und Macron dürften keinerlei Interesse an einer Störung mit den Chinesen haben, und die deutsche Bundesregierung? Wohl auch nicht. Die wirtschaftlichen Interessen sind viel zu ausgeprägt, um China wirklich zur Rede zu stellen! Mit diesem Gedanken hatte die Figur in der Geschichte, Chi, vollkommen Recht. Der chinesische Markt mit einer Milliarde Menschen, verbietet das einfach. Im Ministerium für Staatssicherheit hatte dieses Argument, das der Figur Chi in den Sinn kam, allerdings kein Gehör gefunden. Chi wurde liquidiert, bevor er sich verteidigen konnte.

Ein weiterer Punkt ist zumindest zu diskutieren. Am Anfang der Pandemie kamen auch von Seiten der WHO öffentliche Warnungen, dass es die Welt jederzeit mit einem biologischen Angriff zu tun bekommen könne. Es sei also wichtig, Pandemiepläne zu trimmen und auf ihre Umsetzung hin zu prüfen. Seitdem reagieren zumindest die meisten europäischen Regierungen so, als hätten wir es mit einem dauerhaften biologischen Angriff auf unsere Länder zu tun, als befänden wir uns im Krieg.

Unsere Verfassungen sind derzeit keinen Pfifferling mehr wert.

Die Frage, ob die oft überschießenden Maßnahmen der Regierungen gegen das Virus etwas damit zu tun haben, dass sie in dieser Hinsicht mehr Geheimdienstinformationen haben, als die Öffentlichkeit, ist unklar. Es kann sehr wohl sein, dass sie davon ausgehen, dass dieses Cov-Sars 2 Virus mit seinen diversen Mutationen bereits eine Biowaffe darstellt, die entweder versehentlich in China freigesetzt wurde oder gar bewusst gegen die Welt eingesetzt wird.

Eine solche Information würde keine Regierung der Welt an die Öffentlichkeit geben, da dies zu schwersten internationalen Verwerfungen mit entsprechender Kriegsgefahr führen würde.  So übernehmen viele Regierungen vielleicht lieber die diktatorischen Methoden Chinas, als das Land wegen der Pandemie an den Pranger zu stellen. Man versucht das chinesische Virus mit chinesischen Methoden zu schlagen, auf Kosten der jeweiligen Landesbevölkerungen. Ein gefährliches Spiel für die Demokratie, das durchaus tieferliegende Gründe haben mag.

Gao ist Guo Wengui

Der Milliardär Gao, über den sich Mae-Cheng in der Geschichte aufregt, ist der Person des chinesischen Milliardärs Guo Wengui nachempfunden. Dieser machte sein Vermögen mit Immobilien und wurde schließlich von der chinesischen Justiz wegen Korruption und verschiedener anderer Verbrechen verfolgt.

Seit 2017 lebt er in New York in seinem selbstgewählten Exil. Er hatte enge Kontakte zur Administration Trump und Auslieferungsersuchen der chinesischen Regierung wurden abgelehnt. Dies dürfte wohl auch an der fehlenden Erwartung eines rechtsstaatlichen Verfahrens für den Milliardär gelegen haben. Allerdings dürften seine Kontakte zu Steve Bannon, dem damaligen Berater von Trump, ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Derzeit unterhält Guo eine Mini-NGO mit dem Namen „Rule of Law Society“ mit der er quasi Milliardäre und andere wichtige chinesische Persönlichkeiten auf der Flucht unterstützt. Auch die Wissenschaftlerin, die die Herkunft des Cov-Sars 2 Virus aus einem Labor behauptet hat und die nun in den USA untergetaucht ist, bekam von ihm Unterstützung. Guo soll auch schon Drohbesuche der chinesischen Geheimpolizei bekommen haben, die ihm auch mit Mord gedroht haben soll.

In der Geschichte spielt Guo nur eine untergeordnete Rolle, auch deshalb, weil seine Angaben in der Realität oft nicht sicher zu überprüfen sind. Er stellt umfangreiche Korruptionsvorwürfe bis hinauf zum chinesischen Präsidenten in den Raum und macht darauf aufmerksam, dass tausende wichtige Persönlichkeiten in den letzten Jahren in China verschwunden seien. Guo legt nahe, dass die Reichen in China jederzeit vom kommunistischen Regime ausgeschaltet werden können, was auch oft genug passiere. Er selbst sei 2015 ebenfalls verschleppt und gefoltert worden.

Gao ist letztlich ein Beispiel dafür, wie ungeheuer korrupt das chinesische System ist, wenn er es dem Regime nützt und wie gnadenlos dann Unternehmensinhaber verfolgt werden, wenn sie das Regime nicht mehr hinreichend stützen. Vergleichbar ist das wohl am ehesten mit Putins Russland.F

Man muss davon ausgehen, dass die gesamte Technologie-Branche in China, auch die Biotechnologie mit ihren militärischen Implikationen unter der Kontrolle der Kommunistischen Partei Chinas sind. Entwicklungsaufgaben für das Militär können sich die Unternehmen wohl kaum entziehen. Die großen technologischen Fortschritte Chinas, von denen die Biotechnologie nur ein Bereich darstellt, sind zwar ein Ergebnis der kapitalistischen Wirtschaft, können aber von der kommunistischen Diktatur jederzeit gegen die Welt eingesetzt werden.

Kapitel 3

Nach der Landung des British-Airways Fluges in London Heathrow, bleibt Brand noch eine Weile sitzen und wartet ab, bis auch der letzte Passagier das Flugzeug verlassen hat. Die Schutzmaske vom FFP2-Standard mit chinesischer Aufschrift, behält er auf. Der Kapitän, John Miles, kommt aus dem Cockpit und strahlt ihn an. „Mr. Brand“ ich habe Sie erkannt, wir hatten einmal das Vergnügen, bei der RAF zusammen zu fliegen. Erinnern Sie sich?“

Brand schaut den sympathischen Spätfünfziger der immer noch einen blonden Lockenkopf besitzt, genau an. Dann dämmert es ihm.

„John“, ruft er aus, „sie waren doch der, der die verdammte Lockheed geflogen ist! Mussten Sie nicht sogar einmal aussteigen?“

„Genau Mark“, erwidert John, „ der Übungsflug war mein Schlimmster mit diesem Monster. Seither bin ich besseres geflogen.“

„Wie man sieht“, lächelt Brand, der seine Maske nun abgenommen hat.

„Kommen Sie ins Cockpit, Mark“, fordert Miles seinen alten Fliegerkameraden auf, „mein Copilot ist schon draußen. Wir nehmen jetzt einen Drink!“

Brand lässt sich in den Copiloten-Sitz gleiten und bekommt dafür ein Gläschen Whisky von John. Die beiden Männer mögen sich auf Anhieb, ihre alte Bewunderung für einander lebt wieder auf. Zwanglos duzen sie sich.

„Fliegst Du noch privat?“ fragt Brand.

„Sagt Dir XB-1 etwas“, fragt Miles zurück.

Brand hebt die Augenbrauen und ein leichtes Leuchten erscheint in seinen blauen Augen.

„Überschall Prototyp, Mach 2, soll einmal sechzig bis siebzig Passagiere über den Atlantik bringen.“

„Genau“, bestätigt Miles, „ich teste gerade den Prototypen“.

„Aber der fliegt doch noch gar nicht“, wendet Brand ein, so als hätte ihn sein Gegenüber auf den Arm genommen.

„Oh, dann weiß der Secret-Service wohl auch nicht alles“, grinst John.

„Würde ich gern mal sehen“, gibt Mark zurück.

John trinkt den letzten Schluck aus dem kleinen Glas und sagt plötzlich.

„Kannst Du. Komm morgen früh zum General Aviation-Terminal von London City. Vieruhrdreißig!“

Erstaunt stellt Brand sein Glas ab.

„London City ist geschlossen. Ihr habt wohl den Schlüssel?“

„Right“, antwortet John Miles, „der Flughafen geht für Business-Jets, der Tower arbeitet noch. Deshalb eignet er sich zurzeit für Testflüge. Ich würde Dir das Baby wirklich gerne zeigen“, sagt Miles in deutlich gehobener Stimmung.

Brand will sich das nicht entgehen lassen. „OK“, ruft er, „ich bin dabei!“

Im Hauptquartier ist dicke Luft.

Der MI6 bekommt Druck von der Regierung, den „chinesischen Verdacht“ möglichst diskret zu ermitteln. Es gab Ärger wegen Brands Auftritt in Hongkong. Chief ist sauer. Wu hat offensichtlich eine ziemlich hohe Karte spielen können, die bis in die Downig-Street geflogen ist. Jedenfalls, kam vom Premierminister eine unverhüllte Drohung, die Chinesen nicht zu verärgern. Ermittelt werden soll aber weiterhin.

Brand steht vor Chief in dem gewölbeartigen Büro, das an einen Keller erinnert, in dem alte Möbel aufbewahrt werden.

„Was“, fragt Brand, „wenn sich der chinesische Verdacht bestätigt?“

Chief beginnt hinter seinem Schreibtisch hin und her zu gehen.

„Ich frage mich das selbst und finde immer nur die eine Antwort.“

Brand schaut seinen Vorgesetzten mit der glänzenden Glatze und den buschigen Augenbrauen fragend an.

Chief seufzt, während er sich in seinen Sessel fallen lässt.

„Es wird einfach in der Schublade landen, egal, was die Chinesen sich herausgenommen haben. Niemand in Europa hat ein Interesse sich mit ihnen anzulegen.“

„Auch dann nicht“, fragt Brand in einem ungewöhnlich scharfen Ton, „wenn die Chinesen uns und die Welt mit biologischen Waffen angreifen?“

„Sogar dann nicht“, antwortet Chief deutlich, „wenn die Chinesen uns mit diesen kleinen biologischen Robotern angreifen, die wir übrigens in Ihrem Paket nachweisen konnten.“

„Bruce?“ fragt Brand.

„Molekulare Kampfmaschinen, die seinen Körper malträtieren und ein zentrales Befehlszentrum in einem Chip unter seiner Haut am Rücken haben. Da, wo er mit den Händen nicht hinkommt und es nicht spüren kann, zwischen den Schulterblättern. Nie hätte ich gedacht, dass die Chinesen so weit fortgeschritten sind“, stöhnt Chief mit gekräuselter Stirn und setzt nach. „Wissen Sie, was das bedeutet, 00Y?“

„Ja“, antwortet Brand schnell und deutlich, „China führt Krieg gegen uns.“

Chief nickt schwach.

„Dieser Krieg darf nicht an die Öffentlichkeit, obwohl er dort überall zu sehen ist, auch wenn Menschen an dem Virus sterben, was der Fall ist. Der Krieg muss im Verborgenen geführt werden. Eine offene Konfrontation mit China kann zum Kollaps der Weltwirtschaft führen. Militärisch ist diesem Land nicht beizukommen, wirtschaftlich erst recht nicht.“

„Aber Peking wird doch schon wegen der Uiguren sanktioniert“ entgegnet Brand.

„Nadelstiche“, ruft Chief. „Die westlichen Staatschefs sind sich einig, mit Ausnahme der Amerikaner. Wir verteidigen uns still gegen das Virus und auch gegen die Nanobots, wenn diese tatsächlich im größeren Umfang zum Einsatz kommen und werden Peking nicht offen zur Rede stellen.“

“A silenced world, controlled by Beijing”, denkt Brand für sich. Er hatte diesen Satz kürzlich in einer amerikanischen Analyse gelesen.

Chief wirkt nun entschlossen.

„Aber wir müssen alles über dieses Programm erfahren, das die Chinesen auf uns losgelassen haben. Die Entwicklung, die Logistik und die Leute, die dahinter stehen. Alles.“

Brand versteht sofort. Ab jetzt hat der „chinesische Verdacht“ oberste Priorität.

„00Y“, sagt Chief nun in einem offiziellen Ton. „Es gibt einen Uiguren, den 00M als Kontaktperson in Chinatown aufgetrieben hat. Er behauptet, Beweise zu haben, dass sein Volk in den Umerziehungslagern bewusst infiziert und geimpft wird. Wir vermuten jetzt, dass auch dort Naniten eingesetzt und erprobt werden. Suchen Sie den Mann auf und sehen Sie zu, was sie noch herausfinden können.“

„Was ist mit Klixfield“, fragt Brand.

„Hat sich bisher nicht geregt“, antwortet Chief „aber es kann nicht schaden, wenn wir ihn observieren. Seine Tochter ist weiterhin vermisst. Ihre Leiche wurde bisher nicht gefunden.“

Brand denkt in diesem Augenblick an die Vereinbarung, die er vor einigen Tagen mit Tia-Nam getroffen hat. Sie ist seine gezinkte Karte, die er auch gegenüber dem MI6 im Ärmel behalten will und hält sich an einem unbekannten Ort auf. Brand kann sie jederzeit kontaktieren. Der Agent des britischen Secret-Service ist sich seit dem Mord an Godfrey nicht mehr sicher, dass sein Dienst tatsächlich dicht hält. Es sieht sehr nach einer undichten Stelle aus. Brand hat beschlossen äußerst vorsichtig zu sein.

„Ich werde mit 00M Kontakt aufnehmen und über Klixfield und den Uiguren mit ihr reden.“

„Einverstanden“, antwortet Chief umstandslos. „Das war´s 00Y.“

Brand verlässt das Büro.

Fortsetzung folgt

Hintergrund – Fiktion und Realität

Die Uiguren und die chinesische Impfstoffentwicklung

Es wird geschätzt, dass mindestens eine Millionen Uiguren in chinesischen „Umerziehungslagern“ festgehalten werden. Die muslimische Minderheit befindet sich in Opposition zu Peking, weil sie ihrer eigenen kulturellen und religiösen Prägung folgen will. Das verbietet Peking.

Die chinesische Regierung befindet sich daher im Fokus der internationalen Menschenrechtsorganisationen. Auch Regierungen, die intensive Wirtschaftsbeziehungen zu China haben, kommen daran nicht mehr vorbei. Der Druck wächst.

Währenddessen häufen sich Berichte, dass in der Region Xinjiang, Uiguren, angeblich absichtlich, mit Cov-Sars 2 infiziert werden. Sie dienen unfreiwillig als Versuchspersonen für die Impfstoffentwicklung. Darunter auch Kinder. Die Vorwürfe kommen vor allem von Exil-Uiguren, die von ihren Angehörigen in den Lagern informiert werden. Ein Beispiel stellt ein Chefingenieur der Nasa, Erkin Sidick, gegenüber ntv dar, der mit seiner Organisation Menschenrechtsverstöße gegen sein Volk dokumentiert. Er spricht von absichtlichen Infektionen und Zwangsimpfungen und Isolation der Menschen in den Lagern und legt zumindest plausible Indizien vor. Beispielsweise fällt auf, dass der offizielle chinesische Infektionsverlauf in den Lagern bei 20 000 Infizierten linear abbricht. Pharmafirmen brauche für ihre Studien etwa zwanzigtausend Versuchspersonen. Sidick zieht die Parallele, dass hier ein Ausbruch simuliert wurde, um einen der drei Impfstoffe zu testen. Tatsächlich wurden aus den Familien einzelne Personen, auch Kinder, herausgegriffen, isoliert und untersucht. Sie bekamen Medikamente und Spritzen, ohne, dass es Einwilligungen dafür gab. Die Menschen wurden erst wieder entlassen, wenn sie schriftlich erklärten, über die medizinischen Vorgänge zu schweigen. Genau während dieser Zeit wurde ein rigider Lockdown verhängt, den man als Lockin bezeichnen muss, weil die Bewohner ihre Häuser und Wohnungen nicht mehr verlassen durften und sich nicht mehr mit Lebensmitteln versorgen konnten.

Welcher Impfstoff auf diese Weise entwickelt wurde, ist unbekannt. Es könnte sich um Sinuvac oder um Sinopharm gehandelt haben. Letztere wurde allerdings mit dem, unter Militäraufsicht stehenden, Institut für Virologie in Wuhan zusammen entwickelt. Es ist eher unwahrscheinlich, dass die Chinesen in Wuhan nicht genug Versuchspersonen für eine klinische Phase-3 Studie bekommen hätten. Allerdings gibt Sinopharm genau 20 000 Personen für eben diese Studie an. Die Sache bleibt nebulös, zumal es eine Reihe weiterer Vorwürfe wegen schweren Menschenrechtsverstößen in Xinjang gibt. Das geht bis zu Zwangssterilisationen und erzwungenen Abtreibungen in den Lagern, die man wohl als Konzentrationslager bezeichnen muss.

Die Vorstellung, dass das chinesische Militär bei dieser Gelegenheit Nanobots, also biologische Maschinen auf molekularer Ebene bei den Uiguren getestet haben könnte, ist allerdings reine Fiktion und derzeit durch nichts anderes gestützt, als die naheliegende und vollkommene Skrupellosigkeit der chinesischen Behörden und des Militärs. Das reicht aber für eine solche Behauptung natürlich nicht aus.

Pikant ist, das deutsche Technologieunternehmen wie Siemens in der Region, in der sich auch die Konzentrationslager befinden, mit der chinesischen Rüstungsindustrie im Bereich Überwachungstechnologie, zusammenarbeitet. Es steht die Behauptung im Raum, dass Siemens sich auch an einer App des militärischen Produzenten „China Electronics Technology Group Corporation“ (CETC) beteiligt habe, welche zur Überwachung der Uiguren eingesetzt wird.

Siemens gibt dagegen an, für CETC nur Fertigungslösungen zu entwickeln. Tatsächlich wirkt das aber wenig relevant, weil CETC bereits wegen weltweit eingesetzter Überwachungstechnologie (darunter intelligente Gesichter-Erkennung, Spionage-Software) von den USA sanktioniert wird. Außerdem forscht und produziert CETC über Drohnenschwärme, die komplexe Überwachungsfunktionen für das Militär und Behörden übernehmen können und möglichst klein sein sollen (beispielsweise so groß, dass man sie mit Insekten verwechseln kann, was die USA auch tun).  Auch hier dürfte der deutsche Technologiekonzern ein geeigneter Partner sein.

Das alles reicht nicht aus, um zu unterstellen, dass China mit deutscher Hilfe Nanobots entwickelt, die dann auch gegen missliebige Minderheiten, politische Oppositionelle und vielleicht auch gegen andere Länder eingesetzt werden. Aber die existierenden Kooperationen, auch mit französischen und englischen Unternehmen, sind teilweise dafür geeignet.

Diese Situation stützt die Aussagen von Brands Vorgesetzten Chief, in der Geschichte, dass keine europäische Regierung ein Interesse daran hat den „chinesischen Verdacht“, der ja einen biologisch-technologischen kriegerischen Angriff auf die Welt und insbesondere Europa meint, offen anzusprechen. Nicht einmal dann, wenn er sich erhärten ließe. Vor China knickt zurzeit ganz Europa ein und das hat etwas mit dem hohen Engagement europäischer Firmen in dem Land und umgekehrt, chinesischer Firmen in der EU zu tun.

Dies bedeutet auch, dass der „chinesische Verdacht“ in der europäischen Öffentlichkeit wohl auch dann nicht geäußert würde, wenn belastbare Geheimdienstinformationen über einen solchen Angriff vorliegen würden. Man würde versuchen, den Angriff als Naturkatastrophe darzustellen und so gut es geht zu bewältigen. Zumal China bei dieser Deutung den europäischen Regierungen beipflichten würde, während es eigentlich Krieg gegen sie führt.

“A silenced World controlled by Beijing”

Das Zitat stammt nicht aus einem amerikanischen Bericht, sondern vom estnischen Geheimdienst, Välisluureamet. China hat bereits offiziell protestiert und eine Änderung des Geheimdienstberichtes gefordert.

Sinngemäß werden die chinesischen Taktiken beschrieben, Kontrolle über andere Länder zu bekommen, um sie dann unter Druck setzen zu können.

“The coronavirus crisis offered new opportunities for authoritarian regimes to exert influence. In a time of universal maskwearing some masks also fell off.”

Ganz besonders scheint das für das außenpolitische Konzept Chinas zu gelten, das auf eine „Schicksalsgemeinschaft der Welt“ a „community of common destiny“ pocht, aber damit vor allem eigene hegemoniale Interessen meint, die es zunehmend aggressiv verfolgt. 

Gleichzeitig versucht China der Welt eine eigene Umdeutung von Menschenrechten aufzudrängen, in deren Mittelpunkt nicht mehr die freie Entfaltungsmöglichkeit des Individuums, sondern lediglich ein Recht auf wirtschaftliche Prosperität und Sicherheit stehen, für das eine Aufgabe von Freiheit in Kauf genommen werden muss. Es ist die chinesische Vorstellung einer kontrollierten Sicherheitswelt.

Das „chinesische Virus“ wirkt hier fast wie ein Instrument, diese Weltsicht durchzusetzen. Denn es fordert massive freiheitsbeschränkende Maßnahmen von allen betroffenen Ländern und rückt die Sicherheit einer tatsächlichen „community of common destiny“, angesichts der Pandemie, ganz in den Vordergrund. Menschenrechte, im westlichen Verständnis von Humanität, spielen nur noch eine untergeordnete Rolle.

Der Geheimdienstbericht schreibt hierzu:

“Simultaneously in China, the media, heavily controlled by the Communist Party, was actively defaming, demonising and ridiculing Western democracy, saying that only an authoritarian system like China could successfully defeat the virus.”

Wenn diese Strategie verfängt, westliche Demokratien für unfähig zu erklären, die Bedrohung abzuwehren, was laut chinesischen Medien für den autoritären chinesischen Überwachungsstaat spräche, hat Peking tatsächlich gewonnen.

Das Resultat ist dann tatsächlich eine schweigende Welt, die von Peking kontrolliert wird, wie es im Augenblick den Anschein hat. Denn das totalitäre chinesische Denken hat sich in den letzten Monaten rasend schnell um die Welt bewegt und bestimmt die (Krisen-)Politik in vielen Ländern.

Die beklemmende Frage, ob dieses Virus absichtlich von China in die Welt gesetzt wurde, welche die WHO auch in ihrem Bericht über die Herkunft von Cov Sars 2 gar nicht ernsthaft erwägen wollte, sollte also ernsthaft untersucht werden. Denn wenn sich dies bestätigt, wäre das ein chinesischer „Angriff auf die Welt“ und würde zu einer kompletten Neubewertung dieser „größten Diktatur der Erde“ führen müssen.

XB 1

Beim XB1 handelt es sich um ein privat entwickeltes Überschall-Passagierflugzeug, das aber derzeit nur in einem Prototypen besteht, der noch nicht fliegt. Somit ist der Testflug eine Fiktion und der Testpilot, John Miles, ebenfalls.

London City Airport

Wegen der Pandemie und den Einbrüchen im Flugverkehr ist der London City Airport seit 2020 geschlossen. Testflüge finden dort nicht statt oder sind zumindest nicht bekannt.

Golf R

Der Golf R ist natürlich keine Fiktion, den gibt es wirklich. Ich erwähne das Fahrzeug explizit nicht deshalb, weil ich einen Werbevertrag mit Volkswagen hätte, sondern weil es der außergewöhnlichste Golf ist, der in Serie gebaut wird. Im Unterschied zum Golf GTI mit Frontantrieb, hat der R einen Allradantrieb, den man auf Drift einstellen kann. Dies bedeutet, dass die meiste Power dann auf die Hinterachse geht und der Wagen sich wie ein Hecktriebler fahren lässt. Dadurch ist er auch für effektvolle Verfolgungsjagden in einer Agentengeschichte geeignet.

Kapitel 4

Brands Wecker klingelt um Drei. Es ist einer von der Sorte, die sich mit einer unfreundlichen Geste vorrübergehend zum Schweigen bringen lassen, aber letztlich erst aufhören, wenn man in der Dunkelheit den kleinen Knopf findet, den Alarm abzustellen.

Brand tastet nach ihm und landet mit seiner Hand in einer verwühlten, weiblichen Frisur.“ Ach Mark“, seufzt es neben ihm, „lass mich schlafen“. Lucy, eine Barbekanntschaft, die er mit in sein Hotelzimmer nahm, schläft weiter.

Marc geht ins Bad und klettert aus seinem Pyjama. Die warme Dusche schläfert ihn noch ein wenig ein, doch dann denkt er an John Miles und will auf keinen Fall zu spät kommen.

„Wohin gehst Du“, fragt Lucy mit schläfriger Stimme, als Brand vor seinem Kaffee sitzt, der aus der Minibar stammt und ein Croissant aus der Plastiktüte dazu isst.

„Ich gehe fliegen“, entgegnet 00Y heiter.

„Aber Du bist doch heut´ Nacht so schön geflogen“, seufzt Lucy mit einer leicht lispelnden Stimme.

„Warum müssen die Frauen immer alles auf sich selbst beziehen“, denkt Brand kurz und antwortet:

„Natürlich Darling“, er beugt sich zu ihr und küsst sie sanft auf ihre Schulter, „aber heute will ich noch höher hinaus.“

Brand verlässt die schmollende Lucy und nimmt ein Taxi, das vor dem Hotel steht. „City Airport. Private Jet Center“, sagt er kurz und das Taxi setzt sich in Bewegung.

Gegen 10.00 ist der Testflug vorbei. John und Marc gehen über das Apron zurück zum Jet Center. Sie sind in ein aufgeregtes Gespräch über die Flugeigenschaften des Jets vertieft, als Brand einen gepflegten Engländer mit Aktentasche aus der kleinen Abfertigungshalle kommen sieht. Es ist Klixfield, den er sofort erkennt.

Ohne die beiden zu beachten, geht der Geschäftsmann eilig in die Richtung eines bereit stehenden Jets. Als er etwa die Hälfte des Weges geschafft hat, hört Brand hinter sich etwas fallen, einen Aktenkoffer, der auf dem Asphalt aufschlägt. Er dreht sich um und erkennt, dass nicht nur der Aktenkoffern am Boden liegt, sondern auch Karl Klixfield. Die beiden eilen hin, um ihm aufzuhelfen und sehen den Mann mit einem Loch im Rücken leblos liegen. Kurz schauen sie sich um, ob der Schütze noch zu sehen ist, ohne Erfolg. Brand dreht Klixfield um, der kurz zu Bewusstsein kommt und leise redet.

„Sie wollen meine Tochter. Sie ist nicht tot. Sie haben mich gezwungen und ich bin geflohen.“ Mit einem besorgten Gesicht verstirbt der Engländer. John schaut Brand fragend an. Der durchsucht die Jackentasche des Toten nach seinem Smartphone und findet es. Es verschwindet schnell und unauffällig in Brands Tasche.

Mehrere Flughafen-Mitarbeiter kommen auf das Vorfeld gelaufen und Brand ruft Ihnen zu, dass man einen Krankenwagen brauche. „Die Kugel kam von da oben“, sagt John und zeigt auf das Dach. Aber das Dach des kleinen Terminals ist gut einsehbar und dort befindet sich niemand mehr.

Der Krankenwagen kommt und Brand gibt sich als MI6-Agent zu erkennen. Er bittet das Rettungsteam, den Toten zu intubieren und mit Blaulicht ins Krankenhaus zu fahren. Die Sanitäter zögern, aber Brand flüstert, dass es wichtig sei. 00Y steigt hinten mit ein. John bleibt zurück.

Auf dem Weg ins Krankenhaus überprüft Brand Klixfields Telefon. Dort finden sich tatsächlich mehrere SMS von Tia Nam. Bond schnalzt mit der Zunge und atmet scharf ein. Die Chinesin war sehr unvorsichtig, Kontakt mit ihrem Vater aufzunehmen. Sie ist jetzt ebenfalls in Gefahr.

00Y hofft, dass die Killer den Krankenwagen gesehen haben und ihm nun in das Nightingham Hospital folgen. Er meint aus der Rückscheibe des Krankenwagens einen grauen BMW zu sehen, der bereits die gesamte Victoria Dock Road hinter ihnen fährt, aber er ist nicht sicher.  Er gibt Anweisung, die Rettung des toten Klixfields weiter zu spielen, bis sie in der Notaufnahme sind. Tatsächlich kommt der Verfolger bis zur Rampe des Krankenhauses und bleibt dort stehen.

Durch einen Seiteneingang verlässt Brand das Hospital wieder und kann sich von hinten an das Fahrzeug anschleichen. Einer steigt aus und geht Richtung Notaufnahme. Er hat ein asiatisches Aussehen, was in London allerdings nicht viel bedeutet.

Er erkennt aber am Gang, dass er eine Waffe unter der Achsel tragen muss. Der linke Arm hängt ruhig herunter und die rechte Hand bewegt sich langsam zur Mitte seines Körpers. Der Agent zögert nicht lange. Er zieht seine Waffe und zielt auf die Beine des Mannes. Dann springt er in Deckung.

Der mutmaßliche Killer ist kurz zusammengebrochen, richtet sich aber auf und schleppt sich zurück zum Fahrzeug. Er kriecht hinein und der Wagen fährt mit Vollgas davon. Brand kapert das Fahrzeug eines jungen Mannes, einen weißen VW-Golf und nimmt die Verfolgung auf. Der Mann den er unsanft aus dem Wagen gezogen hat, schaut ihm verblüfft hinterher.

Der BMW rast die Victoria Dock Road entlang und folgt ihrem Verlauf auf den Silvertown-Way nach Norden. Dort beschleunigt das Fluchtfahrzeug auf über 120 mph. Darauf schleudert es nach links in Richtung Newham Way und legt dabei noch einmal Tempo zu.

Marc Brand, der sich das nächstbeste Auto zur Verfolgung gegriffen hatte, kann dran bleiben. Der Golf ist zufällig eine R-Version mit über 300 PS und driftet ohne Probleme dem großen BMW hinterher.

Aus dem großen grauen BMW, der aussieht, wie eine Schildkröte im Rennmodus, wird auf Brand geschossen. Der weiße Golf jedoch folgt dem größeren Fahrzeug wie eine Nähmaschine bei der Zickzack-Naht und kann problemlos dran bleiben. 

Der East India Dock Road Tunnel wird dem Killer-Team zum Verhängnis. Beim waghalsigen Versuch einen Stau rechts liegen zu lassen, touchiert das Fahrzeug die Betonwand und gerät ins Schleudern, kracht in mehre Fahrzeuge und landet schließlich vor einem Betonpfeiler. Brand nähert sich dem dampfenden Wrack und steigt aus. In dem Fahrzeug befindet sich kein Leben mehr. Die Männer sind tot. Eine Tür ist beim Aufprall aufgesprungen und der Fahrer liegt halb auf der Straße. Der Agent beugt sich über ihn und greift in seine Tasche. Die Brietasche enthält einen Führerschein und den Fahrzeugbrief. Brand steckt beides unauffällig ein und verschwindet durch eine Fluchttür des Tunnels.

Brand erwischt ein Taxi und beginnt auf dem Rücksitz die Papiere des Fahrers zu überprüfen. Der Mann scheint aus Hongkong zu kommen. Der BMW aber ist auf den toten Klixfield zugelassen. Die Killer könnten dem Geschäftsmann das Auto entwendet haben, samt der Papiere, aber das kommt Brand irgendwie seltsam vor.  Ihm scheint es eher so, dass Klixfield seine Mörder kannte. Diese haben vielleicht sogar für ihn gearbeitet. Sie haben ihn zum Flughafen gebracht und dann hinterrücks erschossen. So ist Klixfield vielleicht in einen Hinterhalt geraten mit dem er nicht gerechnet hatte. Vor wem aber ist er geflohen?

Das doppelte Spiel ist für alle Geheimdienste der Welt eine Routine. Nur welcher Geheimdienst, hatte dem Mann derartig eingeheizt, dass er sogar seine Tochter in London zurückließ, als er flüchtete? Welcher Geheimdienst könnte die Killer in seiner Nähe positioniert haben, so nah, dass sie für ihn arbeiteten?

Auf alle Fragen fiel Brand immer zuerst ein Name als Antwort ein. „Wu“.

Brand schätzt den kleinen, korrupten Mann aus Hongkong nicht so ein, dass er wirklich das große Rad drehen würde, aber er findet keine Alternative zu dieser Antwort.

Das Versteck

Das Taxi hält an einer der zahlreichen Brücken, die über die Themse führen, unweit von China-Town oder dem, was früher China-Town war. Denn ursprünglich hatten sich die Chinesen bei den Docks angesiedelt, wo die Schiffe aus Hongkong ankamen. Erst später wanderte Chinatown weiter vom Hafenviertel weg.

Er steigt die Treppen zur Themse hinab und überprüft, ob er beobachtet wird. Dann geht er schnell zu einem der dort liegenden Lastkähne, der verlassen und dunkel im schwarzen Wasser der Themse schaukelt.

Er klopft an eine Luke und Tia Nam öffnet ihm sofort. Sie ist aufgeregt und will Brand wegen ihres Vaters sprechen, der in höchster Gefahr sei. Man wolle von ihm ihren Aufenthaltsort und droht ihn zu töten. „Wer“, fragt Brand. „Wu“, stößt sie hervor, „und  der ganze korrupte Apparat, zu dem er gehört!“

Brand wird immer ruhiger.

Er kennt Tia Nams Geschichte und ihre Version vom Mord an Godfrey. Die chinesische Geheimpolizei stecke dahinter. Immer wieder Wu. Brand vermeidet es, der jungen Wissenschaftlerin vom Tod ihres Vaters zu berichten. „Für wen arbeitet Dein Vater,“ fragt er sie scharf.

Tia Nam schweigt beharrlich. Vor einigen Tagen waren die beiden sich näher gekommen und der Agent hatte beschlossen, die Wissenschaftlerin zu schützen, hat sie hier auf das Boot gebracht.

„Tia Nam, für wen arbeitet Dein Vater,“ wiederholt Brand seine Frage.

Die junge Virologin mit dem runden Gesicht und der scharf geschnittenen Nase ihres Vaters, schaut nach unten. „Warum fragst Du das, Mark, wenn ich es Dir schon gesagt habe?“

„Weil ich glaube, dass der Auftraggeber Deines Vaters, ihn hat umbringen lassen.“

Augenblicklich schaut er in die weit aufgerissenen, dunklen Augen der Frau.

„Mein Vater ist…?“

„Ja“, sagt Brand leise, „ er ist tot. Er ist heute erschossen worden. Ich glaube nicht, dass Wu dahinter steckt.“

Die junge Frau verbirgt ihr Gesicht, ihre Körper verliert dabei die Spannung. So kauert sie eine Weile auf dem alten Sofa, das in der ehemaligen Kajüte des Lastkahns steht. Der Raum ist dämmerig durch das Licht einer alten Petroleum-Lampe erleuchtet, aus der ein dünner Faden Rauch aufsteigt. Die Fenster sind verhangen. Brand sitzt auf einem Stuhl gegenüber von Tia Nam und beobachtet sie.

„Es tut mir leid“, sagt er, „ich konnte nichts tun. Er wurde hinterrücks erschossen, als er zu seinem Flugzeug ging.“

Brand steht auf und geht zu einer alten Vitrine, auf der ein Gaskocher steht. Er setzt Wasser auf und holt zwei Tassen aus dem Glasaufsatz des Möbels. In einem Regal stöbert er nach essbarem und findet ein chinesisches Schnellgericht, das er in den Topf füllt. Dann nimmt er etwas Tee und schüttet ihn in eine Kanne, gießt kochendes Wasser darauf und nimmt das übrige Wasser für das Schnellgericht.  Reis mit Hühnchen in der Instant-Version.

Der Duft chinesischer Gewürze lässt die Engländerin mit chinesischen Wurzeln wieder zu sich kommen. Brand stellt ihr eine kleine Schüssel vor die Nase und den Tee dazu. Dann bedient er sich selbst. Die beiden essen schweigend.

 „Es gab noch jemanden“, sagt sie irgendwann.

Brand schiebt seine Schüssel weg und schaut aufmerksam.

„Mein Vater exportierte medizinisches Gerät und Medikamente nach Afrika. Er hatte auch eine Fabrik, die für ihn produzierte, nicht weit von Shenzhen, er war öfter dort. Ich bin dahinter gekommen, dass diese Fabrik nur nachts für meinen Vater produzierte. Tagsüber produziert man vor allem Vakzine und Medikamente, auch gegen Ebola. Ich war nie da, aber mein Vater sagte mir im Vertrauen, dass diese Fabrik sehr groß ist und er dort mehr als gute Geschäfte mache. Aber er wollte mich fernhalten, was ich deutlich spüren konnte.“

„Wem gehört diese Fabrik“, fragt Brand.

„Ein chinesisch-amerikanisches Joint-Venture. Zur Hälfte dem chinesischen Staat und zur anderen Hälfte dem Amerikaner Gabil. Typisch für China. Sie holen sich ausländisches Know-How auf ihr Staatsgebiet und drängen dann die Ausländern langsam heraus.“

Brand hat längst begriffen, dass die Virologin mehr drauf hat, als Wissenschaft und Forschung. Sie hatte ihrem Vater aufmerksam beobachtet und was sie fand, beunruhigte sie zunehmend.

„Was hat Dein Vater dort nachts produzieren lassen?“

„Auftragsarbeiten. Vor allem Medikamente für Afrika“ antwortet Tia Nam, „Nigeria, genauer gesagt.“

Schenzhen ist nicht weit von Hong-Kong, denkt der Agent für sich.

„Kannst Du mir die Fabrik zeigen?“

Fortsetzung folgt

Hintergrund – Realität und Fiktion

Illegale Produktion von Medikamenten

Illegal produzierte Medikamente, Fälschungen echter Medikamente und Medikamente als Tarnung für illegale Drogen, sind ein Markt, in dem Jahr für Jahr viele Milliarden Dollar umgesetzt werden. Etwa die Hälfte, so lauten die meisten Schätzungen von Experten, wird in China und Indien produziert.

Die Produzenten reichen von der chinesischen Mafia bis hin zu zertifizierten und legalen pharmazeutischen Unternehmen, die ihre Bulkware neben der eigentlichen Produktion nachts produzieren. Oft handelt es sich auch um Vorläuferstoffe der Arzneien, ebenso oft aber auch um fertig verpackte Medikamente.

Wie viele Menschen global durch Fake-Arzneien ums Leben kommen, ist nicht bekannt, aber es dürften mehr sein, als es Drogentote gibt.

Ein BKA-Bericht von 2007 bezeichnet die Arzneimittelkriminalität als Wachstumsmarkt. „Erkenntnisse zu den Herkunftsländern lagen teilweise vor. So wurden überwiegend China und Indien als „wichtigste Quellen“ von Arzneimittelfälschungen bzw. Wirkstoffen, die in Fälschungen verarbeitet werden sowie im Bezug auf illegale „Klone“ westlicher Medikamente benannt. Eigene Erfahrungen der Befragten zu diesen Ländern bezogen sich auf das Gebiet nicht zutreffend gekennzeichneter Wirkstoffe. In dem Zusammenhang wurde im Rahmen von Expertengesprächen bestätigt, dass Fälschungen teilweise auch in Zusammenarbeit mit kriminellen Mitarbeitern aus der legalen Produktion im Ausland stammen. … Es bestünde die Gefahr, dass nachts– außerhalb der legalen Fertigung – illegal produziert oder Bulkware (meist Wirkstoffe, die weiterverarbeitet werden können, Anmk.)verkauft wird. Ein wesentliches Problem sei auch das mangelnde Sicherheitsbewusstsein der produzierenden Pharmaunternehmen.“

Die Frage, ob es in China kriminelle Arzneimittelhersteller gibt, ist eigentlich keine Frage mehr. Es muss sie geben. Interessanter sind aber die Formen der Produktion, die sich zu ändern scheinen. Mit der Zunahme zertifizierter Hersteller, kommt es auch zu einem höheren (Konkurrenz-)Druck, neben der offiziellen Produktion auch illegal zu produzieren und zu verkaufen.

2007 haben Experten, die gefälschte Arzneimittel, die nach Europa kamen, genau analysieren ließen, noch festgestellt, dass ein Schwerpunkt der Produktion im Drei-Ländereck zwischen Südchina, Vietnam und Burma liegen müsse. Inzwischen gibt es Berichte, die davon ausgehen, dass die kriminelle Produktion in ganz China stattfindet und im großen Stil über Hong-Kong in die Welt exportiert wird. Ein Schwerpunkt ist natürlich Afrika und hier insbesondere Nigeria, wo es ein großes Distributionssystem mit vielen Händlern und ebenfalls vielen Produktionsanlagen gibt.

Die Liste von Pharma-Unternehmen in Shenzhen, das in direkter Nachbarschaft von Hongkong liegt, ist lang. Es kann also durchaus sein, dass dort auch eine Reihe krimineller Produzenten, auch in legalen Produktionsstätten am Werk sind. Die Produkte können von Shenzhen dann schnell außer Landes gebracht werden.

Wenn in der Geschichte der Vater von Tia Nam, Karl Klixfield, bei einem Pharmahersteller in Shenzhen Arzneien für Nigeria in Nachtarbeit fertigen lässt, ist die Sache mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht legal. Es wäre auch kein Problem, in so einer offiziellen Produktionsstätte Impfstoffe herzustellen, die dann mit Zusätzen versehen werden, die nicht vermerkt sind. Beispielsweise auch mit Molekularen Drug-Transportern, die sich im Impfstoff lösen und dann in den Körper der Betroffenen gelangen.

Schließlich wäre es möglich, Zusatzstoffe, die in Impfmitteln benötigt werden, zu produzieren und als Bulkware an den eigentlichen Produzenten zu liefern. Ob man solche Vorläufersubstanzen dann mit molekularen Drug-Transportern, also Nanobots anreichern kann, ist aber fraglich.

Trotz der vermutlichen Machbarkeit handelt es sich hier um Fiktion, weil es für solche Vorgänge keinerlei Hinweise gibt. In Abwandlung eines Brecht-Zitates könnte man allerdings sagen:

„Der Boden ist fruchtbar schon, aus dem das kriechen wird.“

Science Fiction ist das eigentlich nicht mehr und Biowaffen in Medikamenten um die Welt zu schicken ist ohne weiteres möglich. Die chinesische Arzneimittelkriminalität wird von Experten als vollkommen skrupellos eingeschätzt und niemand weiß, wie weit die Kontakte dieser Kriminellen zur chinesischen Nomenklatura reichen. Vielleicht bis hinauf zum Präsidenten.

Fazit:

Die Geschichte ist Fiktion mit einem bedrohlich realen Hintergrund.

Gabil ist Bill Gates

Der Geschäftspartner von Klixfield, Tia Nams getötetem Vater, heißt in der Geschichte „Gabil“. Gemeint ist zumindest teilweise Bill Gates mit seiner Stiftung, die seit 2007 auch in China aktiv ist.

Bei der Partnerschaft mit China geht es der Stiftung ganz offensichtlich um die Neuentwicklung und günstige Produktion von Impfstoffen und Medikamenten für Afrika. Auch ist vom Aufbau neuer Produktionskapazitäten in Afrika die Rede, mit chinesischer Hilfe. Das zunächst einmal ehrenwerte Modell krankt allerdings daran, dass China seine Impfstofflieferungen und Investitionen in den Gesundheitssektor ärmerer Länder, auch in Afrika, an politische Knebelverträge knüpft, die diese Länder in eine politische Abhängigkeit von der größten Diktatur der Erde bringt.

Es ist nicht ganz klar, ob Gates so naiv oder so berechnend ist, dass er diese Art der Kooperationen für Afrika bevorzugt. Bereits während der African-Green-Revolution-Kampagne der Stiftung wurde mit Monsanto zusammengearbeitet. Der Konzern ist für seine agroindustrielle Ausrichtung bekannt und hat in verschiedenen afrikanischen Ländern gerade nicht die kleinen Bauern gefördert, sondern geschädigt und analog zu China, in Abhängigkeit vom eigenen Konzern gebracht.

Es scheint so, als würde Gates überall den großen Wurf suchen und dann mit möglichst skrupellosen Akteuren zusammenarbeiten. Dass nun ausgerechnet die Bundesregierung ein intensiver Partner der Stiftung ist, spricht nicht gerade für Deutschland, das aber auch dafür bekannt ist, statt echter Entwicklungshilfe eine postkoloniale Abhängigkeit in der dritten Welt, insbesondere von der EU, zu fördern.

Einen Höhepunkt mangelnder Seriosität hat die Stiftung allerdings mit ihrer Kampagne gegen das Bargeld erreicht. Die „Better then cash alliance“, in der auch Kreditkarten-Konzerne und die Bundesregierung Mitglied sind, soll angeblich den armen Ländern zu Gute kommen, ohne dass erklärt werden kann, wo für arme Bauern in Afrika der Vorteil liegt. Bargeldlose Zahlungen finden meist in harten Währungen statt, was für Menschen in Ländern mit weichen Währungen und hoher, oft auch notwendiger, Abwertungstendenz, schon seit Jahrzehnten den Ruin bedeutet.

Beispiele für solche Euro-Dollar und Yuan-Abhängigkeiten gibt es aus den ehemaligen sowjetischen Republiken aber auch in Südamerika, Afrika und Asien in Unmengen. Die Abschaffung von Bargeld ist eine neoliberale Phantasie der Finanzmärkte, auf die sich die Gates-Foundation und die Bundesregierung gesetzt haben. Am Ende profitieren davon die globalisierten Finanzmärkte, aber nicht die armen Leute überall auf der Welt.

Besonders pervers ist hier, dass ein und dieselbe Stiftung mit Ländern wie China zusammenarbeitet, die die Selbstbestimmung von Entwicklungsländern auf allen drei genannten Ebenen untergräbt. Im Gesundheitssektor, im Agrarsektor und ganz besonders im Finanzsektor.

Das alles auf Naivität der Gates-Foundation zurückzuführen, ist schon eine extrem philantropische Position, die hier gegenüber Gates nicht geteilt werden kann.

Sorry, aber Bill Gates ist in dieser Geschichte der Bösewicht und er wird das, in der Rolle des Gabil, auch noch zeigen!

Kapitel 5

Brand trifft 00M in der Newport-Street in einem kleinen Massagesalon, der eigentlich geschlossen ist. 00Y kennt die Besitzerin, die auch eine ausgezeichnete Akkupunktur zu bieten hat, welche der Agent nach den Strapazen der letzten Tage dringend nötig hat.

Er liegt rücklings auf der Massagebank, als Moneycent das kleine Etablissement betritt. Ihre Augen leuchten kurz auf, als sie Marc´s maskuline Brustbehaarung erblickt. Nach der Begrüßung bemüht sie sich um einen nüchternen Ton.

„Der Uigure heißt Sadock. Er sagt, er habe Beweise für Menschenversuche in einem neu erbauten Umerziehungslager für Uiguren. Er will Dich sprechen, Marc.“

„Hat er dir etwas gegeben“, fragt Brand.

Moneycent schüttelt kurz den Kopf. Er hat mir ein Video gezeigt, das aber schon öffentlich ist. 00M hält ihm ihr Huawei Smartphone vor die Nase. Brand betrachtet das Video von Yengyer, einem neu erbauten Gefängnis, das zum Zeitpunkt des Drehs aber noch nicht belegt war. An den Wänden stehen Slogans der Kommunistischen Partei Chinas. Es handelt sich um ein Hochsicherheitsgefängnis mit perfekter Überwachungsanlage.

„Die Koordinaten sind 43.977428, 81.138830“, erwähnt 00M, die sehr stolz auf ihr Gedächtnis ist.

Brand gibt die Koordinaten in sein Smartphone ein, das er etwas umständlich aus seiner Hose fingert. Über seinen Mund spielt ein leichtes Lächeln.

„Gar nicht weit von der kasachischen Grenze“, denkt er, „das ist gut.

“ Wo treffe ich diesen Sadock?“

„Tea-Time“, lächelt Moneycent, „17 Uhr ist er in der Telefonzelle gegenüber dem Casino in der Little Newport-Street.“

„Ich werde da sein“, antwortet Brand.

Es läuft nicht normal

Nach der Behandlung gönnt sich Brand noch einen kleinen Spaziergang und begnügt sich dabei notgedrungen mit Finger-Food. Die Restaurants haben geschlossen, wegen des chinesischen Virus. Natürlich kennt er einzelne Restaurants und Bars, die man durch einen Hintereingang betreten kann. Aber Brand verspürt keine Lust dazu. Nach der Massage mit Akkupunktur möchte er den Nachmittag mit schöner, langweiliger Normalität verbringen. Normalität entspannt den Agenten, der in London noch nicht einmal ein Appartement hat. Das wäre zu gefährlich für ihn. Brand wechselt regelmäßig seine Hotels.

Gegen 17.00 biegt er vom Newport Place kommend in die Little Newport-Street ein. Direkt an der Straßenecke befindet sich die klassisch rote Telefonzelle. Drinnen steht ein kräftiger, bärtiger Mann mit türkischem Aussehen, ganz offensichtlich ein Uigure, denn seine Augenpartie wirkt eindeutig asiatisch.

Die Uiguren-Region im Westen Chinas stand über Jahrhunderte unter persischem Einfluss und durch sie verlief die alte Seidenstraße, die China mit dem vorderen Orient verband. Heute verläuft dort die neue Seidenstraße, ein Projekt das über Kaschstan und Russland bis Europa reicht. Derzeit führt die Schnellstraße aber nur bis nach Korgos an der chinesischen Grenze.

