Angriff auf die Welt – der „wahre“ Bond (Kapitel 1-9)

Sönke Paulsen, Berlin

Angriff auf die Welt – der „wahre“ Bond

Im Folgenden lege ich Ihnen, liebe Leser, eine Fortsetzungsgeschichte vor, die von dem berühmtesten Geheimagenten der Welt handelt, von James Bond. Ich weiß heute noch nicht, wohin diese Geschichte führen wird, bin mir aber sicher, dass diese Agenten-Story bitter notwendig ist.

In einer Zeit, in welcher der aktuelle Bond-Film („Keine Zeit zu sterben“) wegen eines chinesischen Virus nicht in die Kinos kommt und seit über einem Jahr verschoben wird, ist etwas faul. Deshalb brauchen wir James Bond so dringend, wie nie zuvor. Davon bin ich fest überzeugt.

Da Julian Assange weiterhin in dem Londoner Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh einsitzt und von allen Medien abgeschnitten wurde, wird er die wahre Geschichte, rund um das chinesische Virus und wie es die Welt in diktatorische Verhältnisse drückt, weder hacken noch veröffentlichen können.

Wir brauchen also Bond, der mit teilweise altmodischen, auch brachialen Methoden vorgehen kann und uns endlich Klarheit über den „Angriff auf die Welt“ verschafft. Ich hoffe das zumindest, weil ich noch nicht weiß, wie die Sache am Ende ausgehen wird.

Ich weiß es wirklich nicht!

Allerdings muss ich mich hier insofern korrigieren, dass aus Gründen des Markenschutzes, James Bond für meine Geschichte nicht engagieren darf. Dasselbe gilt für Q, M, Moneypenny und die ganze 00er Reihe von Agenten.

Ich habe mich also nach einem anderen Schauspieler umgesehen und bin auf Marcus Brand (kurz Marc Brand) gestoßen. Der Mann ist anders als Bond. Er ist älter und handelt überlegter, weniger draufgängerisch. Trotzdem ist er für knallharte Aktion zu haben und ebenso in der Geheimdienstwelt verwurzelt, wie James Bond.

Bereits nach den ersten Kapiteln der Geschichte, die ich mit Marcus geschrieben habe, ist er mir ans Herz gewachsen. Ich bin sicher, dass ich die gesamte Story mit ihm durchstehen werde und hoffe, liebe Leser, dass sie mir dabei Gesellschaft leisten.

Dafür biete ich Ihnen mehr als eine Story, denn ich werde am Ende jedes Kapitels Realität und Fiktion ziemlich engagiert auseinander nehmen und dokumentieren, was Fiktion ist und wo sie an die Grenzen der Realität rührt. Auch was tatsächlich Realität ist, werden Sie am Ende der Kapitel erfahren, so weit sie durch Recherchen zugänglich ist.

Es wird also eine spannende, fiktive Reise durch eine Realität, in der wir alle zur Zeit gefangen sind und die bestimmten Leuten Vorteile bringt, weshalb sie an der Schaffung dieser Realität erheblichen Anteil haben. Ich rede, in verklausulierter Form von nicht weniger, als dem Angriff auf die Welt, dem wir derzeit alle ausgesetzt sind.

Ich möchte jedenfalls erfahren, wie es dazu kommen konnte, wie die Welt sich dadurch verändert und möglicherweise absichtsvoll verändern soll und wer dahinter steckt.

Ein Land steht dabei im Mittelpunkt meiner Recherchen und dieser Geschichte. Ich spreche von China, das wir bei jeder Fortsetzung etwas mehr kennenlernen und fürchten werden. So viel kann ich schon einmal vorwegnehmen.

Die anderen Schauspieler, die ich engagieren konnte sind. Ein gewisser Chief, der Brands Vorgesetzter beim britischen MI6 ist, ein Mister Z, der ähnliche Aufgaben hat, wie Q in der originalen Bond Geschichte und eine bezaubernde Mrs Moneycent, deren Namensähnlichkeit zu Mrs Moneypenny in den Bond-Geschichten allerdings zufällig ist. Denn Moneycent hat es im Unterschied zu Moneypenny selbst zu einer Doppelnullagentin gebracht, die mit 00M abgekürzt wird. Außerdem gibt es eine Reihe anderer Agenten, die nicht durch Zahlen, sondern durch die Anfangsbuchstaben ihres Nachnamen abgekürzt werden. Mike Fetcher in Honkong ist dann also 00F. Einzige Ausnahme dieser Regel ist Marcus Brand, der als 00Y bezeichnet wird. Das Y soll dabei auf seine unwiderlegbaren männlichen Qualitäten hinweisen.