Der Mann hängt nun den Hörer auf, schaut zu Brand und nickt ihm kurz zu. Dann wendet er sich zur Tür, öffnet sie und während Bond ein kurzes, helles Geräusch vernimmt, das von einem Schuss durch Glas herrührt, bricht Sadock zusammen. In seiner rechten Schläfe befindet sich ein kleines Loch aus dem ein feiner Streifen Blut rinnt.

„Verdammt“, denkt 00Y ich bin vom Pech verfolgt. „Nein“, korrigiert er seinen Gedanken kurz, „das Pech ist mir immer einen Schritt voraus.“

Er beugt sich zu dem Mann hinab und durchsucht seine Taschen. Sie sind leer. Nichts, nicht einmal eine Brieftasche.

Das Fenster aus dem der Schuss gekommen sein kann, ist längst wieder verschlossen. Brand sieht keinen Sinn darin, nach dem Schützen zu suchen. Er steht auf und geht. Einem schockierten Passanten sagt er schlecht gelaunt. „Rufen Sie die Polizei, der Mann ist tot.“ Erst in diesem Augenblick bildet sich eine Menschentraube um den Erschossenen.

Brand taucht unter

„Ich werde selbst tätig werden,“ sagt 00Y zu Chief, in dessen Büro.

 „Sie wollen wieder nach China“, fragt ihn sein Vorgesetzter. „Ja“, entgegnet der Agent, der schon einiges hinter sich hat, „ich werde ein paar Spuren verfolgen. Außerdem ist mir London zu unsicher geworden“.

Sein langjähriger Chef schaut ihn fragend an.

„In der Tat ist London sehr unsicher“, bekräftigt 00Y.

„Was meinen Sie“, fragt Chief irritiert.

„Ich meine den MI6“, gibt Brand scharf zurück, „es gibt hier ein Leck.“

Chief fängt sich wieder und fragt nüchtern: „Haben Sie einen Verdacht, 00Y?“

„Lassen Sie 00M überprüfen“, gibt Brand zurück, „bis dahin behalte ich meinen Aufenthaltsort für mich.“

„Sie denken, Moneycent…,“ fragt Chief ungläubig.

„Ich denke gar nichts“, gibt Brand zurück, „aber alle Kontaktpersonen, die sie überwacht hat, haben sich eine Kugel gefangen, bevor ich sie sprechen konnte. An einem normalen Arbeitsplatz würde man so etwas als Mobbing bezeichnen. Aber das ist ja hier kein normaler Arbeitsplatz.“

Brand, der irgendwie beleidigt aussieht, dreht sich um und geht zur Tür. Dann dreht er sich, mit der Klinke in der Hand, noch einmal um.

„Sie hören von mir, wenn es Neuigkeiten gibt.“

Brand nimmt ein Taxi zur Eastside und lässt sich erneut zu der Brücke an der Themse bringen. Dabei hat er bereits sein Kabinen-Gepäck, das aus einem einzigen Koffer besteht, und zwei Tickets nach Hongkong dabei. Er hat beschlossen, Tia Nam nicht allein in London zu lassen.

Grigori, sein bester persönlicher Kontakt im äußerst korrupten Beamtenapparat von Kasachstan, schuldet ihm noch einen Gefallen. 00Y hatte ihn vor zehn Minuten über das „Darknet“ kontaktiert und sein Kommen angekündigt. Der Russe, kasachischer Nationalität mit besten internationalen Kontakten, wird die neue logistische Basis sein, von der London keine Kenntnis hat.

Brand hat dafür gesorgt, dass seine Spur nach Hongkong führt und nicht nach Almaty. In Amsterdam werden die beiden das Flugzeug nach Doha besteigen. Die Hongkong-Route werden sie erst dort ändern, über Istanbul nach Almaty. In Hongkong, wo man sie erwartet, werden sie so schnell nicht ankommen!

Als Brand das Boot betritt erwartet Tia Nam ihn bereits ungeduldig. „Brand“ ruft sie verzweifelt, „ich halte es hier nicht mehr aus. Es ist so dunkel und stickig hier und ich habe Angst.“ Ihre Gesichtszüge wirken beherrscht, aber ihre Augen sind feucht und glänzen“.

„Sie weint, wie ein Hund“, denkt Brand kurz und verwirft diesen Gedanken wieder. „Wie weint ein Hund“, grübelt er kurz, als er in die untere Kajüte hinabsteigt.

Er wendet sich zu der kleinen Frau mit den Hundeaugen. „Dein Leiden hat jetzt ein Ende, wir verlassen London“.

Tia Nam atmet auf und lächelt leicht.

„Wohin fliegen wir“ fragt sie.

„Nach Kasachstan“, antwortet der Agent. „Ich kenne da jemanden, der sich auch um Dich kümmern wird. Er hat erheblichen Einfluss in Almaty.“

Tia Nam wird etwas reservierter. „Mafia“, fragt sie kurz, während sie ihre Reisetasche zusammenpackt.

„So ähnlich“, antwortet der Agent, „er ist Regierungsbeamter“.

Tia Nam träumt von einer heißen Dusche und stellt sich kurz einen goldenen Wasserhahn vor. Dann verwirft sie die alberne Vorstellung.

„Ich bin bereit, Marc“, sagt sie kurz.

Brand lächelt sie an. Er hat erneut das Gefühl, dass diese Frau ihm noch sehr zuverlässig helfen wird.  Es ist eigentlich nicht seine Art, aber er vertraut ihr.

Fahrt zum Flughafen

Auf dem Weg zum Flughafen wird ihr Taxi kurz aufgehalten. Ein Demonstrationszug mit knapp eintausend Teilnehmern fordert auf Transparenten, das neue Gesetz gegen Demonstrationen zurückzunehmen. Im Zuge der Pandemie werden Demonstrationen in Europa zunehmend verboten. Großbritannien hatte sich bisher zurückgehalten, aber nun mit diesem Gesetz das Demonstrationsrecht deutlich eingeschränkt, quasi unter Vorbehalt gestellt. Demonstrationen sind jetzt genehmigungspflichtig und die Polizei versucht, die Leute auseinander zu treiben.

„Die chinesische Krankheit“, denkt sich Brand und vermeidet es auszusprechen. Er will Tia Nam nicht kränken. Brand aber ist überzeugt, dass das chinesische Denken in Europa eingezogen ist und Werte wie Freiheit, Unabhängigkeit und Individualität in Frage stellt. Es graust ihm bei diesem Gedanken, aber das chinesische Virus wirkt wie ein machtvoller Vorbote des kommunistischen Regimes in Peking. Die ganze Szenerie erinnert ihn sehr an die Demonstration in Hongkong, an Bruce und Mary. Kurz bildet er sich ein, die beiden Geschwister hinter einem Transparent zu sehen. Dann schließt er die Augen, fühlt sich müde.

„An was denkst Du“, fragt ihn Tia Nam.

„An nichts Besonderes“, antwortet 00Y ruhig.

„Ich habe das Gefühl“, sagt sie nach einem kurzen Schweigen, „dass wir uns im Krieg befinden“.

„Stimmt“, antwortet Mark Brand und legt seinen Arm um ihre Schulter, „wir müssen jetzt nur den Angreifer finden, was nicht ganz leicht sein wird.“

Tia Nam nickt und lehnt sich bei ihm an. Sie ist müde und sie wünscht sich so sehr eine warme Dusche.

Fortsetzung folgt

Hintergrund – Fiktion und Realität

Konzentrationslager in Xinjiang

Die chinesische Regierung räumt inzwischen die Existenz von so genannten „Berufsbildungs-Zentren“ in Xinjiang ein, nachdem sie bis 2020 die Existenz von Lagern ganz generell bestritten hat. Der chinesische Außenminister hatte noch im letzten Jahr, 2020, von „Fake-News“ gesprochen.

Inzwischen sind die Beweise erdrückend, dass es hunderte dieser Lager gibt. Das „Australische Strategic Policy Institute“ (ASPI) hat über 380 Lager identifiziert. Die meisten dieser Lager liegen rund um die zentrale Taklamakan-Wüste.

Die Fluchtmöglichkeit, der geschätzt eine Million inhaftierten Uiguren, jeden Alters, einschließlich Kleinkindern und Säuglingen, sind entsprechend gering. Die Lager werden nach unterschiedlichen Sicherheitsstufen eingeteilt. Für ein Lager der höchsten Sicherheitsstufe interessiert sich der Agent Brand in der Geschichte. Es handelt sich um Yingyer.

Es wurde bereits vor Inbetriebnahme verdeckt gefilmt und soll inzwischen mehrere Tausend Häftlinge aufgenommen haben, nennt sich aber ebenfalls Berufsbildungszentrum. Es liegt am südlichen Rand der Taklamakan Wüste.

RTL hatte bereits Videos und Berichte veröffentlicht, nach denen die chinesischen Behörden in verschiedenen Lagern medizinische Experimente, mit dem Ziel der Impfstoffentwicklung gegen Cov Sars 2, auch zwangsweise durchführen ließen. In welchen Lagern das genau geschehen ist, wurde bisher nicht veröffentlicht, es muss aber die Region um die Hauptstadt Urumtschi gewesen sein. Viele dieser Berichte sind glaubwürdig und mit Videoaufnahmen unterlegt.

Über das Lager Yingyer (Yingyercun) ist noch wenig bekannt. Ob dort auch Menschenversuche stattfinden, wie in Lagern rund um die Hauptstadt Xinjiangs, Urumtschi, ist unbekannt. Das Lager wurde in der Agentengeschichte ausgewählt, weil es gut dokumentiert, besonders scharf überwacht wird und auf einem ehemaligen Militärgelände liegt. Das sind dramaturgisch interessante Eigenschaften für eine Agentengeschichte.

Auch wenn das Experimentieren mit Nanobots, an Gefangenen Uiguren, Fiktion ist, ist es dennoch nicht weit hergeholt. Die Lager werden genau wie die Nanobots in der Geschichte zum Zweck der Gehirnwäsche und Schwächung der Inhaftierten genutzt. Überwiegendes Instrument ist die Kontrolle. Den Inhaftierten Uiguren wird vermittelt, dass die chinesischen Behörden bis in den kleinsten Winkel ihres Privatlebens schauen können. Genau so ist das Lager Yingyer auch konzipiert (Totalüberwachung). Es wird immer wieder berichtet, dass die Inhaftierten danach bereits traumatisiert sind und dann zusätzlich noch Überwachungstechnologie mit sich tragen müssen. Beispielsweise Überwachungs-Apps, die gegen den Willen der Betroffenen auf deren Handys installiert werden. Überwachungs- und Manipulationstechniken, die in den Körper der Betroffenen eindringen, sind aber bisher nicht dokumentiert.

Dennoch sind sie möglich und bei entsprechendem Entwicklungsstand, muss man davon ausgehen, dass die chinesischen Behörden solche Instrumente auch ohne weiteres gegen die Uiguren einsetzen würden.

Fazit:

Es handelt sich hier lediglich um eine partielle Fiktion vor dem Hintergrund eines futuristischen und zugleich zutiefst unmenschlichen, realen Überwachungs- und Manipulationsapparates der Chinesen. Konzentrationslager, wie zu Maos Zeiten, treffen hier auf moderne chinesische Gehirnwäsche mit den Methoden der Folter, der Traumatisierung und moderner Informationstechnologie, vermutlich bald auch der Biotechnologie. Eben doch eher beklemmend real, als entspannend fiktional.

Demonstrationsgesetze in Großbritannien und Europa

Auf ihrer Fahrt zum Flughafen Heathrow wird das Taxi von Mark und Tia Nam von einer Demonstration aufgehalten. Hier wird gegen die Einschränkungen des Demonstrationsrechtes protestiert. Es geht um ein neues britisches Demonstrationsgesetz, das in der Tat einen „zunehmenden Hang zum Autoritarismus“ der britischen Regierung nahelegt, wie es in einer Unterhaus-Debatte kürzlich von der Opposition ausgedrückt wurde.  Auch friedliche Demonstrationen dürfen künftig aufgelöst werden, wenn sie die „Öffentlichkeit einschüchtern“ könnten oder ein „allgemeines Missbehagen“ auslösen.

Auch in Frankreich gibt es deutliche Verschärfungen des Demonstrationsrechtes seit Anfang 2020 mit einer „quasi Ermächtigung des zuständigen Polizeipräfekten“, Demonstranten von vornherein von der Demonstration auszuschließen. Eine Reihe anderer Gesetze stärkt die Rolle der Polizei, die ohnehin in Frankreich als ausgesprochen gewaltbereit bei Demonstrationen gilt.

In Griechenland gab es in 2020 ebenfalls Verschärfungen des Demonstrationsrechtes, die zu massiven Protesten in der Bevölkerung geführt haben und in Spanien gibt es bereits seit 2015 ein Demonstrationsrecht, nach dem im Prinzip jede Demonstration kriminalisiert werden  und aufgelöst werden kann. Teilnehmer erwarten dann hohe Strafen.  In den Niederlanden ist die Polizei in 2020 durch massive Restriktionen gegen friedliche Demonstrationen im Rahmen der Pandemie aufgefallen. In Deutschland ist das Demonstrationsrecht seit der Föderalismusreform 2006 von den Ländern geregelt. In Bayern wurde ein besonders restriktives Versammlungsgesetz beschlossen, das eine komplette Aufzeichnung von Demonstrationen durch die Polizei erlaubt, auch wenn es keinen Anlass dafür gibt. Veranstalter werden zu detaillierten Informationen über die Demonstration und ihre Teilnehmer gegenüber den Behörden verpflichtet. Dieses Demonstrationsgesetz wurde nach einer Verfassungsbeschwerde etwas nachgebessert, ist aber in seinen Grundzügen das schärfste und restriktivste Demonstrationsgesetz, das es in Deutschland gibt.

Fazit:

Angesichts der Niederschlagung der Demokratiebewegung in Hongkong durch China, die in Europa heftig kritisiert wurde, verwundert der autoritäre Kurs vieler europäischer Regierungen vor und während der Pandemie. Es ist, als sei der chinesische Geist in Europa eingezogen und  europäische Regierungen hätten jetzt die „Segnungen des Autoritarismus“ für sich entdeckt. Das gilt von Griechenland über Spanien und Frankreich bis Großbritannien, einschließlich der Niederlande, wenn man nur West- und Südeuropa betrachtet. In Osteuropa sieht es teilweise noch schlimmer aus.

Es wäre übertrieben, zu behaupten, dass das „chinesische Virus“ diese Entwicklung gegen die Demokratie verursacht hat. Das spanische Demonstrationsgesetz ist bereits von 2015, das Bayerische sogar von 2008. Aber das „chinesische Virus“ und die dadurch ausgelöste, weltweite Pandemie haben die Einschränkungen von demokratischen Regeln und Rechten, auch dem Demonstrationsrecht, seitens der Regierungen in Europa, ganz deutlich befördert. Die Beunruhigung, die Mark Brand und Tia Nam spüren, ist also durchaus berechtigt. Der Geist der chinesischen Diktatur zieht in Europa ein!

Kapitel 6

Nachdem der Agent und die junge Wissenschaftlerin in London-Heathrow das Flugzeug nach Hongkong bestiegen haben, schweigen sie lange. Sie sind mit ihren echten Pässen unterwegs, aber Brand hat darauf geachtet, dass sie einen billigen Flug, wie die meisten Touristen, nehmen. Beide sind in Jeans und Sportjacken unterwegs. Nur das fehlende Gepäck könnte auffallen. Wegen der beabsichtigten Flugänderungen will Brand schnell und flexibel bleiben. Da muss dann ein Kabinen-Trolley reichen. Seine Waffe kann er ohnehin nicht mitnehmen. Er wird sich in Almaty neu ausstatten müssen.

In Amsterdam-Shiphol setzt der Airbus etwas hart auf. Brand grinst und denkt an seine eigene Fliegerzeit. Es hat ihn gefreut, John Miles wiederzusehen.

Der Flug nach Doha mit Qatar Airways ist schon wesentlich komfortabler. Die Gesellschaft setzt die große Boeing 777 auf der Strecke ein, mit 550 Sitzplätzen. Tia Nam ist froh, dass sie sich während des sechsstündigen Fluges in den Gängen bewegen kann. Brand sitzt währenddessen an seinem Convertible und studiert Satelliten-Karten von Xinjiang. Er sucht nach anderen Lagern, die in einer australischen Studie identifiziert wurden und möglicherweise für ihn leichter zugänglich sind. Beispielsweise in Yining und der Hauptstadt Urumtschi, wo es auch eine Reihe von Lagern geben soll. Immerhin sind es über 380 Konzentrationslager, die von den Australiern gezählt wurden, viele davon liegen am Rande der Taklamakan-Wüste.

Allerdings wären die Chinesen nicht so dumm, Experimente mit so großer Tragweite in einem Lager durchzuführen, aus dem die Insassen entkommen können. Also muss das so genannte Re-Education-Camp, ein euphemistischer Ausdruck für Gehirnwäsche-Camp, tatsächlich so aussehen, wie das in Yingyer, dessen Koordinaten Moneycent ihm gegeben hatte.

Brand hat längst den Entschluss gefasst, mindestens einen Lagerinsassen, der mit einem Drug-Transporter infiziert ist, nach London zu schaffen und dort, genau wie Bruce, untersuchen zu lassen. Wenn bei ihm auch die Nanobots nachgewiesen werden, hat der MI6 zwei nachgewiesene Fälle, einen im äußersten Osten und einen an der westlichen Grenze des Riesenreiches. Die lokale Gliederung Chinas würde dann nahelegen, dass dieses Programm zentral angeordnet wurde. Der Verbrecher wäre dann nicht Wu in Hongkong, der ganz sicher ein Verbrecher anderer Art ist und nicht irgendein Geheimdienstchef in Xinjiang, sondern zwangsläufig der chinesische Präsident selbst. Nicht weniger als das, will Marcus Brand herausfinden.

Der Agent ist sich bewusst, dass die Chinesen ahnen, worum es dem britischen Secret-Service geht. Sie haben Brand längst auf dem Plan, was die Morde in London zumindest nahelegen. 00Y ist sich auch sicher, dass er es mit dem militärischen Arm des Geheimdienstes, der Abteilung für strategische Kampfführung, zu tun hat. Er kennt die chinesische Geheimpolizei, die in China sehr effizient gegen die eigene Bevölkerung vorgeht, aber im Ausland nichts auf die Reihe bekommt. Das ist nun die Aufgabe der vierten Brigade oder genauer gesagt, eines Teils dieser Einheit, die ihr Hauptquartier nördlich von Peking am Fuß des Yang-Gebirges hat. Jedenfalls waren die Morde in London nahezu perfekt ausgeführt und nur durch den Trick mit dem Krankenwagen konnte Brand drei dieser Agenten erwischen. Leider nicht lebendig.

Wie auch immer. Die Chinesen warten auf Brand und er wird sie nicht enttäuschen.

Er wendet sich an seine Begleiterin, die sich bei ihm angelehnt hat und etwas gedankenverloren, auf die bergigen Satellitenbilder schaut, welche Brand vor sich hat.

„Glaubst Du, dass man funktionsfähige Naniten mit einem Impfstoff injizieren kann“?

Sie nickt. „Ich vermute sogar, dass man sie im Impfstoff gar nicht spezifisch nachweisen kann, sie gehen bei der Analyse als leichte Verunreinigung mit DNA durch.“

Brand hebt die Augenbrauen und signalisiert Aufmerksamkeit.

„Vermutlich lassen sie sich erst nachweisen, wenn sie in die Blutbahn der Betroffenen geraten sind.“

„Es nützt also nichts die kontaminierten Impfstoffe aufzutreiben“, fragt er.

„Nein, man braucht das Blut der Infizierten. Allerdings nützt eine Blutprobe wohl auch nichts. Man braucht den Infizierten selbst, dem man diverse Male Blut abnehmen muss.“

Brand bedankt sich und lehnt sich lächelnd zurück. Er hatte also richtig gelegen. Er braucht den einen Infizierten und zwar in England im Labor und vor allem lebendig!

Brand checkt seine Nachrichten und findet eine von Chief, die stark verschlüsselt ist. Er liest sie mit einem von Z geschriebenen Programm auf seinem Blackberry aus.

Haben 00M überprüft, sie ist sauber, aber ihr Phone ist komplett verwanzt, so dass Z es entsorgen musste. Vorteil: Er konnte vorher die Autoren einiger Spionageprogramme eingrenzen. Es ist eine chinesische Firma, die mit dem Militär zusammenarbeitet. Sie heißt CETC (China Electronics Technology Group Corporation) und operiert auch in Xinjiang. Offensichtlich hat Huawei jede Menge Hintertüren für Spyware in seinem Betriebssystem. Hatte 00M schon davor gewarnt, aber sie wollte es angeblich nur privat nutzen. Das hat sie aber nicht eingehalten. Tut ihr sehr leid, 00Y!

Tia Nam spielt mit ihrem Handy, um sich von ihrer Müdigkeit abzulenken. Brand schaut ihr kurz zu. „Noch ein Smartphone von Huawei“,  murmelt er.

Charmant und etwas zu liebevoll, lächelt er sie an. Sie lächelt erfreut zurück. „Meine Liebe“ zwitschert er ihr ins Ohr, „hättest Du etwas dagegen, Dein Smartphone hier zurückzulassen?“

„Hier im Flugzeug?“

„Ja“, antwortet Brand, „aber nimm Deine SIM und alle Speicherkarten heraus und lösche die persönlichen Daten. Schaffst Du das in einer halben Stunde? Dann landen wir nämlich.“

„Aber warum“, gibt ihm die temperamentvolle, dunkelhaarige Frau zurück. Sie ist verärgert.

„Wir wollen möglichst unentdeckt nach Almaty. Da ist Huawei wirklich kein guter Begleiter. In Doha spendiere ich Dir ein neues Phone“,  beschwichtigt er sie.

Neues Phone, hört Tia Nam gern und antwortet lächelnd: „Aber auch wirklich!“

Kurz vor der Landung nimmt Brand ihr Phone, das soeben einen Hard-Reset erlitten hat und wischt es mit einem feuchten Brillentuch gründlich ab. Beim Austeigen entsteht ein unruhiges Getümmel im Flugzeug. Brand steckt das Handy ein paar Reihen weiter vorn zwischen die Sitze.

„Es war ganz neu“, stöhnt Tia Nam. „Vielleicht freut sich ja jemand anderes über das Phone“, tröstet sie sich dann selbst“.

Brand nickt. „Vielleicht der Reinigungs-Service.“

Im Hamad International Airport Doha gibt es einen Samsung Shop. Tia Nam sucht sich ein neues Samsung S21 in der Farbe „Pink“ aus, das dort knapp eintausend Dollar kostet. Brand zahlt in bar, während die kleine Chinesin frech durch den Laden lächelt.

„Komm“, sagt er, „der Flug nach Istanbul wartet nicht“.

Von Istanbul fliegen beide direkt nach Almaty. Die Fluggesellschaft heißt Pegasus-Airline, nach dem geflügelten Pferd von Bellerophon, dem Held der griechischen Mythologie, der fliegend die Chimäre, ein hochgefährliches Mischwesen,  besiegen konnte. Ein trefflicher Vergleich, wie 00Y findet. Denn wie eine Chimäre erscheint ihm im Augenblick auch China, das sich als fruchtbar und gewinnbringend wie eine Ziege darstellt, dabei die Dominanz eines Löwen ausübt und schließlich tödlich sein kann, wie eine Schlange oder ein Drache. Wie Bellerophon hätte Brand gern ein geflügeltes Pferd zur Verfügung. „Man wird sehen, was Grigori für mich tun kann“, denkt er lächelnd.

Fortsetzung folgt

Hintergrund – Fiktion und Realität

Huawei

Der größte weltweite Anbieter von Kommunikationselektronik, der kürzlich den koreanischen Konzern Samsung von Platz eins gestoßen hat, ist zwar in Privatbesitz der Familie Ren, aber hochgradig abhängig vom chinesischen Staat. Die Geräte, insbesondere Smartphones, kommen leider mit einem Betriebssystem auf den internationalen Markt, das hochgradig anfällig für Manipulationen ist. Es gibt auch Behauptungen, dass hier absichtlich Hintertüren für die Geheimdienste eingebaut wurden. Dies ist der Grund, warum Kommunikationselektronik von Huawei auf dem amerikanischen Markt nicht mehr verkauft werden darf, wohl aber auf dem europäischen Markt, einschließlich Großbritannien. Das ist bei der Generation der 5G-Geräte durchaus sicherheitsrelevant, weil diese auch für diverse Steuerungssysteme eingesetzt werden können.

Die Frage, ob China hier Vorgaben gemacht hat, wird vom Unternehmen konsequent verneint. Es bessert allerdings auch nicht nach, was durchaus verdächtig ist, das Huawei-Geräte für Spionageaktivitäten auf einer sehr breiten Ebene eingesetzt werden sollen oder vielleicht schon werden.

Ob ein 5G Gerät von Samsung wirklich sicherer ist, können wohl nur Experten beurteilen.

Das Unternehmen CETC ist ein Softwareanbieter, der eng mit dem chinesischen Militär kooperiert und hier bereits in Deutschland Schlagzeilen machte, weil Siemens in Xinjiang für CETC Fertigungslösungen entwickelt, die letztlich auch militärische Relevanz bekommen können, obwohl Siemens das verneint. CETC hat außerdem Überwachungsprogramme entwickelt, die auch gegen die Uiguren in Xinjiang eingesetzt werden.

Bellerophon tötet die Chimäre

Die Chimäre ist ein griechisches Fabelwesen, das eine Mischung aus Löwe, Ziege und Schlange oder Drache darstellt. Der Held Bellerophon besiegt dieses Wesen mit Hilfe eines anderen Mischwesens, dem geflügelten Pferd Pegasus. Auf einer Lanze wirft er der Chimäre einen Klumpen Blei in das Maul, das dort schmilzt und an dem das Wesen letztlich erstickt.

Brand kommt die Chimäre wie ein Gleichnis für China vor. Man kann den chinesischen Soft-Imperialismus von verschiedenen Seiten betrachten. Als dominant (Löwe), furchtbar und gewinnbringend (Ziege) und als tödlich (Drache, Schlange). Wenn man sich auf einen Kopf konzentriert, versteht man diese Chimäre nicht und kann auch nicht mit ihr umgehen. Im schlimmsten Falle wird man dann zum nächsten Kopf weitergereicht. Erst kommt die Ziege, dann der dominante Löwe und schließlich der tödliche Drache, als Verhängnis. Bellerophon hat die Chimäre daher logischerweise am tödlichsten Kopf, dem Drachen angegriffen so wie Brand sich der gefährlichsten Seite Chinas zuwendet. Am Ende entscheidet die Beweglichkeit der Kämpfer über Sieg und Niederlage. Eben diese Beweglichkeit erhielt Bellerophon durch Pegasus, während Brand sie in der Geschichte durch Grigori erhalten will. Das macht Sinn, wenn man einen so unberechenbaren Gegner wie China hat.

Kapitel 7

In Almaty wartet ein Fahrer auf die beiden „Touristen“ und bringt sie über Umwege aus der Stadt heraus. An der Einfahrt zu Grigoris Datsche steigt der Fahrer aus und spricht mit dem Sicherheitsdienst, der dort postiert ist. Die beiden müssen aussteigen und werden durchsucht, auch ihr Gepäck. „Grigori scheint immer noch viele Feinde zu haben“, denkt Brand und lächelt Tia Nam aufmunternd zu. Ihr gefällt diese Eingangskontrolle überhaupt nicht.

Brands „Joker“ in Kasachstan, der sich Grigori nennt, ist für den Agenten allerdings reines Gold wert, denn ohne diesen Regierungsbeamten geht in Kasachstan für ihn nichts. Er leitet die wichtigste Abteilung im Innenministerium, der auch die regionale Schutzpolizei untersteht, aber nicht der Grenzschutz und die sogenannte Fremdenpolizei, die direkt dem KNB, dem nationalen Sicherheitskomitee unterstehen, welches auch für Terrorabwehr zuständig ist. Das KNB ist eigentlich die Nachfolgeorganisation des KGB. Diese wird von dem ehemaligen Premierminister, Massarow, geleitet, zu dem Grigori, als ehemaliger Geheimdienstler, ausgezeichnete Verbindungen hat. Die KGB-Vergangenheit des Regierungsbeamten, der nicht unwesentliche Anteile am kasachischen Uranförderer, Kazatoprom, besitzt, ist der eigentliche Grund für die Verbundenheit der beiden Agenten.

Brand hatte Grigori vor mehr als zwanzig Jahren die entscheidenden Hinweise auf ein Bande von Uran-Schmugglern gegeben und ihm so ermöglicht, die Mafia, die international gut vernetzt war, fast komplett auszuheben und zu zerschlagen. Das hatte Grigori zu seiner eigentlichen Karriere in der Regierung verholfen und ihm seine Position in Almaty eingebracht. Schließlich konnte er sich, dank seiner Insiderkenntnisse noch einige Anteile bei Kazatoprom sichern. Grigori ist heute ein gemachter Mann, dank seines britischen Kollegen, Marc Brand. Eine gewisse Freundschaft ist seitdem zwischen ihnen entstanden.

Die Datsche Grigoris ist, in kitschiger Art, einem englischen Landschloss nachempfunden. Das Grundstück ist zehn bis fünfzehn Hektar groß, schätzt Brand und komplett von einer vier Meter hohen Mauer umgeben. Die Überwachung ist perfekt, ohne tote Winkel und wird durch mehrere Dutzend bewaffneter Sicherheitsleute ergänzt.

Daneben wirkt das Leben der Familie fast normal. Der Empfang ist herzlich und Grigoris Frau, eine freundliche, runde Kasachin mit mongolischen Gesichtszügen, bietet den Gästen einen Imbiss an. Sie lässt es sich nicht nehmen, Brand und seine Begleiterin auf ihre Zimmer zu führen und legt für Tia Nam selbst ein paar neue Handtücher ins Bad. Endlich kann sie ihre ersehnte Dusche nehmen und dann ein paar Stunden schlafen. Das Abendessen findet heute erst später statt, weil Grigori noch Termine hat. Marc hat versprochen, sie rechtzeitig abzuholen, um sich dann in sein Zimmer zu begeben.

Marc Brand ist inzwischen älter geworden und er sehnt sich nach Ruhe. Mehr als vierundzwanzig Stunden waren die beiden unterwegs, aber nun ist sich der Agent wenigstens sicher, dass niemand seinen Aufenthaltsort so schnell ermitteln kann. Die Strapazen haben sich also höchstwahrscheinlich gelohnt. Er nimmt seine Kleidung aus dem kleinen Koffer und zaubert sogar einen ordentlich gelegten Anzug daraus hervor. Nur seine Ausrüstung fehlt  ihm.

Lediglich seine Uhr hat er dabei, die ein paar kleine Extras aufweist. Das wichtigste Feature ist ein eingebautes Miniradar, das auf offenem Gelände, im Umkreis von einem Kilometer, so gut wie alle bewegten Objekte ab einem „Foot“ Größe orten kann, also auch Drohnen und kleinere Roboter. Ein Notsender und das Geheimfach für einen Mikrochip sind obligatorisch dabei. Von außen sieht die Uhr billig aus, worauf Brand großen Wert legt. Ihm sind wiederholt Uhren von Rolex und Omega abhandengekommen.  Er trägt also nur noch eine Uhr, die nicht auffällt. Nicht auffallen ist überhaupt zu einer Strategie des Agenten geworden, die leider in London nicht so gut funktioniert hat.

Als Brand ein paar Stunden später an Tia Nams Zimmertür klopft, öffnet ihm eine chinesische Prinzessin. Sie hat sich nicht nur geduscht und erholt, sondern auch außergewöhnlich schön gemacht. Sie trägt ein rotes Cocktail-Kleid mit goldenen Streifen und duftet nach echten Rosenblüten. Auch diese Qualitäten der jungen Wissenschaftlerin sind evident. Brand macht ihr ein kurzes Kompliment, doch seine Begleiterin weiß, dass dahinter mehr Bewunderung steht, als der ältere Agent zeigen will. Auf ihrem glänzenden Gesicht erscheint ein selbstbewusstes Lächeln.

Das Wiedersehen mit Grigori ist übertrieben herzlich. Solange seine Familie dabei ist, wird nur über England, Sport und die leuchtende Zukunft von Kasachstan gesprochen. Später dann sind sie unter vier Augen und trinken einen guten Cognac.

„Du bist älter geworden“, erwähnt Grigori ohne Häme. „Du aber auch“ erwidert 00Y lächelnd.

Grigori räuspert sich. „Willst Du Dich so kurz vor der Rente tatsächlich mit den Chinesen anlegen, Marc?“

„Ist schließlich mein Job“, antwortet ihm Brand nüchtern.

„Aber Du könntest besser leben, wenn Du wolltest“, sagt ihm sein alter Bekannter in einem vielversprechenden Tonfall.

„Oh ja“, antwortete der Agent spontan, „viel besser. Mit einem eigenen Zuhause, einer Frau, vielleicht ein paar Jagdhunde. Ich kann mir tatsächlich ein anderes Leben vorstellen, mein Freund“!

Das Gesicht des Regierungsbeamten wird plötzlich ernst. „Warum also die gottverdammten Chinesen“, fragt er in einem rauen Ton.

Brand schweigt eine Weile und denkt nach.

„Nach meinen bisherigen Informationen haben sie eine Grenze überschritten, die kein Land der Welt überschreiten darf. Sie greifen die gesamte Welt an“, antwortet der Agent bedächtig.

„Du meinst das chinesische Virus?“

„…und das was nach ihm kommt“, ergänzt Brand.

Grigori lehnt sich zurück und schließt die Augen. Er weiß zu genau, was der britische Agent andeutet und legt seine Zigarre beiseite, die ihm gerade nicht schmeckt.

„Glaub mir oder nicht“, eröffnet er etwas großspurig, „ich bin ein Patriot. China greift mein Land ständig an. Wir hatten hier sogar spontane Großdemonstrationen wegen der Chinesen. Die Kasachen demonstrieren eigentlich nicht. Nur es gibt dieses allgemeine Gefühl der feindlichen Übernahme. Du weißt schon, dieses Seidenstraßen-Projekt. Die Chinesen kommen, kaufen und sperren uns von ihren Projekten aus. Niemand weiß, wie viele Chinesen inzwischen hier sind. Öl, Gas, Straßenbau, Infrastruktur. Der Präsident lässt sie machen und hofft, dass für Kasachstan etwas dabei abfällt, aber er verhandelt nicht gut. Er und seine Leute lassen sich lieber schmieren. Du kennst das ja, Marc.“

Brand nickt.

„Das Virus“, fragt Brand.

„Sterben hier viele Leute dran“, entgegnet Grigori und sein ohnehin leicht gerötetes Gesicht scheint anzuschwellen, „die Chinesen sind so frech, zu behaupten, die schweren Lungenentzündungen, die wir haben, kämen von Kasachstan nach China und nicht umgekehrt. Sie sprechen von der kasachischen Pneumonie. Wir haben die Sterbenden durch internationale Wissenschaftler untersuchen lassen. Es ist eindeutig das chinesische Virus. Sie wollen nur verhindern, dass wir die Grenze für sie dicht machen.“

„…und“, fragt Brand aufmerksam.

„Wir machen nicht dicht, weder der Präsident noch der Premier und die  Minister, auch nicht der Innenminister, sind dazu bereit. Mit ihren Einkünften hängen sie am Tropf der Chinesen. Ich habe neulich mit Massarow darüber gesprochen, der, genau wie ich, dicht machen will. Er ist entsetzt, wie pekinghörig die Regierung geworden ist“.

Brand runzelt die Stirn.

„Wir sind eine leichte Beute Pekings“, ergänzt Grigori.

„Wirst Du mir helfen“, fragt Brand unvermittelt und schaut seinen ehemaligen Kollegen vom KGB scharf an.

Grigori versucht diesen Blick zu vermeiden. Dann wendet er sich Brand zu.

„Ich werde Dir helfen, Mark, was hast Du vor und was brauchst Du“?

In diesem Augenblick kommt Alexandra, die Frau von Grigori mit Tia Nam in den Raum. Hinter ihnen ein Butler, der einen großen Samowar auf einem Servierwagen an den Tisch schiebt.

„Trinken wir Tee“, grinst Alexandra „und lernen uns besser kennen“.

Grigoris Gesicht hellt sich auf. Er hat es nicht so eilig, das ernste Gespräch mit dem britischen Secret-Service fortzusetzen.

Als Brand am nächsten Morgen recht früh sein Fenster öffnet, blickt er direkt nach Süden auf das Tian Shan Gebirge, das größtenteils in Kirgistan liegt. Der eisbedeckte fast fünftausend Meter hohe „Pik-Talgar“ ragt als höchster Berg vor ihm auf und liegt gerade noch in Kasachstan. Die kirgisische Grenze ist nur dreißig Kilometer von hier entfernt und bis nach China sind es rund dreihundert Kilometer. Die Berge sind die Begleiter auf dem Weg ins Reich der Mitte.

Grigori wartet mit dem Frühstück auf ihn und die beiden Männer genehmigen sich schon einen Kaffee, während die Frauen noch schlafen oder unter der Dusche stehen.

Brand gießt sich einen Kaffee ein.

„Ich brauche zuverlässige Kontakte in Xinjiang. Die Leute sollten militärisch geschult sein und sich in der Taklamakan Region auskennen. Ich denke an uigurische Widerstandkämpfer.“

„Wofür“, fragt Grigori.

„Vielleicht ist es nicht notwendig und ich komme leichter an mein Ziel“, antwortet Brand etwas nachdenklich, „notfalls aber muss ich eines dieser Lager angreifen. Vermutlich Yingyer in der südlichen Taklamakan-Wüste.“

„Ich kümmere mich“, antwortet Grigori in einem sachlichen Tonfall, der Brands Vertrauen hat. Dann wird sein Gesicht ernst.

„Wenn etwas nicht so läuft, wie es soll…“, er spricht nicht weiter.

Brand hat verstanden und nickt, „Versteht sich.“

Grigori lächelt wieder.

„Schaut Euch heute einfach in Almaty um. Nehmt meinen Wagen“.

Dann steigt der Beamte in seinen Dienstwagen mit Chauffeur und fährt ab.

Fortsetzung folgt

Hintergrund – Fiktion und Realität

Die Kasachische Pneumonie

China hat im Sommer 2020 auf schwer verlaufende Pneumonien in Kasachstan hingewiesen und in Abrede gestellt, dass diese im Zusammenhang mit der Covid 19 Erkrankung stünden, welche sich von China (Wuhan) wohl durch kasachische Gaststudenten nach Kasachstan ausgebreitet hatte. Hintergrund ist, dass die zentralasiatischen Länder den Grenzverkehr mit China in der Pandemie schon seit Februar 2020 unterbrochen haben und Kasachstan auch weitere Visaabkommen mit China ausgesetzt hat, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Kurz nach der öffentlichen Warnung vor der kasachischen Pneumonie hat China dann den Grenzverkehr von Kasachstan stark heruntergefahren. Das Manöver diente in erster Linie dazu, das Nachbarland unter Druck zu setzen, Chinesen wieder ungehindert bei sich einreisen zu lassen. Das war dann tatsächlich erfolgreich. Kurz darauf verkündete die kasachische Regierung allgemeine Lockerungen im Grenzverkehr mit China, der seitdem wieder unbeeinträchtigt für die Chinesen läuft. Die kasachische Pneumonie wurde in der überwiegenden Zahl der Fälle als Covid19-Pneumonie identifiziert. Daneben gab es Fälle mit bakterieller Infektion und Pilzinfektionen.

China und Kasachstan (Mongolei)

Offiziell gibt es zwischen China und Kasachstan eine Reihe von Freundschaftsverträgen, Öffnungsabkommen und eine vereinbarte Kooperation über das Seidenstraßen-Projekt Chinas.

Inoffiziell folgt die Bevölkerung der Regierung nur sehr widerwillig bei der kasachisch-chinesischen Kooperation. Der Vorwurf, die Chinesen würden keine neuen Arbeitsplätze bringen und mit ihren Projekten Chinesen ins Land holen, die dort exklusiv arbeiten, führte bereits zu heftigen Demonstrationen in Almaty, der kulturellen Hauptstadt des Landes.

Die Vorwürfe liegen auf der Hand. China schmiert Kasachstans korruptes politisches System und bekommt dafür Gesetze, die es den Chinesen ermöglichen, im großen Stil Land zu kaufen, kasachische Rohstoffe auszubeuten und eine eigene Infrastruktur in Kasachstan aufzubauen. Damit untergräbt China gezielt die Autonomie des jungen Landes.

Die Kasachen schätzen, dass sich die chinesische Bevölkerung, die sich im Land ansiedelt und bei chinesischen Unternehmen arbeitet, alle drei Jahre verdoppelt. Für ein achtzehn Millionen Volk wie die Kasachen ist das schon ein Alarmsignal, dass sie bald nicht mehr Herr im eigenen Land sind.

Argwöhnisch blicken die Kasachen in die angrenzende chinesische Xinjiang Region und erwarten, dass die dortige Siedlungspolitik, bei der Peking den Bevölkerungsanteil der Uiguren von siebzig auf vierzig Prozent zu Gunsten der Han-Chinesen reduzieren konnte, sich auch nach Kasachstan ausdehnen wird. Irgendwann werden die Chinesen, dann auch militärischen Einfluss auf das Nachbarland nehmen, um den chinesischen Bevölkerungsanteil in Kasachstan zu „schützen“, wie man es von Russland bereits kennt. In einem Filmbeitrag von Arte, wird diese Vorgehensweise Chinas auch als Soft-Imperialismus bezeichnet.

Wenn Kasachstan, das gerade dreißig Jahre unabhängig ist, erst eine faktische, chinesische Provinz geworden ist, was sich durchaus anbahnt, hat China das sechstgrößte Land der Erde gekapert. Sein Einfluss reicht dann vom Pazifik bis an das Kaspische Meer und fast bis an die Wolga, also bis nach Europa. Damit ist China mit der Wirtschaftskraft von mehr als einer Milliarde Menschen, die bestimmende Nation auf dem eurasischen Kontinent. Zusammen mit der Mongolei, die sich in noch stärkerer chinesischer Abhängigkeit befindet, als Kasachstan, entsteht so ein Reich, das sich den Ausmaßen von Russland annähert, welches bekanntlich das größte Land der Erde ist. Dies nur mit Unterschied, dass eine stark wachsende Bevölkerung von über einer Milliarde Menschen dann an ein dünn besiedeltes Land mit nur einhundertvierzig Millionen Menschen grenzt. In Moskau wird schon gewitzelt, dass man im Osten Russlands mehr Chinesen als Russen antrifft.

Es steht ganz außer Frage, dass China sich anschickt, ein neues Weltreich zu werden und dafür alle Mittel nutzt, die ihm möglich sind. Die Provinz Xinjiang, mit einer Fläche von England, Frankreich und Deutschland zusammen, die an Kasachstan grenzt, ist derzeit die chinesische Schlüsselregion für diese Expansion. Damit die einheimische Bevölkerung der Uiguren keine Probleme mehr macht, hat Peking diese riesige Fläche mit Konzentrationslagern überzogen, in denen aus Uiguren Chinesen geformt werden sollen. Auch außerhalb der Konzentrationslager wurde ein Überwachungssystem installiert, das es bisher in keiner Diktatur der Welt gab. Überall finden sich stark bewaffnete Polizisten und Kameras. Die Bevölkerung wird gezwungen Spionage-Apps auf ihren Handys zu haben, was auch kontrolliert wird und die gesamte Bevölkerung wird seit Jahren mit DNA-Tests, einschließlich Fingerabdrücken und Iris-Analysen erfasst. Es ist durchaus nicht übertrieben, die ganze Provinz als ein großes chinesisches Lager zu bezeichnen.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Chinesen in Kasachstan genauso verfahren würden, wenn sie die Möglichkeit bekämen. In der „Inneren Mongolei“, die zu China gehört, gibt es ähnliche, wenn auch nicht so radikale, Repressionen gegen die mongolische Bevölkerung und die Mongolei selbst hängt am wirtschaftlichen Tropf der Chinesen.

Widerstand der Uiguren und Terroranschläge

Seit den neunziger Jahren sind Terroranschläge der Uiguren in China bekannt. Allerdings mit wenigen Opfern und eher selten. So wurden erst seit 1997 uigurische Anschläge mit Sicherheit zugeordnet und der Schwerpunkt der Terroranschläge lag in den Jahren 2013 und 2014, wo es zu erheblichen Spannungen zwischen den Uiguren und den chinesischen Behörden kam. Die meisten Opfer in diesen Jahren waren Uiguren selbst und ein Teil der Ereignisse, insbesondere im Jahr 2014 waren spontane Volksaufstände in Xinjiang, die auf die chinesische Religionsunterdrückung zurückzuführen waren.

Peking spricht seit dem Anschlag auf das World-Trade-Center in New York, von einer muslimischen Terrororganisation der Uiguren, die eng mit Al Qaida und den Taliban in Afghanistan zusammenarbeiten und von dort unterstützt würde. Diese Organisation soll ETIM heißen und für eine Abspaltung der Provinz von China kämpfen. Allerdings ist ETIM in dieser Form nie an die Öffentlichkeit getreten. Es gibt lediglich eine verbotene islamische Partei in Xinjiang, die solche Forderungen erhebt, aber nicht als Terrororganisation auftritt.

Fakt ist aber auch, dass einige hundert Uiguren zusammen mit dem IS im vorderen Orient gekämpft haben und in Afghanistan Ausbildungslager der Taliban besucht haben. Einige dieser Kämpfer wurden von westlichen Medien interviewt und berichteten, dass sie nicht für einen Gottesstaat in Xinjiang kämpfen würden, sondern lediglich aus China geflohen seien.

Die Wahrheit liegt vermutlich in der Mitte. Viele Experten für die Region gehen davon aus, dass China die Terrorgefahr durch die Uiguren dafür benutzt, den betriebenen kulturellen und religiösen Genozid in Xinjiang zu rechtfertigen und damit die innere Kolonialisierung, wie es japanische Medien seit Jahren bezeichnen, fortsetzen zu können.

Kapitel 8

Nachdem Marc und Tia Nam gefrühstückt haben, drängt die Wissenschaftlerin auf eine Erkundungstour. Brand sieht im Augenblick ohnehin keine Möglichkeit weiter zu kommen. Jetzt ist er auf Grigoris Kontakte angewiesen. Er muss ihm etwas Zeit geben. Wenn der Agent in den letzten dreißig Jahren etwas gelernt hat, ist es Geduld. Das fiel ihm allerdings schwer, weil in seinem Inneren ein ungestümer Charakter lauert.

Die beiden holen sich die Autoschlüssel von Grigoris Fahrer und stehen vor einer voll gepanzerten, schwarzen Mercedes G-Klasse. Sie zögern und fühlen sich augenblicklich unwohl.

„Wenn wir den nehmen“, merkt Brand an, „ist uns alle Aufmerksamkeit sicher“.

Tia Nam geht ein paar Schritte und betrachtet ein kleineres Auto, das dahinter im Schatten einer Garage steht. Es ist ein himmelblauer WAS, auch als Lada bekannt. Es handelt sich um ein altes Modell mit Doppelscheinwerfen vorn und viel Chrom an der Limousine. Innen ist es mit hellen und sauberen Sitzen ausgestattet und hat ein durchgehendes Holzfurnier, das die Armaturen einfasst.

„Den nehmen wir“, ruft Tia Nam begeistert und will einsteigen.

„Das geht nicht“ ruft der Fahrer auf russisch, „der Wagen gehört dem Gärtner“.

Der Gärtner, ein gepflegter, älterer Mann, der nicht schlechter aussieht, als die englische Gartenanlage auf dem parkähnlichen Gelände, fühlt sich geschmeichelt. Brand darf den Wagen mieten und verspricht bis zum späten Nachmittag zurück zu sein.

Etwas verwundert sieht er die beiden mit seinem Oldtimer zur Schranke fahren. Dann lächelt er und murmelt: „Ja, das ist ein wirklich sehr guter Wagen“,  denkt noch einmal kurz nach, „für diese Straßen zumindest“. Dann steckt er den Geldschein ein und geht wieder an seine Arbeit.

Es ist ein sonniger Tag in Almaty, wenig Wind und viel Hitze, die von der staubigen Straße in das Fahrzeug aufsteigt. Die beiden haben alle Fenster geöffnet und fahren Richtung Zentrum. An einem Park halten sie schließlich an. Sie entdecken einen Markt, der sich um einen kühlen Platz mit einem Brunnen herum aufbaut. Zahllose Verkaufsstände bieten alles an, was nur denkbar ist. Die Gänge bilden ein chaotisches Gewirr, in dem Brand und seine Begleiterin sich fast verirren. Tia Nam ist die treibende Kraft bei dieser Unternehmung. Schließlich sitzen sie auf einer Bank und essen Schaschlik mit Zwiebeln.

„Ein schöner Tag“, lächelt die Halbchinesin mit der scharf geschnitten Nase und dem leicht betonten Kinn. Sie ist sichtlich erfreut, dass sich ihr professioneller Begleiter von ihr mitreißen lässt. Sie lehnt sich bei ihm an. Marc lächelt und nickt.

„Wie werden wir es angehen“, fragt sie unbefangen.

Brand schaut sie erstaunt an. „Nicht wir“, sagt er, „Du bleibst bei Grigori, wenn ich über die Grenze muss“.