So, verehrte Leser, jetzt viel Spaß bei einer fiktionalen Reise durch unsere gemeine, globale Realität, auf der Suche nach den Schuldigen!

Disclaimer:

Müßig zu erwähnen, dass alle Namen in der Geschichte ausgedacht sind, außer die bekannter Firmen, Konzerne, Organisationen, Städte, Länder und Produkte, die ich in dieser Geschichte platziere, ohne dadurch Werbeeinnahmen zu generieren, was ich beim Bart meiner Mutter beschwöre. Das Lesen aller Kapitel, die ich hier veröffentliche, ist völlig kostenlos. Allerdings gibt es Schleichwerbung (aus Überzeugung) beispielsweise für den VW Golf. Es gibt aber auch Antiwerbung (aus Überzeugung) beispielsweise für Huawei Kommunikationselektronik. Es handelt sich in beiden Fällen um meine persönliche Meinung, mehr nicht. Sollte ich dennoch die Rechte von jemandem verletzen, bitte ich um eine Mittelung von betroffener Seite und tue mein Bestes auch ohne, dass es der Einschaltung eines Rechtsanwaltes bedarf. Wer mich einfach so abmahnen möchte, sollte auch wissen, dass ich eine ausgezeichnete Versicherung habe, die alle Ansprüche ziemlich genau prüft und bei ungerechtfertigten Abmahnungen, die eigenen entstandenen und nicht unerheblichen Kosten gegenüber dem Abmahner geltend machen wird. Somit also nicht unbedingt profitabel.

Schließlich noch ein Wort zu den Links am Ende jedes Kapitels, wenn es um die Realitätsprüfung geht. Für die übernehme ich keine Verantwortung. Wenn unter diesen Links ungesetzliches Zeug auftaucht, liegt es nicht in meiner Macht. Ich habe die Links beim Schreiben der erläuternden Texte nach bestem Wissen und Gewissen geprüft und diese für landläufig seriös befunden. Ich habe sie auch alle angeklickt und keinen erkennbaren Schaden dadurch erlitten.

Soweit das Rechtliche und jetzt das rechtlose erste Kapitel (für das ich aber bitte den eventuellen Nachdruck oder die Veröffentlichung an anderer Stelle trotzdem genehmigen möchte, wie für alle anderen Kapitel auch)!

Sönke Paulsen, Berlin d. 1.4.2021

Die Vorgeschichte – Wie es beginnt

Die britische Mutation des Virus, die zahlreiche Menschenleben kostet, erweist sich als besonders aggressiv. Der MI6 wird aufmerksam, als der Wissenschaftler Godfrey in der britischen Virusvariante eine RNA-Sequenz entdeckt, die nicht natürlich entstanden sein kann. Es handelt sich um ein Gen, das die Virusreplikation um einen Gigafaktor steigert und damit das Potential des Virus, zu mutieren, um das millionenfache gegenüber natürlich entstandenen Viren steigern kann.

Godfrey hat den Verdacht, dass es sich um eine chinesische Technologie aus einem verborgenen biologischen Waffenprogramm des chinesischen Militärs handeln könnte, über das es nur Gerüchte gibt und nimmt Kontakt zum MI6 auf.

Wenige Tage, nachdem Godfrey dem MI6 seine Ergebnisse präsentiert und den „chinesischen Verdacht“ geäußert hat, stürzt er in London aus einem, oben offenen, Doppeldecker-Bus und stirbt.

Marcus Brand der sich derzeit in einer Klinik bei Salisbury befindet, um dort seine Alkoholabhängigkeit zu behandeln, bekommt Besuch von seinem Vorgesetzten Chief. Er überrascht ihn in seinem Krankenzimmer, während der Geheimagent gerade dabei ist, eine junge Ärztin in die Kunst der Leibesvisitation einzuführen.

Betreten äußert Brand, beim Anblick seines Chefs, dass ihn sein Arbeitgeber nicht einfach mitten in einer medizinischen Behandlung stören könne, das sei gegen die Vorschriften. Chief entgegnet kühl, dass sein Krankenstand für England unterbrochen werden müsse. Brand sei wieder im Dienst. Die hübsche Ärztin lächelt bedauernd und 00Y wird mit einem Helikopter nach London ins Hauptquartier geflogen, das sich aus Sicherheitsgründen in einem stillgelegten Tunnel unterhalb der Themse befindet.

In dem dortigen schwefelig-feuchten Klima, bekommt er seine Aufgabe, den Tod von Godfrey aufzuklären und herauszufinden, was an dessen Verdacht einer synthetischen Viruskomponente, „Made in China“, dran sei.

Die hübsche Virologin, Melanie Bringuy, soll ihm helfen, sobald er eine heiße Spur hat und das feindliche Labor genauer untersuchen muss. Sie ist Spezialistin für virologische Replikationsmethoden. Außerdem bekommt Brand einen Chip in die Nase implantiert, der in kürzester Zeit jedes Virus, das er einatmet analysiert und die Ergebnisse an das Hauptquartier sendet.

Zuvor besucht Brand das virologische Institut des getöteten Wissenschaftlers Godfrey und macht eine irritierende Entdeckung. Dort arbeiten nur chinesische Wissenschaftler, die ihn ausgesprochen feindselig anschauen. Zwei Männer und eine Frau, die aus Hongkong stammen, der ehemaligen britischen Kronkolonie.

Die Frau, Tia-Nam, deren Vater ein englischer Geschäftsmann in Hongkong ist, steckt ihm unbemerkt eine Mikro-SD-Karte ins Jackett, als sie ihn, gut sichtbar für die anderen, unfreundlich aus dem Labor verweist. Ihre Lippen formen dabei lautlos die Worte: „Mein Vater.“

Brand liest in einem Café mit maskierten Menschen, welche ihre Masken nur zum Trinken abnehmen und dann wieder aufsetzen, die Karte über sein Smartphone aus und stellt, anhand der Fotos, fest, dass ihr Vater beste Kontakte zum chinesischen Geheimdienst zu haben scheint. Er ist dort in freundschaftlicher Umarmung mit dem Geheimdienstchef Wu zu erkennen, der dem MI6 bekannt ist. Wu gilt zugleich als der Pate von Hongkong, weil er dort die Korruption mitorganisiert und sich erheblich bereichert.

Am Abend wartet Brand auf Tia-Nam. Als sie das Labor verlassen hat, folgt er ihr und stellt sie zur Rede. Was weiß sie über den Tod von Godfrey und warum die Fotos? Die attraktive Halb-Chinesin verweigert aber jede Auskunft und verschwindet in einem Hauseingang. Brand verschwindet ebenfalls in dem dunklen Hauseingang. Hier endet die Szene.

Am nächsten Tag bekommt 007 einen Anruf von Chief, der ihm berichtet, dass es einen weiteren mutmaßlichen Todesfall im Umfeld von Godfrey gegeben habe. Eine junge Chinesin namens Tia-Nam, die nach Angaben einer Freundin in die Themse gestürzt und seitdem verschwunden sei.

Brand fliegt nach Hongkong.

Er will den Vater Tia-Nams überprüfen und hat bereits Kontakt mit dem MI6 in Hongkong aufgenommen. Am Flughafen erwartet ihn 00F.

Während der Fahrt zum Hotel werden sie durch eine Demonstration der Demokratiebewegung aufgehalten. Studenten halten Plakate mit der Aufschrift „Hongkong is the World“ vor die Seitenscheiben des Bentleys. Brand quittiert das mit einem ironischen Lächeln. Mike Fetcher (alias 00F) kritisiert Brand. Er solle nicht so überheblich sein. In Hongkong würde gerade geprobt, was stärker sei, der Demokratiewille der Menschen oder die Repressionen eines kommunistischen Überwachungsstaates. Brand tut interessiert: „Was ist stärker?“ fragt er seinen Kollegen. Fetcher räuspert sich „Zur Zeit ist es die chinesische Regierung in Peking.“ Brand nickt und will das Thema wechseln, aber 00F setzt nach.

Es habe seltsame Fälle von Erkrankungen unter diesen Studenten gegeben, die nach dem neuen Virus aussehen. Allerdings…Fetcher macht eine kurze rhetorische Pause und bekommt die Aufmerksamkeit von 00Y…allerdings sei das seltsam, denn alle diese erkrankten Studenten, waren kurz zuvor gegen das Virus geimpft worden.