Ihre Augen funkeln leicht. „Du brauchst eine zuverlässige Übersetzerin“, wendet sie leicht empört ein.

„Zu gefährlich“, kommt seine Antwort.

„Lass mich das entscheiden“, erwidert die selbstbewusste Frau energisch.

„Tia Nam“, antwortet der Agent ernst, „Du bist im Augenblick meine einzige Zeugin. Du kennst die Untersuchungen von Godfrey bis ins Detail. Dein Vater war ein wichtiges Bindeglied zum chinesischen Geheimdienst, vielleicht sogar ein inoffizieller Mitarbeiter. Die Hauptspur jedenfalls führt nach Hongkong und Shenzhen. Ich möchte Dich nicht auf einem Seitenweg nach China verlieren, von dem ich nicht einmal weiß, ob er die Untersuchung weiter bringt.“

Tia Nam blickt den Agenten ernüchtert an. So viel Pragmatismus ist für eine Frau mit ihrem Temperament eigentlich zu viel.

„Also gut, Marc“, sagt sie, „wie willst Du es angehen“?

„Ich warte auf Grigori“, antwortet 00Y nüchtern.

 In diesem Augenblick hat Brand das Gefühl, dass die Bank unter ihm nachgibt und eigentümlich schwankt. Ein seltsames Dröhnen erfüllt die Luft. Plötzlich finden sich beide auf der Erde wieder und sehen, wie vor ihnen die Menschen fallen, in die Knie gehen oder straucheln. Ein Verkäufer kämpft gegenüber mit seiner ausgelegten Unterhaltungselektronik, die auf dem Tisch umhertanzt, als sei sie verrückt geworden. Auf dem ganzen Markt schwanken die Verkaufsstände bedrohlich oder fallen in sich zusammen. Ein Geschrei hebt an. Viel zu spät, möchte man meinen, denn in diesem Augenblick ist es schon vorbei.

Die beiden stehen wieder auf und sammeln ihre Sachen zusammen. Alle anderen tun es ihnen anscheinend nach.

„Ein Erdbeben“, ruft der Verkäufer von gegenüber. Er hatte sich wacker geschlagen und nur weniges von seinem Tisch war heruntergefallen.

„Ich schätze Stärke 3-4“, meint Brand, „passiert das häufiger?“

„Ja“, sagt der Verkäufer, „in letzter Zeit nehmen die Beben wieder zu. Vermutlich kommt bald ein Größeres.“

Tia Nam hat sich auch wieder gefangen und zurechtgerückt. „Wie groß“, fragt sie die beiden Männer. Der Verkäufer zuckt mit den Achseln. Beim letzten größeren Erdbeben waren die Flughäfen hier für mehrere Tage außer Betrieb, der Turm und vor allem das Radar waren beschädigt. Die Straßen, Häuser und Brücken hatten Risse. Es gab auch Stromausfälle.

Tia Nam klopfte Brands verstaubte Hose ab, insbesondere das Hinterteil auf das er gefallen war. „Dann war das Erdbeben auch in China“, merkt sie an, „denn die geologische Kante verläuft in West-Ost-Richtung vor den Gebirgszügen“.

Brands Augen leuchten kurz auf.

„Ein Erdbeben“, sagt er, als käme ihm eine tiefgreifende Erkenntnis.

Ein letzter Klaps auf seinen Hintern und der Agent ist wieder sauber. Marcus Brand wirkt plötzlich ungewöhnlich heiter.

Die beiden gehen zum Wagen und bahnen sich ihren Weg durch das kleine Chaos, das das Erdbeben angerichtet hatte. Herabgefallene Werbeplakate auf den Straßen und viele umgefallene Mülltonnen. Ein paar Autos im Straßengraben und sogar orientierungslose Tiere auf der Straße, als sie die Stadt verlassen. „Ein schönes nützliches Chaos“, sagt Brand.

„Schon“, entgegnet seine Gefährtin, „aber Du kannst ein Erdbeben nicht im Kofferraum mitnehmen und es herauslassen, wenn Du es brauchst“.

„Leider“ruft 00Y mit aufrichtigem Bedauern. Beide lachen und lassen sich vom Fahrtwind kühlen, der durch die Seitenscheiben hereinweht.

Auf Grigoris Anwesen angekommen, geben sie den Lada wieder ab und bedanken sich überschwänglich. „Ein wirklich schönes Auto“, sagt Tia Nam zum Gärtner, der nicht weiß, wie ihm geschieht. Verlegen antwortet er. „Wenn Sie es noch einmal mieten wollen, ist das kein Problem“.

Grigori hat einen schönen großen Swimming-Pool an dem sie den Rest dieses, bis auf ein Erdbeben, unbeschwerten Tages genießen. Sie trinken Martini mit Eis und springen gemeinsam in den Pool.

Da sie ungestört sind, zeigt Marc der hübschen Wissenschaftlerin ein paar ungewöhnliche Rettungsgriffe  unter Wasser, die eben nur Geheimagenten kennen. Tia Nam ist beeindruckt und lässt sich gern von 00Y „retten“. Besonders die Atemspende unter Wasser ist beiden sehr wichtig und wird intensiv geübt.

Der Plan

Am Abend sitzen Marc und Grigori zusammen mit den Frauen im Kaminzimmer. Auch Grigoris Frau Alexandra ist eingeweiht. Grigori berichtet, dass von der uigurischen Widerstandbewegung nicht mehr viel übrig sei.

„Wenn es die ETIM in dieser Form, wie die Chinesen das behaupten, als organisierte Kampftruppe, überhaupt gegeben hat, dürfte sie jetzt erledigt sein“, meint Grigori.

Die drei anderen schauen ihn fragend an.

„Das Regime, dass die Regierung in Xinjiang, ich meine die Regionalregierung, errichtet hat, verbreitet Angst und Schrecken. Die Bevölkerung stützt ihre eigene Widerstandsbewegung nicht mehr, auch die islamische Bevölkerung nicht. Genauso haben sie es übrigens in Tibet gemacht. Vor allem dieser Quang, der Parteisekretär, der vorher in Tibet den Widerstand erstickt hat, ist höchst effektiv dabei, ein Überwachungs- und Lagersystem für die Bevölkerung zu errichten. Die haben den Widerstand längst im Griff“.

„Was schlägst Du vor, Grigori“, fragt Brand.

„Ich habe mit ein paar alten Bekannten gesprochen“, antwortet er und nimmt kurz einen Schluck aus seinem Whiskey-Glas, „die haben uns geraten, einen Gefangenen freizukaufen“.

„Freikaufen“, fragt Tia Nam erstaunt.

„Von wem“, fragt Alexandra.

Grigori lächelt. „Das ist der Punkt. Ich kenne zwar den Polizeichef von Urumtschi, aber das nützt überhaupt nichts. Die Versuche an Häftlingen finden vor allem rund um die Taklamakan-Wüste statt, in Lagern, aus denen niemand mehr herauskommt. Wir brauchen also ein Lager, in dem diese Versuche stattfinden und dann müssen wir ein paar Bewacher kaufen“.

Brand runzelt die Stirn. „Besser man stellt vor Ort sicher, dass man dann auch wirklich das Versuchskaninchen bekommt“.

„Sonst kauft man die Katze im Sack“, meint Grigori.

Er nimmt noch einmal einen großen Schluck Whiskey und lächelt verschmitzt.

„Aber wir haben Glück“, verkündet er, „ in der kommenden Woche sollen ein paar Häftlinge von Yingyer in ein Lager bei Kaxgar verlegt werden. Das könnte unsere Chance sein, jemanden herauszubekommen“.

Brands Augen leuchten kurz auf, dann nimmt sein Gesicht wieder einen nüchternen Ausdruck an.

„Wir müssen also selbst tätig werden“, meint er.

„Ja“, antwortet Grigori, „nur wir müssen sicher sein, dass die Fracht auch heiß ist. Wir brauchen ja die Versuchskaninchen“.

„Das wird schwierig“, meint Tia Nam und setzt nach. „Wir könnten Morphin im Urin nachweisen, es gibt einen Schnelltest. Allerdings ist das keine Garantie, dass der Ausscheider auch Nanobots im Körper hat. Es können schließlich ganz andere Substanzen von Drug-Transportern abgegeben werden.“

„Aber bei Bruce hat man Morphin nachgewiesen, also machen sie vermutlich ihre Experimente auch mit Opiaten“, sagt Marc.

„Die Fahrt wird mehr als acht Stunden dauern“, sagt Grigori, „die machen mindestens zweimal eine Pause. Dann sind wir dran“.

„Nicht sicher genug“, meint Brand, „ wir sollten Wächter kaufen, die die Schnelltests vor dem Transport durchführen und dann auch selbst unser Paket nochmal testen, bevor wir es mitnehmen“.

„Das ist gut“, meint Grigori, „ich kümmere mich morgen darum. Für Yingyer habe ich schon einen Kontaktmann, der bei der örtlichen Polizei arbeitet. Er kennt ein paar Wächter und könnte ihnen die Tests geben. Hoffentlich halten die dicht“.

„Eins ist klar“, sagt Brand, „wenn das rauskommt, dann warten die schon auf uns.“

Die anderen schweigen betreten.

Irgendwann sagt Alexandra. „Das alles ist extrem riskant!“

Fortsetzung folgt

Hintergrund –  Fiktion und Realität

System der Angst in Xinjiang

Wenn man eine Person nennen sollte, die außer der Regierung in Peking und dem chinesischen Präsidenten, für die Unterdrückung des Widerstandes in Xinjang verantwortlich ist, müsste vermutlich der Parteisekretär Chen Quanguo genannt werden.

Die Person Quang, die in dem Kapitel erwähnt wird, spielt auf diesen Architekten des Überwachungssystems in der Region an. Chen Quanguo hatte bereits von 2011 bis 2016 die Funktion des Parteisekretärs in Tibet inne und diese fünf Jahre dafür genutzt ein Spitzelsystem gegen die tibetischen Widerstand zu installieren. Ein staatliches Umerziehungsprogramm hat dort, ähnlich, wie jetzt in Xinjang, wo Quangui seit 2016 in gleicher Funktion herrscht, viele Menschen aus ihren Familien herausgenommen und an staatliche „Ausbildungseinrichtungen“ gezwungen, die eine „militärisch-ideologische“ Ausbildung mit beruflichen Aspekten verbinden. Etwa fünf Millionen vorwiegend arme Menschen wurden auf diese Weise umgesiedelt und damit der Boden für den Widerstand gegen die chinesische Besatzung deutlich ausgedünnt.  Nach dem derzeitigen Erkenntnisstand gibt es zwar massive Einschüchterungen der Bevölkerung und Zwangsumsiedlungen in Tibet, aber noch keine Konzentrationslager, wie in Xinjiang.

Chen Quango hat sich also in den letzten Jahren gesteigert und sein Schreckenssystem in der Uiguren-Region noch perfektioniert.

Er ist auch dafür bekannt, innerhalb der eigenen Partei, „Stimmen der Vernunft“, die Masseninhaftierungen für kontraproduktiv halten, wie den verurteilten Parteisekretär, Wang Yongzhi, zum Schweigen zu bringen. Dieser hatte aus einem Lager in Yarkand, mit zwanzigtausend Insassen, für das er selbst verantwortlich war, siebentausend Menschen entlassen, weil er dort Aufstände fürchtete und das Lager und die Region nicht destabilisieren wollte. Chen Quanguo hatte daraufhin dafür gesorgt, dass sein Kollege ins Gefängnis wandert. Entsprechende Dokumente wurden der New York Times zugespielt.

In chinesischen Konzentrationslagern wird, soweit bekannt, gefoltert, aber derzeit noch nicht systematisch getötet. Jedoch das Beispiel um die Verfolgung von Parteifunktionären, die versuchen das „chinesische System gegen die Uiguren“ noch menschlich und vernünftig auszulegen, zeigt, dass die chinesischen KZs vermutlich ähnlichen Mechanismen unterliegen, wie die Konzentrationslager der Nationalsozialisten in den dreißiger Jahren, die unter der Hand von skrupellosen Parteifunktionären, wie Heinrich Himmler, immer unmenschlicher, brutaler und tödlicher wurden. Auf einem ähnlichen Weg scheint sich China mit seiner Lagerpolitik in Xinjiang zu befinden.

Zum Vergleich empfiehlt es sich, Berichte über die Anfangsphase der nationalsozialistischen Konzentrationslager anzusehen. Die Sprache und Argumentation der Verantwortlichen, weist große Ähnlichkeiten mit den heutigen Mustern der Chinesen bei der Rechtfertigung ihrer KZs, auf.

 „Wennst nicht still bist, kummst nach Dachau“ hieß es damals im bayerischen Volksmund, genau die Wirkung, die heute in mit den KZs in Xinjiang bewusst erzielt wird. Die deutschen KZs sollten laut Himmler zum „Schutz und zur allgemeinen Beruhigung“ der Bevölkerung dienen. Ganz ähnlich klingt es in den chinesischen Dokumenten , die die New York Times veröffentlicht hat.

Die deutsche Bevölkerung (wie die chinesische Bevölkerung aktuell) fühlte sich überwiegend nicht unterdrückt und  stützte deshalb das nationalsozialistische System. Hinzu kamen wirtschaftliche Erfolge, die dazu führten, dass es der Bevölkerung in den dreißiger Jahren besser ging, als vorher.  Es gibt also Ähnlichkeiten zwischen dem Nationalsozialismus und dem heutigen China, welche die Welt durchaus beunruhigen dürfen.

Fazit:

Man kann festhalten, dass es Marcus Brand in der Geschichte tatsächlich mit einem Gegner zu tun bekommt, der mit Methoden der Nationalsozialisten arbeitet und schließlich ein vergleichbares Lagersystem etabliert hat. Ein solcher Gegner ist absolut skrupellos und hochgefährlich. Quang ist in Wirklichkeit Chen Quanguo, ein äußerst pedantischer Mann, ein Perfektionist in Sachen Unterdrückung, ein chinesischer „Heinrich Himmler“.

Kapitel 9

Am nächsten Morgen steht Marc etwas später auf. Das Anwesen befindet sich in sonntäglicher Ruhe. Grigori hat keine Termine und man beschließt seine 18-Loch Anlage zu bespielen. Die Golfschläger liegen schon auf dem kleinen Caddy, während man beim Frühstück sitzt.

Zum Unmut aller holt Brand sein Convertible und zeigt seinem Ex-Kollegen mögliche Fluchtwege aus China. Die Frauen üben sich in Geduld und lassen den Agenten sprechen.

Auf dem Bildschirm erkennt man Markierungen, die Brand noch in der Nacht eingegeben hat.

„Es gibt keine schnelle Möglichkeit, von Kaxgar direkt zurück nach Kasachstan zu kommen. Wenn wir unser Paket haben, müssen wir mit ihm entweder über Tadschikistan oder Kirgistan flüchten.“

Grigori nickt.

„Grigori“, wendet sich Marcus an den jüngeren aber deutlich korpulenteren Mann, „wie lange wird es dauern, bis die Chinesen einen Hubschrauber in die Luft bekommen um uns zu suchen?“

„Der nächste Stützpunkt ist Kaxgar-Airport im Norden des Ortes“, antwortet Grigori ohne nachdenken zu müssen. „Vielleicht eine viertel Stunde nach Eingang des Alarms.“

„Wir brauchen aber in jeder Richtung mindestens zwei Stunden bis zur Grenze“, sagt Brand.

„Wir müssen eben verhindern, dass sie Alarm geben“, wirft Tia Nam ein.

„Was das Beste wäre“, meint Grigori.

„Aber wenig erfolgsversprechend“, kontert 00Y, „die Busse sind mit Wachmannschaften  besetzt und es wird sehr wahrscheinlich Begleitfahrzeuge geben, jeder von denen hat ein Handy“.

„Es sei denn“, meint Grigori, „ sie haben gerade kein Netz“.

„Genau“, meint Brand, „weshalb wir uns die Strecke des Konvois vorher genau ansehen sollten.“

„Ah“, meint Grigori, „Funklöcher messen“, und grinst dabei, „am Rande der Taklamakan-Wüste soll es noch riesige Funklöcher geben“. Während er das sagt, greift er nach seinem Telefon und hat kurz darauf einen guten Bekannten dran. „Hör mal Wowa“, ruft er in den Apparat, „Ihr seid doch ständig südlich von Kaxgar unterwegs. Wie sieht es dort aus mit dem Handy-Empfang?“

Grigori nickt und sagt ständig „OK“, während es aus dem Telefon undeutlich plappert. Sein Gesicht hellt sich dabei immer mehr auf. „Spassibo“, sagt er schließlich und trennt die Verbindung.

„Tatsächlich gibt es fünfzig Kilometer südlich an der Nationalstraße keine Netzabdeckung. Mein Kontakt ist dort mindestens einmal pro Woche mit seinen LKWs. Etwa auf zehn Kilometern Länge neben einer kleinen Hügelkette.“

Brand schaut auf die Karte und setzt dort eine Markierung. „Das könnte unser Postamt werden, wo wir das Paket abholen“, lächelt er. „Wir müssen den Konvoi allerdings für mindestens eine Stunde lahmlegen“.

„Das dürfte kein Problem sein“, meint Grigori, „sie werden ihre Pause genau dort machen. Mein guter Freund, Wladimir,  wird mit seinen LKWs schon dafür sorgen“.

Während des Golf-Spazierganges, diskutieren die beiden über die Fluchtstrecke. Der Weg über den Kulma-Pass nach Tadschikistan wäre der schnellste. Allerdings müsste man auf der Straße von Berg-Badachschan nach Kirgistan mit chinesischen Übergriffen aus der Luft rechnen, denn sie führt an der Grenze entlang. Dennoch entscheiden sich die beiden für diesen Weg. Sie würden hinter der Grenze in ein unauffälliges Fahrzeug wechseln.

„Fahrzeug“, sagt Brand und locht in Nr. 15 ein, „ein Motorrad wäre das Beste, würde aber voraussetzen, dass unser Kaninchen das aushält.“

„Ich kümmere mich darum“, meint Grigori, der in Siegeslaune, die nächsten beiden Löcher macht.

Das Kaninchen wird zum Paket

Eine Woche später sitzt Brand in einem der LKWs Wladimirs, die in einer Kolonne von sieben Fahrzeugen nach Kaxgar unterwegs sind. Sein Name ist jetzt Sergeij Ulanov und er hat die besten Papiere dabei, die man sich vorstellen kann. Er ist kasachischer Staatsbürger.

Brand ist nervös. „Was ist mit dem Motorrad“ fragt er den Fahrer, nachdem sie die Grenze passiert haben. „Wird noch zugeladen“, kommt die Antwort, „ in Kaxgar“.

Tatsächlich hält der LKW bei einer Werkstatt und lädt eine, gerade eingefahrene, Voge 500 DS, eine chinesische Reiseenduro, die ähnlich wie eine BMW GS wirkt, mit chinesischer Zulassung auf. Brand weiß, dass die Maschine nur 160 km/h läuft, aber das reicht ihm.

Er lehnt sich entspannt zurück und geht noch einmal den Plan durch. Bis zum Kulma-Pass wird er auf sich gestellt sein. Bei der Paketübernahme helfen ihm Wladimirs Leute. Ziemlich genau zur Mittagszeit wird der Konvoi mit den Häftlingen, der am frühen Morgen Yingyer verlässt, an der Hügelkette bei Kezilexiang ankommen. An einer Steigung wird der erste LKW Wladimirs liegenbleiben und der zweite wird sich neben ihn setzen, um ihm Unterstützung zu geben. Ein dritter LKW wird den zweiten bei einem gewagten Überholmanöver touchieren und ebenfalls stehen bleiben. Die übrigen vier LKWs werden das Chaos perfekt machen.

Zwei Mann werden dann das Motorrad von der Ladefläche heben und schließlich wird Brand einen jungen Mann, der mit seinem Bewacher pinkeln geht, in Empfang nehmen. Dann heißt es für den Agenten schnell zu sein. Zweihundertdreißig Kilometer auf chinesischen Serpentinen und längeren Graden sowie die letzten zehn Kilometer ohne Straße durch ein Flusstal. Das dürfte sehr knapp werden. Der Agent ist nervös, wenn er daran denkt.

Auf der anderen Seite erwarten ihn Grigori und Tia Nam mit einem neuen Fahrzeug mit dem es dreihundert Kilometer durch Tadschikistan gehen wird, bis man in Kirgistan ein Flugzeug besteigt, das das Team schnell nach Almaty bringen kann.

Der Polizeichef von Yingyer hatte übrigens hervorragend funktioniert, ohne etwas zu ahnen. Grigoris Verbindungsmann hatte ihm die Tests gegeben und darauf aufmerksam gemacht, dass sich unter den Häftlingen Opiumabhängigkeit breit machen würde. Das wäre kontraproduktiv und sollte unterbunden werden. Am Ende hatte der Polizeichef sogar die Namen der positiv Getesteten herausgegeben. Einer von ihnen, ein junger Mann namens Nijab hatte sich einem gekauften Wärter offenbart und angegeben, dass er mehrfach Injektionen bekommen, auf die er stark reagiert habe. Er fühle sich deutlich verändert und sogar in seltsamer Weise von außen gesteuert.

Während der Fahrt im LKW denkt Brand noch darüber nach. Hoffentlich handelt es sich bei dem Versuchskaninchen nicht um einen Psychotiker, der aus ganz anderen Gründen Symptome wie Bruce, aus Hongkong, zeigt. Aber das Risiko muss der Agent eingehen. Nijab würde jedenfalls kooperieren und ist bereit, sich für ausführliche Untersuchungen ins Vereinigte Königreich bringen zu lassen. Das ist entscheidend. Ein Fehlgriff ist eben nicht auszuschließen.

Südlich der Hügelkette wenden die LKW und warten in der prallen Sonne auf den Gefangenen-Transport. Die Fahrer sitzen im Schatten ihrer Fahrzeuge und rauchen. Kaum einer sagt etwas. Die Straße ist weithin einsehbar. Einer von Wladimirs Fahrern sitzt mit dem Fernglas auf einer Erhebung und gibt ein Zeichen. Die Fracht nähert sich.

Schnell setzen sich alle LKW in Bewegung und blockieren, wie geplant, die Straße.

Zwei chinesische Busse und ein Begleitfahrzeug mit mehreren Polizisten fahren hinter der Blockade an den Straßenrand.

Die Chinesen haben bereits Erfahrung mit der Schlampigkeit der Kasachen und beginnen sich darüber aufzuregen. Die Polizisten beschimpfen Wladimirs Leute und drohen ihnen auf chinesisch. Aber die zucken nur mit den Schultern, wirken geschäftig in ihre eigenen Probleme vertieft.

Tatsächlich dürfen die Insassen der Busse aussteigen und in der glühenden Mittagshitze zum Pinkeln gehen. Immer unter den Augen ihrer Bewacher. Ein paar Bewacher führen ihre Schützlinge in eine Senke, die parallel zur Straße verläuft, da diese etwas mehr, als nur pinkeln müssen. Nijab ist dabei und lässt sich Zeit. Sein Bewacher, der bestochen wurde, lässt ihn allein im Straßengraben und geht mit den anderen zurück.

Nijab läuft in der Senke zu den LKW und klettert in einem unbemerkten Augenblick hinauf zu Brands Fahrzeug. Der beobachtet den jungen Mann wohlwollend, wie er sehr wendig und geschmeidig auf ihn zuläuft. Niemand hat etwas gesehen und Brand lässt zufrieden die Maschine an.

Die Paketübernahme war erfolgreich. Die beiden brausen davon.

Fortsetzung folgt

Hintergrund – Fiktion und Realität

Die Versuchskaninchen

Es ist sicher von Brand und Grigori respektlos, von den Insassen der Lager als Versuchskaninchen zu sprechen. Aber die Berichte häufen sich, nach denen genau das in den Lagern der Uiguren geschieht. Sie werden für medizinische Experimente missbraucht und ein herausragendes Beispiel ist die Entwicklung der chinesischen Impfstoffe gegen Covid 19.

Die Rede ist insbesondere von „Sinovac und Sinopharm“ zwei Impfstoffen, die bestenfalls eine fünfzigprozentige Schutzwirkung gegen das Virus entfalten und daher insbesondere von China an Dritte-Welt-Länder verkauft wird. Von beiden Impfstoffen halten die Chinesen die eigentlichen klinischen Anwendungsstudien, die zur Zulassung führen würden, unter Verschluss. Ein unverblümter Artikel auf t-online weist nochmal deutlich darauf hin.

Dabei läge es durchaus in der üblichen Geschäftspraxis Chinas, den Ländern, in die der Wirkstoff geht, zu verbieten, Untersuchungen darüber anzustellen und sogar andere Wirkstoffe zu kaufen und damit zu vergleichen. Die Verträge der Chinesen sind allgemein mit einer extrem strengen Geheimhaltungsklausel versehen. Deshalb sickert relativ wenig durch, denn die chinesischen Banken, die auch die Kredite für chinesische Warenleistungen (eben auch medizinische) vergeben, drohen regelmäßig damit, diese zu kündigen und fällig zu stellen, wenn der Partnerstaat sich missliebig verhält.

Es ist also ein bisschen so, als würde die Mafia Drogen verkaufen und die Kredite dafür zur Übernahme der jeweiligen Abnehmerstaaten missbrauchen. Der Verdacht wiegt schwer, dass China seine Geschäfte mit armen Ländern nach der Methodik einer Mafiaorganisation abwickelt.

Im Falle der Corona-Vakzine, wiegt dieser Verdacht besonders schwer. Dabei weisen Indizien darauf hin, dass die chinesischen Behörden die Wirksamkeitsstudien von Sinovac vor allem deshalb unter Verschluss halten, weil diese ausschließlich an uigurischen Lagerinsassen in Xinjiang durchgeführt wurden. Das wäre dann nicht nur ein Hinweis auf schwerste Menschenrechtsverstöße, weil man nicht davon ausgehen kann, dass die Häftlinge freiwillig mitgemacht haben, sondern auch eine nicht repräsentative Gruppe an der der Impfstoff getestet wurde.

Die Website „Bitter Winter“, die von Exil-Chinesen betrieben wird, berichtet immer wieder darüber.

In einem aktuellen Artikel stellt die Seite auch Positionen verschiedener internationaler Wissenschaftler dar, dass die WHO eigentlich nur die Aussagen der chinesischen Wissenschaftler in Wuhan übernommen hat, dass das Virus nicht in einem Labor entstanden sein kann. Ohne irgendeinen Beweis.

Tatsächlich hatte ein Jahr zuvor der renommierte, chinesische Wissenschaftler, Zeng Guan, behauptet, das Virus sei eindeutig in einem amerikanischen Labor hergestellt worden und zwar als biologische Waffe gegen China!

Wow, kann man da nur sagen. Die Chinesen halten es für unmöglich, dass das Virus in einem chinesischen Labor scharf gemacht wurde, unterstellen aber genau das den Amerikanern in Bezug auf eben dieses Virus. Dümmer kann man sich nicht entlarven!

Fazit:

In dieser Krise stehen die Chinesen, der Weltöffentlichkeit gegenüber, mit dem Rücken zur Wand und behaupten das, was ihnen jeweils passt. Dabei schlagen sie auch noch Profit aus ihren schwach wirksamen Vakzinen, die sie wahrscheinlich an gefangenen Uiguren entwickelt haben. 

Der Aspekt, dass China das Cov-Sars2 Virus anfangs als biologische Waffe der Amerikaner bezeichnet hatte, spricht sehr dafür, dass es sich in Wirklichkeit um eine biologische Waffe der Chinesen handelt, die nun außer Kontrolle geraten ist.

Je mehr man die Rolle Chinas in dieser globalen Katastrophe beleuchtet, desto mehr wächst die Überzeugung, dass man dieses Land als Schurkenstaat mit Mafia-Regeln ansehen muss, welcher dabei ist, die Welt anzugreifen.

Da China aber eine Atommacht ist und die größte Armee der Welt besitzt, ist man vorsichtig, so etwas laut zu äußern. Außerdem sind alle westlichen Industrieländer in diesem Schurkenstaat wirtschaftlich engagiert. Noch ein Grund, nichts an die große Glocke zu hängen.

Vermutlich aber kann man davon ausgehen, dass alle Regierungschefs der westlichen Länder und natürlich auch unsere Kanzlerin Bescheid wissen. Möglicherweise resultiert daraus Merkels rigide Haltung in dieser Pandemie-Krise.

Kapitel 10

Marc Brand und Nijab sitzen bereits seit einer halben Stunde auf der Maschine und fahren die gut ausgebaute Nationalstraße 315 nach Norden. Im Rückspiegel achtet er darauf, ob Verfolger auftauchen, aber die wenig befahrene Straße bleibt leer. Ein gutes Zeichen, denkt der Agent und hält sich größtenteils an die Geschwindigkeitsbegrenzungen. Er will nicht auffallen. Nijab scheint soweit in Ordnung zu sein, er sitzt gerade und mit einer guten Körperspannung hinter ihm.

„Eigentlich ein ruhiges Land“, denkt 00Y bei sich, der den kritischen Teil der Flucht auf der Schotterpiste zwischen Taxkorgan und dem Pamirgebirge, erwartet. Bis dahin könnte es ruhig bleiben.

Inzwischen haben die LKWs von Wladimir die Straße wieder freigemacht. Eine heftige Diskussion, Schreierei und Drohungen seitens der Polizisten hatte fast eine Stunde gedauert und entsprach dem üblichen Vorgehen der chinesischen Polizei gegen Kasachen, die den Verkehr behindern. Die Chinesen schätzen ihre Nachbarn nicht sehr, sie sind zu undiszipliniert. Erstjetzt, wo sich die LKWs in Bewegung setzen und die Häftlinge wieder in die Busse steigen, fällt Nijabs verschwinden auf.

Zu diesem Zeitpunkt fährt Brand mit seinem Schützling bereits auf die Nationalstraße 314 und steuert das Motorrad einige Minuten später durch eine bergige Serpentinen-Strecke. Sein Beifahrer geht gut mit und legt sich fast noch steiler in die Kurven als Brand selbst, der sich einen ruhigen Fahrstil angewöhnt hat. Die Risiken auf dem Motorrad sind ihm sonst zu groß.

Nachdem die Bewacher feststellen, dass ein Häftling fehlt, versuchen sie glücklicherweise nicht den LKW-Konvoi zu stoppen, sondern suchen zunächst das umliegende Gelände ab. Das kostet viel Zeit. Die chinesische Polizei scheint keine Idee davon zu haben, wie Nijab geflüchtet ist. Der Plan geht  ganz offensichtlich auf.

Fast genießerisch legen die beiden Flüchtenden die chinesische Maschine in die Kurven und Marc Brand kommt es fast so vor, als sei dieses riskante Unternehmen eine angenehme Routine mit einem gewissen Freizeitwert. Der Agent lächelt, denkt aber zugleich, dass es noch ernst werden kann. Vorsichtshalber hat er ein zerlegtes Präzisionsgewehr in dem Seitenkoffer des Motorrades. Auf der letzten, langen Geraden der Nationalstraße schaltet er sein Radar scharf, das er in Form einer Uhr am Handgelenk trägt und achtet auf Signale, die sich in seiner Umgebung bewegen. Als er in den zehn Kilometer langen Schotterweg, der durch das Flusstal hinauf ins Gebirge führt, einbiegt, meint er kurz ein Signal zu sehen, das von Norden auf die beiden zukommt. Aber kurz darauf verschwindet es wieder in der bergigen Landschaft. „Es könnte ein kleines Flugzeug sein“, denkt der Agent, „oder ein Helikopter“.

Die Voge wird plötzlich laut und knattert, wie ein altes Auto. Brand hält an und sieht, dass sich am Krümmer ein Bolzen gelöst hat und der Schalldämpfer damit wirkungslos geworden ist.

„Verdammter China-Schrott“, schimpft Brand vor sich hin und beschließt einfach weiter zu fahren. Nijab tippt ihm auf die Schulter. Brand hält erneut. Sofort springt der junge Mann ab und beugt sich nach einer feuchten Stelle im Flussbett. Dort liegt ein durchfeuchtetes und durch den Schlamm halb verdecktes Seilende, das vermutlich bei einer Abschleppaktion dort liegen blieb. Er hockt sich vor den Krümmer und bindet das Seil geschickt um dessen Ansatz, dann springt er wieder auf und die Fahrt geht weiter.

Zumindest für einige Kilometer hat Nijab die Stimmung des Agenten gerettet. Das Motorrad schnurrt wieder leise vor sich hin.

Kurz bevor sie das Gebirge erreichen verlässt Brand die Schotterpiste und nimmt einen kleinen Pfad, der auf einem Seitenweg in die Nähe des Grenzüberganges führt. Ein Schmugglerweg, den Grigori für ihn recherchiert hatte. Die Sache läuft gut.

Auf halber Höhe wird der Weg durch einen großen benachbarten Berg, der wie ein steiler Zahn in den Himmel ragt, begleitet. In dem Augenblick, als sie aus dem Schatten des Berges herausfahren, etwa zweieinhalb Stunden nach dem Beginn ihrer Flucht, steht ein schwarzer Helikopter vor ihnen in der Luft.

Die Szene ist unwirklich. Der Agent hat kurz das Gefühl, einfach unter dem Helikopter durchfahren zu können, als Warnschüsse aus einem automatischen Gewehr rechts und links neben ihnen einschlagen.

Brand legt das Motorrad bei einem Felsen auf die Seite und beiden verstecken sich dahinter. Schnell hat der Agent den Koffer mit dem Präzisionsgewehr aus der Seitenbox genommen und ist nun dabei die Waffe zusammenzusetzen.

Der Helikopter kommt nicht näher, bleibt etwa in zweihundert Metern Entfernung, dreihundert Fuß über ihnen, in der Luft stehen. Aus einem Lautsprecher kommen chinesisch gesprochene Anweisungen.

„Kommen sie heraus und heben Sie die Hände. Bleiben Sie dann stehen und bewegen sie sich nicht.“

Brand hält überhaupt nichts von chinesischem Gehorsam und bleibt mit seinem Begleiter in Deckung. Erneut fallen Schüsse, die vor dem Felsen einschlagen. Kurz denkt 00Y nach, als er das Gewehr lädt. Das Fluggerät scheint zwei Piloten zu haben. Er wird durch einen Schuss auf den Piloten also nichts erreichen. So nimmt Brand den Bord-Schützen ins Visier und trifft ihn mit einem ruhigen Schuss in der Brust. Der Mann fällt nach hinten und bleibt am Boden des Helikopters liegen. 00Y lädt nach und wartet.

„Wenn sie nicht abdrehen, ist der eine Pilot der nächste“, denkt er und beobachtet das innere des Helikopters durch sein Zielfernrohr.  Dann dreht der Hubschrauber wieder nach Norden ab und verschwindet genauso unvermittelt, wie er aufgetaucht war.

„Ist der Polizist tot“, fragt Nijab in einer plötzlich aufkeimenden Angst, an einem Polizistenmord beteiligt zu sein.

„Nein“, antwortet Brand, „sicher nicht, aber er hat jetzt eine schöne Kugel in seiner Kevlar-Weste. Da kann man schon mal in Ohnmacht fallen.“

„Kommen die wieder“, fragt der junge Mann.

„Wohl kaum“, antwortet der altgediente Agent, „die bringen erst Mal ihren Kollegen ins nächste Krankenhaus“.

Die beiden richten die Maschine auf und fahren unbehelligt weiter bis zur Grenze. Den Aufstieg bewältigt die kleine Chinesin ganz gut und beide sind froh, als sie den steilen Anstieg zum Pass hinter sich haben. Zuletzt waren sie auf eine Gruppe von Schmugglern getroffen, die ihre Ware tatsächlich mit Eseln über den Pass befördern. „Das ist bekannt“, sagt Nijab, als sie oben ankommen und auf die kleine Karawane hinunterblicken, die Richtung Taxkorgan zieht. Das ist Opium aus Afghanistan, die chinesische Polizei nimmt den Schmugglern teilweise das Opium ab und exportiert es,  als „Zwischenhändler“,  weiter oder verkauft es an hiesige Dealer. Wahrscheinlich geht es nach Hongkong und von dort in die ganze Welt“.

Brand muss kurz an Wu denken, den er sicher noch einmal wiedersehen wird. Vermutlich verdient der Chef der Geheimpolizei von Hongkong nicht nur am Glückspiel, sondern auch am Rauschgifthandel.

„Wahrscheinlich“, denkt 00Y, „waren die gar nicht wegen Nijab hier, sondern weil sie uns für Schmuggler hielten. Könnte demnächst ungemütlich für die Rauschgift-Händler werden, wenn sie einen Polizisten angeschossen haben.“ Brand grinst etwas bösartig und der erklommene Gipfel lässt eine leichte Euphorie in ihm entstehen. Sie haben gewonnen. Zunächst wenigstens.

Fortsetzung folgt

Hintergrund – Realität und Fiktion

Chinas Drogenproblem und die korrupte Polizei

Es gibt nur wenige westliche Berichte über den Drogenhandel in China und die Zahl der Abhängigen. Ein Artikel aus dem Jahr 2019 fasst die Lage jedoch zusammen. In dem Land gab es 2017 gesichert 2,5 Millionen Drogenabhängige, wobei die Dunkelziffer auf das Fünffache geschätzt wurde. 60 Prozent der Abhängigen konsumierten dabei synthetische Drogen, wobei es in Küstennähe eine Vielzahl von Crystal-Meth Dörfern gibt, in denen die Drogen hergestellt werden. Crystal-Meth ist mit Abstand die tödlichste synthetische Droge und zerstört den Körper schneller als Heroin. Opium und Heroinabhängigkeit sind in China ebenfalls sehr verbreitet. Etwa 320 000 Menschen befanden sich 2017 in so genannten Entziehungslagern, in denen es auch zu schweren Misshandlungen der Insassen kommt. Amnesty International hat darüber berichtet.

Als Durchgangsland für Opium, wie in der Geschichte angedeutet, ist die Rolle Chinas in den letzten Jahren deutlich größer geworden. Das goldene Dreieck zwischen Myanmar, Thailand, Laos und Vietnam, der größte Opiumproduzent der Welt, liegt in der Nähe und die Händler nutzen immer mehr, die gut ausgebauten, chinesischen Straßen, ob das Opium über China in die Welt zu exportieren. Man geht davon aus, dass inzwischen die Hälfte des dort produzierten Opiums über China läuft. Natürlich geschieht das heute nicht mehr mit Eseln, wie in der Geschichte malerisch dargestellt wurde, sondern mit LKW, PKWs und Motorrädern, in Zügen und teilweise auch Flugzeugen.

Es ist schwer, sich vorzustellen, dass die chinesischen Grenzpolizisten und die Drogenpolizei nichts davon mitbekommen. In China steht auf Drogenhandel die Todesstrafe, die auch, öffentlichkeitswirksam, immer wieder vollstreckt wird. Aber die Korruption ist auch bei der chinesischen Polizei allgegenwärtig.

So wurde beispielsweise der chinesische Interpol-Chef, Meng Hongwei, 2019 wegen Korruption verurteilt. Es ist allerdings nie sicher, ob in China, hohe Beamte verurteilt werden, weil sie wirklich korrupt sind, oder weil sie bei der Kommunistischen Partei in Ungnade fielen. Das gilt auch für Meng Hongwei.

In jedem Falle ist die Polizei in China ein eigener Kosmos, der von außen schwer zu durchschauen ist. Korruption gehört bis in die höchsten Posten dazu. So wurde Li Dongsheng, der chinesische Vize-Polizeichef in 2016 zu 15 Jahren Haft verurteilt, nachdem der ehemalige chinesische Sicherheitschef, Zhou Yongkang, auch wegen Korruption zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde.

Eng vernetzt scheint die chinesische Polizei auch mit den so genannten Triaden, den Mafia-Organisationen Chinas und Asiens zu sein. Allein in Hongkong schätzt man, dass 1-3% der Bevölkerung Mitglieder in einer Mafiaorganisation sind. Drogenhandel und Glücksspiel sind die einträglichsten Geschäfte der Triaden, außerdem Menschenhandel und Schutzgelderpressung. Ohne eine teilweise Kooperation der Polizei sind so umfängliche kriminelle Aktivitäten in Hongkong, Macao und anderen chinesischen Ballungsräumen nicht denkbar.

Übrigens ist es keinesfalls übertrieben, festzustellen, dass sowohl die Triaden, als auch die chinesische Polizei dabei sind, nach Europa vorzudringen. Die Triaden haben dabei neben Frankreich auch Deutschland entdeckt und bauen hier auf die chinesische Bevölkerung. Die Polizei ist derzeit in kleineren Ländern, wie Serbien, auch offiziell präsent, angeblich als Amtshilfe,  um chinesische Touristen zu schützen. In Frankreich sind chinesische Polizisten in erster Linie zum Ermitteln von Staatsfeinden und Dissidenten sowie Chinesen, die sich in China strafbar gemacht haben, undercover unterwegs. Dies ist auch dadurch bedingt, dass China für die EU kein rechtsstaatliches Auslieferungsland ist. Die gesuchten Personen müssen also auf anderen Wegen nach China geschafft werden. Somit ist auch die chinesische Polizei, beispielsweise in Frankreich in Kidnapping verwickelt. Der Vorwurf wurde beim Verschwinden des jetzt verurteilten Meng Hongwei laut. Es ist sehr fraglich, ob der chinesische Interpol-Chef freiwillig nach China zurückkam, seine Frau in Paris hatte ihn nach seinem Verschwinden als vermisst gemeldet. Später tauchte er in China als Häftling wieder auf. Interessanterweise werden auch chinesische Restaurantbesitzer, die in Deutschland kein Schutzgeld zahlen wollen, plötzlich vermisst und dann in Hongkong tot aufgefunden (siehe Bericht Landeskriminalamt).

Offensichtlich hat in den letzten Jahren nicht nur die Dreistigkeit der chinesischen Mafia, sondern auch die der chinesischen Polizei in Europa zugenommen.

Kapitel 11

Der Murgab Airport ist einer der fliegerisch anspruchsvollsten Pisten in Zentralasien. Umgeben von einem Gebirgsmassiv und in einer Höhe von gut eintausend Metern gelegen, kann der Aufstieg in die Reiseflughöhe nur über einer der beiden Straßen geschafft werden, die nach Osten und nach Norden führen. Die Piloten müssen dabei mit teils heftigen Fallwinden und einer starken Thermik rechnen. Nichts für Anfänger.

Warum Grigori jetzt außerplanmäßig von Murgab nach Almaty fliegen will, erklärt er Brand und Tia Nam, die er zum Treffen hinter dem Kulma-Pass mitgebracht hatte, in wenigen Worten. Zeitknappheit. Er muss noch am selben Tag zurück nach Almaty, weil am nächsten Morgen ein Termin beim Staatspräsidenten ansteht.

„Irgendwas ist los, da habe ich leider keine Wahl, Marc“, erklärt der Ex-KGBler dem britischen Agenten freundschaftlich.

Marc ist erfreut, Tia Nam wiederzusehen und stört sich kaum daran, obwohl der Flug nun durch zwei zentralasiatische Republiken führt und noch schlechter geheim gehalten werden kann, als der Flug von Kirgistan nach Almaty. Für jedes Land muss ein Flugplan aufgegeben werden. Das macht die Route des Teams für Außenstehende nachvollziehbar.

Die wenigen Kilometer von der Grenze nach Murgab hört sich Brand die Umstände des Hinfluges von Almaty an, wobei Grigori wild gestikuliert. Er habe Tia Nam als Frau eines einflussreichen Oligarchen dargestellt, der man den kleinen Gefallen nicht verwehren könne und dem Piloten Anweisung gegeben, den Flugplan in die Hauptstadt Duschanbe aufzugeben.  Kurz nach dem Überflug der tadschikischen Grenze, habe man dann technische Probleme gemeldet und in Murgab eine Sicherheitslandung durchgeführt. Inzwischen hat der Pilot Flight-Controll mitgeteilt, dass man erneut starten und nach Almaty zurückfliegen werde. Nur bei der Zahl der Passagiere, die mit der Antonov befördert werden, habe er ein bisschen geflunkert.

Brand vertraut Grigori und findet die Lösung durchaus angenehm. Je schneller in Almaty, desto weniger Risiken mit dem Packet und natürlich würde er Nijab sofort weitertransportieren und persönlich in London abliefern. Der Agent will sicher gehen.

Die nagelneue AN 2-100 ist mir ihrem Turboprop und der Doppeldecker-Konstruktion ein echter Bergsteiger und lässt die gefährliche Schlucht schnell hinter sich. On Top, aber deutlich unterhalb der typischen Passagierflughöhe, schießt das kleine Flugzeug direkt über den Wolken nach Norden und ist knapp drei Stunden später im Landanflug auf Almaty.

So unkompliziert hatte sich der Agent seine Befreiungsaktion eines chinesischen Lagerinsassen samt anschließender Flucht nach Kasachstan nicht vorgestellt. Marc Brand entspannt sich und genießt den kleinen Abschluss-Bums, den das Flugzeug auf der Landebahn absolviert.

Am General-Aviation Parkplatz wird die kleine Gruppe von Grigoris Fahrer erwartet und steigt ein. Nijab ist begeistert von dem G-Klasse-Mercedes und brabbelt irgendwelche chinesischen Lobeshymnen, als Grigori einen Anruf bekommt.  Ein Informant, namens Boris, berichtet dem Ex-Agenten, dass der Präsident offensichtlich kurz vor einer Anklage wegen Korruption stünde und das auch für Grigori eine Vernehmung bei der Staatsanwaltschaft geplant sei. Es werde gemunkelt, dass der Präsident aus „Altersgründen“ zurücktreten wolle.

Das Gesicht des Russen verfinstert sich. „Wenn das passiert“, murmelt er, so, dass es Brand gerade noch verstehen kann, „bin ich in einer sehr unangenehmen Lage“.

Brand kennt sich mit Staatskrisen ganz gut aus, aber was nun kommt, überrascht ihn doch. Bereits am selben Abend tritt der langjährige Präsident zurück und ein ehemaliger Premierminister und zwischenzeitlicher Generalsekretär in der UNO übernimmt am nächsten Tag sein Amt. Grigori ist fassungslos.

Am nächsten Morgen findet der Agent ihn übermüdet und zerknirscht in seinem Arbeitszimmer. Der sonst so unbekümmerte Freund aus gemeinsamen Agentenzeiten ist über Nacht zu einem sorgenvollen, alten Politiker geworden.

„Topoyjew wird der neue Präsident“, grunzt er hinter seinem Schreibtisch, während Brand sich einen Whisky einschenkt. „Damit haben die Internationalisten endgültig das Ruder übernommen. Ich kenne diesen Kerl, er ist ein Freund Chinas und sieht auch so aus.“

Marc Brand schiebt seinem Freund ein Whisky-Glas über den Schreibtisch und lächelt ihn aufmunternd an.

„Du kannst doch mit jedem arbeiten, Grigori“, sagt er. „Nein“, ruft Grigori, „Topoyiew wird Kasachstan an die Chinesen verkaufen! Sie werden mich einbestellen und zu den Korruptionsvorwürfen befragen. Dann werden sie die Anklagen beiseitelegen und mich aus dem Ministerium entfernen.“

Dann hellt sich Grigoris Gesicht plötzlich auf. „Ich wäre ja nicht der erste, der schließlich in Großbritannien seinen Lebensabend verbringt. Wir könnten Golf zusammen spielen, Marc“, lacht er wenig überzeugend.

„Das sowieso“, meint Brand lächelnd.

„Mit Topoyeiew gehen die Russen und kommen die Chinesen“, dramatisiert Grigori, nachdem er noch einen Schluck Whiskey  genommen hat.

„Wirklich“, fragt Brand.

„Ich weiß es nicht“, antwortet Grigori, „ es hängt alles davon ab, welchen Einfluss unser Präsident noch behalten kann“:

Die beiden gehen zum Frühstück, wo sie von den beiden Frauen wegen ihrer Alkoholfahne kritisiert werden. „So früh am Morgen!“

In dem Augenblick klingelt das Telefon. Grigori wird sofort ins Ministerium gerufen. „Da seht ihrs“, sagt er unheilvoll, „meine Tage sind gezählt“!

Tatsächlich kommt der Freund an diesem Abend und an den folgenden Tagen nicht nachhause. Grigori sitzt in Untersuchungshaft.

Schlimmer noch! Einen Tag später übernimmt die Polizei sein Anwesen und kontrolliert, wer ein und ausgeht. Ein Problem für Brand, der seinen Schützling außer Landes schaffen muss. Der reguläre Weg mit Linienmaschine und gefälschtem Pass ist nun in Frage gestellt.

Brand und Tia Nam denken darüber nach, wie sie möglichst risikolos nach London kommen und sehen nur den Weg, das riesige Land mit dem Wagen zu durchqueren, um von Russland aus mit ihrem Packet nach London zu fliegen. „Ein Zeitverzug von mindestens einer Woche“ schimpft 00Y.

„Nijab geht es schlechter“, ergänzt Tia Nam, „ wir müssen ihn möglichst schnell untersuchen lassen“.

Brand denkt an seinen alten Kameraden John, den er auf seinem Rückflug von Hongkong wiedergesehen hatte. So ein Überschallflugzeug müsste man haben.