Im Hotel angekommen erwartet Brand eine Nachricht von Chief. Der Geschäftsmann und Vater der verstorbenen Tia-Nam, Karl Klixfield, sei nach London, abgereist. Der MI6 habe 00M auf ihn angesetzt, die ehemalige Sekretärin von Chief, Moneycent, die inzwischen zur Agentin befördert wurde. Auch sie hat die Lizenz zu töten (mit den Waffen einer Frau natürlich).

Brand beschließt, in Hongkong zu bleiben und sich nach Wu dem Geheimdienstchef umzuschauen. Er hofft etwas über den Tod Godfreys und das manipulierte Virus herauszufinden, obwohl Wu, als Leiter des Geheimdienstes in Hongkong, eigentlich nur mit der Niederschlagung der Demokratiebewegung beauftragt ist, wie Fetcher bereits in Erfahrung brachte.

Mary und Bruce

Am Abend der Anreise klopft es an Brands Zimmertür. Brand öffnet die Tür mit gezogener Waffe und erblickt eine junge Frau, die sich als Studentin und Aktivistin zu erkennen gibt. Ihr Name ist Mary. Mary hatte ihn mit Fetcher, der ihr bekannt ist, weil sie ihn über die seltsamen Erkrankungen der Aktivisten informiert hatte,  in das Hotel gehen sehen. Sie bittet Brand um Hilfe, weil sie glaubt, ihr ebenfalls erkrankter Bruder sei vergiftet worden. Die Ärzte hätten aber kein Gift nachweisen können, weshalb er mit der Diagnose „Viruserkrankung“ jetzt in seiner Studentenbude in Quarantäne sei. Es gehe ihm von Tag zu Tag schlechter.

Brand ist müde von der Reise und will Mary wegschicken, aber sie lässt nicht locker. Schließlich macht sie ihm unzweideutige Avancen, denen Brand nur widerwillig folgt. Er schiebt sie in einer freundlichen Umarmung zur Tür und verabschiedet sie mit einem schnellen Kuss.

Am nächsten Morgen will Brand Wu in seinem geheimen Hauptquartier aufsuchen, das der Secret-Service schon seit längerem kennt. Offiziell ist die chinesische Geheimpolizei in das ehemalige Metropark-Hotel an der Causeway Bay, mit seinen dreihundert Zimmern und einem einzigartigen Blick aufs Meer, eingezogen. Inoffiziell hat Wu aber noch ein Büro auf einem festliegenden Kreuzfahrtschiff im Victoria-Hafen von Kowloon.  Dort befindet sich das Spielcasino eines bekannten Kreuzfahrtunternehmens, das auch für Wu recht einträglich zu sein scheint. Als Brand das Hotel verlässt und ein Taxi nehmen will, steht plötzlich Mary vor ihm und bittet ihn erneut, ihren Bruder aufzusuchen.

In Kowloon mit Mary und ihrem Bruder Bruce

Intuitiv, aber rational wenig überzeugt, gibt 00Y nach und steigt mit Mary in ein Taxi. Die Fahrt geht nach Kowloon einem dicht besiedelten Bezirk in Hongkong, in dem sich auch die City University befindet.

Einige Straßen dort sind für ihre Roof-Top-Slums bekannt. Wohnungslose haben sich auf den Dächern der Hochhäuser angesiedelt und dort ihre Hütten gebaut. Die Studenten der City University leben teilweise in diesen Hochhäusern in kleinen fensterlosen Wohnungen von acht Quadratmetern Größe.

Ein solches Wohnhaus betreten Brand und Mary. In einem beschmierten und dunklen Fahrstuhl geht es in die 27. Etage. Der Flur ist sehr lang und wird durch Lichter aus den anliegenden Mini-Wohnungen beleuchtet. Man hört Murmeln von Menschen und Husten, irgendwo schreit ein Säugling. Die Bewohner haben ihre Wohnungstüren weit offen stehen, um so eine gewisse Belüftung herzustellen.

Die Luft ist schwül und stickig, es riecht nach Essen, aber wenig appetitlich.

Brand fühlt sich unwillkürlich an einen Gefängnistrakt erinnert und merkt ironisch an, dass eigentlich nur noch die Gitter an den Türen fehlen würden. Mary hat in diesem Augenblick schon die Wohnung ihres Bruders erreicht und winkt 00Y heran.

Das Innere der Wohnung wird, wie ein sehr kleines Hotelzimmer im stark heruntergekommenen  Zustand, vor allem durch das Bett ausgefüllt, vor dem ein Tisch steht, auf welchem sich Bücher und Papiere stapeln. Darauf fällt das Licht einer schwachen Glühbirne, die frei im Raum hängt. Ihr Bruder, Bruce, liegt apathisch auf dem Bett und begrüßt die beiden nur schwach.

Mary beugt sich sorgenvoll über ihn und fragt ihn, wie es ihm gehe. Brand steht immer noch an der Tür, will eigentlich den Raum nicht betreten.

„Ich bin geimpft worden“, sagt Bruce schwach, „danach ging es mir plötzlich schlecht. Ich glaube es war die Geheimpolizei, die haben da ein Gift. Anderen Aktivisten geht es auch so. Die Ärzte sagen, es sei das Virus, aber ich glaube das nicht. „Bruce studiert Medizin“, erklärt Mary zu Brand gewandt. Brand wirkt erstaunt, zieht die Augenbrauen hoch und scheint dann einen Entschluss gefasst zu haben.

Er tritt an das Bett von Bruce, der sein Gesicht verbirgt, und sagt ihm. „Ich bin auch „geimpft“, keine Sorge.“ Brand bittet Bruce ihn anzuatmen, wobei er etwas betont durch die Nase einatmet. Dann nimmt er sein Smartphone aus der Tasche und drückt auf „Senden“.

Der Analyse-Chip in Brands Nase, übersendet augenblicklich alle möglichen Virusinformationen aus der Atemluft des Erkrankten nach England. Brand setzt sich auf einen alten Hocker und fragt Bruce, ob er schon mit der Geheimpolizei Kontakt gehabt habe. Bruce lacht schwach und bestätigt. „Mehr als einmal.“

Brand zeigt Bruce die Fotos von Tia-Nams Speicherkarte und Mary schaut ihm über die Schulter, als sie plötzlich erschrocken aufschreit. Dann flüstert sie. „Das ist Wu zusammen mit Klixfield, einem wichtigen Unterstützer unserer Aktionsgruppen. Er finanziert seit kurzem die Demokratie-Bewegung“.

„Ein Großspender der Demokratiebewegung und ihr ärgster Feind,“ lächelt Brand, „sieht so aus, als wären beide die besten Freunde.“

In diesem Augenblick ertönt das Empfangssignal seines Smartphones. „Kein Virusnachweis! Ihre M.B,“ liest der Agent und gibt die Information sofort an die beiden Studenten weiter. „Tatsächlich kein Virus nachweisbar.“ Mary schaut 00Y ungläubig und erstaunt an.

Bruce lässt seinen Kopf mutlos ins Kissen fallen. “Also doch Gift“, stöhnt er, „ich werde sterben.“

Vom Flur hört Brand die Geräuschkulisse, chinesische Radiomusik, dazwischen Gemurmel das manchmal lauter wird, das Schreien eines Babys und manchmal lautes Schimpfen irgendwo aus einer dieser Zellen, die nur eine Tür als Fenster haben und aus denen elektrisches Licht den Flur erleuchtet.

In den letzten Minuten waren junge Männer in dunklen Trainingsanzügen vorbeigegangen und hatte verstohlen in die kleine Wohnung geschaut. Sie hatten alle eine gewisse Ähnlichkeit in ihren Bewegungen und dem Gesichtsausdruck, so dass der Agent wachsam wurde.

Plötzlich wird es draußen ruhiger, nur das Baby schreit und die Musik dröhnt weiterhin durch den Flur, aber Brands Gesicht spannt sich. Er hebt seinen rechten Zeigefinger und zeigt den beiden Studenten damit, dass etwas vor sich geht.

Brand zieht seine Walter PPK aus dem Schulterhalfter und stellt sich neben die Tür, als am hinteren Ende des langen Flurs ein aufgeregter Lärm entsteht. Mit einem Satz, seine Pistole im Anschlag, springt er in den Flur. In diesem Augenblick sieht er eine Gruppe Männer in besagter Trainingskleidung davon laufen, in entgegengesetzter Richtung der Lärmquelle, bei der es sich um eindringende Polizisten mit Absperrbändern handelt.

Ein Uniformierter trägt ein Megaphon und erklärt den Anwohnern, dass dieses Haus nun unter Quarantäne stünde. Keiner käme raus und niemand herein. Die Leute sollten ruhig bleiben. Die Polizei wird alle Bewohner testen.