„Warum eigentlich nicht“, grinst Brand unvermittelt seine Begleiterin an, die gerade nichts versteht. Der Agent greift nach seinem Telefon und wählt die Nummer von John Miles, dem Flugkapitän und Testpiloten.

„Sag mal John“, hört man ihn dann mit jovialer Lässigkeit sagen, „ was hältst Du eigentlich von einem Testflug nach Kasachstan?“

Zwei Tage später sitzen zwei englische „Techniker“ und ein chinesischer „Ingenieur“ namens Nijab im Cockpit einer XB-1 auf dem Rückweg von Almaty nach London. Der Langstreckenflug ist Teil des Testprogrammes der Firma, die auch in Kasachstan ihre Kontakte hat. Schließlich ist Kasachstan das Land mit dem Weltraumbahnhof, das viele Entwickler in der Luftfahrt geradezu magisch anzieht.

Der Rückflug nach London dauert knappe vier Stunden und ist für John ein Vergnügen. Er strahlt und erzählt, erklärt und prahlt und lässt schließlich auch Marcus die Maschine fliegen, wenn auch nur in sicherer Höhe.

„Besser“, denkt sich Brand, „könnte es nicht laufen“ und denkt zugleich etwas sorgenvoll an seinen Freund Grigori, der immer noch in Untersuchungshaft sitzt.

Grigori hat sich als ein echter Freund erwiesen. In Agentenkreisen schätzt man so etwas besonders. Wenn man einmal in eine Falle gerät oder irgendwo festsitzt, ist es meist nicht der eigene Dienst, der einem aus der Patsche hilft. In der Not wird auch der British-Secret-Service sehr bürokratisch und handelt oft politisch motiviert. Wenn man dann niemanden hat, der einem hilft, ist man durchaus erledigt.

Vor ihrer Flucht über die vier Meter hohe Mauer des Anwesens, hatte er Alexandra gebeten ihn auf dem Laufenden zu halten. Dann waren sie, auf der anderen Seite, in den bereitstehenden Wagen des Gärtners gestiegen und davon gebraust. Die Polizei hatte keine Ahnung. Für Grigori konnte er in dieser Situation wirklich nichts tun.

Brand überlegt, wie er Grigori helfen kann, kommt aber zu keinem Ergebnis. „Zunächst einmal wird Nijab im Hauptquartier abgeliefert“, denkt der Agent, als er mit seiner Begleitung in „London-City“ in ein Taxi steigt. „Dann sehen wir weiter.“

Fortsetzung folgt

Hintergrund – Fiktion und Realität

Der neue Präsident

Nach über dreißig Jahren Herrschaft über sein Land trat der kasachische Präsident Nursultan Nasarbajew 2019 zurück. Die Rücktrittsgeschichte wurde aber fiktional in die Zeit der Pandemie gelegt. Auch ist die Wahl des Nachfolgers nicht so schnell erfolgt, wie in der Geschichte dargestellt. Grigoris Befürchtungen, dass nun für ihn und sein Land das Ende kommen würde, sind vielleicht übertrieben. Der neue Präsident Tokajew ist seit Jahrzehnten ein politisches Schwergewicht im Land und war zuletzt Vorsitzender des Senats. Ein Bruch mit der Politik seines Vorgängers ist nicht so schnell zu erwarten und auch nicht möglich, weil sich Nasarbajew als Vorsitzender des Sicherheitsrates umfangreiche Vetorechte gesichert hat.

Ob die Immunität vor Strafverfolgung, die sich der scheidende Präsident für sich und seinen Klan gesichert hat, tatsächlich auch für seine vielen Verbündeten im System gilt, darf bezweifelt werden. Tokajew ist bereits im Jahr 2019 nach Almaty gereist und hat die dortigen Machthaber, insbesondere den Bürgermeister, unter Druck gesetzt, ihre korrupte Baupolitik in der Stadt einzustellen. Das ist nur ein Beispiel, warum sich Leute wie Grigori nach dem Machtwechsel unwohl fühlen dürften.

Wie Tokajew (in der Geschichte „Topolew“) zur chinesischen Partnerschaft steht, ist bisher unklar.

Das Seidenstraßenprojekt hat China weitreichende Einflüsse in Kasachstan gesichert, die bis zur digitalen Überwachung der Öffentlichkeit gehen. Ein Standardvorgehen, wenn China Verträge mit anderen Staaten nicht auf Augenhöhe schließt, was es sich offensichtlich auch Kasachstan leisten kann. Es werden dann nicht nur Wirtschaftsverträge geschlossen (beispielsweise 55 Joint-Ventures kasachischer und chinesischer Unternehmen im Rahmen des Seidenstraßenprojektes) sondern auch Einschränkungen der Autonomie der Partnerländer quasi vertraglich, als scheinbarer Garant für die chinesische Investitionssicherheit, erpresst. Das hat in Kasachstan zu massiven antichinesischen Protesten geführt, die in etwa vergleichbar sind mit den Protesten in Europa gegen das TTIP Abkommen mit den USA.

Hinzu kommt, dass sich Kasachstan zu einer groß angelegten Privatisierung staatlicher Unternehmen entschlossen hat, bei der chinesische Unternehmen ganz offensichtlich im großen Umfang Unternehmensanteile strategisch wichtiger, staatlicher Unternehmen aufkaufen.

Der befürchtete Verkauf Kasachstans an China ist also auch nicht aus der Luft gegriffen. Während offiziell noch die enge Anbindung an die eurasische Wirtschaftsunion und an Moskau bestätigt wird, ist inoffiziell eine Revolution von oben in Gange, die eine chinesische Dominanz im Land nach sich ziehen wird.

Für China ist Kasachstan unverzichtbar, weil es das entscheidende Durchgangsland für die neue Seidenstraße ist. Es sieht nicht so aus, als könnte die korrupte, kasachische Elite auf Augenhöhe mit den Chinesen verhandeln. Das ist auch gar nicht deren Absicht, wenn man in die Vergangenheit schaut, in der der Nasarbajew Klan, amerikanischen Unternehmen Förderrechte am Erdöl verkaufte und dabei rund einhundert Millionen Dollar Schmiergelder einnahm.

Die Kasachen, die überwiegend Muslime sind, sehen das mit Furcht. Es ist dort bekannt, was die Chinesen mit den eigenen Muslimen in Xinjiang machen und dass es dort hunderte Konzentrationslager für Uiguren gibt.

Wie Präsident Tokajew sich zu dem chinesischen Soft-Imperialismus, also der politischen Übernahme des Landes durch Wirtschaftsverträge, positioniert, ist derzeit noch nicht deutlich. Tokajew ist eher als Internationalist und Diplomat bekannt. Er kennt China aus seiner Botschafter-Zeit in Peking und hat Führungserfahrung in der UNO. Andererseits war er schon Minister und Premier im eigenen Land.

Wie patriotisch ist Tokajew? Schwer zu sagen, solange der Nasarbajew-Klan weiterhin einen großen Teil der politischen Macht in Kasachstan innehat.

Kapitel 12

Tia Nam, Nijab und Brand betreten in London-Limehouse ein recht unscheinbares Gebäude in der Narrow-Street in unmittelbarer Nähe der Themse. Das alte Backsteingebäude, das eine ehemalige Lagerhalle an der Themse war und über eine Reihe von großen Eingangstoren verfügt, eignet sich hervorragend für ein getarntes Hauptquartier. Dort lässt sich ein ganzer Park von Fahrzeugen unterbringen und durch verschiedene Ausfahrten unauffällig in den Verkehr einschleusen, der an dieser Stelle der Narrow-Street allerdings denkbar gering ist. Eigentlich sind die ehemaligen Dockanlagen zu einem ruhigen Wohngebiet geworden. Ideal für den MI6, der hier unter dem Namen „Woods-Corporation“ firmiert.

Der Clou der Anlage, die insgesamt etwa zweitausend Quadratmeter umfasst, ist ein stillgelegter Tunnel, der die Themse unterqueren sollte, aber nie fertig gebaut wurde. Im Krieg wurde er als Luftkontrollzentrum genutzt, später schien der Einsatz für den Verkehr zu wenig lohnend und wurde verworfen.

Genau hier stehen nun die drei vor Chief und hören sich die Geschichte von Nijab an, die durchaus bemerkenswert ist. Der Junge ist der Sohn eines kleinen politischen Beamten in Urumtschi. Sein Vater ist vor zwei Jahren spurlos verschwunden und Nijab vermutet, dass er in eines der Hochsicherheitslager verschleppt wurde. Er war politisch verdächtig geworden. Nijab weiß nicht genau warum, aber sein Vater hatte ihm einmal ins Vertrauen gezogen. „Sohn“, hatte er gesagt, „der Präsident wird erst uns Uiguren vernichten, wie einst die Indianer in Amerika. Dann wird er die Nachbarländer besiedeln, die sich nicht gegen die Han-Chinesen wehren können, Kasachstan, die Mongolei und schließlich auch die anderen zentralasiatischen Republiken. Glaub mir, dass eine Milliarde Chinesen irgendwo hin müssen.“

Brand grinst ein wenig verlegen über die fremd wirkende Sprache, die der Dolmetscher des Chinesen beim Übersetzen benutzt. Chief schaut dagegen streng und lässt Nijab dann erklären, dass man ihn jetzt für Untersuchungen in eine Privatklinik bringen wird. Nijab ist einverstanden.

Als die beiden mit Chief allein sind, wird sein Gesicht noch ernster. Er steht auf und läuft im Raum umher, wie er es immer tut, wenn er etwas von „Weltbedeutung“ zu sagen hat.

„Uns ist eine Rede des chinesischen Präsidenten zugespielt worden“, beginnt er umstandslos. Xi soll sie im kleinen Kreis vor wenigen Tagen gehalten haben. Einiges davon hat er schon mal gesagt, dass China mehr Lebensraum brauche und sich nach Westen ausdehnen muss. Es hat uns nicht überrascht, weil es eine alte Phantasie von ihm ist. Er hat bekannter Weise von der Herausforderung gesprochen, Europa für China einzunehmen und Amerika in seine Schranken zu weisen und dass Asien chinesisches Einflussgebiet werden wird, das bis nach Australien reicht. Alles bekanntes Denken dieses Präsidenten. Aber eines hat unsere Analysten dann doch überrascht. Er schloss seine Rede mit den Worten: „Das Virus wird die Welt lehren, chinesisch zu denken und zu erkennen, dass das chinesische Gesellschaftsmodell allen anderen in der Welt überlegen ist. Bald wird die Welt nach Peking kommen und uns fragen, wie man das eigene Land politisch gestalten soll. Diese Rede sei von den Funktionären frenetisch bejubelt worden“.

Brand grinst. „Ganz schön verrückt“.

„Oh ja“, bestätigt Chief. „Das letzte Mal haben wir solche Reden aus dem nationalsozialistischen Deutschland gehört. Da entgleitet uns etwas“.

„Präsident Xi meint es ernst“, ergänzt Tia Nam mit fester Stimme. „Er hat das ganze Land auf eine angebliche moralische Überlegenheit der Chinesen über den Rest der Welt und vor allem über Amerika eingeschworen“.

Chief hat kurz diesen grübelnden Gesichtsausdruck, wendet sich dann aber entschlossen an die kleine Wissenschaftlerin.

„Nun gut, Mrs Nam“, sagt er, „kommen wir zu Ihrem Beitrag in diesem Rätsel. Ich nehme an, dass Sie auch Ihren zukünftigen Aufenthaltsort geheim halten werden? Mit der Hilfe von 00Y, natürlich.“

Tia Nam schaut Chief an, aber der meinte das wohl nur rhetorisch und redet weiter.

„Mich würde aber nun interessieren, was sie von Godfreys Einschätzung halten, das Virus wäre in einem Labor gezüchtet worden, die er uns hier vor seinem Tod vorgetragen hat“?

Die Antwort kommt mit etwas Verzögerung, aber ruhig und überlegt.

„Godfrey hatte eine Reihe von Eigenschaften gefunden, die das Virus ideal an den menschlichen Organismus anpasst. Wissen Sie, ein Virus hat eine ziemlich kurze RNA, da passt nicht so viel drauf. Wenn es in der Lage ist, mit so einem genetischen Code Menschen zu befallen, dann fühlt es sich in unserem Organismus entweder zuhause oder es wurde daraufhin gezüchtet, Menschen zu befallen.“

„Ich verstehe nicht recht“, meint Chief, „was meinen Sie mit zuhause“?

„Mit solchen Eigenschaften muss das Virus sich über Jahrzehnte dem Menschen als Wirt angepasst haben, oder es wurde künstlich rekombiniert, mit einem Virus, das schon optimal angepasst war.“

Brand hört Tia Nam ebenfalls beeindruckt zu.

„Also gibt es diese beiden Wege“, fasst er laut zusammen, „dass das Virus jahrelang unentdeckt in menschlichen Organismen lebte und durch eine Mutation plötzlich gefährlicher wurde oder aber dass es durch „Gain of Function-Experimente“ für den Menschen gefährlich gemacht wurde“.

„Genau“, bestätigt Tia Nam, „ein tierischer Zwischenwirt scheidet in so einem Falle aus. Insbesondere die Tiere, die von den Chinesen als mögliche Zwischenwirte genannt wurden. Sie haben zu geringe Ähnlichkeit mit dem menschlichen Organismus und dessen Abwehrsystem“.

„Es sind also lediglich indirekte Schlüsse“, die zu der Vermutung einer Manipulation führen, „merkt Chief kritisch an.

Tia Nam nickt. „Bis auf die fast übernatürlichen Replikationsfähigkeiten, gibt es nur indirekte Hinweise“.

„Einen direkten Beweis, um die Chinesen zu überführen, kann es also nicht geben“?

„Doch“, antwortet sie, „wir brauchen die betreffenden Forschungs-Protokolle aus dem Labor in Wuhan“.

„Aber wenn sie vernichtet wurden“, fragt Brand.

Tia Nam lächelt. „Chinesen vernichten nie etwas, womit sie Erfolg hatten, Die Protokolle existieren und befinden sich in Wuhan. Da war auch Godfrey sicher.“

„Haben Sie schon vergessen, Chief“, merkt 00Y an, „die Chinesen sind sich ihrer eigenen Überlegenheit vollkommen sicher“.

„Gut“, antwortet Chief, „wären Sie in der Lage, die richtigen Protokolle herauszusuchen, wenn wir Sie da hineinbringen“?

„Sicher“, antwortet die Halb-Chinesin knapp. „Die Datenbanken sind ein offenes Buch für mich“.

Brand ist beeindruckt und lächelt Tia Nam an. Sie lächelt zurück.

„OK“, sagt Chief, „wir werden zunächst versuchen, die Datenbanken von Wuhan zu hacken. Wenn das nicht gelingt, gehen wir rein und erledigen die Sache von innen.“

„Wie meinen Sie das, Sie gehen hinein“, fragt Tia Nam erstaunt.

Marcus Brand nähert sich ihr von der Seite und führt seine Lippen nah an ihr Ohrläppchen.

„Militärisch“, flüstert er.

Fortsetzung folgt

Hintergrund – Realität und Fiktion

Xi ist Xi Jinping

Der chinesische Präsident ist in der Geschichte eindeutig ein Bösewicht und Diktator vom Range eines Joseph Stalins.

Das mag vielen übertrieben erscheinen und widerspricht teilweise auch dem, was Xi Jinping außenpolitisch von sich gibt.

So wird die Rede Xi´s vor der UN-Vollversammlung aus dem Jahr 2015 gerade von westlichen Linken als Blaupause für eine neue Partnerschaft der Gerechtigkeit mit China in einer „Schicksalsgemeinschaft der Menschheit“ verstanden. Der chinesische Präsident, der sein Land tatsächlich nach Stalins Vorbild regiert und das auch nicht in Abrede stellt, also Gulags, allgegenwertige Kontrolle, große Säuberungen und Angst und Schrecken als Mittel der politischen Kontrolle einsetzt, hat ein zunehmendes Kommunikationsproblem mit den liberalen, westlichen Demokratien.

Er wird im Westen nicht verstanden. Schließlich will er eine „schöne, saubere, klimaneutrale Welt“, aber eben nach chinesischem Vorbild und dort ist es weder schön, noch sauber noch klimaneutral. Dennoch versucht er die grünen Parteien und Bewegungen aber auch die westlichen Linken mit dem Weg des chinesischen grünen Sozialismus zu umgarnen und scheint dabei auch Erfolg zu haben. Denn die westlichen Industrieländern, zuvorderst die Europäer wollen in dem Riesenland weiterhin gute Geschäfte machen, auch mit grüner Technologie.

Was hinten runter fällt, ist eindeutig die chinesische Menschenrechtslage, die katastrophal ist und die der Präsident nicht kritisiert haben möchte. Er schlägt stattdessen alternative Menschenrechtsvorstellungen von Wohlstand und Sicherheit vor, die aber die Freiheit eben nicht inkludieren. Das könnte auf der Ebene der europäischen Grünen liegen, die ja auch eine grüne Diktatur mit deutlich reduzierten, individuellen Freiheiten, zumindest als Übergang, bis zum Erreichen des neuen ökologischen Zeitalters einkalkulieren, in dem dann alles schön, sauber und klimaneutral ist, wie Xi Jinping es ausdrückt.

Die westlichen Demokratien sind zu solchen Entwicklungen (gemeint ist die schöne neue Welt im chinesischen Stil) nicht fähig, wie aus einem Geheimen Dokument Nr. 9, das schon 2013 durchgesickert ist, hervorgeht. In diesem Dokument beschwört Xi sogar die sieben großen Gefahren für China, als da sind, eine demokratische Konstitution, universelle Menschenrechte, westliche Medienfreiheit, Partizipation der Bürger und Zivilgesellschaft, Neoliberalismus und zuletzt Kritik am kommunistischen Erbe der Partei.

Man kann also konstatieren, dass Xi zuhause als würdiger Nachfolger Maos mit stalinistischer Ideologie auftritt und in der Welt schöne Rede hält, die vor allem den Linken und den Grünen den Kopf verdrehen sollen.

Bei näherer Betrachtung ist das Kommunikationsproblem also eine hegemoniale Taktik.

In diesem Zusammenhang ist die, frei erfundene, Äußerung Xi´s in einer internen Rede, die an den MI6 durchgesickert ist, zu verstehen:

Das Virus wird die Welt lehren, chinesische zu denken.“

Genau darum geht es Xi auch in Wirklichkeit. Eine chinesisch denkende Welt unter der Führung Chinas. Das „chinesische Virus“, das überall auf dem Erdball quasi diktatorische Maßnahmen erzwingt, soll dabei helfen, der Menschheit den rechten Weg zu weisen.

Das ist genau genommen gar nicht so weit von dem entfernt, was der chinesische Präsident tatsächlich plant. Das Virus wäre also eine ideale Propaganda-Waffe gegen die westlichen Demokratien. Von diesem Gedanken bis zu einem „Angriff auf die Welt“ mittels eines Virus, ist es nur ein Schritt. Man muss das Virus nur absichtlich freisetzen. Die fiktive Geschichte kommt der Wirklichkeit also bedrohlich nahe.

Kapitel 13

Brand befindet sich in der Abteilung von Z, mit dem er die technischen Voraussetzungen eines Angriffs auf das Labor in Wuhan durchsprechen will.

Z ist entsetzt über den militärischen Plan. Seit fast einer Woche hatte er Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um das Computersystem des Labors zu hacken und an die geheimen Datenreihen über die Virus-Experimente zu kommen. Mit der Unterstützung einer australischen Hackergruppe, die das chinesische System besser kennt und schon einige Erfolge aufzuweisen hatte, war man immerhin ins „Arbeitszimmer von Wuhan“ vorgedrungen. Die Schatzkammer aber blieb verschlossen.

„Sie ist nicht eigentlich verschlossen“, sagt Z zu 00Y, „wir finden sie vielmehr nicht.“

Brands Stirnfalten vertiefen sich deutlich.

„Vielleicht existiert sie überhaupt nicht“, mutmaßt er.

„Doch, doch“, widerspricht Z, „es ist nur so, dass wir es mit einem „Chinesischen Zimmer“ zu tun haben. Die Schatzkammer weiß also nicht, dass sie die Schatzkammer ist“.

„Ach so“, meint Brand, „man muss ihr also sagen, wer sie ist, um die Datensätze zu finden? Wie bei einem „Sesam, öffne dich“!“

„Auch nicht“, widerspricht Z, der versonnen an seiner Brille reibt, „es ist eher ein „Nicht-Ort“ ohne jeden Zusammenhang und ohne jedes digitale Bewusstsein, der erst dann anfängt zu existieren, wenn man das passende Programm dafür hat, das alles ordnet.“

Brand dämmert es.

„Das Programm befindet sich natürlich nicht im System. Es ist extern auf irgendeinem Gerät oder mehreren Geräten und bleibt vom System streng getrennt“.

„Sie haben es erfasst, 00Y“, seufzt Z, „dieses System kann man nicht hacken, es sei denn man hat das Programm, das es ordnet und überhaupt erst zum System macht.“

„Also müssen wir tatsächlich reingehen und die Hardware an uns bringen. Laptops der leitenden Wissenschaftler, vermutlich“, meint Brand.

„Vermutlich“, antwortet Z, „aber das ist unmöglich“!

„Aber einen anderen Weg gibt es nicht“, meint der Agent, „oder doch?“

Z hebt sein Gesicht zur Decke des gewölbeartigen Raumes, der mit Gegenständen elektronischer Art vollgestopft ist. Er denkt nach und hat dabei das Gesicht eines Kindes, das hinter der Brille eines Erwachsenen aufleuchtet.

„Es ist so“, hebt er an, „ dass die Daten vermutlich ganz normal erhoben und notiert wurden, bevor sie in dieses chaotische System eingespeist wurden. Vermutlich wurde das erst nachträglich gemacht, als die Chinesen einen konkreten Plan verfolgten und natürlich das weltweite Interesse antizipierten.“

„Zur Sache“, mahnt Brand.

„Ich denke, dass die Datensätze auch in einfachen Dateien auf den Endgeräten der beteiligten Wissenschaftler liegen“, antwortet Z.

„Wir haben also eine Chance, wenn wir hineingehen“, resümiert Brand nüchtern.

„Nein“, ruft Z, „überhaupt nicht! Wuhan liegt in Mittelchina, in der Höhle des Löwen!“

„Der Löwe, der Drache und die Ziege“, sagt 00Y versonnen und denkt dabei an Bellerophon und Pegasus, „dieses Mal greifen wir den Löwen an“.

Die Hardware

Z wird plötzlich sachlich und sagt in nüchternem Tonfall: „Ach ja, die Hardware für die Operation“. Er holt einen kleinen Quadrocopter aus einem Regal. „Damit könnte es gehen“.

Der Agent schaut seinen Technik-Chef verwundert an. „Ich dachte eher an einen Stealth-Helikopter mit Raketenbewaffnung und Bordkanone“.

„Ja, ja, den auch. Aber das hier ist der Schlüssel zum Erfolg…wenn es einen Erfolg geben kann.“

Z lässt das kleine Fluggerät im Raum aufsteigen. Irgendwann drückt er eine Taste auf seinem Laptop und eine kleine Stinger-Rakete löst sich aus der Verankerung des Fluggerätes, fällt dann senkrecht zu Boden.

„Ist ein Dummy“, meint Z trocken, „aber die scharfe Version holt eine chinesische MIG vom Himmel“.

Das Desaster – „Luftschlacht über Wuhan“

Das Übungsgelände des MI6 liegt an einem geheimen Ort in South Yorkshire, wo bereits vor über tausend Jahren angelsächsische Könige gegeneinander kämpften und im zweiten Weltkrieg die Invasion geübt wurde.

Heute soll ein etwa fünfzigmalfünfzig Meter großes Felsplateau eingenommen werden, also die Grundfläche des Daches vom Institut für Virologie im chinesischen Wuhan.

Im Anflug befindet sich ein Stealth-Helikopter im Flüstermodus, welcher sich ausschließlich in Bodennähe bewegt und von Hügel zu Hügel wellenförmig auf sein Ziel zu schwebt.

Dieser Flug entlang des geologischen Profils wird von einem Autopiloten übernommen. Die zwei Piloten des Fluggerätes überprüfen lediglich die Funktion und beobachten den Luftraum.

Der Anflug auf das „Dach“ der bei Nacht durchgeführt wird, klappt tadellos. Geprobt wird das optimistische Szenario, dass der Heli unbemerkt bis zum Institut vordringen kann und erst dann, während des eigentlichen Einsatzes oder auf dem Rückflug, der immerhin 3 Stunden dauern wird, von der chinesischen Luftwaffe angegriffen wird.

Brand lässt es sich nicht nehmen, zusammen mit den zwölf Männern der Spezialeinheit auf dem Felsplateau zu landen. Er springt als dritter aus dem schwebenden Hubschrauber, als über ihnen ein heftiges Dröhnen anhebt. Zwei Kampfflugzeuge der RAF haben sie entdeckt und fordern Verstärkung an.

Die Spezialeinheit liegt am Boden und beobachtet ihr Transportfahrzeug im Schwebeflug. Marcus Brand genießt diesen Augenblick und bietet einem Kollegen eine Zigarette an. Der Helikopter macht nur wenig Lärm und so kann man sich beim Rauchen unterhalten.

„Gleich kommen die „Chinesen“, grinst Brand seinen Nachbarn an. „Das wird spannend“, ruft sein Nachbar ihm ins Ohr, „mal sehen, wie sie den Empfang quittieren“!

Tatsächlich erscheinen wenig später zwei „Tiger-Kampfhubschrauber“ und ein Truppentransporter.

Sofort öffnet sich an dem Stealth-Heli, der immer noch über der Spezialeinheit schwebt, eine Klappe aus der nacheinander fünfzig Quadrocopter in Modellgröße schweben und den Felsen in einer kleinen Wolke umkreisen.

In der Dunkelheit wirkt das Bild gespenstisch, wie ein Schwarm schwarzer Vögel, die eine Burg heimsuchen.

Dann beginnt ein Feuerwerk!

Jeweils zwanzig dieser kleinen Flugobjekte stürzen sich auf einen Tiger und beschießen ihn mit Stinger-Raketen, deren Sprengköpfe durch fluoreszierende Farbkapseln ersetzt wurden.  Zehn Quadrocopter nehmen den chinesischen Truppentransporter ins Visier.

Chief und Z beobachten die Trefferquote durch ein Nachtsichtgerät und tauschen sich dabei mit dem Kommandeur der Luftwaffe, der ebenfalls beobachtet, aus.

Der Commander ruft sein mündliches Protokoll der „Luftschlacht um Wuhan“  den anderen Anwesenden zu. „Tiger 1 getroffen, Panzerung, keine Wirkung, Tiger 2 dreimal getroffen, keine zu erwartende Wirkung, Truppentransporter nur einmal getroffen, schwache Wirkung, Gerät bleibt flugfähig!“

Bereits wenige Minuten später sinken und fallen die ersten Quadrocopter zu Boden. Ein paar von ihnen sind miteinander kollidiert, einigen geht jetzt die Energie aus, etwa ein Dutzend der kleinen Fluggeräte haben sich, im Getümmel der Schlacht, gegenseitig vom Himmel geholt.

„Ein Desaster“, schreit Chief auf dem Befehlstand, der unter freiem Himmel liegt. „Jawohl“, schreit der Commander zurück. Z schaut zerknirscht auf den Untergang dieser kleinen Luftwaffe. Im Ernstfall wäre der Helikopter der Spezialeinheit nun zum Abschuss freigegeben.

„Sir“, ruft der Commander Chief ins Ohr, „wir kommen mit der Einheit vielleicht zum Ziel, aber auf keinen Fall wieder zurück. Das Unternehmen ist schon jetzt gescheitert!“

Chief nickt betreten.

„Verdammt“, ruft er aus, „wo bekommen wir jetzt ein paar chinesische Spezialisten her, die diese Apparate kampftauglich machen können“?

Fortsetzung folgt

Hintergrund – Wirklichkeit und Fiktion

Der Krieg mit Drohnen

Wie keine andere technologische Neuentwicklung passen unbemannte Flugobjekte in das Konzept der Militärs überall auf der Welt. Wer die Entwicklung beobachtet hat, dem fällt auf, dass die Drohnen dabei immer kleiner werden.

Eine neue Variante ist der Angriff mittels Drohnen-Schwärmen, der theoretisch eine immense Koordinierungsleistung verlangt, die nur durch künstliche Intelligenz zu realisieren ist. Dann aber sind Drohnen-Schwärme nach Angaben von Spezialisten, gefährlicher als Atombomben, weil sie auch als Massenvernichtungswaffen eingesetzt werden können.

In der Geschichte ist der MI6 wohl noch nicht so weit, aber das chinesische Militär scheint schon einige Erfahrungen mit der Koordinierung von Drohnen-Schwärmen zu haben. Deshalb der Ausruf von Chief, dass er nun „chinesische Spezialisten“ brauche, um China anzugreifen.

Die Sache ist natürlich zum Scheitern verurteilt, wenn man ein Land mit einer Technologie schlagen will, das sie besser beherrscht, als man selbst. Das wissen die Protagonisten in der Geschichte.

Das Training findet übrigens auf einem real existierenden Gelände in Yorkshire statt, es heißt „Carl Wark“ und ist eine Felsformation, die schon im Mittelalter als Schutzwall der Angelsachsen gegolten haben soll, wo auch viele Schlachten geschlagen wurden. Im zweiten Weltkrieg wurde der Ort als Übungsplatz der Alliierten genutzt, auf dem der D-Day vorbereitet wurde. Ein durchaus ehrenwertes Ambiente also für den Kampf gegen China, auch wenn dort nur die Invasion eines Labors vorbereitet wird.

Das „Chinesische Zimmer“

Das chinesische Zimmer ist eigentlich das Gedankenexperiment des amerikanischen Philosophen John Searle, mit dem dieser nachweisen wollte, dass Computer keine Intelligenz haben können. Es beruht darauf, dass eine Geschichte die aus chinesischen Zeichen besteht, auch von einem nicht Sprachkundigen verarbeitet werden kann, wenn er die Regeln (Algorithmen)  kennt, die dazu erforderlich sind. Es können dann Fragen korrekt beantwortet werden, ohne dass die Geschichte verstanden werden muss.

Dieser Unkundige der chinesischen Sprache in einem chinesischen Zimmer ist also das Sinnbild eines Computers der selbst nichts versteht. Das Sinn-Verständnis muss von außen kommen.

In der Geschichte wird diese Analogie noch etwas erweitert um zukünftige Möglichkeiten der Cloud-Technologie. Es ist abzusehen, dass global eine Datenwolke, verteilt auf unendlich viele Server die wesentlichen Funktionen von lokalen Speichern ersetzen wird. Dann hat man es zwar mit universell abrufbaren Informationen zu tun, welche aber in vielen Fällen nur durch individualisierte Programme in das eigene Netz gezogen werden können. So könnten auch streng  geheime Informationen ungeschützt im Netz kursieren, wenn nur der jeweilige Besitzer der Informationen (Staat, Organisation) das passende Programm dafür hat. Der Vorteil ist, dass keine Daten mehr verloren gehen können. Der Nachteil ist, dass die Programme, die erforderlich sind, nicht in die falschen Hände geraten dürfen.

Das Thema ist komplex. Man redet hier von freier Information, aber monopolisierter Sinngebung. Mit einem gut gemachten Programm könnten also durchaus auch wissenschaftliche Daten in eine Theorie eingespeist werden, von denen die ausführenden Wissenschaftler bisher nichts wussten und von denen sie vielleicht auch nicht wissen, woher sie kommen.

Das ist Sience-Fiction hat aber auch ein paar ganz reale und durchaus bedrohliche Facetten.

Denn was auf der einen Seite die Menschen vom eigenen physikalischen Speicher mit seinen Grenzen und Fehlern befreit, ist auf der anderen Seite die Herausforderung für Programmierer, in die Verarbeitung von Massendaten einzusteigen. Das Wissen das damit über die Welt generiert wird, ist vermutlich gewaltig, aber die Gefahr, dass Organisationen, Staaten, Geheimdienste oder mächtige Einzelpersonen ein extrem machtvolles Wissen mittels ausgefeilter Programme generieren und monopolisieren können, ist ebenso groß.

Man stelle sich beispielsweise vor, dass man die Bewegungsdaten aller Menschen in einem Programm sinnvoll erfassen kann. Dann weiß man beispielsweise, wann und wo sich russische oder amerikanische Soldaten befinden, in welchem Maße Ausgangssperren in Europa eingehalten werden und wer gegen sie verstößt, wo auf der Welt zu schnell gefahren wird und von wem und wo sich die Mehrzahl der Regierungsmitglieder eines Landes gerade aufhält.

Wer über solche Programme verfügt, kann die Weltherrschaft erzwingen, auch ohne gewählt zu werden, weil er alles und jeden auf dem Erdball kontrollieren kann. Aber auch eine gewählte Weltregierung, die über ein solches, universelles Wissen verfügt, ist kaum noch zu kontrollieren und dürfte diktatorische Züge entfalten.

Übrigens sind die Chinesen, was die digitale Massenüberwachung angeht, vermutlich die führende Nation in der Welt. Das versteht sich schon deshalb, weil die KP Chinas hier keinen gesetzlichen Restriktionen unterliegt. Was gemacht werden kann, wird vermutlich auch gemacht. Eine Milliarde Menschen unter Kontrolle zu halten, ist für die chinesische Regierung schon ein lohnendes Ziel.

Wohlweislich behält China sein Wissen für sich und verhindert, dass die Welt zu viel über das Land erfährt. So hat China auch verhindert, dass Google-Street-View dort zum Zuge kam und Google letztlich im eigenen Land gesperrt. Eine Abschottungspolitik, die aber auf die Dauer ziemlich viel Macht verleihen könnte, wenn China die globale Cloud für sich nutzen kann.

Wie auch immer.

In der Geschichte scheitert der MI6 an China und an dem Intranet des virologischen Labors in Wuhan. Das dürfte in der Realität nicht anders sein.

Kapitel 14

Tia Nam und Marc haben beschlossen, sich eine Auszeit zu nehmen. Dies ergab sich aus der Situation, dass der Agent die Wissenschaftlerin schützen musste und zugleich keine Operation in China möglich erschien. Der Angriff auf das Labor in Wuhan hat sich als unmöglich erwiesen, zumindest fehlen hierfür die Mittel, die auch tatsächlich zum Erfolg führen könnten.

Das Experiment mit den Drohnen, die das Spezialkommando während ihrer Operation im Labor schützen sollten, ist gründlich schief gegangen und so sieht der MI6 derzeit keine Chance, an die entscheidenden Daten zu kommen, die nachweisen können, dass das chinesische Virus in Wuhan entwickelt und freigesetzt wurde.

Es gibt aber auch noch ein paar persönliche Gründe, die der ältere Agent sich eingestehen muss. Er verspürt eine zunehmende Unlust, sich gefährlichen Situationen auszusetzen. Er mag das Leben zu sehr und ist es leid, ständig auf der Schwelle zum Tod zu balancieren. Er verspürt ein regelrechtes Unbehagen, wenn er daran denkt, dass der militärische Arm des chinesischen Geheimdienstes, die so genannte „vierte Brigade“, bestrebt ist, ihn und seinen Schützling, Tia Nam, auszuschalten.

00Y weiß, dass es in Großbritannien ein chinesisches Agentennetz gibt, das sich zumindest im Aufbau befindet und seine Stützpunkte in Chinatown und der chinesischen Botschaft hat. Er hat deshalb entschieden, außerhalb von London abzuwarten.

Die beiden haben sich auf einer Autofahrt, in den kleinen Küstenort „Maldon“ verliebt, der nahe der Mündung des „River Chelmer“ liegt. Das Städtchen liegt im Nordosten Londons etwa eine Autostunde entfernt und strahlt eine Idylle aus, nach der sich die beiden gesehnt haben. Während eines Spazierganges am langgezogenen Hafen des Ortes beschlossen sie spontan, sich hier eine Wohnung zu mieten. Sie wünschten sich den Blick auf den breiten Fluss, in dem auch heute noch Fischerboote unterwegs sind und wo, wegen der starken Gezeiten, auch Meersalz gewonnen wird.

In einem kleinen Immobilienbüro sagte man ihnen, dass es hier kaum etwas zu mieten gäbe, aber einige Häuser zu Verkauf stünden. Ein kleines Backsteingebäude mit Blick auf den Hafen hatte es ihnen dann angetan. „The Hyth“ nennt sich die Straße, die den Blick auf Ebbe und Flut des Flusses freigibt. Nun können sie direkt von ihrem Wohnzimmer aus, beobachten, wie die Boote bei Flut auslaufen und bei Ebbe trocken fallen, wobei sie sich schräg in den Schlick legen, als wollten sie schlafen.

Es ist bereits Oktober und selten stehen Marc und Tia Nam vor neun Uhr morgens auf. Dieses Leben ohne Verpflichtungen gefällt den beiden und sie genießen es seit einem Monat in vollen Zügen. Ihre Smartphones haben sie ausgeschaltet und aktivieren die Geräte nur einmal pro Woche, wenn sie mit dem Zug zum Hauptquartier nach London fahren. Niemand soll sie orten können, nicht einmal der MI6. Das Internet läuft über einen Festnetzanschluss, der auf einen anderen Namen angemeldet ist.

Das gleiche gilt für den alten Ford, den die beiden fahren. Er läuft auf den Namen eines älteren Herren, der wegen eines Schlaganfalls nicht mehr fahren konnte. Marc hatte ihn der Tochter des Mannes abgekauft und versprochen, das Auto möglichst innerhalb eines Monats umzumelden. Die Versicherungspolice für drei Monate hatte er ihr, mit dem Kaufpreis, bezahlt.

Für einen Agenten ist es schwer, ein normales Leben zu führen, aber das Bedürfnis, dies zu tun, war für Marcus Brand einfach zu stark gewesen. So sitzt er nun in Jogginghose und warmen Socken am Esstisch und teilt mit seiner Tia Nam ein häusliches Glück, dass so gar nicht zu ihm passt.

Aufmunternd schaut sie ihn an und sagt:

„Marc, wir können den ganzen Winter hier verbringen. Lass uns einfach abwarten, bis dieses dumme Virus verschwunden ist.“

Brand nickt und lächelt.

„Ich könnte es hier mit Dir aushalten!“

„Allerdings wird das Virus nicht verschwinden. Gerade ist eine neue Mutation auf dem Weg nach Europa, wie Du weißt.“

„Ja“, antwortet sie, „die indische Doppelmutation“.

Tia Nam steht auf und beugt sich leicht über ihn. Ihre Hände streichen über seinen Rücken. Ein sanfte Massage, die Brand mit einem leisen Seufzer quittiert.

„Darling“, sagt Brand, der die kleine Massage sichtlich genießt, „ich habe auch schon überlegt, ob wir aus der Geschichte aussteigen sollen.“

Sie nickt und atmet ein leises „Yeah“ aus.

„Würde es etwas ändern, wenn wir die Daten über das Virus hätten? Ich meine, könnten wir es dann besser bekämpfen?“

„Wohl kaum“, antwortet sie.

„Gut“, sagt der Agent und bedankt sich bei seiner Freundin, indem er ihre kleinen Hände küsst, „dann bleiben wir die nächsten Monate hier.“

Die kleine Chinesin ist entzückt und springt dem Agenten auf den Schoss. Sie umarmt ihn und beginnt ihn immer leidenschaftlicher zu küssen. Der schön verzierte  alte Stuhl, den Brand sich für das Esszimmer bei einem Trödler gekauft hatte,  ächzt bedenklich unter ihrer Leidenschaft, die dann, glücklicherweise, in einem anderen Raum weitergeht. Dem guten alten Stück aus englischer Eiche, ist das mehr als recht.

Vor dem Einschlafen denkt der Agent noch einmal über die Entscheidung nach, welche die beiden, die sich immer mehr wie ein Paar fühlen, getroffen haben.

Nijab war tatsächlich, genau wie Bruce positiv auf die besagten Naniten getestet worden. Der Secret-Service hat sich mit den Amerikanern in Verbindung gesetzt, um den Entwicklungsstand dieser biologischen Waffe besser einschätzen zu können. Die Amerikaner haben sich sehr interessiert gezeigt, aber die Untersuchungen würden sicherlich einige Monate in Anspruch nehmen.

Das Virus ist nun ohnehin das größere Problem. Weltweit sterben Millionen Menschen an dieser Infektion und es ist kein Ende in Sicht. Auch wenn die Chinesen das angerichtet haben. Der Geist ist aus der Flasche und auch China hat keine Möglichkeit ihn wieder einzufangen. Eine Bombe, die gezündet wurde, kann man schließlich nicht mehr entschärfen. Nun heißt es, zu überleben. Für Brand bedeutet das auch, einfach zu leben.

Sie werden in Deckung bleiben und einen wesentlichen Vorteil hat diese Entscheidung noch. Wenn jetzt keine weiteren Operationen folgen, beruhigen sich die Chinesen vermutlich und haben ihn im nächsten Frühjahr, wohl nicht mehr auf dem Plan. Dann kann der MI6-Agent erneut zuschlagen, wenn es sinnvoll ist.

Am nächsten Tag hat Brand eine Nachricht von Grigori in seinem geheimen Postfach, die ihn sehr beruhigt. „Der Vogel fliegt wieder“, schreibt sein Freund, in der ihm eigenen Ironie. Das bedeutet, dass er aus der Haft entlassen ist und vermutlich sein Leben weiter führen kann. Brand fragt ihn nach der Lage in Kasachstan und erhält die Antwort: „Bis auf das Virus, stabil“. Ein Blick auf die globale Infektionskarte zeigt dem Agenten, dass sich auch in Kasachstan eine neue Infektionswelle aufbaut. Ungewöhnlich viele Leute der Nomenklatura und der Oberschicht sind betroffen. Grigori zählt ein paar Fälle auf, darunter auch Massamow, Grigoris verbündeter beim Geheimdienst. Er hofft, dass es nicht so schlimm wird.

Warum die Führungsschichten in den verschiedenen Ländern so stark betroffen sind, obwohl diese sich doch am besten schützten könnten, ist unklar.

Der britische Premierminister und der amerikanische Präsident hatten die Krankheit auch schon und in vielen Ländern hört man von bekannten Persönlichkeiten, die infiziert sind. Ist es der Glaube an die eigene Unverwundbarkeit, die die Eliten unvorsichtig werden lässt?

Tia Nam hat eine Antwort, die Marc nicht ganz zufrieden stellt.

„Es passt nicht in das Denken der Eliten, dass sie von einem Virus besiegt werden können und deshalb glauben sie nicht daran“.

„Ist das in Asien anders“, fragt 00Y.

„Ja“, bestätigt sie, ohne Umschweife, „die Menschen dort begreifen sich viel mehr als Teil einer Massengesellschaft und fürchten sich viel mehr als die Europäer vor einem Massensterben“.

„Sie fürchten, zu sterben, wie ihre Hühner?“

Genau bestätigt die „Halb-Chinesin“, sie haben bereits gesehen, wie ihr Geflügel in Massen an der Vogelgrippe verendete. Das war schon eine asiatische Katastrophe, die ihnen heute noch lebhaft in Erinnerung ist“.

„Die Asiaten sind auch eher bereit, sich überwachen zu lassen“, ergänzt der Agent, der mit dem „Überwachungswahn“ in Fernost vertraut ist.

„Sie haben auch kein Verständnis für Eliten, die zu sehr aus der Reihe tanzen“, ergänzt sie.

„Ja“ seufzt 007, „es fehlt die liberale Tradition, der westliche Individualismus“.

„Den Asiaten fehlt es nicht“, entgegnet Tia Nam lebhaft, „aber Euch Briten kann man den Individualismus nicht austreiben“!

„Wie wahr“, entgegnet der Agent und nimmt noch einen Schluck von seinem Kaffee, „obwohl es gerade sehr heftig versucht wird!“

Fortsetzung folgt

Hintergrund – Realität und Fiktion

Die indische Variante und die Diskussion um die asiatischen Massengesellschaften

Ende des Jahres 2020 hatten die Inder schon geglaubt, das Virus sei bald verschwunden. Die Fallzahlen hielten sich in Grenzen. Aber sehr wahrscheinlich war die Doppelmutation, die unter dem Chiffre B.1.617 bekannt ist, schon entstanden und konnte erst anlässlich der Saison religiöser Feste im Frühjahr 2021 in Indien eine katastrophale Infektionswelle, mit tausenden Toten täglich, auslösen.

Die chaotischen Zustände in dem Land zeigen auch, dass Massengesellschaften in Asien keinesfalls besser mit dem Virus umgehen können, als westliche Gesellschaften, die an der individuellen Freiheit des Einzelnen orientiert sind. Dennoch ist die Diskussion in vollem Gange, was die Asiaten im Umgang mit Covid 19 besser machen, als beispielsweise die Europäer und Amerikaner.

Genannt wird dabei vor allem die Kontrolle, die in Fernost (Japan, Korea, Taiwan, China, Singapur, Hongkong) perfekter abzulaufen scheint, als bei uns. In der ersten Phase der Pandemie, im Frühjahr 2020 erschienen auch bei uns viele Artikel, die den koreanischen Weg in der Virusbekämpfung gelobt haben. Insbesondere die Nachverfolgung von Infektionsherden schien dort besser zu laufen, als in Europa und den USA.

Ein ehemaliger ZDF-Korrespondent in Peking nannte im letzten November fünf Gründe, warum die Asiaten besser mit der Pandemie klar kämen. Darunter mehr Konsequenz bei restriktiven Maßnahmen und weniger Datenschutz bei der elektronischen Nachverfolgung von Infektionsketten.

Es mag dabei ein Zufall sein, dass alle genannten Länder ihre politische Vorgeschichte in Diktaturen haben. Auch Südkorea war bis vor wenigen Jahren eine Diktatur, Singapur ist es noch heute und Japan ist alles andere, als eine alte Demokratie. In Stadtstaaten wie Hongkong wird die Bevölkerung massiv eingeschüchtert und ständige Razzien in den dicht besiedelten Bezirken erzeugen eine permanente Verunsicherung der Bevölkerung. Von China braucht man hier gar nicht zu reden, das Covid 19 Regime dort ist schlicht und einfach unmenschlich und brutal, wenn Menschen in ihren vergitterten Wohnung hungern müssen.

Die euphemistisch wirkende Schilderung des ZDF, die uns asiatische Gesellschaften als Vorbild suggeriert, zeigt, wie sehr sich auch viele westliche Meinungsbildner, auf das Bild der kontrollierten Massengesellschaft, als Zukunftsmodell, eingependelt haben und es geradezu propagieren.

Das ist ein bedrückender Nebenbefund dieser Pandemie, der zu Tage tritt, aber nicht wirklich neu ist. Der asiatische Markt ist für europäische Unternehmen so wichtig, dass auch die politischen Systeme dort, die meist illiberal sind oder mit unserer Vorstellung von Freiheitlichkeit nichts zu tun haben, schön geredet werden.

Eine kleine Ausnahme bildet derzeit China, wo sich auch die opportunistischen, westlichen Medien nicht trauen, Rechtfertigungen für die brutale Unterdrückung von Minderheiten aber auch der Mehrheit durch Angst und Kontrolle, zu schreiben.

Sogar das desaströse Handelsabkommen zwischen der EU und China wurde jetzt auf Eis gelegt, kurz bevor es ratifiziert werden sollte. Wem das TTIP Abkommen mit den USA, das ein Freihandelsabkommen war und somit nicht gut mit dem chinesischen Handelsabkommen zu vergleichen ist, zu demokratiegefährdend war, weil sich Konzerne aus dem Rechtsrahmen der Mitgliedsstaaten verabschieden konnten, der sollte nicht das EU-China-Abkommen lesen.

Das war bis vor kurzem auch nicht möglich, weil es unter Verschluss gehalten wurde.  Inzwischen gibt es eine Reihe von Presseberichten über den Vertragstext, die beunruhigen. Im Prinzip wird China der Marktzugang auf die offenen europäischen Märkte gesichert, während es für westliche Unternehmen eher geringe Erleichterungen auf dem chinesischen Markt gibt. China hat sich also weitgehend durchgesetzt. Nicht nur Unternehmen, auch westliche NGOs ( wie die Konrad Adenauer Stiftung) dürfen nur unter chinesischer Leitung in der Volksrepublik aktiv werden, was ungefähr so ist, als würde man in Deutschland auf die Idee kommen, ausländische Organisationen im eigenen Land nur zu akzeptieren, wenn sie von Deutschen geleitet werden.

Das EU Handelsabkommen zeigt vor allem eines, dass China kein Partner ist, sondern ein Gegner, dem es um die einseitige Sicherung einer globalen Hegemonie geht, was auch immer wieder als Soft-Imperialismus bezeichnet wird.

Das Prestige-Projekt der deutschen Kanzlerin, die so seltsame Sätze von sich gibt, wie „Mit aufsteigender Sonne nehmen die Impferfolge zu“, könnte vor dem europäischen Parlament, nach siebenjähriger Verhandlungszeit, scheitern. Dann wäre sie die zweite deutsche Regierungschefin, der ein wirtschaftliches Großprojekt mit einem autoritären Staat unter den Händen zerbröselt. Der erste Regierungschef war Gerhard Schröder mit seiner North-Stream-Pipeline und den zahlreichen Wirtschaftspartnerschaften mit Russland.