„Wir müssen weg,“ ruft Mary Brand und Bruce zu.“ Sie werden uns sonst mitnehmen. Mister Brand“ sagt sie flehend, „bitte helfen Sie uns! Wir stehen auf deren Liste, sie werden uns verhaften.“

Bruce hatte sich inzwischen aufgerappelt und steht mit glühenden Augen, die von Angst bis Verzweiflung alles signalisierten, vor dem Doppelnullagenten.

Intuitiv fasst 00Y einen Entschluss. Er würde die beiden mitnehmen und wenigstens Bruce nach England schaffen.  Der junge Medizinstudent könnte ein Mosaikstein in des Rätsels Lösung sein.

Wie groß dieses Mosaik am Ende sein wird, ahnt der Agent noch nicht.

„Aufs Dach“ ruft Bruce, der sich augenblicklich wie ein Aktivist verhält, „die Polizei kommt von unten.“ Er zeigt Brand das mittig gelegene Treppenhaus und die drei laufen hinauf in den dreißigsten Stock. Oben stoßen sie eine angelehnte Stahltür auf und stehen im Freien, begrüßt durch das Gackern einiger Hühner, die sich in einem Käfig neben ihnen befinden. Vor ihnen mehrere Reihen eng stehender Blechhütten, die kleine Gänge bilden, welche an ihren Enden in den Abgrund führen. 

Bruce kennt den Weg durch die Roof-Top-Slums und steuert auf eine Brandleiter zu, die das ungleiche Trio mehrere Etagen nach unten auf ein weiteres Dach mit ähnlicher Bebauung führt. 

In wenigen Sekunden haben sie das verfallene Treppenhaus erreicht und steigen hinab. Doch auch von dort kommt Polizei. Sie müssen umkehren.

Von diesem tiefer gelegenen Dach gibt es keinen einfachen Fluchtweg mehr und das Gebäude ist immer noch fünfundzwanzig Stockwerke hoch.

Eine der Blechhütten, deren ältere Bewohnerin sie misstrauisch beäugt, ist jedoch an die Fassade eines dritten Hauses angelehnt. Direkt darüber ein umlaufender Balkon, den sie vom Blechdach aus erreichen können.

Bruce ist geschwächt und Mary hat Angst. Brand zieht beide auf den Balkon auf welchem sie an die Vorderseite des Hauses gelangen. Von dort erkennen sie, dass der gesamte Häuserblock von der Polizei abgeriegelt wurde.

Eine häufige Maßnahme hier, erklärt Mary. „Die Polizei kommt ohne Vorwarnung und holt die Leute aus den Wohnungen. Die meisten werden nur getestet, einige aber nehmen sie mit. Sie kommen dann in einem ähnlich schwachen Zustand wieder, wie mein Bruder. Meist sind das Studenten.“

Brand der fieberhaft an einem weiteren Fluchtweg arbeitet, nickt abwesend.

Er blickt auf die Straße und betrachtet das Chaos der aufgeregten Menschen, die von der Polizei eingekesselt wurden. Dann dreht er sich um und wendet sich dem Eingang zum Hausflur zu. Er ist offen. Von der Decke hängt ein Hinweisschild mit einem aufgemalten, roten Kreuz.

Ein paar Meter weiter dann eine Tür zu einem kleinen Sanitätsraum.

Brand bricht die Tür auf und bedeutet den Geschwistern, ihm zu folgen. Aus einem Schrank nimmt er eine breite Verbandsrolle und fängt an, sich diese um den Kopf zu wickeln, so dass sein Gesicht fast darunter verschwindet.

„Ich bin der Patient,“ bemerkt er mit einem ironischen Grinsen in der Stimme. Bruce und Mary verstehen sofort und suchen sich zwei Kittel, Gesichtsmasken und sterile Kopfbedeckungen, die sie anziehen. Dann gehen die drei zum Lift und fahren in das Erdgeschoss des Hauses.

Es gelingt verhältnismäßig leicht vom Foyer über die Straße auf einen Krankenwagen zuzugehen, der außerhalb der Polizeiabsperrung steht. Man lässt sie passieren, ohne Fragen zu stellen.

Zu ihrem Glück ist der Wagen in diesem Augenblick unbesetzt und offen. Brand kennt den Wagentyp und weiß, dass das Zündschloss leicht zu knacken ist. Mit einem „scharfen Schlüssel“ an seinem Schlüsselbund, überwindet er den Widerstand des Schlosses in Sekunden und der Krankenwagen springt an. Mit aufheulender Sirene fahren sie davon.

Fortsetzung folgt

Hintergrund: Fiktion und Wirklichkeit

Cov-Sars2

Es gibt unterschiedliche wissenschaftliche Auffassungen, wo die Pandemie ihren Ursprung hatte. Die überwiegende Zahl der Autoren geht von China aus. Allerdings ist der Patient 0 in China nie sicher festgestellt worden. Er muss nicht in Wuhan auf dem bekannten Markt infiziert worden sein. Es gibt Hinweise darauf, dass bereits Wochen vorher in anderen Regionen Chinas das Cov-Sars2 Virus aufgetreten sein kann. Wuhan wäre dann der erste, mit Sicherheit bekannte Ausbruchsort der Pandemie, nicht aber zwingend ihr Ursprung.

Im Februar 2020 ging durch die Medien, dass das neuartige Virus keine Hinweise darauf bietet, dass es in einem Labor gezüchtet wurde. Es sei allerdings hervorragend an den Menschen als Wirt angepasst, was Fragen aufwerfe. Ein Nachweis einer Sequenz im Genom des Virus, die auf künstliche Manipulation hinweist (wie der Wissenschaftler Godfrey ihn in der Geschichte gefunden haben will) wurde nie erbracht.

Fakt ist aber auch, dass das „Wuhan Institute of Virology“ nicht nur über Jahre an Corona-Viren geforscht hat, sondern auch gefährliche Viren aus der Corona-Familie künstlich angezüchtet und gentechnisch verändert hat. Entsprechende Veröffentlichungen des Institutes in Fachzeitschriften weisen eindeutig darauf hin. Es handelt sich mindestens zum Teil um sogenannte „Gain of Function-Studien“, die eine erhöhte Replikationstendenz der Viren und damit auch eine Steigerung ihrer Gefährlichkeit beinhalten. Vor Ausbruch der Pandemie haben Wissenschaftler aus Wuhan tatsächlich diverse Fachveröffentlichungen zu diesem Thema gehabt. Danach allerdings nicht mehr.

Im Vorfeld des Ausbruches in Wuhan, soll es im Herbst 2019 eine Grippewelle unter Mitarbeitern des Institutes gegeben haben.

Verschiedene Veröffentlichungen bringen das Wuhan-Labor auch in Zusammenhang mit einem chinesischen Biowaffenprogramm, das wiederum grundsätzlich „Gain of Function“-Manipulationen an Viren und Bakterien beinhalten soll.

Nano-Chips

Der Einsatz von Nano-Chips ist nicht so fiktional, wie man im ersten Augenblick glauben möchte. Der Chip den Brand in die Nase implantiert bekommt, kann allerdings eindeutig zu viel für seine Größe. Es gibt Chips, die beispielsweise Diabetikern unter die Haut implantiert werden und den Blutzuckerspiegel bestimmen und dann auch senden können. Diese haben aber immer noch die Größe einer 1-Cent-Münze.

Wesentlich kleiner sind Nanobots (Nanoroboter), die biotechnologisch hergestellt werden und Molekulargröße besitzen. Passenderweise hat eine chinesische Arbeitsgruppe aus Peking einige Veröffentlichungen darüber. Geforscht wird daran aber auch in den USA, auch für das Militär. Hier gibt es Veröffentlichungen seit mindestens 2011, nach denen so genannte Nano-Drug-Transporter beispielsweise selbsttätig Morphine in den Körper von verletzten Soldaten abgeben sollen. Das Programm beschäftigt sich mit dem „Human Enhancement“ also der Leistungssteigerung von Soldaten, wobei es auch Forschungen gibt, wie man den militärischen Gegner mit Nanobots schwächen kann. Nanobots als Drugtransporter, sind also wenigstens in der Erprobung.

Die Vorstellung, dass Bruce, der Student und Aktivist aus Hongkong, um den Brand sich kümmert, mit Nanobots absichtlich infiziert wurde, die nun seinen Körper manipulieren, ist also alles andere als abwegig und keine wissenschaftliche Fiktion mehr.