Das Land der „aufsteigenden Sonne“ ist China, wie Japan das Land der aufgehenden Sonne ist. Nur an dieser aufsteigenden Sonne kann man sich leicht verbrennen. Das chinesische Virus, dessen wahre Geschichte wir immer noch nicht kennen, macht das gerade deutlich.

Kapitel 15

Die Monate in Maldon sind für Brand ein Glücksfall. Er hat dabei das Gefühl, mit Tia Nam zu sich selbst zu kommen und überdenkt sein Verhältnis zum MI6.

Die beiden reden viel, auf langen Spaziergängen am Fluss und auf Autofahrten, bei denen sie die Besonderheiten der Landschaft genießen, wie beispielsweise die kleine Insel, die mit dem Festland durch einen schwach befestigten Damm verbunden ist, der bei Ebbe passierbar ist.

Sie heißt Osea Island und gibt den Blick auf die karge, vom ewigen Wechsel des Wassers geformte, Natur frei, die kaum bewohnt ist. Der alte Ford Cortina von 1981 ist dabei ihr Weggefährte und Stützpunkt, in dem Sandwich-Pakete und heißer Kaffee auf sie warten, wenn sie von einem ihrer Spaziergänge zurückkehren.

Osea Island erinnert Tia Nam an eine Landschaft bei Macau, das jetzt ebenfalls an China angeschlossen ist. „Selbst an solchen Orten“, merkt sie an, „findest Du in China überall Menschen“, sie pausiert kurz, „und natürlich Wasserbüffel“, lacht sie. „Aber mir gefällt es so besser“, fügt sie hinzu und hakt sich im Gehen bei 00Y ein, „man ist hier ungestört“.

Brand lächelt und beobachtet dabei eine Schar von grauen Möwen, die in niedriger Höhe über sie hinweg fliegt. „Bis auf die Möwen“, lacht er und säubert seinen Stiefel, auf dem eine Ladung Vogeldreck gelandet ist.

Tia Nam schaut den Möwen hinterher, von denen eine zurückbleibt und in Sichtweite gleichsam in der Luft stehen geblieben ist.

Brand, der sich von seinem Möwen-Malheur befreit hat, schaut nun auch in diese Richtung. Für einen Augenblick kommt ihm diese Möwe nicht wie ein Vogel vor, sondern wie ein Flugobjekt, das sich in allen Richtungen umschaut.

Dann aber zeigt sich der Flügelschlag des Tieres, das den Wind für ein kurzes Ausruhen in der Luft genutzt hatte.

„Hast Du auch an eine Drohne gedacht“, fragt ihn Tia Nam mit rauer Stimme.

„Ja“, entgegnet Marc, „genau das habe ich gedacht“.

Tia Nam seufzt und schaut ihren Begleiter fast schutzsuchend an. Sie findet ein wenig Beruhigung in seinen dunklen und ausgeprägten Augenbrauen, die nun entspannt, aber sehr fest und gerade wirken.

„Die Welt ist uns unheimlich geworden“, sagt Brand, „da kann man nicht viel machen“.

Nachdem er das gesagt hat, denkt der Agent bei sich, dass es genauso stimmt. Er spürt seine Verunsicherung. Er weiß nicht, ob er angesichts dieser Situation vorwärts oder rückwärts gehen soll, ob Angriff oder Flucht die richtige Entscheidung ist.

Im Augenblick ist es eher die Flucht.

Während sie gehen, drückt sich Tia Nam immer fester an seine Seite, so dass er schließlich meint, ihren Herzschlag durch den festen Wintermantel zu spüren. Das beruhigt ihn, aber entscheiden kann er sich dennoch nicht.

Diese Entscheidungslosigkeit quält Brand aber nicht und Tia Nam geht es ähnlich. Sie haben das Gefühl, dass dieser Augenblick ohne klare Entscheidung, in Wirklichkeit, das Leben ist, ihr Leben ist.

„Dieses unentschiedene Verweilen, ohne zu wissen, wie es weiter geht, findet eigentlich auf der ganzen Welt statt“, sagt Brand laut vor sich hin.

Seine Begleiterin schnappt es auf und ergänzt mit leicht zitternder Stimme:

„Ist es nicht bei jeder Krankheit so“?

Als die Sonne langsam rötlich wird, kehren die beiden um. Bald kommt die Flut und vorher müssen sie über den Damm zum Festland fahren. Während der Flut wird der Damm überspült und ist dann kaum noch zu sehen.

Der Wagen rollt über die unebene Piste des aufgeschütteten Deiches, auf der sich große Pfützen gebildet haben, in denen glitschiger Seetang schwimmt. Die Bodenfreiheit des Ford Cortina, der in ähnlicher Version, als Taunus, in Köln produziert wurde, ist groß genug für diese Piste und der Wagen setzt kein einziges Mal auf.

„Vielleicht steige ich ganz aus und quittiere meinen Dienst beim MI6“, denkt Brand, während er den alten Wagen an den Schlaglöchern vorbei lenkt. „Das hier wäre ein Ort, ein anderes Leben, das ich mögen würde“.

Er schaut seine Beifahrerin an, die versonnen in die Abendsonne blickt.

„Was würdest Du machen, wenn Du nicht mehr Agent wärest“, fragt sie ihn unvermittelt.

Brand überlegt kurz. „Ich hätte gern ein paar Jagdhunde“, antwortet er dann ziemlich überzeugt.

Tia Nam grinst ihn an. „Dann würdest Du also den Hunden das Jagen überlassen!“

00Y lacht kurz auf und fühlt sich ertappt.

„Wohl wahr“, antwortet er, „aber ich fürchte, es ist noch nicht so weit. Diese Sache bringe ich zu Ende“.

Da war die Entscheidung! Beide merken es in diesem Augenblick und schauen sich kurz an. Es geht also weiter!

Die Theorie

Ein paar Tage später stehen die beiden wieder im Hauptquartier im Büro von Brands Vorgesetzten und hören sich eine erstaunliche Geschichte an.

Sowohl Bruce, als auch Nijab haben inzwischen schwere psychische Störungen entwickelt, die mit Wahnvorstellungen und Halluzinationen einhergingen. In beiden Fällen geschah dies, nachdem man ihnen den Chip für die Nanobots entfernen konnte. Es sieht so aus, als hätten die Drugtransporter in den infizierten Körpern dann verrückt gespielt und jede Menge Dopamin ausgestoßen. Die Wahnvorstellungen klangen erst einige Tage später wieder ab. Beide sind aber noch krank und zeigen ein „Negativ-Syndrom“ mit Interessenlosigkeit, Antriebsarmut und Konzentrationsstörungen.

Chief versucht seiner Stimme einen besonderen Ton zu geben, als er sagt:

„All diese Störungen, die ich gerade beschrieben habe, sind nur dann zu erklären, wenn die Naniten auch in die Gehirne der Infizierten vordringen und jetzt raten Sie mal, 00Y, wie diese kleinen DNA-Maschinen das geschafft haben“?

Chiefs Augen leuchten, während er Brands Reaktion abwartet. Der zuckt aber nur mit den Schultern.

„Mit Spike-Proteinen“ ruft Chief laut aus, „Spike-Proteine, die das Gefäßsystem angreifen und dadurch auch ins Gehirn eindringen können“.

Der Vorgesetzte Brands läuft nun in seiner bekannten Weise hinter dem eigenen Schreibtisch hin und her, wie ein Löwe in seinem Käfig.

In einer, bewusst nüchtern wirkenden, Theatralik blickt er die beiden an und holt zu seiner „Conclusio“ aus.

„Die Amerikaner haben herausgefunden, dass es genau die Spike-Proteine unseres chinesischen Virus sind, das bekanntlich, bei schweren Verläufen, auch das Nervensystem angreift.“

Tia Nam schweigt und schaut nachdenklich in Chiefs Gesicht.

00Y hebt seine Augenbrauen und legt dabei die Stirn in Falten, so als wollte er fragen: „Na und“?

„Ja“, verstehen Sie denn nicht, ruft Chief, nun fast empört über die Indolenz seines Agenten, „das Virus hat dieselben Spike-Proteine wie die Naniten, es ist ein Abfallprodukt des chinesischen Biowaffenprogramms“!

„Oder ein Teil dieses Programmes“, schiebt Tia Nam mit trockener Stimme ein.

Beide Männer schauen die Wissenschaftlerin an.

„Stellen wir uns vor“, sagt sie nüchtern, „ein Virus mit Spike-Proteinen ist so aggressiv, dass es eine Pandemie auslöst und weltweite Impfkampagnen zur Folge hat. Stellen wir uns weiterhin vor, dass die Naniten des chinesischen Militärs dieselbe aggressive Oberfläche haben. Dann kann man die Menschen mit Naniten impfen, ohne, dass es so leicht bemerkt wird.“

„Aber die Impfreaktion führt doch zur Abstoßung der Naniten durch das Immunsystem“, wendet Brand ein.

Tia Nams Augen leuchten leicht auf und ihre Stimme wird laut und deutlich.

„Alle chinesischen Impfstoffe“, sagt sie, „zeigen eine auffällig schwache Wirksamkeit gegen das Virus. Woran liegt das?“

„Sie sind nicht gut“, antwortet Chief mit einem leichten Grinsen.

„Sie sind perfekt“, antwortet Tia Nam, „weil sie nicht wirken sollen. Auf molekularer Ebene sehen sie aus, wie echte Impfstoffe. Aber ihre Aufgabe ist es, in Wirklichkeit, die Nanobots in das Nervensystem der Geimpften einschleusen.“

Brand versucht zu folgen. „Aber was tun diese kleinen Dinger dann im Gehirn“, fragt er die Wissenschaftlerin.

„Vermutlich verursachen sie sehr zuverlässig eine Störung, die in manchen Fällen auch vom chinesischen Virus ausgelöst wird. Die Betroffenen werden müde, antriebsarm und können sich nicht mehr konzentrieren. Der Zustand hält vermutlich nicht nur Monate, sondern vielleicht sogar Jahre an. Die Erkrankten sind dann hilflos“.

„Aha“, meint 00Y, dem das einleuchtet, „und indem man die Menschen durch eine gezielte Impfung auf diese Weise krank werden lässt, kann man das Geschehen wesentlich besser steuern, als eine einfache Virusepidemie. Man kann sogar entscheiden, wo die meisten Menschen erkranken, wenn man sein „Vakzin“ gezielt einsetzt.

„Im Unterschied zum Virus also eine effektive biologische Waffe“, sagt Chief, „der Punkt ist nur der, dass die Chinesen auch ihre eigenen Leute mit den Vakzinen impfen“.

„Das passt nicht“, gibt Tia Nam zu.

„Das passt“, korrigiert 00Y, „wenn nur ein bestimmter Teil der Vakzine Nanobots enthält. Beispielsweise Lieferungen für ein bestimmtes Land oder eine Organisation, vielleicht auch eine Armee. Die könnte man auf diese Weise gezielt ausschalten“:

„Geschätzte Anwesende“, sagt Chief nun feierlich, „wir haben vermutlich eine Theorie, die wir nun nur noch überprüfen müssen. Hat jemand eine Idee“?

Brand und Tia Nam schweigen, weil sie vermutlich das gleiche denken. Sie haben eine Idee, wie man diese Theorie überprüfen kann, aber wollen es nicht sagen. Sie müssten dafür nach Hongkong fliegen. Aber sie möchten lieber zusammen in Maldon bleiben.

Fortsetzung folgt

Hintergrund-Fiktion und Realität

Naniten

Die Geschichte mit den Naniten wird immer abenteuerlicher und entfernt sich dabei immer weiter von der Realität. Schließlich aber handelt es sich hier ja um eine Abenteuergeschichte. Naniten, Nanobots und Drugtransporter sowie DNA-Maschinen werden hier (unwissenschaftlich) synonym benutzt. Es wurde bereits in den vorherigen Kapiteln auf den aktuellen Forschungsstand und die Verwendung dieser molekularen Technologie in der Biowaffenforschung eingegangen. In jedem Falle gehören die USA und China zu den Ländern, die Naniten beforschen.

So weit so schlecht. Denn ein Schwerpunkt liegt, wie gesagt auf der militärischen Forschung, während parallel Naniten für medizinische Zwecke beforscht werden. Man weiß also nie genau, wie die Wechselwirkungen zwischen medizinischer und militärischer Forschung aussehen.

Gerade Militärs, die Kriege mit subtilen Mitteln führen wollen, dürften erhebliches Interesse am medizinischen Arm der Naniten-Forschung haben, der sich beispielsweise mit dem Einbringen von Medikamenten in Tumorgewebe durch solche molekularen Drugtransporter beschäftigt. Warum also sollte man solche Drugtransporter nicht dazu einsetzen, um die Gehirne der militärischen Gegner subtil anzugreifen, ohne dass Toxine nachweisbar sind?

In jedem Falle ist die Rekombination von Viren und Bakterien ein wichtiger Forschungsbereich, der Wissen generieren kann. Das wird auch gemacht, auch in China. Die wissenschaftlichen Veröffentlichungen auch aus dem Institut für Virologie in Wuhan, weisen darauf hin.

Kann eine solche Forschung aber so weit gehen, dass pathogene Eigenschaften von Viren auf künstliche Naniten übertragen werden? Ein Erfolgsrezept des Virus, Cov Sars 2, sind seine Spike-Proteine, mit denen das Virus vor allem das Gefäßsystem der Betroffenen angreift und weitreichende Schäden verursacht. Wäre es denkbar, dass genau diese Eigenschaften auf Naniten übertragen werden, um sie gefährlicher zu machen?

Eine Arbeit, die 2020 in Nature veröffentlicht wurde, beschäftigt sich mit der natürlichen Entstehung des Cov-Sars-2 Virus und hebt sein Spike-Protein mit der hohen Rezeptoraffinität zu menschlichen AC2 Rezeptoren hervor. Die Autoren finden fast ausschließlich, Argumente, dass sich das Virus mit diesem Erfolgsmodell über tierische Zwischenwirte an den Menschen angepasst hat oder aber verborgen in infizierten Menschen diese Eigenschaften durch Selektion erworben hat.

Eine erfolgreiche Manipulation des Virus in einem Labor halten sie für ausgeschlossen. Es bleibt jedoch die Frage offen, ob sie lediglich eine Ausprägung dieser Proteine an der Oberfläche des Virus durch Selektion für wahrscheinlich halten oder auch durch Manipulation für möglich halten. Auf diese Frage wird positiv nicht eingegangen. Die Selektion wird als Argument gegen eine mögliche Manipulation verwendet, was einfachen logischen Regeln widerspricht.

Unter den Autoren, überwiegend Amerikaner, ist kein einziger Chinese. Bei den herangezogenen Quellen aber, sind die Chinesen deutlich in der Mehrheit. Auch wenn einige dieser Wissenschaftler in Arbeitsgruppen in den USA, England und Australien aktiv sind, haben sie eine führende Position in der, jeweils zitierten, Publikation. Außerdem fällt auf, dass so gut wie gar nicht auf ältere Arbeiten dieser Wissenschaftler rekurriert wurde, sondern fast nur Arbeiten verwendet wurden, die nach Ausbruch der Pandemie veröffentlicht wurden. In älteren Arbeiten haben sich aber gerade chinesische Wissenschaftler in Wuhan, Shanghai und Peking mit Forschungen in der Rekombination von Viren und so genannten Gain of Function-Studien hervorgetan, die also die Gefährlichkeit solcher Viren für den Menschen durch Manipulation im Labor erhöht haben. Ehrlicherweise muss man aber sagen, dass sich keine Arbeiten über die künstliche Manipulation von Spike-Proteinen auf Virus-Oberflächen finden.

Die Verbindung der schon umstrittenen Frage einer möglichen Manipulation des Virus mit der noch umstritteneren Frage, ob man gefährliche Viruseigenschaften für die Entwicklung von Nanobots nutzen kann, wird dann allerdings endgültig spekulativ. Es lassen sich keine Arbeiten über dieses Thema in den einschlägigen wissenschaftlichen Suchmaschinen finden.

Die Geschichte bleibt also eine Geschichte und die Theorie der drei Personen in diesem Artikel, dass das Virus Teil einer Biowaffenforschung der Chinesen ist, wird eigentlich durch keine einzige wissenschaftliche Publikation gestützt. Sie ist reinste Spekulation.

Allerdings muss man auch hier sagen, dass es eine seltsame Koinzidenz von Pandemie und militärischer Übernahme des Labors in Wuhan gab. Die Chinesen haben das Labor kurz nach Ausbruch der Pandemie unter Aufsicht einer militärischen Biowaffenexpertin gestellt. Sie haben jeden Versuch vereitelt, Wissenschaftliche Untersuchungen über den Ursprung des Virus durch Daten aus dem Labor zu unterstützen, sie haben eine Untersuchungskommission der WHO in diesem Jahr massiv blockiert und schließlich haben sie massive Desinformation gestreut, dass das Virus eigentlich aus den USA komme und bewusst in China verbreitet wurde, um dem Land zu schaden. Außerdem ist die Geschichte des Labors in Wuhan durch Winkelzüge, Vernebelungsaktionen und ein Herausdrängen französischer und amerikanischer Wissenschaftler gekennzeichnet. 2017 hat ein amerikanischer Wissenschaftler den Verdacht geäußert, dass die Chinesen in Wuhan ein Biowaffenprogramm laufen haben.

Die Chinesen haben sich also, bei aller Spekulation, tatsächlich massiv verdächtig gemacht. Grund genug einen Agenten der Doppelnull-Klasse darauf anzusetzen. Aber eben auch eine Geschichte und keine Realität.

Parallelen zu Vektorimpfstoffen

Normalerweise werden Impfstoffe aus attenuierten Viren, als Viren, die nicht mehr pathogen sind, weil sie sich beispielsweise nicht mehr vermehren können. Dieses Verfahren ist in Bezug auf neue Viren verhältnismäßig aufwendig und kostenintensiv und eignet sich nur begrenzt für einen schnell zu entwickelnden Massenimpfstoff.

Vektorimpfstoffe dagegen nutzen schon bekannte Viren, um ihnen den Bauplan, als die RNA, des Virus, gegen das geimpft werden soll „über zu helfen“, die attenuierten Viren docken dann an der menschlichen Zelle an und geben nicht ihren, sondern den Bauplan des neuartigen Virus an die menschliche Zelle weiter. Die reproduziert dann diesen Bauplan und provoziert damit eine Immunantwort. Die Spike-Proteine von Cov-Sars 2 stehen dabei im Mittelpunkt dieser Immunreaktion und werden, nachdem die befallenen Körperzellen diese produziert haben, bekämpft.

Im Prinzip sind das natürlich genetische Manipulationen von Viren und Körperzellen mit bestimmten RNA-Sequenzen. Ob das harmlos ist, wissen wir nicht, weil diese Methode eher neu ist und erst bei Erkrankungen wie Ebola in einem begrenzten Umfang ausprobiert wurde.

Vektorimpfstoffe sind keine Methode der biologischen Kriegsführung, tragen aber wissenschaftliche Erkenntnisse zur Entwicklung von Biokampfstoffen bei.

Wie bringt man eine menschliche Zelle dazu, gefährliche DNA-Stränge zu produzieren, die beispielsweise in der Lage sein könnten, das menschliche Nervensystem (also auch das von Soldaten) zu beeinträchtigen? Diese Frage liegt in enger Nachbarschaft zur Frage, wie man eine menschliche Zelle dazu bringt, das wirkungslose Abbild eines gefährlichen RNA-Stranges zu produzieren, um eine Immunisierung zu erzeugen.

Die Impfung wirkt wie ein Türöffner in der Biowaffenforschung. Künftig kann man sich vorstellen, dass Armeen nicht nur gegen natürlich entstandene Viren und Bakterien geimpft werden müssen, sondern auch gegen manipulierte Viren, wobei der Impfstoff wiederum auch ein Risiko darstellen kann, wenn er manipuliert ist, wie in unserer Geschichte mit den Nanobots, den kleinen DNA-Maschinen, die politische Gegner und gegnerische Armeen biologisch beeinträchtigen sollen.

Ein weites Feld mit komplexen Verzahnungsmöglichkeiten zwischen Gesundheitswesen und militärischer Forschung eröffnet sich auch seit der Einsatzmöglichkeit von Vektorimpfstoffen für Massenimpfungen. Schließlich eröffnet eines solche Forschung auch Möglichkeiten der Massenkontrolle, also auch der Kontrolle und Steuerung von Menschen eines Landes durch die eigene Regierung. In der Geschichte geht diese Option gerade an den Start, als Demokratie-Aktivisten in Hongkong mit Impfstoffen geimpft werden, die zahlreiche Manipulationen am Nervensystem der politischen Gegner möglich machen.

Kapitel 16

Das Shenzhen Convention & Exhibition Center liegt nur wenige Kilometer entfernt von der Grenze nach Hongkong und unweit der Shenzhen-Bucht, die den Blick von China in die ehemalige Kronkolonie freigibt.

Mr. und Mrs. Stafford, zwei englische Geschäftsleute, die mit landwirtschaftlichen Maschinen handeln, sind auf dem Weg zum Messegelände. Die chinesische Planstadt, die nur aus Neubauten zu bestehen scheint, beeindruckt das Paar. Zumindest sagen sie das dem Taxifahrer, wobei die Lady immer neue Sensationen entdeckt, die sie ihrem Mann zeigt.

„Sie müssen wissen“, sagt sie dem Chauffeur begeistert, „dass wir das allererste Mal hier sind. Es ist so aufregend!“

Die Tarnung die sich Brand und seine Begleiterin zugelegt haben, funktioniert ausgezeichnet. Die Pässe, die auf ein englisches Ehepaar ausgestellt sind, das es tatsächlich gibt, mussten nur wenig modifiziert werden. Die angegebenen Daten sind überall verfügbar und wiegen, durch einfache Zugänglichkeit, die chinesische Polizei in Ahnungslosigkeit.

Brand und Tia Nam hatten sich entschieden, Hongkong zu meiden und direkt nach Shenzhen zu fliegen. Eine dortige Landmaschinen-Messe war das perfekte Alibi für den MI6 Agenten und gleichzeitig der Treffpunkt mit 00F. Fetcher ist aus Hongkong angereist, um die beiden zu unterstützen.

Es sind viele britische Geschäftsleute und Unternehmer auf dieser Messe vertreten,  so dass zwei Männer mittleren Alters, in Begleitung einer jüngeren Frau, chinesischen Aussehens, nicht auffallen. Das Gespräch geht allerdings vor allem um die pharmazeutische Fabrik am Stadtrand, in welche Brand und Fetcher eindringen wollen und zwar nachts.

Tia Nam hat in den Aufzeichnungen ihres Vaters die Tage gefunden, an denen er dort produzieren durfte, oder besser gesagt, die Nächte. Denn Klixfield hat seine Pharmaka nachts herstellen lassen, wenn die Fabrik offiziell nicht arbeitete. Genau das wollen Brand und Fetcher am heutigen Abend herausfinden. Die Frage, ob nachts noch produziert wird, was produziert wird und vor allem von wem!

Wer ist der Nachfolger von Klixfield in der vermutlich illegalen Nachtproduktion von Medikamenten?

Diese Frage ist von höchster Bedeutung, weil der Nachfolger Klixfields ihn möglicherweise ausschalten ließ.

Tia Nam hat einen Verdacht.

„Es wird ein Strohmann Gabils, der die Fabrik auch offiziell tagsüber betreibt, sein. Produziert werden Impfstoffe gegen Ebola, die in den Kongo gehen.“

„Es liegt nahe“, sagt Fetcher zu den beiden, „ dass auch nachts Impfstoffe produziert werden. Schließlich liegt dort die Produktionsfähigkeit der Anlage“.

Brand, der gerade einen Traktor begutachtet, welcher autonom mit GPS-Steuerung über das Feld fahren kann, nickt.

„Das denke ich auch. Ich schätze, dass wir in den Lagerhallen fündig werden, wüsste nur vorher gern, wie sie gesichert sind“.

„Ich habe einen unserer Leute darauf angesetzt“, erwidert Fetcher zuversichtlich, „es handelt sich um etwas Wachschutz, vielleicht ein Dutzend Leute und keine ungewöhnliche Sicherungstechnik“.

„Kameras und ein Zaun und irgendwo einer, der vor den Monitoren schläft“, lächelt 00Y.

„Vermutlich“, meint 00F.

„Gibt es eine Stelle wo wir hinüber können?“

„Ja“, antwortet der Agent aus Hongkong, „es gibt einen Lärmschutzzaun an der Straße, der an das Produktionsgelände anschließt. Die Stelle ist schlecht beleuchtet und leicht zu überwinden. Von da kommen wir nach fünfzig Metern zur Lagerhalle, die an das Produktionslabor anschließt“.

„Ideal“ seufzt der Agent, „so einfach sollte es immer sein. Was meinst Du hierzu?“

Brand zeigt auf eine Maschine in der Schafe geschoren werden können.

„Alles voll automatisch“, grinst er, „warum haben wir nicht solche automatischen Helfer?“

Fetcher schaut ihn verständnislos an und Tia Nam grinst. Sie kennt Marcs seltsamen Humor bereits.

„Fluchtmotorrad“, fragt Brand seinen Kollegen routiniert.

„BMW R-Nine T“, kommt die Antwort.

„Sehr gut“, sagt Brand, „für den Spaß ist also auch gesorgt. Dann wendet er sich an seine Freundin. „Was machst Du heute Abend, Tia Nam“?

„Ich weiß noch nicht“ antwortet sie, „vielleicht Fernsehen gucken“?

„Sehr gute Idee“, meinen die beiden Männer, „schau Dir doch einen Agentenfilm an“.

Die drei Lachen und schlendern sichtlich gut gelaunt zum Ausgang. Von Nervosität keine Spur.

Die Fabrik

Der Abend läuft dann aber doch nicht  so entspannt, wie es sich die Agenten vorgestellt hatten. Nachdem sie den Zaun überwunden haben, können sie in die Lagerhalle eindringen. Dort verstecken sie sich nahe des Durchganges zur Produktionseinrichtung hinter Paletten mit Kartons, die ganz offensichtlich für den Export bestimmt sind und warten. Tatsächlich wird stundenlang immer neue Ware ins Lager gebracht, obwohl es bereits ein Uhr in der Nacht ist.

Auf den Kartons steht kein Bestimmungsort. Sie finden nur die Aufschrift: „Vorsicht zerbrechlich“!

Brand schneidet einen Karton vorsichtig von der Seite auf und entnimmt eine Charge mit kleinen Injektionsbehältern. Dann verschließt er den Karton, nicht, ohne zuvor einen kleinen Sender platziert zu haben. Fetcher platziert ebenfalls Sender in einigen Kartons.

Brand untersucht die Charge mit Injektionsfläschchen und wirkt erstaunt.

„Sie tragen kein Etikett, obwohl sie befüllt sind“, flüstert er seinem Kollegen zu.

„Vermutlich werden sie erst am Zielort etikettiert“, antwortet 00F.

Brand steckt die Flaschen ein und wirkt unzufrieden.

„So finden wir nicht heraus, wer hier produzieren lässt“, meint er.

„Ich denke“, sagt Fetcher, „eine so wenig gekennzeichnete Produktion muss ziemlich kurzfristig abgeholt werden, damit sie nicht in falsche Hände gerät“:

„Warten wir“, fragt Brand.

„Zumindest bis zum Morgengrauen“, meint Fetcher.

Etwa zwei Stunden später werden die Paletten abgeholt. Ein LKW kommt an die Rampe und zwei Fahrer laden die Fracht auf die Hebebühne.

„Jetzt heißt es schnell sein“, flüstert Brand.

Bevor die Rolltore ganz heruntergelassen sind und der LKW sich in Bewegung setzt, haben die beiden Agenten die Lagerhalle durch einen Seiteneingang verlassen laufen in Richtung Zaun, als das Unerwartete passiert.

Ein freilaufender Schäferhund entdeckt die beiden und nimmt knurrend die Verfolgung auf. Brand hängt gerade im Zaun, als das Vieh sein Bein erwischt und zubeißt. Der Agent spürt einen heftigen Schmerz in der Wade und nimmt alle seine Kraft zusammen. Mit einem Ruck hebt er das Tier beim Klettern auf halbe Höhe des Zaunes und zwingt es so zur Entscheidung. Entweder von 00Y über den Zaun gezogen zu werden oder aber loszulassen.

Ein deutscher Schäferhund ist kein Pittbull-Terrier und weiß, wann er verloren hat. Er gibt Brands Wade frei und der Agent kann zum Motorrad humpeln.

„Der hätte Dich fast erwischt“, meint Fetcher, der die Maschine startet. Brand springt hinten auf. „Ja“ stöhnt er, „hoffentlich verpetzt er uns nicht“!

Trotz der schmerzenden Wade gibt Brand seinem Kollegen die Anweisung dem Signal im LKW zu folgen. Sie haben ein Peilgerät bei sich, welches der Agent während der Fahrt abliest.

Der LKW fährt zum Containerhafen von Shenzhen, womit die Agenten gerechnet hatten Die Ladung dürfte für einen großen Container reichen, den sie nun identifizieren müssen. Denn der Container ist mit Frachtpapieren versehen, die seinen Bestimmungsort und den Absender angeben müssen. Auf diese Papiere haben es Brand und Fetcher abgesehen.

Die Nacht ist schon ziemlich lang geworden und die beiden Agenten fahren im Morgengrauen durch den Container-Hafen.  Die Hafenarbeiter sind bereits zur Schicht gekommen und fangen an, bereitstehende Container zu füllen. Auch die Ladung aus der Lagerhalle ist dabei, wie Brand und Fetcher an dem Peilsignal sehr deutlich ablesen.

In etwa dreißig Metern Entfernung vom Container, aus dem das Signal kommt, warten die beiden im Schatten eines Halleneinganges ab. Schließlich kommt ein Vorarbeiter und bringt die Frachtpapiere am Container an. Nachdem er sich entfernt hat nutzt Fetcher einen ruhigen Augenblick und nimmt die Papiere aus der Hülle, fotografiert jedes einzelne Dokument mit seinem Handy ab und steckt die Unterlagen wieder zurück.

„Das war es“, sagt Fetcher zu Brand, „ soll ich Dich jetzt ins Krankenhaus fahren“?

00Y lacht nicht über diesen missglückten Scherz. Die Wade schmerzt, aber sie blutet nicht. Die Schnürstiefel haben schlimmeres verhindert, aber der Muskel ist gequetscht und die Schwellung ist mehr als unangenehm.

Als die beiden ins Hotelzimmer kommen, schläft Tia Nam, ist aber sofort hellwach, nachdem sie die beiden im Badezimmer hört. Der Fernseher läuft noch, obwohl es draußen schon hell ist. Tia Nam kommt ins Bad und sieht Brands lädierte Wade, auf der sich das Gebiss des Angreifers in blau, rot und gelb verewigt hat.

„Oh Marc“ ruft sie und schaut sich seine Wade an, „bist Du über einen Hund gestolpert“?

Nun muss Brand doch lachen. „Nein der Hund hat nur seine Pflicht getan“.

Ein kräftiger Cognac kann auch am Morgen noch wirken und die fotografierten Frachtpapiere werden gemeinsam ausgewertet. Von einer Übermittlung an das Hauptquartier sehen die Agenten, wegen der starken chinesischen Internetüberwachung, ab.

Der Zielhafen der Ladung ist Lagos in Nigeria und nicht der Kongo. Den Absender sieht Tia Nam mit einigem Entsetzten. Es ist ihr toter Vater, Karl Klixfield.

„Scheint so, als hätte Gabil keinen neuen Strohmann für diese Produktion gefunden“, sinniert Tia Nam, die etwas gedrückt dreinschaut.

Fetcher kann sich nicht beherrschen und gießt noch Öl auf das Feuer. „Ein toter Strohmann ist der beste Strohmann“, sagt er unbedacht und bekommt böse Blicke von Brand und Klixfields Tochter.

„Na gut“, sagt Fetcher, „ich ziehe mich wohl besser zurück. Wir brauchen jetzt alle etwas Schlaf.“

„Ich vermute“, sagt Brand ruhig zu seiner Freundin, als beide allein sind, „Gabil führt einfach die Lieferung aus, die Dein Vater vertraglich vereinbart hat“.

„Nein“, antwortet Tia Nam, tief traurig über die offensichtliche Kriminalität ihres Vaters, „Gabil hat wohl einfach einen anderen Karl Klixfield eingesetzt, der besser funktioniert. Irgendwo in Hongkong läuft dieser neue Karl Klixfield herum und setzt die Geschäfte meines Vaters fort. Vermutlich benutzt er sogar sein Büro“.

Brand antwortet nicht, weil er weiß, wie schlimm all das für Tia Nam ist. Er schenkt ihr ein Glas Cognac ein und zieht die Vorhänge vor. Sie leert das Glas mit wenigen Zügen und legt sich dann auf das großzügige Bett des Hotelzimmers.

„Lass uns noch ein paar Stunden schlafen“, sagt Brand und legt sich neben sie. Tia Nam umfasst seinen Kopf und schmiegt sich an ihn. Brand kommt es so vor, als halte sie ihn fest und er genießt diese Umarmung. Dann schläft er ein.

Fortsetzung folgt

Hintergrund – Fiktion und Realität

Der Pharma-Schwarzmarkt

Der schwarze Pharmamarkt soll nach Schätzungen global etwa 75 Milliarden Euro umsetzen. Er ist teilweise profitabler, als die Herstellung und der Handel von Drogen.

Weltweit ist mittlerweile jedes zehnte Arzneimittel gefälscht, in manchen Entwicklungsländern soll es annähernd jedes dritte sein. Solche Mengen lassen sich nicht ausschließlich in kleinen Familienbetrieben in dunklen Hinterhöfen produzieren, sondern dafür werden auch hochmoderne Fabriken rund um den Globus genutzt. In manchen Fabriken werden tagsüber ganz legal Arzneimittel produziert, während nachts die Maschinen für die Fälschungen auf Hochtouren laufen.“

Etwa die Hälfte der gefälschten Medikamente weltweit soll aus China und Indien stammen.

Bei so großen Mengen von gefälschten Medikamenten darf man sich keine Hinterhof-Fabriken mehr vorstellen. In schlecht kontrollierten und korrupten Ländern dürften offizielle Pharmafirmen, die weltweit exportieren, an diesem Geschäft teilnehmen. Denn professionelle Produktionsanlagen sind teuer, mit einem erheblichen Logistikaufwand verbunden und müssen daher ausgelastet werden. Die illegale Produktion von Medikamenten dürfte daher ein Zusatzgeschäft für Pharmafirmen in China und Indien sein, das nicht mit einer unterirdischen „Heroin-Küche“ von einem Drogen-Baron zu vergleichen ist.

Impfstoffe sind Pharmaka und werden weltweit nachgefragt. Ihre Wirksamkeit ist schwerer zu überprüfen, als die eines Schmerzmittels und ihre Zusammensetzung kann nur in wenigen und hochqualifizierten Laboren analysiert werden.

Somit ist die, spekulative Annahme, dass in China auch Impfstoffe gefälscht werden und zwar in professionell arbeitenden Produktionsanalgen, keinesfalls vollkommen abwegig.

Es ist möglich.

Gabil, der in unserer Geschichte für Bill Gates steht, passt und passt nicht zu diesem kriminellen Sektor der Pharmabranche. Er passt, weil er im hohen Maße auf Partnerschaften mit Pharmaunternehmen in China setzt und er passt nicht, weil ihm in keinem Fall eine Kooperation mit einer illegalen Fabrik unterstellt werden konnte. Er steht hier außer Verdacht.

Insofern ist es provokant, diese Symbolfigur für das Impfgeschehen in Afrika, mit einer hochkriminellen Nigeria-Connection für Impfstoffe und falsche Medikamente in Zusammenhang zu bringen. Aber er ist global die einzige Person, in der diese Themen: „afrikanische Impfkampagnen“, „chinesische Impfstoffe für Afrika“ und profitgetriebene „Joint Ventures“ zusammenlaufen.

Gates war auch einer der positiven Treiber bei der Bekämpfung der Ebola-Epidemien in Afrika.  Eine hohe chinesische Militärangehörige, Chen Wei, der nach dem Ausbruch der Pandemie in Wuhan das dortige virologische Labor unterstellt wurde, ist übrigens zuvor in Afrika gewesen und hat an der Entwicklung eines Impfstoffes gegen Ebola mitgearbeitet. Sie ist Spezialisten für Biowaffenforschung und taucht auch angesichts der Covid-19 Pandemie in Artikeln auf, die ihre gute internationale Vernetzung mit der wissenschaftlichen und kommerziellen „Impfstoff-Szene“ dokumentieren. (Immerhin ist Chen Wei eine Spezialistin für Biowaffen!) In dieser Szene ist auch die Gates Stiftung mit denselben Themen aktiv.

Ja, die Verbindung von Biowaffenforschung und Impfstoffen, die in China produziert werden und Biowaffen (Nanobots) enthalten, mit Bill Gates, ist reichlich konstruiert und natürlich Fiktion.

Aber, wie heißt es in einem älteren Bond-Film? „Sag niemals nie!“

Kapitel 17

Am selben Tag spazieren die beiden Agenten und die Wissenschaftlerin die Shenzhen-Bay entlang und beraten ihr weiteres Vorgehen.

Fetcher soll zurück nach Hongkong fahren und sich an die Fersen des „neuen“ Karl Klixfield heften, so es ihn denn gibt. Brand will das weitere Schicksal der Impfstoff-Ladung verfolgen und dafür nach Lagos fliegen. Die Handelsbeziehungen zwischen China und Nigeria sind intensiv und dementsprechend gut sind die Flugverbindungen.

Es gibt allerdings einen Streitpunkt, den die Agenten während des gesamten Spazierganges nicht beilegen können. Tia Nam will mit Fetcher nach Hongkong und möglichst das Büro ihres Vaters durchsuchen. Brand ist dagegen.

„Du begibst Dich unnötig in Gefahr“, faucht er seine Begleiterin an.

„Warum unnötig“, gibt sie zurück, „ es ist doch möglich, dass ich in seinem Büro wichtige Kontaktdaten der Nigeria-Connection finde. Außerdem ist mir sein Verhältnis zu Gabil noch nicht klar. Dieser Milliardär schwebt doch über allem und wir wissen nicht, welches seine Rolle in diesem Spiel ist“.

Brand weiß natürlich, dass sie Recht hat, aber er hasst den Gedanken, dass Tia Nam in Hongkong etwas passieren könnte. Fetcher durchschaut das schließlich und legt seinen Arm auf Brands Schulter.

„Ich passe auf sie auf“, sagt er leise zu 00Y.

Widerwillig gibt der Agent nach.

Der Flug von Shenzhen nach Lagos dauert fast 24 Stunden. Er geht über Chengdu und Addis Abeba. Ethiopian-Airlines bedienen diese Strecke. Brand hat genug Zeit nachzudenken und ein bisschen zu schlafen. Er kennt Nigeria recht gut und hat Kontakte im nigerianischen Sicherheitsapparat. Es ist ihm allerdings lieber, dass niemand dort weiß, dass er kommt.

Die ungezeichnete Impfstoff-Charge ist ungewöhnlich. Er hat die Fläschchen nach London ins Labor schicken lassen. Warum schickt jemand einen Container mit zigtausend Impfdosen nach Nigeria, ohne sie zu kennzeichnen?

Natürlich weiß der Agent, dass Nigeria die afrikanische Drehscheibe für illegale Medikamente, für Fälschungen und Nachahmer-Präparate ist. Er weiß auch, dass die Hälfte dieser Pharmaka aus China und Indien kommen. In Nigeria gibt es Unternehmen, die sich auf die Fälschung von Verpackungen und Etiketten spezialisiert haben und dabei weit fortgeschritten sind. Aber die Chinesen sind die Weltmeister im Fälschen. Warum also Nigeria?

„Vielleicht bekommen Tia Nam und Fetcher etwas heraus“, denkt er bei sich und spürt ein unbehagliches Gefühl in der Magengegend. Brand hat Angst um seine Freundin.

In Lagos begibt sich der Agent zum Containerhafen und schaut sich um. Der Hafen ist gut zugänglich und er bekommt ohne Probleme heraus, wann das Schiff aus China eintreffen wird. Allerdings dauert es noch zehn Tage, die er nicht ungenutzt verstreichen lassen will.

Der Agent nimmt Kontakt zu einem alten Bekannten auf, den er während des nigerianischen Bürgerkrieges in Biafra unterstützt hatte. Nogogo war Offizier in der nigerianischen Armee und einer ihrer begabtesten Schmuggler. Inzwischen hat er es zum Betreiber des größten Sicherheitsunternehmens in Lagos gebracht und kontrolliert auch den Container-Hafen. Nogogo ist sein Mann und er ist bereit, 00Y zu helfen, begrenzt zumindest.

Die zwanzig Millionen-Metropole und Hauptstadt Nigerias ist eigentlich ein Hüttendorf, in dem kaum ein Gebäude mehr als drei Stockwerke aufweist. Brand möchte sich mit Nogogo nicht in einem der auffälligen Hotels oder Restaurants treffen und schlägt ihm vor, sich in einer kleinen Bar auf Lagos Island zu treffen. Nogogo wirkt irritiert, sagt aber zu.

Brand sitzt in der Bar mit einer Cola in der ein Strohhalm steckt und sein Bekannter hat sich einen Whisky kommen lassen. Nogogo fühlt sich unbehaglich in dieser ärmlichen Umgebung, aber der Agent kommt ohne Umschweife zur Sache.

„Da kommt ein Container aus Shenzhen in der nächsten Woche. Ein Kühlcontainer, genauer gesagt. Die Fracht ist von Interesse und sollte getrackt werden. Ich brauche einen lückenlosen Verlauf, wenn Sie verstehen.“

„Gut“, antwortet der Nigerianer, „geben Sie mir die Container-Nummer und ich werde die Fracht verfolgen. Aber was springt für mich dabei raus?“

„Nogogo“, antwortet Brand, „Geld werden sie doch nicht mehr brauchen, oder“?

„Ich brauche etwas anderes“, sagt der Mann, dessen schwarze Augen nun leicht aufblitzen.

„Was“, fragt Brand der neugierig wird.

Die Männer mögen sich nicht besonders, aber sie kennen sich ganz gut und Nogogo weiß, dass er nun ohne Umschweife zur Sache kommen kann.

„Ich habe einen guten Verbindungsmann in Dover. Der wurde letzte Woche festgenommen. Ich will ihn frei haben.“

„Gut“ sagt Brand, „ich kümmere mich darum“. In zwei Tagen weiß ich mehr.

Nogogo gibt ihm die Daten seines Mannes und verlässt die Bar.

Brand bestellt sich jetzt ein Martini mit viel Eis und sinniert vor sich hin. Zwischendrin lächelt er die Kellnerin an, die sichtlich gelangweilt an ihrem Handy spielt. Die Bar ist fast leer und sie sagt laut zu dem Briten. „Das war wohl ein wichtiger Mann, eben, oder?“

Brand lacht. „Spielen Sie Schach“?

Verdutzt schaut ihn die schlanke Frau an. „Ein bisschen, ja“, lacht sie. „Wollen Sie spielen?“

„Es war eher ein Turm, den man in einer Ecke festsetzen muss, damit man besser angreifen kann“.

„Wow, Mister“, sagt die Kellnerin, „wir spielen wirklich eine Partie, ja“?

In der Tat spielt der Agent dann mit der Kellnerin gleich mehrere Partien auf einem alten Schachbrett. Sie ist gut und spielt zwei Remis heraus. Nur einmal verliert sie gegen 00Y.

In Afrika muss man warten können, aber 00Y fällt das Warten schwer. Er hat ständig das Gefühl, dass er keine Zeit mehr hat.

Im Hinterzimmer der Bar von Mira, so heißt die Kellnerin, die sich schließlich als Inhaberin des kleinen Getränkeshops mit Tisch und Stühlen herausstellt, steht ein Computer und Brand nutzt ihn seit einigen Tagen, wenn er bei Mira ist.

Fetcher und Tia Nam haben inzwischen herausgefunden, dass das Büro von Klixfield in Hongkong verweist ist. Allerdings in einem Zustand verweist, der nach mehreren Durchsuchungen aussieht, die hier nach seinem Tod stattgefunden haben mögen. Es finden sich aber keine Hinweise auf eine offizielle Durchsuchung. Die Tür war aufgebrochen und überall im Raum lagen Papiere herum, für die man sich nicht interessiert hatte. Aber der Computer fehlt genauso wie der kleine Safe, der kurzerhand aus der Wand gerissen wurde.

„Das waren Leute, die wussten, dass Klixfield nicht mehr zurückkommt“, schreibt Fetcher, „ die Behörden haben von seinem Tod offensichtlich noch keine Notiz genommen“.

„Ziemlich ergebnislos“, denkt Brand in seinem Hinterzimmer in Lagos.

Mira bringt ihm noch eine Cola und er bedankt sich lächelnd. „Kannst Du mir helfen, ein paar gute Medikamente zu kaufen“, fragt er sie unvermittelt und zeigt auf seine lädierte Wade, die immer noch keine Ruhe gibt.

„Natürlich“, lächelt Mira, wobei ihre weißen Zähne auffällig schön mit dem sehr dunklen Mund harmonieren. Es gibt hier sogar einen ganzen Markt für Medikamente. Wenn Du willst, zeige ich ihn Dir.

Am nächsten Morgen, bevor Mira ihren Shop eröffnet, nutzen Brand und Mira die Kühle des beginnenden Tages, um sich den Pharmaziemarkt von Lagos anzuschauen.

Erstaunt nimmt 00Y zur Kenntnis, dass die meisten Medikamente absolut echt aussehen und mit entsprechenden Patienteninformationen auf Englisch versehen sind.

„Kaum zu unterscheiden von den Originalen“, kommentiert Mira, „ das war nicht immer so. Noch vor wenigen Jahren konnte man echte und gefälschte Medikamente ganz gut unterscheiden. Aber inzwischen haben sich die Händler professionalisiert und bieten perfekte Fakes an“.

„Schön und gut“, meint Brand, „aber wo bekomme ich jetzt ein echtes Schmerzmittel her“, wobei er auf sein lädiertes Bein zeigt“.

Die schlanke Nigerianerin rückt ihr rotes Baumwollkleid zurecht und geht in einen kleinen Laden. Brand folgt ihr.

Mit großem Hallo begrüßt sie John, der hinter dem Verkaufstresen sitzt und flirtet etwas mit ihm. Die beiden scheinen sich gut zu kennen. Dann wendet sich Mira an Brand und fragt ihn, ob er ein bestimmtes Mittel haben wolle.

„Diclofenac dispers“, antwortet der Agent, ohne zu zögern.

John holt ebenso schnell eine Packung dieses Medikamentes aus dem Regal und gibt es ihm.

Mira schaut ihn an und sagt laut: „Das ist echt, mein Lieber!“ John nickt dazu.

Der Agent lächelt und fragt, ob das die Methode sei, echte Medikamente zu bekommen?

Mira nickt und blinkert John mit ihren künstlichen Wimpern an.

„Man muss die Händler kennen, die diese Medikamente schon lange verkaufen. Stimmt es, John“?

„In der Tat“, bestätigt John, „nur die Händler können noch unterscheiden, was echt ist und was nicht. Ich meine die erfahrenen Händler“!

John grinst Mira an.

„Süße“, sagt er, „soll ich mal wieder auf einen Sprung bei Dir vorbeikommen“?

Mira lacht.

„So bald nicht, John“, antwortet sie und verlässt mit Brand den Laden.

Tatsächlich ist das Diclofenac echt und wirkt sofort. Auf der Verpackung steht, Made in China.

Brand ist beeindruckt.

„Eure Pharma-Industrie hat sich wohl nicht verbessert, Mira“, sagt er, „aber offensichtlich habt ihr die fortschrittlichste Verpackungsindustrie der Welt.“

„Oh ja“, bestätigt Mira mit einem breiten Lächeln, „die haben wir“!

Zwei Tage später geht es Brands Bein schon sehr viel besser und auch Nogogo meldet sich bei ihm. Der Container sei angekommen und wird nun von ihm verfolgt. Brand kann ihm positive Nachrichten über seinen inhaftierten Kontaktmann in Dover geben. Er wird auf Kaution freigelassen. Nogogo ist zufrieden.

Bereits einen Tag später meldet sich Nogogo erneut bei dem MI6-Agenten und meint, dass der Container nur einen Tag weggewesen sei. Am Nachmittag sei er bereits wieder im Hafen aufgetaucht. Die Firma die ihn abgeholt habe, sei ein Logistikunternehmen, das nur den Transport zu einer Adresse in Lagos organisieren sollte.

„Was für eine Adresse“, fragt der Agent.

„Eine mittelständische Firma“, meint Nogogo, „die Pharmazeutika produziert oder, besser gesagt, verpackt“.

„Nogogo,“ sagt Brand, „ich brauche unbedingt einen der Kartons aus dem Container und den Bestimmungsort. Können Sie das für mich tun“.

Nogogo zögert. „Wissen Sie Brand, das ist Diebstahl.“

Brand lacht. „Wissen Sie, Nogogo, jetzt sind sie mir direkt sympathisch“!

Nogogo, der „ehrliche“ Sicherheitsunternehmer aus Lagos, fühlt sich geschmeichelt.

„OK, Brand“, antwortet er, „sie bekommen beides!“

Zwei Tage später bekommt Brand den Karton und eine Kopie der Frachtpapiere des Containers.

In Miras Hinterzimmer, das zu einem Stützpunkt für ihn geworden ist, packt er den Karton aus. Die Injektionsflaschen mit dem Impfstoff sind nun perfekt etikettiert und verpackt. Darauf steht: „Maderno-Vaccine – Made in USA“. Der Zielhafen ist Rotterdamm in Holland.

Brand lächelt und schaut Mira an, die sich neugierig über ihn gebeugt hat. Es ist heiß und ein kleiner Tropfen Schweiß läuft von ihrer Schulter den Arm herunter.

„Das ist interessant“, sagt sie, „Du scheinst Dich wirklich für Medikamente zu interessieren. Brand lächelt und umfasst ihre schlanke Taille, die sich, trotz der Hitze, kühl anfühlt.

„Was kann ich für Dich tun“, fragt er Mira, „damit Du es für Dich behältst“?

Fortsetzung folgt

Hintergrund – Fiktion und Realität

Verpackungsindustrie in Nigeria

Vielleicht ist es übertrieben von einer Verpackungsindustrie für falsche Medikamente in Nigeria zu sprechen, aber es trifft einen wichtigen Teil des globalisierten Handels mit Fake-Pharmazeutika.

Das Land ist mit zweihundert Millionen Einwohnern nicht nur das bevölkerungsreichste Land in Afrika, sondern auch eine Drehscheibe für den Schwarzmarkt. Dazu gehören auch Medikamente, die über Nigeria laufen und dort von mittelständischen Unternehmen perfekt etikettiert werden. Das ist eine Gefahr zumindest für Afrika, wenn nicht für die gesamte Welt. Der Begriff Nigeria Connection ist in dieser Hinsicht gerechtfertigt.

Bezeichnenderweise findet im Jahr 2021 auch eine wichtige internationale Verpackungsmesse in Lagos statt, die „plastprintpack“. Es liegt also durchaus nahe, dass ein Land mit einer so hohen Verpackungskompetenz nicht nur Pharma-Fakes aus China und Indien, sondern auch diverse andere Fake-Produkte, markengerecht, verpacken kann. China und Nigeria sind hier auf einem guten, gemeinsamen Weg, die Welt zu betrügen.

Dabei ist nicht zu übersehen, dass Nigeria der engste chinesische Partner auf dem afrikanischen Kontinent ist. Ein Partner mit einer extrem korrupten Regierung und eine hohen kriminellen Potential.

Kapitel 18

Der Flug von Lagos nach Amsterdam-Schiphol zieht sich wie Kaugummi. Dem Agenten geht es nicht gut, er meint, einen leichten Alkoholentzug zu spüren. Er fühlt sich zittrig und labil.

Zuletzt hatte er mit Mira Whiskey getrunken, was ihm in dem heißen und heruntergekommenen Stadtviertel auf Lagos Island vollkommen natürlich vorkam.  Whiskey mit Eis erschien ihm als geeignete Antwort, auch in seinem Hotelzimmer, das wenig entfernt lag, das eng und stickig war. Es war nun mal seine Tarnung.

Dieses ewige Schwitzen ist ihm eigentlich lästig, aber in den zwei Wochen Afrika kam es ihm schließlich normal vor.

Brand war in dieser Zeit ein anderer, der ihm aber vertraut war. Er wurde Tag für Tag mehr zu 00Y, dem Alkoholiker. Es war ihm gleichgültig, ob er sich gehen ließ oder nicht.

Marc Brand schwitzt leicht in seinem Flugzeugsitz und hält sich an einem Glas Tomatensaft fest, während er die letzten Tage mit Mira überdenkt.

Sicher, sie hat ihn nicht zum Trinken animiert, aber die Feuchtigkeit, die ständig auf ihrer Haut lag, hat seine Kontrolle gelockert. In den letzten Tagen war sie mit auf sein Hotelzimmer gekommen. Am Abend hatten sie die Fenster geöffnet. Von draußen kamen das Knattern der Motorroller, schrille Frauen- und dunkle Männerstimmen zu ihnen herauf. Das war angenehmer, als das ständige Ohrgeräusch, das die Klimaanlage in den Raum abgab. Er hatte sie kurzerhand abgestellt.

„Bestimmt“, denkt er für sich, „Alkoholiker haben oft eine übertriebene Leidenschaft für Frauen“. Ob das der Grund war, sich mit Mira einzulassen, weiß er nicht. Sie war ihm einfach angenehm. Er mochte ihre Haut und ihre Stimme. Sie wirkte ständig gelangweilt und so lud er sie ein, Abend für Abend. Sie tranken, sie sprachen miteinander und sie zog ihr Kleid aus, weil es heiß war. Es war alles normal, sogar seine Abreise. Sie winkte, sie lächelte und er verschwand in dem Terminal.

Vielleicht, denkt der schwitzende Agent im Flugzeug nach Amsterdam, war das mit Mira nur ein Vorschlag für ein anderes Leben, den er nicht annehmen kann.

Bei diesem Gedanken ist ihm plötzlich wohler und nach einigen Minuten schwitzt er nicht mehr.

In Amsterdam Schiphol nimmt Brand den Zug nach Rotterdam-Centraal. Die Fahrt dauert genau 28 Minuten und der Agent freut sich auf ein europäisches Mittelklasse-Hotel mit Frühstück, in das er im Bahnhofsviertel von Rotterdam eincheckt.

Es ist schon später Abend und die Straßen von Rotterdam wirken weitgehend menschenleer. Die Niederlande haben strafbewährte, nächtliche Ausgangssperren, die in den Großstädten, vor allem an den Bahnhöfen kontrolliert werden.

An der Rezeption bittet er darum, dass sein Gepäck auf das Zimmer gebracht wird. Der Concierge verzieht das Gesicht, als 00Y ihn darum bittet, dass die Minibar von alkoholischen Getränken gesäubert wird. Brand weiß, dass er in der Nacht trinken würde, wenn er die Gelegenheit dazu hat.

Im Hotelzimmer stellt er den Fernseher an und nimmt eine ausgiebige Dusche. Als er aus dem Bad zurückkommt lässt er sich auf das Bett fallen und bekommt gerade noch die Nachrichten auf Euronews mit, in denen davon berichtet wird, dass einige Regierungen und Parlamente beschlossen haben, sich von den Sanitätsdiensten ihrer Armeen impfen zu lassen. Darunter auch Berlin, wo die Bundeswehr Politiker impfen wird.

Brand kommt das seltsam vor, aber bei dem Gedanken, dass sich Politiker in öffentlichen Impfzentren begeben, leuchtet ihm das Vorgehen ein. Dort herrscht ein ständiger Konflikt, wer sich zuerst impfen lassen darf. Politiker wären da wohl fehl am Platze. Dann schon lieber die gesamte politische Elite in Sanitätszelten der Armee impfen.

Über diese Gedanken schläft der Agent ein.

Während er träumt, beginnt sein Körper erneut zu schwitzen. Sei Gehirn ist aufgewühlt und produziert Bilder, die durcheinander gehen, wie Wellen auf dem Meer, die gegeneinander laufen. Der träumende Agent sitzt dabei auf einem viel zu kleinen Boot und versucht erfolglos gegen dieses Gewirr anzukämpfen. Im Schlaf spannt sich sein Körper an, er fürchtet zu kentern. Er sieht Nijab und eine Weile später auch Bruce, die im Wasser liegen. Vielleicht leben sie noch. Dann hört er Miras Stimme, die ihn bittet, eine Flaschenpost auf dem Postamt abzugeben. Plötzlich hält er die Flasche in den Händen und sieht darin eine „Blaue Mauritius“, die deutlich auf einem alten, vergilbten Brief prangt.

Als der Agent zu sich kommt, hält er erstaunt eine Flasche in der Hand. Er trinkt sie hastig in sich hinein. Dabei schmeckt er den vertrauten Geschmack von Mineralwasser und schläft wieder ein.

Er befindet sich nun, mit beiden Füßen, im knöcheltiefen Wasser und wird vom Schlamm festgehalten. Mühsam zieht er einen Fuß heraus und setzt ihn vor den anderen. Er fürchtet stecken zu bleiben. Neben ihm geht ein junges Mädchen, das einen kegelförmigen Reishut trägt. Sie lacht und geht unbehindert durch das Wasser.

Beide befinden sich auf einem frisch bewässerten Reisfeld und tragen Reishüte gegen die grelle Sonne.  Das junge Mädchen ist Tia Nam.

Brand erwacht. Der Agent hatte die Vorhänge nicht zugezogen und nun kommt die Sonne des anbrechenden Tages direkt auf sein Bett, das noch feucht von der Nacht ist.

Der Agent setzt sich auf und spürt, dass sein Alkoholentzug vorbei ist. Er lächelt. Von draußen hört er die gedämpften Geräusche der Straßenreinigung. Er nimmt seine Uhr vom Nachtschrank. Es ist sechsuhrdreißig. Brand greift nach dem Telefonhörer neben seinem Bett und bestellt das Frühstück auf sein Zimmer. Dann geht er ins Bad. Er hat heute noch viel vor.

Der Mega-Hafen

In Rotterdam kommen täglich vierzigtausend Container an. Der britische Agent muss Vorkehrungen treffen, dass er den Impfstoff-Container zuverlässig weiterverfolgen kann. Eine Zusammenarbeit mit der Polizei käme nicht in Frage. Vermutlich würde man keinen einzigen Hintermann festnehmen können.

Für Brand stellt sich auch die Frage, über welche Logistik die Fracht weiterverteilt werden soll. Es handelt sich immerhin um einige zehntausend Fläschchen mit Impfstoff. Bleiben die zusammen oder werden sie aufgeteilt und an unterschiedliche Empfänger gesendet? Er kann das nur herausfinden, wenn er an die Frachtpapiere des Logistik-Dienstleister kommt, der den Container in Empfang nimmt. Immerhin ist es kein Problem das Schiff zu lokalisieren, was in Rotterdam online und öffentlich mit Liegeplatz und Ankunftsdatum einsehbar ist.

Die Frage ist dann nur, wer den Container abholt und wohin er gebracht wird?

00Y hatte schon vor Nigeria Kontakt zu einem Logistik-Experten aufgenommen und erfahren, dass Impfstoffe normalerweise per Frachtflug versendet werden. Er hatte erkannt, dass hier die übliche Distributionskette komplett verändert wurde. Seine Vermutung ist, dass die medizinische Ladung erst ab Rotterdam in die übliche Verteilerlogik für Medikamente aufgenommen wird. Aber es muss jemanden geben, der das organisiert und genau diese Person sucht der Agent jetzt in Rotterdam. Er muss sie finden, bevor das Schiff eintrifft.

Bei einem Megahafen, wie Rotterdam, dürfte das schwierig werden.

Fortsetzung folgt

Hintergrund – Realität und Fiktion

Impfungen durch Armeen

Zunächst einmal möchte man denken, dass Impfungen eine hochgradige zivile Angelegenheit seien. In einer Epidemielage aber wird es dann sehr schnell militärisch. Die Rufe nach der Armee erklangen in Deutschland schon recht früh, als Bundeswehrangehörige Gesundheitsämter bei der Nachverfolgung von Infizierten unterstützen sollten. Das geschah dann auch, mit mäßigem Erfolg, wie allgemein bekannt ist.

Die Rolle von Armeen in solchen Notlagen ist hinlänglich bekannt. Allerdings verwundert der frühe Einsatz des Militärs überall auf der Welt. Angefangen von China, wo das Labor in Wuhan kurzerhand unter militärische Kontrolle gestellt wurde und Quarantänemaßnahmen sofort durch das Militär durchgesetzt wurden, bis nach Europa, wo die Armeen vor allem an Impfkampagnen beteiligt sind. Die britische Armee verteilt PCR-Tests an die Bevölkerung und in Deutschland sollen alle Mitglieder der Verfassungsorgane durch die Bundeswehr geimpft werden.

Man kann darüber denken, was man will. Aber Gesellschaften sollten für zivile Ausnahmesituationen auch zivil gerüstet sein. Der Einsatz von Armeen, die nur im absoluten Notfall auch für die innere Sicherheit eingesetzt werden sollen, bringt immer eskalierende Momente mit sich.

Er schürt Angst bei der Bevölkerung, er führt zu einem zentralistischen direkten Durchgriff von Regierungen, auch in föderalen Systemen und er entmachtet zivile Institutionen. Als Beispiel in Deutschland muss die, vollkommen unverständliche Zurückhaltung bei der Belieferung von Hausarztpraxen mit Impfstoffen genannt werden, die später und weniger versorgt wurden, als die Bundeswehr! Dies zeigt, dass der Einsatz von Armeen immer einem kleinen Militärputsch entspricht, auch wenn dieser durch die Regierung angeordnet wird.

Eine ganz andere Dimension wird erreicht, wenn man darüber nachdenkt, welche Anfälligkeiten in der Logistik europäische Armeen aufweisen, wenn es um „nicht militärische“ Aufgaben geht. Dann ist das Militär oft eine Organisation dritter Wahl mit einer Vielzahl logistischer Probleme und fehlerbehafteten Durchführungen. Aber dazu kommen wir später.

Kapitel 19

Das Containerschiff, die „Nevergreen“, einer großen taiwanischen Reederei, soll in vier Tagen aus Lagos ankommen. Voraussichtlicher Liegeplatz wird der Deepsea-Hafen „Maasvlakte“, als Terminal wird ECC angegeben. Dies sind die Online-Informationen, die der Agent ohne Probleme über das Portal „Port of Rotterdam“ abrufen kann.

00Y hat einen Dienstleister im Hafen aufgetan, der vollen Zugriff auf die Containerlogistik in Maasvlakte hat. Er will keine Aufmerksamkeit auf die ungewöhnliche Fracht lenken und erkundigt sich nur allgemein über die Möglichkeiten der Nachverfolgung durch die Firma. Brand hat Glück. Der Hafen ist für das Unternehmen ein offenes Buch.

Aus Erfahrung nutzt der Agent für solche Aufgaben Unternehmen, die neu am Markt sind. Die Sicherheitssysteme sind meist noch nicht so ausgereift, wie bei älteren Anbietern. Man kann solche Unternehmen leichter hacken.

In einem unscheinbaren Café, in der zweiten Middellandstrat im Nieuwe Westen, einem bürgerlichen Stadtviertel von Rotterdam trifft er sich mit van Q. Direkt daneben befindet sich ein Sun & Beauty-Salon, der zusammen mit dem Café durch einen gemeinsamen Hintereingang zu erreichen ist. Van Q, ein Hacker, der für den MI6 Auftragsarbeiten durchführt, hatte ihn dorthin gelotst.

Nun sitzen die beiden in dem gut besuchten Café dessen Schaufensterfront abgehängt ist, weil es offiziell wegen der Pandemie nicht öffnen darf.

Der Agent räuspert sich und nimmt einen Schluck von seinem Cappuccino.

„Ich möchte, dass niemand etwas von der Nachverfolgung ahnt. Die Firma darf keinen Verdacht schöpfen, wenn Sie in das System eingedrungen sind“.

Van Q, ein junger und recht begabter Spezialist, lächelt auf die Tischplatte. Dann hebt er den Blick und schaut Brand an. „Das kann ich garantieren. Allerdings hat der MI6 meinen letzten Job noch nicht vollständig bezahlt. Darf ich fragen, ob der Secret-Service irgendwie in Zahlungsschwierigkeiten ist?“

00Y kennt die bürokratische Art, in der sein Arbeitgeber mit freien Mitarbeitern umgeht und seufzt leise. Er weiß, dass die Rechnungsprüfung so wenig freie Mitarbeiter, wie möglich, auf der Liste haben möchte. Es gibt immer Schwierigkeiten mit diesen Posten beim Finanzbericht, weil sie schwer überprüfbar sind.

„Ich werde dafür sorgen, dass sie ihr Geld noch diese Woche bekommen“, sagt Brand und versucht überzeugend zu wirken.

„Naja“, meint van Q, der nie mit seinem richtigen Namen auftritt, „wir werden sehen“.

Van Q ist noch jung, aber er hat schon einen besonderen Ruf in der Hackerszene. Sein letzter Coup war die umfassende Analyse eines internationalen Kokain-Schmugglerringes welcher der Mafia zugeordnet wird und derzeit in einem aufsehenerregenden Prozess verhandelt wird. Er ist einer der wenigen Spezialisten, der Kommunikation über das Darknet zu ihren Endpunkten zurückverfolgen kann. Wie er das macht, sagt er nicht, aber seine Ergebnisse sind erstklassig. Man nennt ihn deshalb auch „Mr. Impossible“.

Bereits wenige Minuten später haben die beiden Männer alles besprochen und der junge Hacker verschwindet wieder unauffällig durch eine Hintertür.

Brand ist zufrieden, dass er van Q engagieren konnte und überlegt, ob er nebenan eine Massage bekommen könnte. Er fragt die Bedienung, ob im Sun&Beauty auch Massagen angeboten werden. Sie nickt eifrig und bei dem Gedanken an eine Behandlung, lockern sich die verspannten Muskeln des Agenten bereits. Der Agent lächelt und zahlt ein gutes Trinkgeld.

Im Sun & Beauty erwartet ihn eine junge Frau, die etwas zu stark tätowiert ist. Das fällt dem Agenten immer noch unangenehm auf, obwohl er sich daran gewöhnt haben sollte. In seiner Zeit waren Tattoos nur Kriminellen, der Drogenszene und den Seeleuten vorbehalten. In allen anderen gesellschaftlichen Gruppen machte man sich damit unmöglich. Aber heute gibt es so viele Tätowierte, dass man sich unmöglich macht, wenn man daran Anstoß nimmt.

Die Frau hinter dem Tresen heißt Charlott und hat einen Massagekurs besucht. Dem Agenten ist es egal, wenn sie nicht so perfekt ist, sein Rücken schmerzt unangenehm und die Verspannung zieht sich bis in seine Oberschenkel. Er legt sich unter die Wärmelampe und wartet auf die Massage.

Ein paar Minuten döst er vor sich hin, als er im Eingangsbereich laute Männerstimmen hört, die ihn stark an sein Hotelzimmer in Lagos erinnern. Sie klingen bedrohlich. Plötzlich schreit die junge Frau auf und eine Männerstimme bekommt einen leiseren und zischenden Ton. Dann ist es ruhig.

Brand runzelt die Stirn. Für ein gutbürgerliches Viertel klang das zu brutal. Aber er will sich nicht einmischen. Wer weiß, wer da vorne steht, vielleicht sogar Polizei. Irgendwann kommt die Masseurin nach hinten. Im Schein der schwachen Raumbeleuchtung und des Rotlichtes der Wärmelampe sieht Charlotts Gesicht alt und gequält aus. Sie reibt ihren linken Oberarm, der offensichtlich schmerzt. Er ist gerötet, wie nach einem zu festen Griff.

Der Agent lächelt die Frau an und sagt mit besorgter Stimme: „Vielleicht brauchen Sie nun eine Behandlung“?

Charlott lächelt gequält und nickt leicht. „Es geht schon wieder“, antwortet sie.

„Das waren Marokkaner“, fragt er, „ich habe es an der Aussprache gehört“.

Die Masseurin nickt und beginnt seinen Rücken einzuölen.

„Was wollten die von Ihnen“?

Charlott schweigt und beginnt mit der Massage.

Irgendwann hört sie auf und sagt: „Ich soll schließen oder zahlen“.

„Ah“, sagt 00Y.

Sie beginnt wieder den Agenten zu bearbeiten.

„Ist das hier üblich“, fragt Brand unschuldig.

„Sie machen aus allem ein Geschäft“, antwortet Charlott, „auch jetzt in der Pandemie. Sie spielen sich auf“.

Der Agent ahnt, dass die Frau lügt, möchte ihr aber lieber glauben. Brand weiß, dass solche Salons ebenso wie Restaurants und kleine Shops von der Mafia genutzt werden, um Stoff zu verteilen und Drogengelder zu waschen. Allein in den Niederlanden sind das Milliarden, die den regulären Wirtschaftskreislauf durchfließen und am Ende ganz harmlos in den Bilanzen stehen.

Sein Rücken fühlt sich jetzt schon deutlich besser an. Er bekommt plötzlich Lust, ganz offen mit der Frau zu reden.

„Jetzt wo alles geschlossen ist, klappt es nicht mehr so gut mit der Geldwäsche“, sagt er vor sich hin, „die Mafiosi werden langsam nervös“.

Charlott hört augenblicklich auf, Marc zu massieren und fragt ihn laut: „Sind sie von der Polizei oder so was“?

„Beruhigen Sie sich“, antwortet er, „ich bin britischer Geheimagent und in einer ganz anderen Angelegenheit in Rotterdam“.

Irritiert schaut die tätowierte Frau den Agenten an.

„Mein Name ist Brand“, sagt er, „Marc Brand“ und lächelt dabei.

Die Frau lächelt und setzt ihre Massage an seinen Oberschenkeln fort.

„Mein Name ist Veen“, antwortet sie in dem gleichen Tonfall, „Charlott Veen. Wenn Sie guten Stoff brauchen, ich habe welchen“.

Der Agent seufzt und versteht, dass die junge Frau dringend Geld braucht, um ihre Lieferanten zu bezahlen. „Wie viel wollten die von Ihnen“, fragt er nüchtern.

„Halben Riesen“, antwortet sie ohne Umschweife.

Brand verspürt einen starken Widerwillen, Stoff zu kaufen.

Nachdem er sich angezogen hat, gibt er ihr fünfhundert Euro für die Massage.

Charlott versteht nicht. Sie will ihm ein paar Gramm Kokain mitgeben.

Der Agent schaut ihr lange ins Gesicht, so als müsste er überlegen.

„Nein, ich will keinen Stoff“, sagt er dann, „habe gerade einen Alkoholentzug hinter mir“.

„Aber Koks“, entgegnet Charlott lebhaft und mit leicht überdrehter Stimme, „hilft ganz gut bei Entzug“.

Der Agent lächelt sie freundlich an. „Nein“, sagt er, „die Massage hat mir geholfen“!

Dann geht er zur Tür und verlässt den Salon.

„Verdammtes Rotterdam“, grunzt er, als er auf die Straße tritt. „Verdammte Welt“, denkt er eigentlich und winkt ein Taxi heran, das gerade in die Middellandstrat eingebogen war.

Fortsetzung folgt

Hintergrund – Realität und Fiktion

Mafia-Hafen Rotterdam

Es gibt vermutlich keinen Hafen in Europa der so bekannt dafür ist, dass die Mafia ihn für ihre Zwecke nutzt, wie Rotterdam. Kürzlich erschien ein Cluster von Medienberichten über einen großen Fahndungserfolg der niederländischen Behörden in Zusammenarbeit mit anderen europäischen Strafverfolgungsbehörden, die das Drogennetz und die Geldwäscheanlage des, aus Nordafrika stammenden Mafiabosses,  Ridouan Taghi, zerschlagen haben wollen und seinen Konkurrenten, Robin van O ebenfalls in Haft genommen haben. Der Erfolg beruhte maßgeblich darauf, dass die Ermittler die abhörsicheren Handys des Telekommunikationsanbieters Encrochat knacken konnten und so Zugriff auf die Kommunikation der kriminellen Organisation bekamen.

Die Sache ist spektakulär, aber ein Einzelfall. Es zeigt eher, wie perfekt die Drogenmafia organisiert ist und macht Angst, weil sie besondere Fähigkeiten im Logistik-Bereich, also auch den europäischen Container-Häfen entwickelt hat.

Vergessen wird auch leicht, dass nicht eine Mafia einen Container-Hafen für die eigenen Geschäfte nutzt, sondern eine Vielzahl unterschiedlicher Mafiaorganisationen beispielsweise im Hafen von Rotterdam agiert.

Weniger mit dem Kokainhandel, dafür aber mit der Einfuhr von Opium und Heroin ist die chinesische Mafia beschäftigt. Eine Handelsroute geht von Hongkong über Bangkok nach Rotterdam, sie ist seit mindestens 1987 bekannt und folgt der Distributionslogik moderner Handelsunternehmen. Die zweitgrößte chinesische Triade, die 14K Triade mit ca. zwanzigtausend Mitgliedern weltweit, ist hier der Platzhirsch. Laut Scotland Yard bilden Gruppen von je zehn Mitgliedern Relaisstationen für die Verteilung, aber auch die Aufbereitung von Heroin für ganz Europa. Die 14K-Triade soll mit chinesischen Geheimdiensten verbunden sein und diese teilweise sogar finanzieren. Sie arbeiten sehr diskret und sind vor allem in der chinesischen Bevölkerung Europas und ihren diversen Dienstleistungsbetrieben verwurzelt. Ein Hauptquartier dieser Triade befindet sich in Manchester, ein weiteres in London, aber 14K operiert in ganz Europa und ist längst im legalen Geldkreislauf (Immobilien und Industrie) angekommen.

Brand hat also Recht, wenn er nach Verlassen des Sun & Beauty „Verdammtes Rotterdam“ ruft. Die Stadt ist das internationale Einfallstor der Mafiakriminalität nach Europa.

Kapitel 20

Van Q meldet sich bereits zwei Tage später bei Brand und teilt ihm mit einigem Stolz mit, dass er dick und breit im Tiefseehafen von Maasvlakte säße. Er habe alles im Blick. Virtuell natürlich!

Brands Container mit den Impfstoffen sei als R 347289 registriert, wie es auf den Frachtpapieren bei der Abfahrt aus Lagos stand. Allerdings enthält der Container laut Registrierung in Rotterdam leicht verderbliche „Drachenfrüchte aus China“ und keine Medikamente.

Der Agent, der sich einen Wagen gemietet hat und damit nach Maasvlakte am äußersten Ende des Rotterdamer Hafens gefahren ist, wirkt nachdenklich. Er steht mit seinem Fahrzeug auf einem unscheinbaren Parkplatz nahe der Hafeneinfahrt und beobachtet das Einlaufen der „Nevergreen“.

Er macht Fotos mit vorgeschraubtem Zoom-Objektiv seiner Handy-Kamera und wirkt dabei unzufrieden. Das Schiff sieht im leichten Nebel der Nordsee ein bisschen wie ein Geisterschiff aus, das von unsichtbarer Hand, wie auf einem Reißbrett zu den Hafenanlagen dirigiert wird. Die Bewegungen des Riesenfrachters wirken exakt und gespenstisch zugleich.

Brand traut dem eigenen Plan nicht, diesen Container mit Hilfe von van Q zu tracken und seinen weiteren Weg zu verfolgen. Es kann zu viel schief gehen! Wenn er die Spur des Containers verliert, ist die Spur verloren. Der Agent gesteht sich ein, dass es seine einzige Spur ist.

Fast widersinnig kommt ihm seine Anwesenheit im Hafen vor, während er einen Becher Kaffee aus einer Thermoskanne trinkt. Er wird hier nichts ausrichten können, aber intuitiv möchte er bleiben.

Der ECC-Terminal bildet ein Rechteck das mit tausendfünfhundert Metern Länge in das Hafenbecken ragt. Hier lagern zehntausende von Containern, die permanent ausgetauscht werden. Das Gelände ist für die Öffentlichkeit gesperrt und wird bewacht.  Brand fährt zum Eingangsbereich, während das Schiff anlegt. Er positioniert sich an der Ausfahrt und fotografiert jeden LKW, der das Gelände verlässt.

Brand lacht etwas bitter während er das tut. „Mein Vorteil“, denkt er zynisch, „ist, dass ich weiß, wie der Container aussieht, welche Ausstrahlung er hat und wie er riecht.“ Der Agent neigt eigentlich nicht zum Selbstmitleid, aber hier an diesem kalten, nebeligen Ort, fürchtet er eine Niederlage.

Am späten Nachmittag ruft van Q ihn an und klingt irritiert. Der Container mit der Nummer R 347289 sei, von einer Sekunde auf die andere, aus der Frachtliste verschwunden.

„Ich habe es gewusst“, schreit der Agent in die fast menschenleere Hafenlandschaft, „verdammt, ich habe es gewusst“!

Der junge van Q traut seinen Ohren nicht, als er Brands harte Stimme am Telefon im Befehlston sagen hört: „OK, van Q“, (van spricht Marc in diesem Moment wie ein nicht enden wollendes „wäääääään“ aus und Q klingt wie eine zischende Pistolenkugel), „OK, Sie bewegen jetzt ihren Arsch hierher und bringen ihr Laptop mit. Unterwegs werden sie noch eine Ladung „Burger und Drinks“ besorgen und dann sind sie spätestens in einer Stunde in Maasvlakte“.

Etwa fünfzig Minuten später biegt ein knallgelber Ford Mustang GT auf den kleinen Parkplatz im Eingangsbereich des Terminals ein. Es ist van Q mit einer großen Tüte „Fast Food“. Auf dem Rücksitz des Wagens liegt ein kleiner Quadrocopter mit vier eingebauten Kameras, welchen der Hacker mit seinem Laptop steuern kann. Van Q wollte eigentlich nicht kommen, musste aber einsehen, dass sein Auftrag nicht ortsgebunden ist und Außeneinsätze nicht ausschließt. Auf das Geld will er nicht verzichten, also begibt er sich notgedrungen in die analoge Welt.

Während die beiden Burger essen und Cola trinken, diskutieren sie darüber, wie sie den Container aufspüren sollen. Van Q will seinen Quadrocopter einsetzen, was Brand irgendwie verspielt vorkommt. Das Gerät hat allerdings lediglich die Größe einer Möwe und könnte im Hochnebel weitgehend unbemerkt fliegen.

„Lassen Sie uns lieber nachdenken“, meint 00Y, „ein Container, der plötzlich aus der Frachtliste verschwindet, ist ja nicht physisch verschwunden. Er soll aber verschwinden, weshalb er irgendwo einzeln gelagert wird, bis man ihn abholt.“

Van Q nickt und zieht sich eine Jacke über, die ihn vor dem feuchtkalten Nebel schützen soll. Seine Brille beschlägt immer wieder, was zu einem nervösen Automatismus bei dem jungen Mann führt. Er nimmt die Brille von der Nase, reibt sie trocken und setzt sie wieder auf, nimmt sie dann wieder von der Nase und reibt sie nochmal trocken.

Durch das Objektiv seines Handys beobachtet Brand die Entladung der „Nevergreen“, die recht zügig vorangeht. LKW um LKW verlässt das Gelände. Der Agent beobachtet die geladene Fracht jeweils genau und fotografiert sie aus geringer Entfernung. Der Kühlcontainer hat eine graue Farbe mit einem leichten Blauton, wie es ihm in Shenzhen und Lagos aufgefallen war. Die Nummer ist sehr klein aufgemalt und kann im Vorbeifahren nicht genau erkannt werden. Am frühen Abend ist das Schiff schon zur Hälfte entladen, vom Container aber keine Spur.

„Ich kann jetzt die Drohne aufsteigen lassen“, meint der Hacker, „kaum noch Nebel“.

Brand nickt.

Die Drohne erhebt sich in den Abendhimmel und überfliegt das Gelände in etwa fünfzig Metern Höhe. Brand und van Q beobachten ihren Flug über den Bildschirm des Laptops. Ziele sind vor allem einzeln stehende Kühlcontainer in der Nähe des Schiffes. Drei verdächtige Objekte können fotografiert werden. Natürlich können die Männer die Container-Nummer nicht erkennen. Aber zwei davon sind grau.

Die Drohne ist gerade gelandet, als drei Männer der Security auf die Geheimdienstler zukommen. Brand weiß, dass diese Leute hier keine Befugnisse haben, aber sie könnten die Polizei rufen, was er vermeiden möchte. Er redet also sehr freundlich mit ihnen und erklärt, dass er Agent einer Reederei sei, welche die Schnelligkeit der Entladung von Container-Schiffen dokumentiert haben möchte. Es sei keine Wirtschaftsspionage sondern lediglich ein Benchmarking für seine Reederei. Deshalb die Dokumentation in Echtzeit. Er hoffe sehr, dass er die Arbeit hier durch seine Anwesenheit nicht beeinträchtigt.

Die Männer lassen aber noch nicht locker und regen sich über die Drohne auf, welche gerade über das Betriebsgeländer geflogen sei. Brand und van Q entschuldigen sich dafür wortreich und geben zu, dass sie damit wohl zu weit gegangen seien.

Erst als der Agent den Sicherheitsleuten einen falschen Ausweis, in den er drei größere Geldscheine gelegt hat, von sich aus, zur Kontrolle aushändigt, geben die Männer Ruhe. Er bekommt den Ausweis ohne Geld zurück und weiß, dass nun, vorerst, alles in Ordnung ist.

Gegen ein Uhr nachts ist die „Nevergreen“ vollständig entladen und der größte Teil der Arbeiter verlässt das Betriebsgelände. Am Terminal kehrt Ruhe ein.

Van Q ist müde und möchte nachhause. Er quengelt wie ein kleines Kind. Brand lässt ihn ziehen, allerdings mit der Auflage, die Suchmaske für den Container die ganze Nacht aktiv zu halten und ihm sofort Bescheid zu geben, wenn die Container-Nummer irgendwo auftaucht.

Derweil positioniert sich der Agent auf einem unauffälligeren Parkplatz, etwa dreihundert Meter vom Eingang des Terminals entfernt. Von hier aus kann er den Quai beobachten, sieht aber nicht mehr, welche Container das Gelände verlassen. Brand geht das Risiko ein. Er will nun vom Hafenbecken auf das Gelände vordringen. Dafür nutzt er ein kleines Ruderboot, das er schon am Nachmittag am Rande des Hafenbeckens entdeckt hat.

Das kleine Boot, in dem reichlich moderiges Bilgenwasser schwappt, hat keine Ruder, aber das ist Brand egal. Nachdem er die Kette gelöst hat, bugsiert er die Nussschale mit einem Klappspaten aus Kunststoff  in die leichte Strömung, die ihn direkt an den Quai von ECC treibt. Das ganze dauert nicht mehr als zehn Minuten.

Über eine Stahlleiter klettert er auf das Gelände und beginnt mit der Suche.

Eine halbe Stunde später steht der Agent vor einem alleinstehenden Kühlcontainer mit der Nummer R 347289. Es ist der Impfstoffcontainer, dessen Ladung er nun überprüfen will. Dazu nimmt er ein kleines Empfangsgerät für Peilsender aus seiner Jackentasche und schaltet es ein. Tatsächlich liefern die Peilsender, die er in Shenzhen und Lagos untergebracht hatte, noch ein schwaches Signal, welches er mit dem Gerät nachweisen kann. Dann sucht der Agent nach einer rostigen Stelle auf der Außenhaut des großen Kühlkastens. Genau dort bohrt er mit einem kleinen Akkubohrer ein Loch, das einen weiteren Peilsender aufnehmen kann. Nachdem er den Sender eingebracht hat, verschließt er das Loch mit Metalloplast. Das war´s!

„Feierabend“, murmelt der Agent, während er zur Stahltreppe zurückschleicht. Er klettert in das kleine Boot hinab und arbeitet sich, nun gegen die Strömung, mühsam an das parallel liegende Ufer außerhalb des ECC Terminals.

Nachdem er auf dem Parkplatz angekommen ist, wechselt er seine nassen Schuhe und Socken und zieht sich gemütliche Badelatschen an. Er kontrolliert sein Empfangsgerät, das nun ein starkes und deutliches Peilsignal hat. Dann stellt er die Sitze seines Mietwagens in Liegeposition und schläft ein.

Fortsetzung folgt

Hintergrund – Realität und Fiktion

Das mühsame Geschäft der Agenten

In diesem Kapitel ist Brand kurz davor den wichtigen Container mit den Impfstoffen zu verlieren. Damit wäre seine Arbeit an dem Thema sehr wahrscheinlich beendet gewesen, weil er keinen mutmaßlichen Adressaten für die heiße Fracht hat.

Fahnder und Agenten scheitern ständig auf diese Weise. Das liegt auch daran, dass die organisierte Kriminalität und auch die staatlich organisierte Kriminalität, um die es hier eher geht, nicht wie in den James Bond-Geschichten geltungssüchtig und narzisstisch auftritt und der Größenwahn auch nicht an die Dimensionen von Bond-Bösewichten heranreicht. Organisierte Kriminalität ist bestrebt, sich perfekt zu tarnen und ihre Schmuggelaktionen perfekt auszuführen. Niemand würde auf die Idee kommen, sich einem Agenten persönlich zu outen und bewundern zu lassen.

Trotzdem ist der Gegner, mit dem Brand hier kämpft überall präsent und im Hafen von Rotterdam sowieso.

Es braucht viel Biss, unter diesen Bedingungen an einer Verfolgung dran zu bleiben und viel Erfahrung, um eine drohende Niederlage rechtzeitig wahrzunehmen. Diese Erfahrung hat der Agent in der Geschichte, verbunden mit der Bereitschaft, sich ehrlich zu quälen, um doch noch an sein Ziel zu kommen. Angereichert mit etwas elektronischem Spielzeug ist dieses Kapitel eine Beschreibung der schnöden Realität im Leben von Fahndern und Agenten. Nicht sehr beneidenswert.

Kapitel 21

Ein kühler Morgen. Der Agent zieht die Wolldecke fester an sich und versucht sich auf die andere Seite zu drehen. Das Lenkrad behindert ihn und er flucht leise bei dem umständlichen Manöver. Die Scheiben des Fahrzeuges sind beschlagen. Draußen hört er die Möwen, die im Morgengrauen nach Frühstück Ausschau halten. Es ist so ein Tag, an dem es erst spät richtig hell wird, wenn überhaupt. Die Wolken ziehen ihre unablässige graue Spur über den Himmel.

00Y will noch schlafen, aber es ist schon hell. Die Helligkeit scheint sogar auf ihn zu zukommen, mit einem sonoren und kräftigen Motorengeräusch. Plötzlich sieht er Scheinwerfer direkt am Heck seines Wagens. Dann kracht es auch schon.

Ein gelber Radlader schiebt das Mietfahrzeug, in dem der Agent eigentlich Ruhe haben will, vom Parkplatz in Richtung Mole. Mit der riesigen Schaufel hebt er das Heck des Wagens an und kann es so bequem in Richtung Hafenbecken steuern, das nur wenige Meter hinter dem Parkplatz beginnt.

Marc Brand überlegt kurz, ob er auf den Fahrer schießen soll und fasst intuitiv nach seiner Dienstpistole. Dann verwirft er den Gedanken zu Gunsten einer kontrollierten Fahrt in das Hafenbecken, das er ja in der Nacht erkundet hatte. Der Radlader muss ihn über eine abfallende Felsböschung, Richtung Wasser schieben.

Brand entscheidet sich, ihm dabei zu helfen. Er startet den Motor und nimmt mit dem kleinen Fronttriebler, auf den letzten fünf Metern vor der Mole, Anlauf. Dann schießt der Wagen über die Begrenzung und landet kurz vor dem Wasser unsanft auf den Felsen.

Dorthin kann ihm der Radlader nicht folgen, ohne selbst in Absturzgefahr zu geraten. Der Fahrer legt den Rückwärtsgang ein und entfernt sich mit angehobener Schaufel vom Tatort.

Brand, der blitzartig ausgestiegen ist, hat seine Waffe in der rechten Hand, verspürt aber keine Lust, hinterher zu schießen. Er hat verstanden, dass es sich hier lediglich um eine Warnung handelte. Ein bestellter Killer hätte den kleinen Wagen des Agenten wohl zertrümmert und wäre auch nicht mit „Festbeleuchtung“ auf ihn zugekommen.

Trotzdem kann 00Y seinen Jagdinstinkt nicht ganz unterdrücken und beginnt dem Radlader hinterher zu laufen, der sich in Richtung des ECC-Terminals entfernt. Die Badelatschen an den Füßen des Agenten, bremsen ihn allerdings, so dass er schließlich stehen bleibt und dem Angreifer hinterher sieht, während der die Schranke zum Terminal passiert.

Brand dreht sich um und will zu seinem havarierten Fahrzeug zurück, als ihm ein Gedanke durch den Kopf schießt. Schlagartig dreht er sich wieder zurück und geht in Richtung Terminal. Er bewegt sich dabei am Zaun entlang, der eine gute Sichtdeckung für ihn bietet. Als er etwa dreißig Meter vor der Ausfahrt ist, kommt ein kleiner Hafentruck mit einem Container auf dem Auflieger heraus. Brand sieht den grauen Kühlcontainer, den er in der Nacht präpariert hatte.

Der Agent grinst. „Danke fürs Wecken“, murmelt er und geht zu seinem Fahrzeug zurück, das etwas hilflos auf der Mole liegt. Er klettert hinein und holt den Empfänger heraus, den er nun auf „Tracking“ stellt. Er piept klar und deutlich und zeigt dabei den Weg des LKWs durch den Hafenbereich an. Dann nimmt Brand den letzten Schluck Kaffee aus seiner Thermoskanne, holt sich einen Donut aus der Fast-Food-Tüte, die van Q mitgebracht hatte, und frühstückt.

Marc Brand bewahrt sich den letzten Schluck lauwarmen Kaffee für seine Zigarette auf, die ihm so besser schmeckt. Er denkt nach. Mit dem Hafenschlepper wird der Container wahrscheinlich zu einem anderen Terminal gebracht und dort wieder verladen. Die Reise per Schiff scheint also weiter zu gehen.

Beim Versuch sein Handy aus der Tasche zu fingern, stellt Brand den Kaffeebecher auf dem Fahrzeugdach ab und fängt ihn sofort wieder auf, da er auf dem schrägen Dach ins Rutschen kommt. Dabei fällt ihm das Telefon aus der Hand. Er presst die Zigarette zwischen die Lippen und hebt das lädierte Smartphone wieder auf. Es funktioniert noch, hat aber einen langen Riss im Display.

„Na immerhin“, tröstet sich der Agent laut, „jetzt habe ich Anspruch auf ein Neues“. Dann ruft er van Q an und bittet ihn, mit seinem Wagen zu kommen. Durch den Lautsprecher des lädierten Smartphones hört man den jungen Hacker meckern. „Ich habe aber noch nicht geschlafen, Mr. Brand!“

„No matter“ ruft 00Y, „ich brauche sie hier. Der Container wird umgeladen. Bringen Sie wieder ihren Laptop mit und frischen Kaffee“. Brand legt auf.

Dieses Mal dauert es nur zwanzig Minuten, bis van Q mit seinem Mustang zur Stelle ist. Brand quittiert das mit einem wohlwollenden Lächeln. „Sie machen sich, van Q, ich bekomme langsam Respekt vor Ihnen“!

Der Hacker grinst. „Dann haben Sie gleich noch mehr Respekt vor mir“, gibt er zur Antwort, „der Container ist in der Logistik wieder aufgetaucht. Jetzt wird er als Fracht für einen deutschen Hafen geführt. Als Inhalt werden Medikamente angegeben, aus Boston, USA“.

„Yes“!!

Brand, der gerade dabei ist, seine nassen Schuhe vom Schlamm aus dem Hafenbecken zu befreien, klatscht diese begeistert zusammen. Ein paar Schlammspritzer landen auf der Brille van Q´s, der sie wenig begeistert wegwischt.

„Welcher Hafen“, fragt der Agent ungerührt.

„Hier steht, Jade-Weser-Port, Wilhelmshaven, zwei-dreihundert Kilometer von hier“.

„Wie sieht es mit ihrem Mustang aus, mein Bester“, fragt Brand freundlich.

„Oh nein“, stöhnt van Q, „ ich bin Hacker und kein Chauffeur. Ich bin für den Außendienst nicht geeignet“.

Brand starrt ihn an.

„Nein“, bekräftigt van Q, „ ich erledige meine Arbeit in dicken Socken vor meinem Laptop und trinke Milchkaffee dabei. Verstehen Sie?“

„Aber warum haben Sie dann so ein Auto“, beharrt der Agent, „Sie brennen doch auf Abenteuer“!

„Nein, nein, nein“, schimpft van Q, „Sie wollen mich manipulieren. Ich soll Ihnen hier aus der Patsche helfen. Dabei habe ich meine Job doch schon längst getan“!

„Welche Patsche“, ruft der Agent und schlägt seine verdreckten Schuhe ein letztes Mal zusammen, worauf er sie wieder anzieht, „wir gewinnen doch gerade! Ich gebe Ihnen die Gelegenheit an einer erfolgreichen Mission teilzunehmen, die Sie in Geheimdienstkreisen berühmt machen wird“!

Van Q´s Mund öffnet sich halb und bleibt eine Weile unverändert in dieser Position.

„Berühmt“, bekräftigt Brand, „das wollt ihr jungen Kerle doch“!

Nach einer rhetorischen Pause setzt 00Y nach.

„Gehen Sie wieder an Ihren PC und trinken Ihren Milchkaffe, aber so eine Chance bekommen Sie nie wieder“!

Der Hacker schaut den älteren Agenten betroffen an. Dann dreht er sich zu seinem Wagen und holt eine Thermoskanne mit frischem Kaffee heraus.

„Sie wollten doch Kaffee, Sir“?

Fortsetzung folgt

Hintergrund – Realität und Fiktion

Agentenpsychologie

Wie macht man aus einem versauten Abend und einem grässlichen Morgen, an dem man von einem Radlader ins Hafenbecken befördert wird, noch etwas Vorzeigbares?

Das ist gar nicht so einfach. Aber wenn man unter sehr unangenehmen Arbeitsbedingungen noch etwas Vernünftiges erreichen will, sollte man diese Frage beantworten können. Brand kann es.

Er erklärt seinem jungen Kollegen, dass sie den Kampf um den Container gewonnen haben. Er bedankt sich gedanklich bei dem Fahrer des Radladers für das Wecken, das es ihm ermöglicht, die Ausfahrt des gesuchten Containers mitzubekommen und zumindest eine technische Verfolgung in Gang zu setzen.

Brand kann van Q überzeugen, ihm auch in der analogen Welt zu helfen und der junge Hacker lässt sich von einem Mann in Badelatschen, der versucht, seine dreckigen Schuhe sauber zu bekommen, überzeugen.

Brand signalisiert ihm, dass er nicht im Geringsten daran denkt, aufzugeben. Er zeigt nicht nur Selbstbewusstsein, sondern auch Kompetenz, mit der er verschiedene, brenzlige Situationen in dieser Observation beherrscht und die Kontrolle behält.

Das merkt van Q und ist plötzlich bereit, ihm auch weiterhin zu helfen, obwohl der Hacker in der realen Welt eher hilflos wirkt. Der ältere Agent versteht aber sofort, dass van Q ehrgeizig ist und sich weiter entwickeln will, der Mann vom Secret-Service ist seine Chance. Als der Hacker zögert, führt er ihm genau diese Tatsache vor Augen und gewinnt seine Kooperation.

Das ist die Fähigkeit, aus unmöglichen Situationen doch noch etwas zu machen. Agentenpsychologie eben, die wir, in viel zu aufgebauschter Form, auch in den Bond-Filmen vorgeführt bekommen.

Hartnäckigkeit und Ausdauer benötigt natürlich auch ein Hacker, der aber ansonsten relativ bequem in seinem Lieblingssessel sitzen bleiben kann. Brand hilft dem jungen Genie nun auch, die reale Welt zu meistern, in der es selten Lieblingssessel für Agenten gibt. Brand hat schließlich noch nicht einmal ein eigenes Zuhause.

Der Wunsch, sich gehen zu lassen, führt ihn deshalb regelmäßig in die Nähe seiner Alkoholabhängigkeit. Also vermeidet er seine Wünsche nach einem gemütlichen und komfortablen Leben und hält so Abstand von seiner Suchtpersönlichkeit.

Auf der Jagd fällt ihm das leichter, und der Agent ist auf der Jagd!

Kapitel 22

Die Fahrt von Rotterdam nach Wilhelmshaven sollte eigentlich nicht länger als vier Stunden dauern. Der Agent und sein Lehrling mit dem Mustang GT hatten sich auf den Weg gemacht, nachdem sie das Auslaufen des Containers mit der „Mary“ einem größeren Containerschiff, das zwischen der amerikanischen Ostküste und Europa pendelt, kontrolliert hatten. Das Peilsignal war dabei hilfreich und ging schließlich zusammen mit dem Schiff hinaus auf die Nordsee.

Die Autovermietung war wenig erfreut über den abgewrackten Mietwagen im Hafenbecken von Maasvlakte und stellte die Maximalpauschale für den „Unfall“ in Rechnung. Brand lächelte, als er daran dachte, wie die Buchführung des MI6 seine Kreditkartenrechnungen wohl kommentieren würde. In Rechtfertigungsdruck würde er allerdings erst kommen, wenn seine Mission, die virale, chinesische Biowaffe zu besorgen und den wahren Ursprung der Pandemie aufzudecken, scheitert. Aber daran denkt der Agent auf der Fahrt nach Deutschland nicht.

Marc Brand ist während der Fahrt in Gedanken an Tia Nam, von der er schon seit mehreren Tagen nichts gehört hat. Er macht sich Sorgen, versucht aber seinem Kollegen Fetcher zu vertrauen, der auf sie aufpasst. Vertrauen ist wichtig für einen Agenten, denn sonst wird man sehr schnell paranoid und verwirrt. Die Welt an sich ist nämlich unberechenbar und bösartig genug. Man findet immer einen Grund zu misstrauen.

Was Marc Brand noch beunruhigt, ist eine graue Mercedes V-Klasse, die schon eine ganze Weile hinter ihnen fährt.  Es ist Mittag und der Tag nach wie vor trübe und grau, aber der Agent meint, eine Gruppe Chinesen durch die Windschutzscheibe des Fahrzeuges zu erkennen. Es riecht nach Schwierigkeiten.

Natürlich hatten zumindest die Mittelsmänner, die den Container dirigierten, seine Anwesenheit im Hafen bemerkt. Sie dürften die Information weitergeleitet haben und nun hat er einen Bus mit Chinesen am Hals, soweit er es durch das Zoom-Objektiv seines Handys beurteilen kann. Er macht einige Fotos und entziffert das Kennzeichen des Verfolgers. Eine niederländische Fahrzeugvermietung kann man leicht am Kennzeichen erkennen. Brand telefoniert mit London, während van Q ruhig vor sich hin fährt. Sie sollen herausbekommen, wer den Bus angemietet hat.

„Mit meinem gelben Mustang sind wir wirklich ein farbenfrohes und unverwechselbares Ziel für diese Leute. Finden Sie nicht, Mr.Brand“?

Van Q´s Stimme zittert von Nervosität, aber 00Y bleibt ruhig.

„Wann kommt die „Mary“ in Wilhelmshaven an“, fragt er unvermittelt.

„In knapp acht Stunden“, meint der Hacker.

„Dann müssen wir da sein“, antwortet Brand fest, „bis dahin können wir gern noch mit den Chinesen spielen“.

„Was halten Sie von einer Pause, van Q“, fragt der Agent.

Der Hacker lenkt sein Auto auf den nächsten Parkplatz und die beiden halten direkt vor einem kleinen Imbiss, der Hotdogs und Getränke verkauft.

Tatsächlich folgt ihnen der Mercedes auf den Parkplatz und hält in einigem Abstand, ohne einen markierten Parkplatz zu benutzen.

Brand und sein Chauffeur lassen sich Hotdogs und Cola herausreichen und beginnen zu essen. Von dem kleinen Stehtisch aus beobachtet van Q den anderen Wagen, aus dem bisher keiner ausgestiegen ist.

„Was sind das wohl für Leute“, fragt er sich laut.

„Weiß nicht“, sagt Marc, „jedenfalls nicht sehr professionell. Kein Geheimdienst“.

Der junge Begleiter schaut seinen älteren Auftraggeber an.

„Woran erkennen Sie das“, fragt er.

„Sie wissen nicht, was sie tun sollen“, antwortet 00Y, „sie parken nicht richtig, sie steigen nicht aus, sie starren uns an. Ihnen fehlt entweder ein klarer Auftrag oder die nötige Professionalität sich selbst den Auftrag zu geben. Ergo, sind es keine Agenten“.

„Aber was sonst“, fragt van Q ungeduldig.

„Ich tippe auf Mafia, vermutlich 14K-Triade. Irgendeiner hat denen gesagt, sie sollen hinterher, wusste aber selbst nicht, was sie dann tun sollen“.

Mit einem großen „Happs“ verschlingt der Agent den Rest des Hotdogs und bestellt gleich noch einen.

„War eine gute Idee mit der Pause“, merkt er dann an, „ich habe wirklich Hunger“!

Van Q nuckelt noch an seiner Cola.

„Sind die gefährlich für uns“, fragt er ängstlich.

Brand dreht sich deutlich in Richtung des Kleinbusses und betrachtet das Fahrzeug ruhig.

„Die würden am liebsten wieder umdrehen und nachhause fahren“, sagt er dann in einem fachmännischen Tonfall. „An der deutschen Grenze sind wir sie los“.

Tatsächlich stellen die beiden fest, dass sie am Grenzübergang Zwartemeer, der seit der Pandemie wieder mit Polizei besetzt ist, abgefahren sind. „Die sind wir los“, ruft van Q erfreut und überquert die unscheinbare Grenze.

„Ja“, bestätigt der Agent, „aber in Deutschland kommen andere“. Dann lacht er kurz auf. „Wie in den Indianerfilmen“, ergänzt er, „nur dass es Chinesen sind.“

„Auch Triaden“, fragt der Hacker.

Brand nickt und denkt an Tia Nam, die ihm fehlt. Die chinesischen Verfolger sind ein schlechter Ersatz für seine Freundin, nach der er sich sehnt.

Die flache Landschaft, der es an Abwechslung fehlt und die miese Nacht haben dem Agenten zugesetzt, er nickt kurz ein. Der Fahrer wirkt ebenfalls müde, so dass Brand beschließt, sich etwas Abwechslung zu verschaffen. Er bittet seinen Chauffeur um das Lenkrad.

Der Fahrerwechsel findet auf der B402 zwischen zwei Autobahnstücken statt und als Brand aussteigt, erkennt er ein anderes Fahrzeug, dass mit Ihnen zusammen an den Randstreifen gefahren ist. Ein BMW SUV, vielleicht ein X5. So genau kann er das nicht erkennen. Die Farbe ist schwarz.

Bereits nach wenigen Kilometern fahren sie auf die A31, die fast ohne Geschwindigkeitsbegrenzungen auskommt. Brand ist erfreut und wird wach.

„Schwarzer BMW X5 hinter uns“, sagt er seinem Beifahrer. Ich probiere mal aus, ob sie uns folgen wollen“.

Dann drückt der Agent auf das Gas und holt aus dem Mustang GT eine Dauergeschwindigkeit von über 200 km/h heraus. Der BMW bleibt an ihnen dran.

„Die hier sind ein bisschen aggressiver“, sagt 00Y nach einer Weile, „es könnte sein, dass sie versuchen, uns aus dem Verkehr zu ziehen“.

Van Q hört ihn nicht. Brand sieht, dass der junge Mann eingeschlafen ist.

Er überlegt sich eine Strategie, den BMW abzuschütteln und weiß auch schon wie. Für einen kurzen Augenblick gibt er Gas und beschleunigt auf 230 km/h, dann nimmt er den Fuß vom Gas und lässt den großen X5 herankommen. Kurz vor einer Abfahrt zieht er auf die rechte Spur, direkt hinter einem langsamen LKW. Der BMW schießt vorbei und bremst dann ebenfalls, aber zu spät. Die LKWs versperren dem SUV die Ausfahrt und der Ford Mustang bekommt sie, im letzten Moment, als einziger.

Van Q schläft tief und fest weiter.

Hinter der Abfahrt nimmt der Agent eine kleine Landstraße in entgegengesetzter Richtung und biegt schließlich in einen Feldweg ein. Der Mustang verschwindet hinter einer Baumgruppe.

Der junge Hacker quittiert das mit einem tiefen Schnarcher und Brand fühlt sich von ihm angesteckt. Er stellt seinen Sitz in Liegeposition und schläft ein.  Die Chinesen sind weg, die Welt ist weg. Nur ein gelber Mustang neben einem ebenso gelben Rapsfeld in der weiten ostfriesischen Landschaft. Ein schöner Augenblick der Ruhe.

Eine gute Stunde später wachen die beiden Männer fast gleichzeitig auf und schauen sich an. Es sind noch drei Stunden bis zur erwarteten Ankunft der „Mary“ im Hafen und sie haben vielleicht noch eine Stunde zu fahren.

Sie setzen den Wagen in Bewegung und kehren zur Landstraße zurück. In Friedeburg, kurz vor Wilhelmshaven, machen sie Rast und kehren in eine Gaststätte ein, die direkt neben einer beeindruckenden Sportanlage mitten im Dort steht. Jugendliche stehen mit ihren Mopeds auf dem Parkplatz des Restaurants und bewundern den gelben Sportwagen.

Nachdem die beiden Männer gegessen haben, kommen sie heraus und setzen sich in den Wagen, ohne loszufahren. Sie versuchen die Situation im Jade-Weser-Port einzuschätzen und sind sich einig, dass der schwarze X5 dort auf sie warten wird. Ein unauffälliger Auftritt wäre daher angemessen.

Brand raucht im Auto, was van Q missfällt. Er fährt demonstrativ die Seitenscheiben herunter. Auf diesen Augenblick scheint einer der Jugendlichen mit Moped gewartet zu haben und nähert sich den beiden Männern. Es gibt ein lockeres Gespräch über das Auto und schließlich ist der junge Mann begeistert, als van Q ihn einlädt, eine Runde mit ihm zu drehen. Fred quetscht sich auf die Rückbank und jubelt, als van Q ein paar kleine Drifts um den Dorfplatz fährt.

Brand, der aus seiner Zeit als Airforce-Pilot in Norddeutschland noch ein recht passables Deutsch spricht, hat eine Idee und spricht den Jungen an.

„Schönes altes Moped hast Du. Erbstück von Deinem Vater?“

„Von meinem Großvater“, grinst Fred.

„Hör mal Fred, ich müsste recht unauffällig in den Hafen fahren und von dort wieder hierher zurück. Die Sache könnte ein paar Stunden in Anspruch nehmen. Ich könnte Dein Moped brauchen“. Fred bekommt große Augen und wittert gleichzeitig seine Chance. Er ist bereit Brand sein Moped mit Helm für einhundert Euro zu vermieten.

„Stolzer Preis“, meint der Hacker anerkennend. Brand lächelt und holt das Geld hervor.

Der Agent beauftragt seinen Begleiter, ein Zimmer im Gasthof zu mieten und dann auf ihn zu warten, online natürlich, wie Brand betont. Dann packt der Agent seine notwendigste Ausrüstung in das Top-Case der kleinen Kreidler RS, stülpt sich den Integralhelm über und fährt los.

Van Q und Fred schauen ihm hinterher. „Hoffentlich macht er keinen Crash damit“, sagt Fred sorgenvoll.

„Keine Angst“ sagt van Q mit holländischem Akzent, „das ist ein britischer Agent, der Secret Service schenkt Dir dann ein Neues“.

Bei dem Gedanken an ein britisches Motorrad zieht Fred in deutlich gehobener Stimmung ab. Zuhause schaut er sich am Computer alle möglichen britischen Marken an und entscheidet sich für eine Triumph“.

„Hoffentlich crasht er mein Moped“, seufzt der Junge vor dem Einschlafen. Dann wird es ruhig in Friedeburg. Die Nacht legt sich über den kleinen Ort.

Fortsetzung folgt.

Hintergrund: Realität und Fiktion

Chinesische Mafia in Großbritannien, Holland und Deutschland

Die 14K Triade

Die chinesischen Triaden agieren in Europa recht diskret, obwohl sie hier auch sehr zahlreich vertreten sind. Man hört selten von Morden der Organisationen, die sich hauptsächlich mit Kreditwucher, Prostitution und Schutzgelderpressung finanzieren, aber in England auch eine Reihe legaler Unternehmen betreiben. In Großbritannien sind sie mindestens seit den dreißiger Jahren aktiv, eine davon die 14000 oder abgekürzt auch 14K-Triade. Ihr vorsichtiges Auftreten veranlasst Marc Brand dazu, seinem Begleiter van Q zu beruhigen. Tatsächlich beschränken sich die Chinesen auf Verfolgung und Observierung des Agenten.

Die Frage, wie weit es denkbar ist, dass die chinesische Mafia in Rotterdam einen Impfstoff-Container vertauscht, der für Deutschland bestimmt ist, hängt von den logistischen Möglichkeiten der Organisation ab. Die sind sehr wahrscheinlich sehr begrenzt, weil die Chinesen in der Mafia-Welt Europas eher isoliert sind und in ihren kleinen Enklaven, beispielsweise in China-Town in London oder dem chinesischen Viertel von Amsterdam agieren. Deshalb hört man auch wenig von Fahndungserfolgen in Bezug auf europäisch agierende Triaden, deren Schwerpunkt immer noch China, Hongkong und Macau ist.

Es ist also nicht sehr realistisch, dass die chinesische Mafia tatsächlich eine solche Aktion im Hafen von Rotterdam bewerkstelligen kann. Obwohl der Hafen von Mafiaorganisationen nur so wimmelt, haben hier die italienische, die nordafrikanische und die osteuropäische Mafia die Oberhand.

Da aber bekannt ist, dass Triaden und chinesische Geheimpolizei sehr eng zusammenarbeiten, wurde der Zusammenhang zwischen dem gefälschten Impfstoff und der Mafia in der Geschichte hergestellt. Denkbar, dass die Geheimpolizei die falschen Impfstoffe von China aus auf den Weg schickt und Teile der Logistik dann von einer Triade übernommen wird.

Bekannt ist übrigens über die chinesische Geheimpolizei, dass sie keinesfalls so hoch technisiert ist, wie man bei dem aktuellen technologischen Entwicklungsstand Chinas annehmen könnte. Die Chinesen arbeiten vor allem über Personen, die dann auch persönlich in China Bericht erstatten. Oft wird das Schläfer-Prinzip benutzt, wobei manche dieser Agenten in ihrem Leben nur für wenige Wochen aktiviert werden und in dieser Zeit Informationen sammeln. Dann reisen sie nach China und erstatten dort Bericht. Solche Schläfer können dann auch Mitglieder der chinesischen Mafia sein, aber auch Wissenschaftler und Mitarbeiter in Behörden anderer Länder.

Etwas anders sieht es hier mit dem chinesischen Militär und seinem Geheimdienst aus, der sehr viel mehr mit Hightech arbeitet, eigene Spionagesatelliten betreibt und ein rein chinesisches Internet aufbaut.

China sieht übrigens ganz offensichtlich die Notwendigkeit seine Landsleute in Europa durch die eigene Polizei zu schützen. In Belgrad gibt es, nach einem Abkommen mit Serbien, chinesische Polizisten, die angeblich chinesische Touristen sichern sollen. Ähnliche Abkommen hat China mit Italien und Spanien, wo man gemeinsam gegen Menschenhandel vorging. Die Frage ist nur, ob es hier tatsächlich um chinesische Touristen geht, die sich sicherer fühlen sollen oder um etwas ganz anderes. Chinesische Verhandlungspartner bestehen bei bilateralen Abkommen mit anderen Ländern grundsätzlich auf strengste Geheimhaltung.

Es wäre durchaus denkbar, wie eine gemeinsame Polizeiaktion in Spanien zeigte, dass die Chinesen die eigene Bevölkerung, die im Ausland lebt und dort Enklaven bildet, überwachen und beeinflussen wollen. Auch für die Triaden in Europa hat so ein Vorgehen Konsequenzen. Sie müssen sich nämlich plötzlich mit der chinesischen Polizei arrangieren, obwohl sie in Italien, Serbien oder Spanien agieren. Wenn das Schule macht, bekommen wir die „chinesische Öffentliche Ordnung“ einschließlich Überwachungstechnik von Huawai nach Europa, was dann ein umgekehrter Kolonialismus im Kleinformat wäre. Angenehm ist diese Vorstellung nicht, dass sich nicht nur die Mafia, sondern auch die chinesische Polizei in Europa einschleicht.

Kapitel 23

Die Fahrt zum Containerhafen ist durchaus reizvoll für Brand, weil er in einem gemütlichen Tempo nach Westen in die leicht rötliche Abenddämmerung fährt. Sie dauert mit dem langsamen Moped etwa zwanzig Minuten, was den Agenten aber nicht stört. Am Horizont sieht er schließlich die roten Entladekräne am Tiefsee-Quai des Jade-Weser Airports.

00Y achtet darauf, sich unauffällig zu verhalten und steuert zunächst einmal einen Imbiss-Contanier auf dem Hafengelände an. Die Mini-Gastronomie heißt „Kombüse“ und hat noch geöffnet. Brand holt sich einen Kaffee und fragt, den kräftig gebauten Mann hinter dem Tresen, wie lange noch geöffnet sei.

Zweiundzwanzig Uhr, ist die Antwort. „Das ist gut“, lächelt der Agent, „ich möchte nämlich später ihren Labskaus probieren. Habe viel davon gehört“. Der Mann, namens Karl, strahlt Brand an. „Na dann werde ich Ihnen mal eine Portion zur Seite legen, denn um Acht ist hier große Pause, da kommen die Hafenarbeiter und futtern alles auf“!

Brand bedankt sich und setzt sich an einen Tisch unter freiem Himmel, nachdem er seine Ausrüstung aus dem Top-Case geholt hat. Der Empfänger funktioniert tadellos und schlägt auch schon an. Die „Mary“ ist gerade bei ihrem Anlegemanöver an das „Eurogate-Terminal“.

Rechts des Containers ist ein Parkplatz von einhundert Metern Länge, der mäßig besetzt ist. Überhaupt kommt ihm der ganze Hafen wie ein einfaches Industriegelände irgendwo auf der Welt vor, das nur mäßig genutzt wird. Nur die imposante Reihe der riesigen Hafenkräne lässt die eigentliche Dimension des Projektes erahnen, ansonsten wirkt dieser Port verschlafen.

Auf dem Parkplatz meint er einen schwarzen BMW zu sehen, der stark an das Verfolgerfahrzeug von heute Mittag erinnert. Mit Hilfe seines Zoom-Objektivs nimmt Brand ein paar Fotos. Die Insassen des Wagens, es mögen zwei oder drei sein, sind sehr wahrscheinlich auf den gelben Mustang programmiert und warten auf dessen Ankunft.

Brand aber sitzt neben einer blauen Kreidler RS und wartet in aller Ruhe ab. Kurz überlegt er, ob er sich seine Verfolger vornehmen soll, entscheidet sich dann aber dagegen.

Im Unterschied zur Geheimdienstwelt, wissen die Kerle der Halbwelt oft nur das, was sie unbedingt für ihren Auftrag benötigen. Ihren Auftrag kann der Agent sich aber vorstellen. Viel mehr würde er nicht herausbekommen. Also hält er sich seinerseits bedeckt und setzt sich irgendwann seinen Helm auf, um den Hafen mit der Kreidler zu erkunden.

Die „Mary“ wird bereits entladen und die Hafenkräne haben ihre Scheinwerfer eingeschaltet. Währenddessen fahren einige LKWs auf das Gelände. Das Schiff scheint auch Militärgerät geladen zu haben, denn ein LKW trägt die Hoheitszeichen der deutschen Bundeswehr.

Inzwischen ist es dunkel und die Arbeiter haben ihren Schichtwechsel. In kleinen Gruppen strömen sie aus dem Werksgelände zum Parkplatz. Marc Brand sieht seine Chance, in einer der Gruppen näher an seine Verfolger heranzukommen. Er schließt sich an und geht auf den Parkplatz. Den Sturzhelm lässt er am Moped hängen. Als er mit der Gruppe an dem BMW vorbeigeht, kommt der Fahrer gerade vom Pinkeln zurück. Es ist eindeutig ein Chinese und Brand hört einen Hafenarbeiter grob zu den anderen sagen. „Was machen denn die Schlitzaugen hier“? Offensichtlich war das witzig, weil die anderen sofort lachen.

Brand lächelt nur und denkt sich seinen Teil. Im Unterschied zu Großbritannien haben die Deutschen sich wohl immer noch nicht an die Chinesen gewöhnt. Sie kommen ihm vor, wie Hinterwäldler, die noch eine Welt im Kopf haben, in der alles feinsäuberlich getrennt ist. Die Asiaten sind dabei auf der anderen Seite der Erde und werden bestaunt, wenn sie hierher kommen. In England wäre so etwas undenkbar, das Land ist viel internationaler als Deutschland, das immerhin einen Führungsanspruch in der europäischen Union vertritt. Irgendwie absurd, findet Marcus Brand und denkt an Tia Nam, die er bald wiedersehen will.

Ziemlich eindeutig aber, identifiziert er die Leute in dem schwarzen Wagen als Mitglieder der chinesischen Mafia. Diese Männer hätte er auch in Hongkong in dem Hinterzimmer von Wu treffen können. Der Agent verlässt sich auf seine Mustererkennung, die er ziemlich treffsicher beherrscht und über die er bereits psychologische Vorträge gehört hat. „Recognition Primed Decision Making (RPDM)“, eine Fähigkeit von Experten, in kürzester Zeit, Situationen und Personen einzuschätzen und dann entsprechend zu handeln.

Schließlich geht 00Y  zur Kombüse und fragt nach seinem Labskaus. Karl stellt ihm das Gericht innerhalb von fünf Minuten auf den Tresen. Genussvoll nimmt der Agent dieses eigenartige Gemisch aus Kartoffeln, Rote Beete und Hering sowie gekochtes Ei und Speck mit an seinen Tisch. Das Abendbrot schmeckt ihm heute besonders gut. Er denkt an die schlechte Nacht in Maasvlakte und schätzt den Jade-Weser-Port im Augenblick sehr viel mehr.

Er hat gerade den Teller leer, als sich sein Peilsignal in Bewegung setzt. Er steht auf und schaut zum Ausgang des Terminals. Ein LKW kommt zur Schranke und wird durchgelassen. Gleichzeitig setzt sich der BMW der chinesischen Mafia in Bewegung. Das ist das Signal für 00Y.

Brand geht zügig zu seinem Moped und stülpt sich den Helm über. Das alte Gerät antwortet allerdings nicht auf den mehrmals getretenen Kickstarter. Der Agent legt den zweiten Gang ein und schiebt das kleine Fahrzeug an. Dann kommt der Motor. Mit maximal 50 km/h nimmt er die Verfolgung des LKW auf. Sein Glück ist, dass es sich um einen langsam fahrenden Militärtransporter handelt. Es ist der Sattelschlepper der Bundeswehr, der am frühen Abend auf das Gelände gefahren war.

Der Transport dauert nicht lang. Er führt im gemächlichen Tempo über den Friesendamm direkt zum Marinestützpunkt in Wilhelmshaven. Benachbart liegt das Logistik-Zentrum der Bundeswehr.  Brand erinnert diesen Ort noch dunkel aus seiner Zeit bei der Royal Airforce. Die war damals wenige Kilometer entfernt, in Nordhorn, stationiert.

Während die Chinesen in ihrem BMW langsam weiterrollen, stellt der Agent sein Moped in der Nähe der Einfahrt zum Marinestützpunkt ab und geht direkt zum Eingangshäuschen. Gegenüber dem Wachsoldaten weist er sich aus und legt seinen Ausweis des British-Secret-Service vor.  Nüchtern bittet er darum, den wachhabenden Offizier zu sprechen. Er weiß, dass der Kommandant längst im Bett liegt.

Ein Leutnant Müller wird angerufen und will zunächst abwiegeln. Aber der Wachsoldat hat einen gewissen Schneid und formuliert die Sache so, dass der Leutnant nicht nein sagen kann. Brand wird in den nüchternen Empfangsbereich der Kaserne geführt und ein paar Minuten später bittet ihn der Offizier in sein Büro.

Brand legt die Karten auf den Tisch und erzählt, was es mit dem Container auf sich hat. Leutnant Müller ist erst erstaunt, wird dann widerwillig. „Aber das ist eine bestellte Ladung von Impfstoffen aus den USA“, wendet er ein. „Sie ist planmäßig in Wilhelmshaven eingetroffen“.

00Y versteht seinen Einwand. „Sie fragen sich dann natürlich, wo die richtige Ladung ist“?

Der Offizier nickt.

„Ich kann es Ihnen nicht sagen“, meint der Agent trocken, „aber ich vermute, sie ist in Rotterdam gelöscht worden, als man die Container ausgetauscht hat. Jedenfalls kommt dieser Container auf ihrem Hof nicht aus den USA, sondern aus Shenzhen in China.“

Der Offizier wirkt etwas ratlos und überfordert.

„Wir könnten den Container zusammen besichtigen“, schlägt der Agent vor.

„Besichtigen ja“, entgegnet Müller, „aber nicht öffnen“!

Brand nickt.

Beide Männer gehen hinaus auf den Hof, wo bereits die Eskorte der Bundespolizei angekommen ist, welche den Weitertransport per LKW in das Impfstofflager der Bundeswehr begleiten soll“.

Brand zeigt dem Offizier die Stelle, an der er in Rotterdam den Peilsender angebracht hat. Er nimmt sein Schweizer Messer und entfernt die Abdeckung aus Metalloplast, dann entfernt er den Sender und zeigt ihn dem Leutnant. Der ist erkennbar beeindruckt.

Er nimmt den Sender an sich und läuft in sein Büro, um den Kommandeur anzurufen.

Etwa eine halbe Stunde vergeht, die Marc Brand dafür nutzt, sich mit den Polizisten zu unterhalten, die ihm erzählen, dass der Transport eigentlich schon laufen solle und ins Impfstofflager der Artland-Kaserne in Quakenbrück geht. Dort würde der Container in zwei Stunden erwartet.

Brand merkt, dass sich die Polizisten etwas über die Verzögerung ärgern.

Schließlich kommt Leutnant Müller zurück und sagt im halben Befehlston, dass der Container-Transport weitergehe und im Impfstofflager überprüft wird. Da befindet sich immerhin ein medizinischer Leiter, der die Ladung prüfen kann.

Brand lächelt und denkt sich, dass er dumm gehandelt hat. Es war doch klar, dass die Bundeswehr so reagieren würde. Niemand konnte seine Geschichte wirklich überprüfen und keiner wollte für die Verzögerung eines wichtigen Impfstofftransportes verantwortlich sein. Auch der Kommandant nicht. Der Agent muss unverrichteter Dinge wieder abziehen. Ein Protokoll hat der Offizier aber trotzdem aufnehmen lassen. Immerhin! Brand hatte dabei explizit auf die Sender hingewiesen, die sich seit Shenzhen in einigen der Kartons befinden. Er und Fetcher hatten sie ja dort angebracht.

Zumindest spart er sich jetzt die Verfolgung des Containers nach Quakenbrück und kann erst einmal in sein Zimmer im Gasthof von Friedeburg zurückkehren. Eine ruhige Nacht in einem weichen Bett wäre auch nicht schlecht.

Die Chinesen scheinen allerdings gemerkt zu haben, dass der Mann auf der Kreidler ihre Zielperson ist und verfolgen das Moped. Brand merkt ziemlich schnell, dass die Mafia an ihm dran ist. Ein X5, der in Mopedgeschwindigkeit fährt, fällt auf.

„Die müssen sich jetzt langweilen“, murmelt der Agent und überlegt, wie er die Leute abschütteln soll. Ein Fahrzeug das nur fünfzig fährt, ist dafür nicht besonders gut geeignet. Marc Brand muss sich sein weiches Bett ganz offensichtlich noch verdienen. Kurz überlegt er, ob er den Verfolgern einen Reifen platt schießen soll, denkt dann aber an die bekannten Notlaufeigenschaften neuerer Premium-Fahrzeuge. Er verwirft den Gedanken.

Brand fährt rechts ran und zwingt damit die Chinesen ebenfalls in einigem Abstand, zu halten. Dann schaut er in Ruhe auf seinem Smartphone nach möglichen Feldwegen, die er ohne Licht nutzen kann. Die entsetzlich schlechten Geländeeigenschaften von Fahrzeugen der X-Reihe sind ihm bekannt.

In Moorstrich, nicht weit von seinem Gasthof, wird 00Y fündig und biegt in einen der zahlreichen Feldwege ein, die nach wenigen Kilometern scheinbar im Nichts enden. Der BMW folgt ihm. Als der Weg zu Ende ist, geht es auf einer moorigen Wiese weiter und schließlich gibt es nur noch einen Weg der sich schemenhaft im Gras abzeichnet und der immer schmaler wird. Nach etwa zehn Minuten hat sich der BMW festgefahren und Brand kann in aller Ruhe die nächste Stichstraße ansteuern und zu seinem Gasthof kommen. Sicher die Kreidler ist etwas dreckig geworden genauso wie die Schuhe des Agenten, aber daran hat er sich inzwischen gewöhnt.

Brand ist zufrieden und erinnert sich beim Einschlafen etwas wehmütig daran, dass er mit dieser Methode, als Jugendlicher, die Polizei abgeschüttelt hat, wenn er ohne Zulassung und ohne Führerschein mit einem Moped unterwegs war. Das hatte eigentlich immer funktioniert.

Fortsetzung folgt

Hintergrund – Realität und Fiktion

Die Bundeswehr und der Kühlcontainer

Bei dem Impfstoff Moderna gab es kürzlich eine Verzögerung, weil das Berliner Impfzentrum Zweifel an der Kühlkette während des Transportes hatte. Das Gesundheitsministerium versicherte daraufhin, dass die Kühlkette gewährleistet war und der Impfstoff nie über -20 Grad gelagert wurde. Das Speditionsunternehmen hatte ihn in speziellen Kühlwagen, die mit GPS-Überwachung versehen waren, transportiert. Allerdings irritierte, dass die Moderna-Vakzine in Pappkartons ankamen und nicht, wie erwartet in speziellen Kühlboxen. Zentrallager, von dem aus der Impfstoff verteilt wurde, war die Artlandkaserne in Quakenbrück.

Wenn man den offensichtlichen Verpackungsfehler der Moderna-Vakzine berücksichtigt, kommt man zur Geschichte und kann es als Hinweis darauf nehmen, dass diese Impfstoffe gar nicht aus den USA kommen, sondern aus China. Aber wer kommt schon auf so eine Idee?

Brand jedenfalls muss sich beeilen, die gefährlichen Vakzine noch aufzuhalten, denn vom Impfstofflager der Bundeswehr wandert der Inhalt über private Speditionen an die Einsatzorte im Bundesgebiet. Die Vakzine bleiben also nicht bei der Bundeswehr, was Brand in der Geschichte aber noch nicht realisiert hat.

Die Bundeswehr ist jedenfalls ganz offensichtlich nicht in der Lage auf den Verdacht des Agenten zu reagieren. Die Befehlskette scheint das zu verhindern, wobei das Problem darin besteht, dass keiner die Verantwortung  für eine Verzögerung des wertvollen Transportes übernehmen möchte. Mit Hinweis auf die Kühlkette, natürlich.

Da die Bundeswehr ab Mai 2021 die Impfung von Behörden und Parlamenten überwiegend mit Moderna und Biontech übernimmt, kann man sich vorstellen, was passieren würde, wenn tatsächlich gefälschte und gefährliche Vakzine in diesen Organisationsablauf eingeschleust würden.

Nichts!

Viele ranghohe Behördenmitarbeiter, Parlamentarier und sogar Regierungsmitglieder würden einfach damit geimpft.

In der Geschichte sind die Auswirkungen dieser, mit Nanobots kontaminierten, Impfstoffe bei Bruce und Nijab zu sehen. Sie werden schwach, labil und am Ende sogar psychotisch. Was passiert, wenn Regierungen und Abgeordnete in derartige Zustände geraten? Man möchte es sich nicht ausdenken, es sei denn, man schreibt eine fiktive Geschichte. Dann kann man sich das ausmalen.

Kapitel 24

Am nächsten Morgen treffen sich Brand und van Q beim Frühstück in dem alten Gasthof. Die Gaststube wirkt relativ dunkel, was einen eigentümlichen Kontrast zu dem strahlend blauen Tag erzeugt, den die Agenten durch das Fenster neben ihrem Tisch sehen können. Hell und Dunkel liegen gewissermaßen dicht nebeneinander und scheinen sich nicht aneinander zu stören. Das Licht wirkt so, als würde es gar nicht in den Frühstücksraum eindringen wollen. Das Dunkel beharrt auf seinem Besitz, der Gaststube. Schließlich kommt der Wirt und schaltet das Licht über dem Frühstückstisch an.

„Eine Kerze wäre auch schön gewesen“, witzelt van Q.

Brand grinst und macht sich an seinem Frühstücksei zu schaffen.

„Wie geht es nun weiter“, fragt ihn der Hacker mit vollem Mund und schlürft etwas Kaffee hinterher.

00Y schweigt.

„Ich meine, werden wir die Fracht weiter verfolgen und die „Krauts“ vor den falschen Impfstoffen retten“?

Brand schüttelt den Kopf. „Nein“.

Sein Gegenüber schaut ihn fragend an.

„Ich habe London benachrichtigt und meinen Bericht gestern Abend abgeschickt. Sie werden den BND informieren“.

„Ach so“, sagt van Q etwas enttäuscht, „ganz formell also“:

Brand nickt.

„Glauben Sie, dass die Deutschen dann den Container rausziehen werden“?

„Nein“, entgegnet der Agent, „sie werden die Fracht weiter verteilen, wie es vorgesehen ist und die falschen Impfstoffe werden an die Impfzentren gehen, wo sie verimpft werden“.

Van Q lehnt sich zurück und schaut an die dunkle Decke des Raumes, die durch starke Eichenbalken geprägt ist.

„Das ist widersinnig“, sagt van Q, wobei seine Brille kurz zu beschlagen scheint. Er nimmt sie dann auch ab und putzt mit einer Serviette, die auf dem Tisch liegt.

„Ich weiß, was Sie meinen, van Q“, entgegnet Brand ruhig, „aber in Wirklichkeit ist es normal“.

„Mr. Brand, sie verwirren mich“!

„Angenommen, ich würde Ihnen sagen“, setzt Brand nach, „dass sie heute nicht in Ihren Mustang steigen dürfen, weil sie dann einen tödlichen Autounfall haben. Was würden Sie tun“?

„Ich würde Sie fragen, wer in drei Gottes Namen Ihnen das verraten hat“, lacht van Q.

„Ich würde antworten, dass ich es weiß, weil ich britischer Agent bin“!

„Das würde mir nicht reichen“, ruft der Hacker aus.

Brand nickt. „Den Deutschen reicht das auch nicht“.

„Sollte es aber“, beharrt der Hacker, „Sie hatten die Sender, nicht nur außen am Container, sondern auch in den Kartons“.

„Nun“, antwortet Brand und schneidet sich dabei noch ein Brötchen auf, „die Deutschen haben ihre Befehlskette und ihren Organisation. Da muss schon wirklich was kommen, damit sie abweichen“.

„Vielleicht muss man dann einfach nochmal nachsetzen“, entgegnet van Q eifrig.

Brand lacht und beschmiert seine Schrippe mit Butter. „Mein lieber van Q, am Ende halten die mich noch für einen Impfgegner, einen Fanatiker oder einen Verrückten“.

Der Hacker schweigt und rührt versonnen in seiner Kaffeetasse. Er ist vom Fatalismus des älteren Agenten unangenehm berührt.

„Sie sagen also, die Deutschen wollen sich nicht retten lassen“?

„Schlimmer noch“, antwortet 00Y, „ wenn ich nachsetze, werten sie das als Eingriff in ihre Souveränität“.

Van Q schaut den Agenten an und versucht in diesem verwirrenden Gespräch den roten Faden wieder zu finden.

„Das wäre doch sehr absurd“, murmelt er unzufrieden.

„Es passiert ständig“, sagt der MI6-Agent. „Erinnern Sie sich noch an den Anschlag in Berlin“?

„Mit dem Truck“, fragt van Q.

Brand nickt. „Die deutschen Behörden sind wiederholt von europäischen Diensten gewarnt worden, dass dieser Kerl einen Anschlag vorhat. Sie haben ihn auch ein bisschen beobachtet und dann haben sie ihn sausen lassen“.

„Warum“, fragt der junge Begleiter Brands.

„Irgendeiner hat Entwarnung gegeben“, antwortet Brand, „und dann strecken alle die Finger. Ein behördlicher Reflex, den es nicht nur bei den Deutschen gibt, aber besonders bei ihnen“.

„Nine-Eleven“, fällt dem Hacker ein, „die haben ja auch in Hamburg ihre Planung gemacht. Die Amerikaner selbst, haben Deutschland auf die Terror-Zelle aufmerksam gemacht. Keiner hat sie aufgehalten. Übrigens auch die Amerikaner nicht“.

„So ungefähr“, meint Brand, „ich kenne keine Behörde, keinen Geheimdienst und keine Armee, wo die Leute so scharf drauf sind, die Verantwortung weiter zu schieben, wie bei den Deutschen“.

Der Hacker nimmt sich einen Orangensaft und seufzt.

„Arme Krauts“!

„Deren Problem“, antwortet Brand, „ich gehe heute zurück nach London. Nehmen Sie mich mit? Ich fliege von Amsterdam-Shiphol“.

„Natürlich, ist mir eine Ehre“, antwortet van Q, „es sei denn Sie fürchten wirklich, dass wir heute tödlich verunglücken“.

Brand lächelt und schüttelt den Kopf. „Wir werden eine schöne Fahrt haben“.

In Amsterdam-Shiphol trennen sich die beiden Agenten einige Stunden später. Die Fahrt war tatsächlich angenehm und ruhig verlaufen und die beiden hatten sich über Großbritannien und seine abwechslungsreiche Landschaft unterhalten. Brand spürte, dass ihm das Gespräch gut tat, er wollte zurück nach England und er will Tia Nam in Sicherheit wissen.

In London Heathrow nimmt er direkt ein Taxi ins Hauptquartier. Dort geht er an seinen Arbeitsplatz und beachtet niemanden. Er sucht nach Nachrichten über Fetcher und Tia Nam, die anscheinend noch zusammen in Hongkong sind. Seit Lagos hat er keine Nachricht mehr von ihnen bekommen und auch jetzt kann er nichts finden.

Der Agent lehnt sich im Sessel des Großraumbüros zurück, dass durch schallschluckende Bauteile, geschickt in Einzelarbeitsplätze aufgeteilt wurde. Die räumliche Organisation trägt der Tatsache Rechnung, dass Agenten miteinander kommunizieren müssen und Geheimniskrämerei untereinander nicht gern gesehen wird. Das Misstrauen wächst und die Effizienz verschlechtert sich. Obwohl mehrere Kollegen im Raum sind, sitzt Brand nun in völliger Ruhe an seinem Arbeitsplatz.

Er wird müde und sehnt sich nach seinem alten Stuhl im Esszimmer seines Hauses. Er fühlt sich erschöpft und möchte nach Maldon zurück, aber nicht allein. Bewusst schließt er die Augen und versucht ein bisschen zu schlafen, nur zehn Minuten vielleicht. Diese Art des Kurzschlafes, den man in Pilotenkreisen auch als „Power-Nap“ bezeichnet, kennt der Agent seit Jahrzehnten. Kurze Erholungspausen während anstrengender und gefährlicher Einsätze, die ihm sogar schon das Leben gerettet haben. Seine Gedanken verwirren sich und werden zu Geräuschen, sinnlosen Worten, schließlich Silben die im Licht schwimmen. Dann schläft er ein.

00Y erwacht mit einer Hand auf seiner Schulter. Er meint ein bekanntes Gewürz zu riechen und hört dann eine vertraute Stimme, die ein starkes Glücksgefühl in ihm auslöst. Es ist Tia Nam, sie lächelt, als er sich nach ihr umdreht.

„Marc“, sagt sie froh, „Du hast Dich gar nicht angekündigt und jetzt bist Du einfach hier“!

Marc nimmt ihre Hand und zieht sie zu sich auf den Sessel, während sie nachgibt und ihn umarmt. Eine Weile sitzen sie so und spüren einander. Dann flüstert Brand ihr ins Ohr.

„Seit wann bist Du hier? Ich habe seit Lagos nichts mehr von Dir und Fetcher gehört“.

„Ich bin knapp entkommen“, flüstert sie leise, „Chief hat mich hier in einem Büro untergebracht…mit Dusche…“ lacht sie.

„…und Fetcher“, fragt Brand.

„OK“, sagt sie, „aber hatte Probleme mich herauszubringen. Sie haben mich wirklich gesucht. Ich kann nicht zurück nach Hongkong.“

„Verstehe“, sagt Brand und drückt sie kurz an sich, „ich bin so glücklich, dass Du es geschafft hast“!

Fortsetzung folgt

Hintergrund – Realität und Fiktion

Der BND

Brand und sein Begleiter gehen im Falle des vertauschten Kühlcontainers mit gefälschten Impfdosen, die eigentlich biotechnologische Waffen enthalten, von einem Angriff auf Deutschland aus. Man könnte auch von einem terroristischen Angriff sprechen, weil die beiden Infizierten Bruce und Nijab zeigen, wie destabilisierend sich der Impfstoff mit den Nanobots auf die Psyche auswirkt. Ein konstruierter Terroranschlag allerdings, der für diese Geschichte erfunden wurde.

Der Rest der Befürchtungen der beiden Agenten, die in diesem Kapitel geäußert werden, ist vollkommen realistisch. Insbesondere Brands Annahme, dass seine Informationen und Warnungen an die Bundeswehr und die offizielle Information des MI6 an den BND, nicht zum Stoppen des Kühlcontainers führen werden.

Der Bundesnachrichtendienst hat eine lange Geschichte mit Terroranschlägen, die er, trotz Warnungen befreundeter Geheimdienste, nicht stoppen konnte, die vom Nineeleven in New York, der in Hamburg vorbereitet wurde, bis zum Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin reicht. Als Rechtfertigung wird dabei oft angegeben, dass die Verdachtsmomente für eine Inhaftierung der Verdächtigen nicht ausreichten. Vergessen wird dabei immer, dass es die Aufgabe des Dienstes ist, ausländische Terroristen so zu überwachen, dass auch die nötigen Beweise generiert werden können.

Da hat der BND ein tiefgreifendes strukturelles Problem. Durch die enge Zusammenarbeit, als kleiner Bruder, mit dem NSA in Pullach hat der Bundesnachrichtendienst zwar hohe Kompetenzen in der Internetüberwachung aufgebaut, die aber, genau wie bei der NSA, selten zu konkreten Fahndungserfolgen führen. Die Arbeit mit menschlichen Informanten wurde, wegen der hohen Risiken, aber stark heruntergefahren.  Dabei wurden hocheffektive Agenten mehr oder weniger abgeschaltet, um den Dienst aus der „Skandal-Sphäre“ heraus zu holen.

Überall Schnittstellen-Probleme

Ein noch größeres Defizit gibt es aber bei der Kommunikation mit anderen Behörden, den Schnittstellen also. Der BND berichtet direkt an das Kanzleramt. Hinweise auf Straftaten, Gefährder und geplante Terroranschläge gehen aus der BND-Zentrale nur in begründeten Verdachtsfällen direkt an die Strafverfolgungsbehörden. Welche Fälle das sind, entscheidet der BND, bzw. seine Mitarbeiter. Eine enge Kooperation kann es wegen des Trennungsgebotes von Geheimdiensten und Polizei nur sehr eingeschränkt geben. Es gibt allerdings das gemeinsame Zentrum für Terrorabwehr, in dem Polizei und Geheimdienst unter einem Dach arbeiten, eine Institution der kurzen Wege also. Um dahin zu gelangen, müsste der Kühlcontainer also als geplanter Terroranschlag gelabelt werden. Ob es sich um einen geplanten Terroranschlag auf die deutsche Politik handelt, kann man aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht sicher sagen. Die Verdachtsmomente wurden geliefert.

Noise and Signal

Der Punkt ist nur, dass täglich sehr viele Informationen beim BND eingehen und pro Tag hunderte Berichte herausgehen. Der britische Agent hat durch sein doppeltes Vorgehen, persönliches Informieren des Kommandanten der Bundeswehreinheit und offizielle Information durch den MI6, den Deutschen die größtmögliche Chance gegeben, die Gefahr zu erkennen.

Das Problem der Deutschen ist aber, dass sie die Chinesen kaum auf dem Schirm haben und, politisch gewollt, eine wesentlich weniger aggressive Überwachung in China verfolgen, als die amerikanischen und englischen Geheimdienste. China ist unser wichtigster Welthandelspartner und das Zukunftsprojekt der Deutschen! Irritationen sollen vermieden werden.

Ohne eigene Ermittlungen, die dazu passen, ist es aber sehr unwahrscheinlich, dass ein Nachrichtendienst eine singuläre Warnung bzgl. eines Terroranschlages  wirklich als „Signal“ einordnet und nicht im „Noise“ untergehen lässt.

BND und Bundeswehr

Eine etwas größere Chance, dass die Informationen von Brand und MI6 von den Deutschen aufgenommen und angemessen bewertet werden, besteht durch die Schnittstelle zwischen BND und Bundeswehr, da der BND seit 2007 teilweise die Aufgaben des Zentrums für Nachrichtenwesen der Bundeswehr übernommen hat. Dann könnte es sein, dass der Kommandant der Artlandkaserne in Quakenbrück, der für den Container verantwortlich ist, sowohl den Bericht von Brand, als auch die Warnung des MI6 über den BND mitgeteilt bekommt. Dann ist das für ihn Grund, dass er reagieren muss.

Ob das in dem gegebenen Zeitfenster auch geschieht, ist allerdings offen.

Wenn die Fracht erst einmal weiter verteilt ist, dürfte es an den persönlichen Qualitäten des Kommandanten liegen, ob dieser die Unannehmlichkeit in Kauf nimmt, Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, um die Impfdosen zurückzuholen. Eigentlich ist das nicht zu erwarten.

Die letzte Chance, die gefährlichen Impfchargen zu stoppen, wären dann die Impfzentren selbst, die auch von Ärzten überwacht werden. Einen solchen Fall hat es kürzlich in Berlin gegeben, als Zweifel an der Kühlkette einer Moderna-Impfcharge,  während des Transportes, aufkamen. Anlass war auch, dass die Vakzine in einfachen Kartons angeliefert wurden, was Misstrauen erweckte. Letztlich wurden die Moderna-Impfstoffe aber freigegeben und verimpft.

Sehr wahrscheinlich würde das bei den „Maderno-Vakzinen“ aus der Geschichte auch so laufen.

Brand liegt, mit seiner Vermutung, dass die Warnungen den Deutschen überhaupt nichts nützen und dass die falschen chinesischen Vakzine, trotz Warnung, an Politiker verimpft werden, wohl sehr nahe an der Realität!

Kapitel 25

In Chiefs Büro gibt es viel zu besprechen. Die Sekretärin bringt Kaffee und Brand setzt sich neben Tia Nam in eine alte Ledercouch. Chief setzt sich gegenüber in einen Clubsessel und beginnt Zucker in seinen Kaffee zu schaufeln. Es ist schon später Nachmittag, aber der MI6 Chef bevorzugt starken Kaffee und möchte keinen Tee haben. Tia Nam dagegen bekommt grünen Tee, der nicht besonders gut ist. Brand bittet, rauchen zu dürfen, was abgelehnt wird. Der Agent nimmt es hin.

„Das war ganz schön knapp für Sie, Mrs. Nam“, eröffnet Chief. Die Chinesen hatten Sie quasi schon im Maul und wollten Sie nicht mehr ausspucken“.

Chief kann so grob sein, wenn er seinen „gerechten Zorn“ spürt und in dieser Angelegenheit ist er stark verärgert.

„Was war los“, fragt Brand und schaut Tia Nam an.

Die Wissenschaftlerin erklärt, dass sie mehrfach im Büro ihres Vaters war und nach Dokumenten gesucht hat. Irgendwann sei die Polizei dagewesen und habe sie festgenommen.

„Ihr Glück war, dass Sie noch den falschen Pass hatten, als Mrs. Stafford, die gerade auf der Landwirtschaftsmesse in Shenzhen war. Aber es war sehr schwer zu erklären, was sie in diesem Büro von Klixfield zu suchen hatte. Die Chinesen haben Ihnen nicht geglaubt.“

„Ah verstehe“, sagte Brand, „und Mr. Stafford, also meine Person, war gerade nicht verfügbar, um Deine Geschichte zu bestätigen“.

Tia Nam nickte.

„Was hast Du Ihnen erzählt“, fragte Brand.

„Ich habe mich in der Tür geirrt“, antwortete Tia Nam, „es gab zum Glück dieses Büro des Fleisch-Importeuers auf dem gleichen Flur. Das war immerhin nachvollziehbar. Aber geglaubt haben Sie mir nicht“.

„Wir mussten den britischen Konsul einschalten“, erzählt Chief, „und das war höchst kompliziert,  weil es gerade Ärger wegen eines Konsulatsmitarbeiters gab, der mit der Demokratiebewegung verwickelt war. Lord Battlefield war nicht amüsiert“.

Brand wird neugierig. „Wie haben Sie die Chinesen dann überzeugt“, fragt er.

„Gar nicht“, ruft Chief, „wir haben sie entführt“!

Brand schaut verwirrt.

„Der Secret Service hat Sie“, Chief schaut die Halbchinesin vorwurfsvoll an, „mit drei Agenten bei der Überführung ins Untersuchungsgefängnis aus dem Polizeifahrzeug geholt, nachdem sie es in einen Unfall verwickelten. Die Polizisten wussten nicht, wie Ihnen geschah“, flucht Chief, „zum Glück waren das neue Leute, die erstmals in Hongkong waren. Die können wir dort nie wieder einsetzen. Der MI6 ist offiziell nicht überführt worden, aber es stand kurz davor.  Battlefield wurde erneut einbestellt und musste beteuern, dass Großbritannien damit nichts zu tun hat. Er hat sich danach beim Premier beschwert“.

„Unangenehm“, lächelt Brand, „wirklich sehr unangenehm“.

Insgeheim ist er erleichtert, dass Hongkong und China für Tia Nam jetzt zu „Nogo-Areas“ geworden sind. Früher oder später, hätten die Chinesen sie verschwinden lassen.

Chief erhebt sich aus seinem Sessel und geht hinter seinen Schreibtisch. Dort holt er ein Dossier hervor.

Der Überläufer

„Jetzt zu den Neuigkeiten“, sagt er trocken, „die Amerikaner haben erneut einen Überläufiger, der die Labortheorie bestätigt. Außerdem hat er Informationen über das Biowaffenprogramm, das in Wuhan durchgeführt wurde“.

„Wer ist es“, fragt Brand und Tia Nam richtet sich interessiert im Sofa auf.

„Wir wissen es nicht“.

Brand runzelt die Stirn.

„Es ist eine vertrackte Geschichte. Der Überläufer könnte ein ranghoher Militär sein, aber er traut weder der CIA noch der NSA noch der amerikanischen Regierung. Er hat sich bei der Defense Intelligence Agency untergestellt und lässt sich abschirmen“.

„Die DIA rückt ihn nicht heraus“, fragt der Agent.

Chief schüttelt den Kopf. „Offensichtlich hat er denen Hinweise mitgebracht, dass beide Geheimdienste, das FBI und das State Department von Chinesen unterwandert sind“.

Brand lässt sich wieder in das Sofa fallen, an dessen Rand er sich gerade schon befand und sinniert vor sich hin. Tia Nam schaut ihm dabei zu. Er denkt an die Morde in London und an die Täter, die ihm immer einen Schritt voraus waren. Er denkt an Moneycent und ihr verwanztes Smartphone und er denkt, dass die Regierung wenig Lust auf seine Untersuchungen hat und Spannungen mit den Chinesen fürchtet.

Er fragt sich gerade, was die Chinesen sich noch erlauben können, bis sie entschiedener in ihre Grenzen verwiesen werden. Dann kommt ihm ein Gedanke.

„Was ist mit den Deutschen“, fragt er.

Chief und Tia Nam schauen ihn etwas ratlos an.

„Was meinst Du“, fragt sie ihn.

„Ich meine, dass die Deutschen seit einem halben Jahr auch einen chinesischen Überläufer haben, der auch die Labortheorie bestätigt hat und das Biowaffenprogramm in Wuhan kennt“.

„Aber der BND hat dementiert“,  antwortet Chief.

Brand zuckt die Achseln.

„Das gleiche Problem“, antwortet er, „auch die Deutschen wollen sich nicht mit den Chinesen anlegen und gehen davon aus, dass sie den Überläufer nicht schützen können. Deshalb streiten sie alles ab. Schlimmstenfalls verimpfen sie, sehenden Auges, die manipulierten Impfstoffe aus Shenzhen, damit nichts an die Öffentlichkeit kommt“.

„Die Lage wird immer unbehaglicher“, meint Chief, „aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die Deutschen dieses Zeug bei Regierungsmitgliedern und Behörden anwenden“.

„Das wäre verrückt“, meint 00Y, „aber ich weiß nicht, wie weit die Verleugnung geht. Ich meine die Verleugnung der Tatsache, dass China einen verdeckten Krieg gegen den Westen führt und nach dem Virus nun auch seine kontaminierten Impfstoffe dafür einsetzt“.

„Wenn das passiert“, sagt Tia Nam versonnen, „wenn die Deutschen ihre Behörden mit Nanniten impfen, gibt das wenigstens eine Vorstellung davon, was diese Nanobots anrichten können.“

„Wenn da die halbe Regierung durchdreht“, kommentiert 00Y nüchtern, „wissen wir, wie es wirkt“.

„Glücklicherweise“, sagt Chief, „haben die Deutschen keine Atomwaffen und nur eine schwache Armee. Viel passieren kann also nicht“.

Brand und Tia Nam nicken.

„Wie geht es jetzt weiter“, fragt der Agent unvermittelt.

„Sie haben Pause“, antwortet Chief, „00S ist schon drüben und rückt dem DIA auf den Pelz. Immerhin gibt es noch so was wie „Five-Eyes“ ein bisschen was, werden sie uns schon sagen müssen. Wir haben ja schließlich auch geliefert. Dann sehen wir weiter.“

In Gedanken wünscht Brand seinem Kollegen Felix Stairs, der als 00S unterwegs ist, viel Glück. Er ist erleichtert, nun mit Tia Nam nach Maldon zurückzukehren. Zwei bis drei ruhige Wochen mit seiner Freundin sind eine gute Aussicht.

Fortsetzung folgt

Hintergrund – Realität und Fiktion

Die Überläufer

Seit Ausbruch der Pandemie hat es wenigstens drei Überläufer gegeben, die die Labortheorie, also die künstliche Herstellung des Virus durch das Labor in Wuhan gestützt haben. Ein Überläufer, der jetzt in der Geschichte thematisiert wird, hat zudem relativ umfassende Kenntnisse zum Biowaffen-Programm der Chinesen, das auch im Labor des Institutes für Virologie angesiedelt ist.

Nun soll, nach Informationen von Spy Talk und Redstate der hochrangige chinesische Funktionär Dong Jingwei, ehemaliger chinesischer Vize-Minister und hoher Funktionär der Staatssicherheit, übergelaufen sein. Allerdings ist die Person noch nicht offiziell bestätigt worden, es handelt sich um ein Gerücht, dass es Dong Jingewei ist. Die Tatsache aber, dass ein hochrangiger Chinese übergelaufen ist, wurde bereits bestätigt.

Pikant ist, dass Dong sich unter den Schutz des kleinsten amerikanischen Geheimdienstes DIA (Digital Intelligence Agency) hat stellen lassen und sich dort auch gegen die großen Geheimdienste, NSA, CIA, aber auch gegen das State Department und FBI abschirmen lässt, weil er der Meinung ist, dass alle diese Institutionen bereits von Chinesen unterwandert seien.

In den USA gibt es derzeit ein Tauziehen um die Frage, ob man das einfach so machen kann.

Dong Jingwei scheint jedenfalls glaubwürdig Dokumente mitgeliefert zu haben, die das chinesische Biowaffenprogramm in Wuhan bestätigen und eine Verbindung zu Cov-Sars 2 nahelegen. Er kam mit seiner Tochter in die USA.

Ein weiterer Überläufer soll im letzten Herbst in Europa angekommen sein und dort von einem bisher nicht genannten Geheimdienst aufgefangen worden sein. Näheres ist nicht bekannt. Ob der Überläufer bei einem deutschen Geheimdienst gelandet ist, ist angesichts er Informationslage, reine Spekulation.

Abschließend ist die chinesische Virologin, Li Meng Yan, nicht zu vergessen, die aus Hongkong in die USA geflüchtet ist und dort dem FBI Belege für die Labortheorie vorgelegt hat. Sie hält sich derzeit an einem unbekannten Ort in den USA auf.

Kapitel 26

Brand und Tia Nam wollen noch am selben Abend in ihr Haus nach Maldon fahren. Das Angebot von Chief, den beiden einen Fahrer und zwei Personenschützer zur Verfügung zu stellen, lehnen sie ab.

„Dann weiß der MI6 ja unsere Adresse“, lächelt Brand, was Chief mit einem verständnislosen Blick quittiert.

„Denken Sie immer noch, der MI6 sei unterwandert“, sagt er halb fragend und halb vorwurfsvoll an den Agenten gerichtet.

Brand nickt. „Allerdings“.

Die beiden nehmen ein Taxi zur Central Station und steigen dann in den Spätzug nach Colchester, der fast leer ist. Die Fahrt dauert knapp eine Stunde bis Witham. Dann nehmen sie den letzten Bus nach Maldon, der noch einmal eine knappe halbe Stunde benötigt. Auch der Bus ist leer.

Tia Nam hat sich leicht bei Brand angelehnt und schaut hinaus in die Dunkelheit. Sie freut sich auf die gemeinsame Zeit und lächelt ihn an. 00Y lächelt zurück.

„Hast Du eigentlich Kinder“, fragt sie ihn unvermittelt, „Du sprichst nie darüber“.

Der Agent schaut die neugierige Wissenschaftlerin irritiert an und antwortet mit einiger Verzögerung.

„Ich weiß nicht“.

„Wieso“, insistiert sie, „so etwas sollte man doch wissen“.

„Ich weiß es aber nicht“, antwortet er und seine Stimme klingt fast trotzig. Dann merkt er, dass ihr die Frage wichtig ist und fügt erklärend hinzu.

„Als Agent war ich meist unter falschem Namen mit den Frauen zusammen und nie so lange, wie mit Dir. Oft waren es nur ein paar Tage. Sie hätten keine Chance gehabt, mich später noch zu erreichen. Kaum eine wusste, dass ich für den Secret Service arbeite. Außerdem habe ich keine feste Adresse“.

Tia Nam rückt etwas von Brand ab. Nun ist sie irritiert.

„Du könntest also viele Kinder haben“, sagt sie nach einer kleinen Pause. Ihre Stimme klingt befremdet.

Brand nickt.

Nach einer längeren Pause fragt Tia Nam erneut, wie um sich zu vergewissern. „Nie hat Dich eine Frau erreicht, weil sie ein Kind von Dir hatte“?

„Doch“ entgegnet Marc, „einmal, aber das war eine Falle“!

Die Halb-Chinesin öffnet ihre dunklen Augen noch etwas mehr und ermutigt den Agenten, weiter zu sprechen.

„Es war in Jerewan, in Armenien, als ich ein Netzwerk von Plutonium-Schmugglern enttarnt hatte. Das waren zwei Monate harte Arbeit. Plötzlich traf ich Natalija direkt vor meinem Hotel oder sie traf mich“.

Brand macht eine längere Pause, so als wollte er sich genauer erinnern.

„Sie stand so da, dass ich über sie stolpern musste und sprach mich mit einem Tarnnamen an, den ich zwei Jahre zuvor in Odessa benutzt hatte. Ich konnte mich sofort an sie erinnern“.

„Erzähl weiter“, flüstert Tia Nam. Sie ist leise, weil ein Fahrgast, der gerade zugestiegen ist, nun zwei Sitzreihen entfernt sitzt.

„Sie behauptete, sie habe einen Vetter in Jerewan, den sie gerade besuche und sei mit ihrem Kind da. Sie schaute mich tief an und sagte dann: „Es ist Dein Sohn, Leo, er ist gerade ein Jahr alt geworden“. Ich war skeptisch, der Zufall wäre gewaltig gewesen. Aber die Art, wie sie es mir sagte, traf mich damals tief“.

Die Wissenschaftlerin spürt, dass es 00Y schwer fällt, weiter zu sprechen. Sie legt ihm beschwichtigend ihre Hand auf den linken Arm, so als wollte sie sagen, dass es gut sei. Aber Brand will die Geschichte nun zum Ende erzählen und setzt erneut an.

„Sie sagte, sie habe unseren Sohn bei ihrem Vetter und seiner Frau gelassen und wolle ihn mir zeigen. Ich wusste nicht, wie mir geschah. Mein Verstand setzte irgendwie aus. Jedenfalls folgte ich ihr in eine Wohnung in der Altstadt von Jerewan. Im Hausflur rief sie durch die Wohnungstür, dass sie zurück sei und Besuch mitgebracht habe. Eine ältere Frau öffnete und ließ uns hinein. Dann verschwand Natalija in einem Zimmer. Sie sagte, sie wolle ihre Familie holen. Sie war noch gar nicht ganz verschwunden, als von links und rechts die Kugeln in meinem Körper einschlugen. Ich brach sofort zusammen, hörte noch das Geschrei der alten Frau, die in den Flur rief: „Bringt ihn weg, bringt ihn sofort weg“. Das war es wohl“.

Tia Nams Hand verkrampft sich leicht an seinem Unterarm und sie schaut ihn an. Brand hat das Gefühl, seine Narben von damals wieder zu spüren. Er spricht weiter.

„Die Alte deren Wohnung sie benutzt hatten, war wohl so aufgebracht, dass die Killer gar nicht genau schauten, ob ich noch lebte. Sie müssen mich in einem Auto zu einer Müllkippe gefahren haben. Jedenfalls kam ich dort wieder zu mir. Ich hatte einen Notsender bei mir, den ich betätigen konnte, bevor ich wieder das Bewusstsein verlor. Etwa eine knappe Stunde später kamen meine Kollegen und brachten mich ins Krankenhaus. Ich hatte viel Blut verloren, aber wie durch ein Wunder waren keine lebenswichtigen Organe verletzt. Fünf Kugeln und weder das Herz noch die Leber, keine Schlagadern und auch nicht den Kopf getroffen“.

Brand lächelt und seine Mundwinkel weisen dabei auffällig nach unten.

„Später erfuhr ich, dass die armenische und die ukrainische Mafia eng zusammenarbeiteten und mich einer von denen erkannt hatte. Er wusste, dass ich damals mit Natalija zusammen war und sie hatten das Mädchen auf mich angesetzt. Das Plutonium stammte aus der Ukraine“.

Brand dreht sich nun zu Tia Nam und grinst.

„Das war also meine Vaterschaft. Ein Hinterhalt“.

Tia Nam küsst ihn auf die Wange, in der Nähe seines Ohres und sagt mit einem leisen Seufzer. „Euch Agenten sollte man wirklich nicht nach der Vergangenheit fragen“.

Als die beiden am Abend in ihrem Haus ankommen, sind sie müde und gehen nach einem kleinen Abendbrot schlafen. Tia Nam fragt den Agenten nach seinen Narben und er zeigt ihr, wo die Kugeln ihn getroffen hatten. Die Narben sind erstaunlich klein, aber gut sichtbar.

„Neun Millimeter“, sagt Brand nüchtern.

„Hast Du schon öfter so knapp überlebt“, fragt sie ihn und drückt wie bei einer medizinischen Untersuchung mit ihren Fingern an seinem Kopf, was 00Y als sehr angenehm empfindet.

Brand nickt. „Ich fühle mich manchmal wie dieses Schwein, dass ihr in Sichuan hattet. Wie heißt es noch?

„Meinst Du Zhu Jianqiang“, fragt sie.

„Ich weiß nicht“, antwortet er, „ es wurde das „willensstarke Schwein“ genannt“:

„Ich weiß“, lacht sie, „ es hat nach dem großen Erdbeben über einen Monat unter den Trümmern überlebt. Es hatte nur Wasser und Kohle und war am Ende ganz abgemagert“.

„Ich glaube es ist erst vor kurzem gestorben“, grinst Marc sie an.

„Ja“, erwidert sie mit einem lustigen Blick, „ es lebte von da an in einem Museum und wurde noch dreizehn Jahre alt. Das sind praktisch hundert Jahre in einem Menschenleben“.

Brand lacht. „So alt werde ich bestimmt nicht“!

„Wer weiß“, meint Tia Nam, „Du bist auch ein willensstarkes Schwein“!

Brand kneift Tia Nam ins Bein und lacht dabei. Tia Nam schreit auf und fasst flink nach seinem linken Ohrläppchen, zieht es ihm lang. Es entsteht eine kleine Rangelei, während der sie sich gegenseitig freundlich beschimpften. Das Wort Schwein fällt dabei mehrmals, auch das Wort „Reishühnchen“, weil dem Agenten zu seiner Geliebten nichts Böseres einfällt. Der kleine Kampf endet in einer langen Umarmung und einem Kuss. Dann schlafen die beiden ein.

Fortsetzung folgt.

Hintergrund – Realität und Fiktion

Uran und Plutonium-Schmuggel

Der weltweite Schmuggel mit Uran und Plutonium läuft diskret ab. Wichtige Herkunftsländer sind ehemalige Sowjetrepubliken mit ihren vielen Atomkraftwerken und entsprechend geringer Aufsicht. Transitländer und Rückzugsländer der Schmuggler liegen oft in Südosteuropa, Moldawien, Ukraine usw. Über Armenien ist in diesem Zusammenhang allerdings nichts bekannt. Jerewan wurde deshalb in der Geschichte gewählt, weil es so beispiellos von mafiösen Strukturen durchzogen ist. Die armenische Mafia ist europäisch eine der aktivsten und erfolgreichsten OK-Strukturen. Da möchte man ein solches Land, in einem Agentenroman, auch gern würdigen.

Die eigentlichen Affären in diesem Zusammenhang werden aber nicht selten durch die Geheimdienste verursacht, wie 1994 bei der Operation Hades des BND, wo der Geheimdienst selbst eine Portion Plutonium bestellt hatte, um durch ein Scheingeschäft Schmugglern auf die Spur zu kommen. Das Plutonium wurde entdeckt, die Schmuggler aber nicht. Die Affäre war entsprechend unangenehm für den BND.

Trotzdem ist der Handel mit waffenfähigem Uran und Plutonium ein massives weltweites Risiko und alles andere als unterbunden. Die Mafia-Organisationen reichen dann nicht selten bis in die Geheimdienste hinein und bekommen hier sowohl ihr Know-How, als auch ihre Aufträge. Der Schmuggel von radioaktiven Substanzen, in den Geheimdienste immer wieder verwickelt sind, ist daher ein Grund, dass diese äußerst misstrauisch betrachtet werden und von Spezialisten als nebenstaatliche Strukturen kurz oberhalb der Organisierten Kriminalität gesehen werden.

Insofern ist die Geschichte des Verrates, die Brand in diesem Kapitel fast das Leben kostete, äußerst realistisch und das Vorgehen der Mafia gegen den Agenten erinnert tatsächlich eher an Geheimdienstkreise, die eine missliebige Person in einen Hinterhalt locken, als an die organisierte Kriminalität.

Die große Nähe von organisierter Kriminalität und staatlicher, organisierter Kriminalität, sprich Geheimdiensten, sollte immer bedacht werden.

Das willensstarke Schwein

Tatsächlich überlebte 2008 ein Schwein das verheerende Erdbeben von Sichuan, dem über achtzigtausend Menschen zum Opfer gefallen sind. Es lag 36 Tage unter den Trümmern und wurde hinterher als „chinesischer Volksheld“ für seine Willensstärke mit einem ruhigen Leben in einem Museum belohnt. Es starb kürzlich im Alter von dreizehn Jahren.

Kapitel 27

Einige Tage später, wir lassen den beiden ein bisschen ungestörte Erholungszeit, bekommt Brand eine verschlüsselte Nachricht aus dem Hauptquartier auf sein Smartphone.

Überläufer ist Dong Jingching, ehemaliger Chef der chinesischen Staatssicherheit! 00S konnte mit ihm sprechen. Er bestätigt das Biowaffenprogramm in Wuhan und auch, dass chinesisches Virus Teil des Programmes ist. Er ist aber kein Spezialist. Alle Zugangsprogramme für das Programm liegen ausschließlich auf den Endgeräten weniger Personen, darunter Mae Chen, die das Labor in Wuhan kontrolliert. Dong Jingching hat keine Zugangsprogramme auf seinem Endgerät. Operation in Planung. Umgehend in Hauptquartier melden.

„Verdammt“, ruft Brand, „verdammt“! Er greift nach seiner Kaffeetasse und wirft dabei das Glas Orangensaft um, das er sich gerade eingeschenkt hatte.

Tia Nam lacht. „Was ist denn so „verdammt“, Marc“, fragt sie.

„Sie wollen doch noch ins Labor gehen. Sie haben nicht genug Beweise“, antwortet er mit einem sichtlich genervten Gesicht.

Die kleine Chinesin wird blass.

„Wieder Lebensgefahr“, sagt sie vor sich hin und sackt leicht auf ihrem Stuhl zusammen. Dann richtet sie sich wieder auf und nimmt ein Frühstücksmesser, mit dem sie ein Brötchen aufschneidet.

„Wir müssen nicht mitmachen“, antwortet sie sachlich, „wir können aussteigen“.

„Himmelfahrtskommando“, murmelt Brand und dann bestimmt zu Tia Nam, die ihn fragend anschaut, „keiner kann uns zwingen“!

Er greift spontan nach seinem Blackberry und tippt ein paar Worte ein, die noch auf dem Gerät verschlüsselt werden.

Ich weiß, was Sie vorhaben. Ohne uns!

Dann schickt er die Nachricht ab.

„Den Tag haben sie uns gründlich vermasselt“, murmelt Brand und schlägt eine Zeitung auf, um sich etwas abzulenken und zur Ruhe zu kommen. Dabei hört er Tia Nams Stimme vom anderen Ende des Tisches.

„Das wird jetzt schwierig, nein zu sagen“.

Brand nickt.

„Ich habe ja „nein“ gesagt“, er lächelt die Wissenschaftlerin an, „jetzt müssen wir das „nein“ nur durchhalten“.

Tia Nam nickt leicht.

„Die ganze Sache hat ein Gutes“, setzt Brand nach, „jetzt finden wir heraus, ob sie uns in Maldon aufspüren können oder nicht. Chief dürfte hochmotiviert sein, unseren Aufenthaltsort zu erfahren“.

„Was ist mit den Handys“, fragt Tia Nam.

Brand steht auf und geht zu einer Kommode im Esszimmer. Dort holt er einen kleinen Briefumschlag heraus und legt ihn auf den Frühstückstisch.  Wir sind jetzt Mr. und Mrs. Muller. Er öffnet das Couvert und übergibt Tia Nam einen neuen britischen Ausweis. Außerdem eine Sim-Karte.

00Y hält die Hand auf. „Ihr Handy bitte, Mrs. Muller“.

Sie legt ihm ihr schönes neues Smartphone in die Hand. Mit wenigen Griffen hat Brand die Sim-Karten ausgetauscht.  Auch sein Blackberry muss dran glauben und mutiert in Sekunden zu einem überalterten Smartphone ohne besondere Funktionen. Was jetzt nicht gebraucht wird oder verräterisch wäre, landet in der Kommode und wird weggeschlossen.

Dann zieht sich das Paar an und geht einkaufen. Brand nimmt Tia Nam auf dem Weg in die Einkaufsstraße von Maldon in den Arm und sagt: „Wir müssen unsere Bargeldreserven aufstocken“.

„Ja“, sagt sie, „wir brauchen noch welches“.

Plötzlich zieht sie den Agenten ganz dicht an ihren Körper und ruft. „Marc Brand, wir könnten ein Kind zusammen bekommen! Was meinst Du“?

Brand lacht.

„Muller, mein Name ist Marc Muller! Ja, wir könnten ein Kind bekommen, wenn Du willst“.

„Oh ja, Mr. Muller“, ruft sie, „ich will“!

Der Ausstieg

In einem Bankschließfach in London hat Brand Bargeldreserven angesammelt. Ihm war schon immer klar, dass er irgendwann untertauchen und sogar mit seinem Arbeitgeber und allen, die daran hängen, Katz und Maus spielen muss. Er hat dem Geheimdienst nie vertraut, in seinen Augen eine Organisation die aus Manipulation, Machtstreben und menschlicher Kälte aufgebaut ist. Eine Art von Agentur, die Psychopathen für alle Zwecke vermittelt. Die dünne Schicht Patriotismus, dieses letzte Argument „für England!“ rechtfertigt jede Psychopathie und jede Unmenschlichkeit, welche man sich vorstellen kann. Brand hat schon genug erlebt. Er möchte nicht mehr daran denken. Die nähere Betrachtung seiner Lebensgeschichte im Secret-Service würde ihm ansonsten jeden Lebenswillen rauben. Vielleicht würde er eines Tages in einem Untersuchungsausschuss gegen den MI6 aussagen, aber nie mehr würde er für diese Organisation seinen Kopf hinhalten. Er würde auch niemandem mehr gefährden. Schon gar nicht seine Geliebte, Tia Nam, die das Beste ist, was ihm in seinem Leben widerfuhr. Niemals!

Fortsetzung folgt

Hintergrund – Realität und Fiktion

Intelexit – Agenten, die aussteigen wollen

In der Geheimdienstwelt gelten nicht nur formelle, sondern auch viele informelle Regeln. Eine davon ist, dass man Agent bleibt, egal ob man aussteigt oder nicht. Wer nach jahrelanger Informationsbeschaffung seinen Dienst quittiert und sei es aus Altersgründen, bleibt ein Sicherheitsrisiko für jeden Dienst, für den er tätig war. Für die meisten hochrangingen Mitarbeiter gilt der berühmte Spruch: „Er weiß zu viel“!

Trotzdem quittieren viele Mitarbeiter den Geheimdienst und oft ganz unbeachtet von der Öffentlichkeit. Dazu kommen inoffizielle Mitarbeiter, die ohnehin nur kurzfristig in der Informationsbeschaffung tätig waren.

Manche dieser Informanten fliegen auf und werden dann weltweit bekannt, wie die hübsche russische TV-Moderatorin und Agentin,  Anna Chapman oder die russische Waffenlobbyistin Maria Butina, die sich wegen Verschwörung gegen die USA fast 18 Monate in Haft befand und dann nach Russland ausgewiesen wurde. Die meisten aber bleiben unauffällig und führen ihr „normales“ Leben weiter, auch wenn sie nicht wissen, ob sie noch einmal aktiviert werden.

Zu erwähnen wäre auch der subalterne Mitarbeiter beim NSA, Edward Snowden, der dadurch zur Berühmtheit wurde, dass er umfangreiches Material des aggressivsten amerikanischen Geheimdienstes an die Öffentlichkeit brachte. Auch kein typischer Fall, weil Snowden kein klassischer Geheimagent war.

Hauptberufliche Agenten geraten seltener an das Licht der Öffentlichkeit und quittieren ihren Dienst oft wesentlich leiser. Man hört manchmal von Ihnen, wenn sie umgebracht werden, wie Litwinenko oder ein Attentat überlebt haben wie Skripal, beides ehemalige russische Agenten, aber auch Überläufer.

Marc Brand in unserer Geschichte, ist kein Überläufer und hat ein solches Schicksal beim MI6 ohnehin nicht zu fürchten.

Der Ausstieg scheint dennoch schwer zu sein, wenn man sich die Initiative von namenhaften Intelligence-Experten und Ex-Geheimdienstlern, wie Bruce Schneier und Thomas Drake anschaut, die Agenten und Mitarbeiter von Geheimdiensten dabei unterstützen wollen, ihren Dienst zu verlassen. Die Initiative heißt Intelexit und bietet vor allem psychologische Unterstützung für potentielle Aussteiger. Gleichzeitig handelt es sich aber um eine Kampagne gegen Geheimdienste, die vor allem NSA-Mitarbeiter ansprechen soll.

Über solche Hilfen verfügt Marc Brand in der Geschichte nicht. Stattdessen tut er etwas sehr vernünftiges. Er bereitet seinen Ausstieg finanziell vor. Außerdem nutzt er seine Verbindungen, um sich eine Identität zuzulegen, die er auch vor seinem Arbeitgeber, dem Secret Service, verbirgt.  Die Methode ist nicht sicher, aber sie bietet Chancen.

 Die Bank

Die Bank, bei der Brand ungewöhnlicher Weise Bargeld in eine Schließfach aufsammeln könnte, bleibt zunächst unbestimmt. Wir werden, später in der Geschichte, näheres darüber erfahren.

Geld in einem Schließfach ist eigentlich ungewöhnlich, weil es Probleme gesetzlicher Art und versicherungstechnischer Art verursachen kann. Dennoch ist das Internet voll von Geschichten, in denen Menschen versuchen, zu klären, wie sie mit ihrem „Schließfachgeld“ legal umgehen sollen. Denn nach dem Geldwäschegesetz ist zumindest Geld in einem Schließfach eine Grauzone. In Großbritannien wurden vor einiger Zeit mehr als 7000 Schließfächer wegen des Verdachtes auf Geldwäsche gewaltsam geöffnet (mit Winkelschneidern!) und damit zerstört.

Brand tut also gut daran, sich für seine „stille Reserve“ ein neues zuhause zu suchen, weil sie durch das britische Geldwäschegesetz, das noch der 5. EU-Novellierung über die Geldwäsche folgt, recht unsicher geworden ist. Oder er bringt sein Geld in ein anderes Land, wie Zypern, Ungarn, die Niederlande, Portugal, Spanien, Rumänien, die Slowakei und Slowenien, wo die EU-Geldwäsche-Richtlinie nicht in nationales Recht überführt wurde.

Kapitel 28

Im Hauptquartier ist dicke Luft! Chief kann einiges ab, aber eines nicht, wenn ihm ein Doppelnullagent den Job vor die Füße wirft.

„Narzissten“, ruft er so laut, dass Moneycent, die gerade vor ihm steht, zusammenzuckt, „verdammte Narzissten! Was glauben die, wer sie sind?“

Moneycent schaut ihn fragend an, als warte sie auf die Antwort der selbstgestellten Frage, die dann auch sofort kommt.

„Soldaten“, ruft Chief, „Soldaten für England! Die können nicht einfach aussteigen! Die haben sich verpflichtet“!

„Verpflichtet“, wiederholt Moneycent scheinbar dienstbeflissen. Chief nickt. Nach einer kurzen Pause fragt Moneycent:

„Habe ich mich auch verpflichtet, Chief? In meinem Vertrag steht gar nichts davon“.

„Moneycent“, brüllt Chief, „es geht hier um eine moralische Verpflichtung“!

Jetzt wird die frisch gebackene Doppelnullagentin zickig. „Sir“, sagt sie, „00Y ist mehrfach zusammengeschossen worden. Meinen Sie nicht, dass das reicht – für England“?

Chief wird nun ruhig. Er schaut Moneycent skeptisch an. So viel Rückgrat hätte er seiner jungen Agentin nicht zugetraut. Er macht einen Rückzieher, der jedoch nur auf die weiche Ebene der Manipulation überleiten soll.

„00M“, antwortet er fast freundlich, „Sie müssen mich auch verstehen. Allein die Befreiung seiner kleinen Chinesin hätte mich Kopf und Kragen kosten können.  Ich sitze nur noch an diesem Schreibtisch, weil ich exzellente Beziehungen in die Downing-Street habe. Ein bisschen Dankbarkeit wird man ja wohl noch erwarten dürfen“.

„Exzellente Beziehungen in die Downing-Street“, denkt sich Moneycent, „so viel zum Thema Narzissmus“.

„Ich verstehe Sie, Sir“, antwortet 00M fast ebenso freundlich, „Marc Brand ist ein altes Schlachtross und hat, nach meiner bescheidenen Meinung, zu jeder Zeit das Recht, aufzuhören – auch moralisch betrachtet“.

Chief gibt sich geschlagen, wenn auch nur oberflächlich. Eigentlich wollte er von Moneycent Brands Aufenthaltsort erfahren, aber da hat er wohl kein Glück.

„Kennen Sie den Aufenthaltsort von 00Y“, fragt er trotzdem.

„Nein, er hat niemanden von uns informiert. Wenn er sein Blackberry ausgeschaltet hat, ist er wie ein Geist. Man wird ihn kaum aufspüren können“.

„Und die kleine Chinesin“, säuselt Chief in einem bittenden Ton.

„Sie erinnern sich, Sir, wie wir alle dachten, sie sei tot. Das hatte 00Y eingefädelt und sie an einem Ort versteckt, den wir heute noch nicht kennen“.

„Sie haben Recht“, stöhnt Chief, „dieser Kerl ist wie ein Hund, der seine Knochen immer so vergräbt, dass nur er sie finden kann. Er traut niemandem, auch uns nicht.“ Chief grinst und setzt nach: „Diese verdammte alte Köter“!

Moneycent entspannt sich. Sie weiß, dass Chief sich nun abreagiert hat, wobei dies immer dann der Fall ist, wenn er mit seinen Äußerungen hinreichend beleidigend wurde. Soweit kennt sie ihren Vorgesetzten.

„Sir“, sagt sie nun mit einem leichten Lächeln, „darf ich fragen, was aus der Operation wird“?

„Abgesagt“, antwortet Chief kurz.

Moneycent schaut ihn fragend an.

„Ohne 00Y und die chinesische Wissenschaftlerin macht es keinen Sinn“, er vermeidet dabei den Namen Tia Nams, weil er fürchtet, dann wieder wütend zu werden.

„Downing-Street wird erleichtert sein“, gibt Moneycent leicht seufzend mit einem etwas hinterhältigen Blick zurück.

„Natürlich ist der Premier erleichtert“, gibt der Vorgesetzte arglos zurück, „es besteht kein Interesse, die Chinesen zu provozieren. Der MI6 ermittelt nur deshalb weiter, weil die Amerikaner es wollen. Sie wollen die Chinesen an die Wand spielen. Der Premier ist froh, wenn bei der ganzen Sache nichts herauskommt“.

Moneycent lächelt, weil sie die gewünschten Informationen erhalten hat und es nun offensichtlich ist, dass Marcus Brand bei der „Operation Labor“,  „for nothing“, verheizt worden wäre.

Aber sie hat nun auch das Gefühl, dass Chief seinen Zorn wenigstens teilweise gespielt hat. Er selbst ist erleichtert, dass die Spurensuche nach dem Biowaffenprogramm der Chinesen nun im Sande verlaufen wird. Auf englischer Seite jedenfalls und nur darauf kommt es ihr an. Denn damit hat sie ihren „Nebenjob“ erledigt. Ihre Auftraggeber werden hoch zufrieden sein, dass sie wenigstens vom Mi6 nichts mehr zu befürchten haben und die Agentin ist um eine halbe Million Pfund reicher.

„Eigentlich“, denkt sich Moneycent, „haben alle nur ein Interesse, die Handelsbeziehungen mit China auf keiner Ebene zu stören. Es hat den Anschein, dass es in der westlichen Welt kaum einflussreiche Leute gibt, die mit China kein Geld verdienen. Wie konnte Xi Jinping das nur schaffen, den Kapitalismus so perfekt mit seinen eigenen Waffen zu schlagen“?

Als hätte Chief die Gedanken seiner Agentin, zumindest teilweise erahnt, sagt er zum Abschluss des Gespräches.

„Dieses verdammte Virus wird verschwinden und die Wirtschaftsbeziehungen mit China werden intensiver werden, als je zuvor. Alle werden davon profitieren“.

„Ach Chief“, säuselt Moneycent hochzufrieden, „sie wären ein sehr begabter Politiker“.

Chief lächelt geschmeichelt und seine Stirn rötet sich leicht.

„Wer weiß, meine Liebe, wer weiß“.

Fortsetzung folgt

Hintergrund – Realität und Fiktion

Doppelagentin 00M?

Moneycent macht sich in diesem Kapitel, zumindest für die Leser, verdächtig, als Doppelagentin für die Chinesen  gegen den MI6 zu spionieren. Dafür bekommt sie insgesamt fünfhunderttausend britische Pfund. Ganz schön!

Der reale Anteil an dieser Wendung ist, dass es schon berühmte Doppelagentinnen gegeben hat, wenn man nur an „Mata Hari“ denkt. Aber auf diesem Niveau ist Moneycent nicht unterwegs. Sie hat ein paar Fehler mit ihrem Smartphone gemacht, die zwei Informanten , welche wichtig für Brand gewesen wären, das Leben gekostet haben. Sie konnte sich auf ihre Unerfahrenheit und eine typische weibliche „Hypoagency“ (präjudizierte, geringere Verantwortlichkeit) bei den Männern herausreden.

In Wahrheit waren diese Fehler kalkuliert, was nicht selten so ist. Es ist immer gut, wenn man sich am Ende durch seine Inkompetenz herausreden kann, was dann nicht als bewusster Verrat gewertet wird.  Dieses Muster gibt es in allen Behörden der Welt, in denen Mitarbeiter korrumpiert sind, durch was auch immer. Am Ende war es eine Nachlässigkeit und keine Absicht.

Offensichtlich kommt Moneycent damit auch beim MI6 durch, was schon erstaunlich ist. Ob Realität oder Fiktion mag man hier nicht entscheiden!

Der andere Aspekt ist, dass die Agentin mit ihrer Sabotage von Brands geheimdienstlichen Ermittlungen eigentlich nur den allgemeinen politischen Wunsch bedient und das auch genau spürt. Denn nichts wünscht man sich in Downing-Street weniger, als dass die guten Geschäftsbeziehungen zu China durch das „chinesische Virus“ und das chinesische Biowaffenprogramm gefährdet werden. Während der MI6 ermittelt, wünscht sich der Premier, möglichst wenig davon zu wissen. Je weniger desto besser!

Auch wenn Moneycent ihr Geld ganz offensichtlich von den Chinesen bekommt, arbeitet sie in diesem Sinne für die britische Regierung. Sie ist sozusagen eine umgekehrte Doppelagentin. Sie stellt damit noch nicht berühmte Doppelagenten, wie Sidney Reilly, in den Schatten, der gleich für vier Dienste unterschiedlicher Länder arbeitete und mit Ian Flemming beim MI6 zusammenarbeitete, der ihn später als Vorlage für seine Bond-Romane nahm. Moneycent wird aber in der weiteren Geschichte noch zu einer Schlüsselfigur für Brand.

Aber warten wir es ab.

Kapitel 29

In Deutschland bahnt sich eine politische Krise an. Marc und Tia Nam, die ihr Internet so wenig wie möglich nutzen, verfolgen gebannt die Euro News vor dem Fernseher.

Die deutsche Kanzlerin, Angela Merkel, wird bei Feierlichkeiten gezeigt, die sie wegen einer „Zitterattacke“ vorzeitig verlassen muss. Das Kanzleramt spricht von Überarbeitung und im „Land der Psychosomatik“ sind die Medien voll von psychologischen Deutungen ihrer Schwächeanfälle.

Aber auch der Oppositionsführer von der „Alternative für Deutschland“ erleidet während einer Rede im Bundestag einen Schwächeanfall, wobei sich kurz zuvor seine Worte derartig verwirren, dass man nur noch ein Kauderwelsch versteht. Der deutsche Sender, Phönix, berichtet ausführlich darüber. Zuerst vermutete man einen Schlaganfall, der sich in der Klinik aber nicht bestätigte.

Dem Gesundheitsminister fällt während einer Bundespresskonferenz mehrfach der Kopf auf den Tisch. Er kommt aber wieder zu sich und wird beim Verlassen des Podiums von seinen Mitarbeitern gestützt. Sein Gang ist taumelnd und das Gleichgewicht ist massiv gestört.

Anlässlich der Einweihungsfeier einer Universität im Nordend des Landes wird auch der Bundespräsident auffällig. Er spricht über die Wissenschaftsfreiheit und verwirrt sich während seiner Rede zunehmend in eine Verschwörungstheorie, in der er behauptet, dass der ungarische Präsident von finsteren Mächten gesteuert sei, die man nur durch einen europäischen „Kampf gegen Rechts“, bekämpfen könne, notfalls mit Waffengewalt.

Aus Ungarn sei umgehend eine Protestnote eingetroffen und einige osteuropäische Länder haben, wegen der finsteren Ankündigungen Steinmeiers,  ihre Botschafter zu Konsultationen aus Deutschland zurückgerufen.

Man könnte meinen, es sei die Stunde der deutschen Opposition. Aber die Liberalen schweigen und die Grünen setzen diesem Debakel noch die Krone auf,  indem sie ihre Spitzenfrau Baerbock verkünden lassen, man müsse die Welt endlich gegen den Wahnsinn impfen, der überall um sich greife. Gegenüber einem deutschen Nachrichtensender, dessen Journalisten drängend nachfragen, wie sie das gemeint habe, sagt sie: „Ich weiß nicht, ich habe so ein Gefühl“!

Es ist Abend und Brand fühlt sich aufgewühlt. Er schlägt Tia Nam noch einen späten Spaziergang am Fluss vor, den sie gern annimmt. Die beiden lassen den Fernseher laufen und gehen hinaus.

Die kühle des Abends erfrischt sie und sie sprechen unbefangen miteinander.

„Denkst Du, dass das schon die Wirkung des Impfstoffes ist“, fragt Brand seine Wissenschaftlerin.

Tia Nam überlegt ein bisschen und schaut auf die Lichter einer Meersalz-Anlage am gegenüberliegenden Ufer, die sich mehrfach im Wasser widerspiegeln.

„Es ist verwirrend“, gibt Tia Nam zurück, „diese deutschen Politiker verhalten sich teils auffällig und teils wirken sie krank. Das Zusammentreffen all dieser Ereignisse spricht aber dafür, dass sie den falschen Impfstoff erhalten haben“.

„Wie Bruce und Nijab“, ergänzt Brand.

Tia Nam nickt und spricht weiter.

„Wenn es in Deutschland so läuft, wie bei den beiden Chinesen, müssten die Deutschen eigentlich bald darauf kommen, dass die Störungen ihrer Politiker durch den Impfstoff verursacht wurden“.

Brand lacht kurz auf.

„Ich glaube nicht“, ruft er, wie zum Einspruch, „in Deutschland gibt es einen erbitterten Streit um das Impfen, den derzeit die dominierenden Politiker und Medien zu gewinnen scheinen. Die werden niemals eine These zulassen, dass die Störungen ihres Spitzenpersonals durch einen Impfstoff verursacht wurden“.

„Obwohl sie alle Informationen dafür haben“, wirft Tia Nam ein, „der MI6 hat den BND schließlich offiziell gewarnt“.

Brand grinst Tia Nam an.

„Das spielt keine Rolle“, sagt er süffisant, „ich kenne die Deutschen. Was, nach ihrer Meinung, nicht sein kann, darf auch nicht sein. Sie sind extrem dogmatisch und weichen nur selten von ihren Positionen ab, die sie einmal eingenommen haben“.

„Bedauernswert“, meint Tia Nam.

„Ja“ seufzt Brand und nimmt seine hübsche Begleiterin leicht in den Arm, „aber nicht unser Problem“.

„Ach Marc“, sagt sie, „wir haben wirklich unsere eigenen Probleme“!

Eine Weile laufen sie schweigend nebeneinander her und genießen den ruhigen Abend.

Irgendwann sagt Brand.

„Ich werde morgen unser Bargeld holen, vielleicht nehme ich alles mit“.

„Warum“, fragt sie spontan.

„Weil wir nur noch mit Bargeld bezahlen können“, antwortet der Agent, „sonst finden sie uns“.

Tia Nam leuchtet das ein. Sie kennt den allgegenwärtigen Überwachungsstaat bereits aus China und inzwischen auch aus Hongkong. Natürlich auch aus London, wo es überall Überwachungskameras gibt. Es gibt vor allem den GCHQ, das Government Communications Haedquaters,  das die britischen Computersysteme nicht nur schützt, sondern auch überwacht. Eine Art britischer Abschirmdienst, der längst nicht mehr zwischen Auslands- und Inlandsüberwachung unterscheidet und eng mit der amerikanischen NSA zusammenarbeitet. Der GCHQ hat Zugang zu allen relevanten Internetknoten in und um Großbritannien. Er kann für jede Person ein Tracking-Profil anlegen und verfügt über die Software, um großflächige Fahndungen durchzuführen.

„Das stimmt“, sagt Tia Nam, „wenn wir einen Geheimdienst fürchten müssen, ist das nicht der Mi6 oder der MI5, sondern der GCHQ“.

00Y nickt.

„Ich werde also alles Geld aus dem Schließfach holen und wir werden es im Fußboden aufbewahren. Eine bessere Idee habe ich nicht. Sie fangen übrigens an, Schließfächer offiziell zu öffnen und das Geld zu beschlagnahmen“.

„Ja“, sagt sie, „habe auch davon gelesen. Wir sollten wirklich nicht auffallen“.

Auf dem Rückweg fühlen sich beide unbehaglich. Sie wissen, dass sie nun nicht mehr Teil einer mächtigen Organisation sind, sondern lediglich Ziele.

Tia Nam schließt die Haustür auf. Das Licht geht automatisch an. Plötzlich schreit eine Katze ganz in der Nähe. Dann fangen Hunde an, zu bellen. Ein Motor wird angelassen. Die beiden treten in den Hausflur und verschließen die Wohnungstür sorgfältig.

Schließlich ist es ruhig.

Der Fernseher läuft noch im Esszimmer. Ein Actionfilm, in dem ständig geschossen wird.  Brand ist irritiert und stellt das Gerät ab.

Dann geht er ins Bad.

Fortsetzung folgt.

Hintergrund – Realität und Fiktion

Politische Krise in Deutschland

Eine zitternde Kanzlerin, ein Bundespräsident der Verschwörungstheorien andeutet und sich dabei in Rage redet und eine unbedarfte Oppositionsführerin, die mit ihrem Gefühl argumentiert, das scheint alles nicht weit weg von der Realität in Deutschland zu sein. Nur, dass es eben nicht die Folge einer chinesischen Biowaffe ist, die in einer gefälschten Impfstoffcharge nach Deutschland kam und, trotz Warnung, nicht aufgehalten wurde.

In Deutschland gibt es eine ganz andere Biowaffe und das sind die Grünen mit ihrer prochinesischen Haltung.

Man kann darüber denken, was man will. Eine politische Krise gibt es in Deutschland sozusagen seit Langem im Dampfkochtopf, wobei immer, gerade noch rechtszeitig, etwas Dampf abgelassen wird. Das Gemüse darin ist schon längst verschmort. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Die Chinesen jedenfalls könnten denken, dass Deutschland ein idealer Angriffspunkt ist, um Europa von den USA zu entfremden. Genau das geschieht auch ganz real, ist aber nicht die Folge subtiler chinesischer Einflussnahme, sondern das Ergebnis des Versuches, einen Globalismus in der EU zu etablieren, der von den meisten Ländern und ihren Bevölkerungen nicht gewollt ist. Die Chinesen testen derweil die, viel gepriesenen, europäischen Werte mit ihren Konzentrationslagern aus und stellen fest, dass es damit nicht weit her ist, wenn Investitionsinteressen im Vordergrund stehen. Auf diese Karte setzen die Chinesen.

Nach Trump gibt es jetzt so etwas, wie einen stillen Kampf zwischen den USA und Europa, wie die Chinesen zu behandeln sind. Mit schroffer Abgrenzung gegen die Diktatur der KP in China oder mit einem fortgesetzt freundlichen Kurs wirtschaftlicher Annäherung, wie ihn Deutschland vertritt. Die Frage ist noch nicht entschieden. Peking kann zu einem zweiten Moskau für die westliche Welt werden, bei dem irgendwann die Sanktionen und nicht die Kooperation dominiert.

Geldwäsche in Großbritannien, Schließfächer und die Rolle der Banken

Geldwäsche ist in Großbritannien ein erheblicher Wirtschaftsfaktor, der sogar noch größere Anteile am Inlandsprodukt haben dürfte, als das berüchtigte Deutschland, wo der Anteil  im hohen einstelligen Prozentbereich liegen soll.

China wäscht seine schmutzigen Gelder allerdings kaum in Großbritannien, sondern in Macau und Hongkong.  Großbritannien ist vor allem bei den Russen beliebt, die in London bereits dabei sind, Stadtviertel mit Geldern zweifelhafter Herkunft aufzukaufen. Daher bekommt das Bargeld zunehmend die Rolle als „schwarzer Peter“ zugeschrieben, das nach offiziellen britischen Schätzungen in Milliardenhöhe in Schließfächern lagert. Gewaltsame Öffnungen und Beschlagnahmungen sind nach der neuen Geldwäschegesetzgebung, die sich an der fünften EU-Geldwäscherichtlinie orientiert, möglich und werden durchgeführt.

Die Sache hat jedoch auch eine andere Seite, die in der Geschichte erwähnt wird. Wer nicht mehr mit Bargeld zahlt, unterliegt der Internetüberwachung. Der GCHQ ist im Schatten des NSA-Skandals dafür bekannt geworden, dass er ebenfalls im großen Stil Daten sammelt und dabei natürlich auch ausländische Einwohner in Großbritannien überwacht und dabei britische Staatsangehörige gleich mit. Der GCHQ ist kein Auslandsnachrichtendienst im klassischen Sinne, wie der MI6, sondern hat die Aufgabe, das britische Kommunikationsnetz zu schützen und zu überwachen.  Er darf ausdrücklich mit anderen Behörden zusammenarbeiten und so entsteht ein Überwachungsnetz, in dem jede einzelne Zahlung für einen Cheeseburger, die durch eine gesuchte Person getätigt wurde, ein potentielles Entdeckungsrisiko ist.

5 Comments

  1. Ich 73, habe schon viele Geschichten gelesen und diese gehört zu den Besten, da ja auch leider sehr nahe an der Wirklichkeit. Wann geht es weiter ?

  2. Danke für das Lob. Es geht ständig weiter 🙂 Alle drei bis vier Tage lade ich ein neues Kapitel hoch! Das Ende der Geschichte ist mir aber noch nicht ganz klar. Wir werden sehen! Schöne Grüße!

  3. Lieber Herr Paulsen,
    ein sehr gelungener Versuch, Unterhaltung mit kritischer Wissenschaft zu verbinden. Was mich ins Grübeln bringt ist: letztes Jahr war in den Mainstream-Medien die Labor-These noch tabu, jetzt ist sie statthaft. Findet da psychologische Kriegsvorbereitung für einen Krieg gegen China statt?
    Die offizielle Doktrin Chinas ist Atheismus, dialektischer Materialismus. Meine Einschätzung ist, dass spirituell entkernte Gesellschaften nach 3 Generationen kollabieren. Die erste Generation lebt noch nach den früheren Werten; die zweite zweifelt; die dritte ist ohne ethische Grundlage durch und durch korrupt und menschenverachtend. Die Sowjetunion hielt 74 Jahre, von 1917-1991. Die Volksrepublik China wurde 1949 ausgerufen, 1949 + 75 = 2024. Die 20-er Jahre dieses Jahrhunderts werden geopolitisch sehr spannend.

    • Vielen Dank! Ich weiß es nicht, mag sein, dass China mit hybriden Mitteln bekämpft werden soll. Ich kann es mir aber auch umgekehrt vorstellen, wie in dieser Geschichte, dass China längst einen unterschwelligen Krieg gegen uns führt und die westlichen Regierungen das jetzt realisieren. Vor den Zwanzigern fürchte ich mich, obwohl wir schon mitten drin sind. Der moralische Verfall ist nicht zu übersehen.

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