Die Injektion der Nanobots erfolgte bei Mäusen intravenös, wie die erwähnte chinesische Arbeitsgruppe in ihrem Paper erklärt. Impfungen werden allerdings nicht intravenös verabreicht.

Insgesamt ist davon auszugehen, dass es neben der öffentlich-wissenschaftlichen Forschung in diesem Bereich auch eine nichtöffentliche industrielle und militärische Forschung gibt, die in nationaler Konkurrenz durchgeführt wird. Wir können also davon ausgehen, dass die internationale Öffentlichkeit hier nur die Spitze des Eisberges kennt. In sicherheitsrelevanten Bereichen findet sehr viel Forschung statt, die geheim gehalten wird.

Chinesische Geheimpolizei

Die Chinesische Geheimpolizei ist ein Teil der Gliederung des Ministeriums für Staatssicherheit in Peking. Das Ministerium verfügt über 12 Abteilungen (so genannte Büros). Außerdem eine Generalstelle, ein Politbüro und eine Parteikommission. Daneben gibt es ein Ministerium für Öffentliche Sicherheit, welches die Leitung der chinesischen Polizei darstellt. Außerdem gibt es den militärischen Nachrichtendienst der Volksbefreiungsarmee.

Die sogenannte Strategische Kampfunterstützungsgruppe mit der jüngsten Abteilung für elektronische Kampfführung und eine neue Abteilung für den Krieg im Weltraum.  Beide Abteilungen sind aus der so genannten „Vierten Abteilung des Generalstabes“ unter der Leitung von General Que-Yong hervorgegangen und wurden seitdem mehrfach umstrukturiert.

Der militärische Nachrichtendienst wurde mit der „Einheit 61786“ für elektronische Kampfführung zusammengelegt, die wiederum den Kern der so genannten „Dritten Abteilung“ bildet und die Hauptabteilung für „Netzaktivitäten“ der Volksbefreiungsarmee darstellt. Ihr Leiter ist General Zheng, der zuvor Büro für „Friedenssicherung“ geleitet hatte. Ihr Hauptquartier befindet sich am Fuß des Yang-Gebirges, nördlich von Peking.

Beide Geheimdienste spielen in dieser Geschichte eine Rolle, wobei die Geheimpolizei, die man als den zivilen Nachrichtendienst mit umfassenden Vollmachten betrachten kann, ganz offen in Hongkongs Metropark Hotel an der Causeway Bay, mit seinen dreihundert Zimmern, residiert. Der starke Mann ist aber der Leiter des chinesischen Verbindungsbüros in Hongkong, Luo Huining, der seit einiger Zeit Mitglied im Zentralkomitee der Chinesischen KP ist. Luo Huining kontrolliert faktisch die Regierung von Carrie Lam in Hongkong.

Der Geheimdienstchef Wu in der Geschichte ist eine Mischung aus dem realen Luo Huining, der auf einer öffentlich zugänglichen Liste des amerikanischen State-Departements als Direktor des neu geschaffenen „Committee for Safeguarding National Security of the Hong Kong Special Administrative Region (HKSAR auf Grundlage des umstrittenen Sicherheitsgesetzes aus Peking)“ bezeichnet wird und einem fiktiven Geheimdienstchef, der die allgegenwärtige chinesische Korruption in den Behörden symbolisieren soll.

Auf die ausgeprägte Korruption weist auch das inoffizielle Büro Wu´s auf einem Kreuzfahrtschiff im Hafen von Kowloon hin, dessen Spielcasino in Hongkong berühmt ist. Sowohl das Schiff, als auch das Casino sind Realität, nur das Büro von Wu und dessen Einfluss auf das Casino ist erfunden, genau wie die Figur Wu selbst, der in der Geschichte als der Pate von Hongkong bezeichnet wird.

Volksbefreiungsarmee im Cyber-Krieg

Die chinesische Armee hat in den letzten Jahren technisch stark aufgerüstet. Ohnehin ist sie die Armee mit dem zweithöchsten Wehretat und den meisten Soldaten weltweit. Der chinesische Rüstungsetat der mit rund 260 Milliarden Dollar ein Drittel der amerikanischen Rüstungsausgaben betrug, ist kräftig auf Wachstumskurs (knapp 7 Prozent jährlich) und übertrifft die zweitgrößte Militärmacht der Erde, Russland, bereits um das Vierfache.

Die chinesische Hackerszene ist mindestens halbstaatlich, vergleichbar Russland, und befindet sich quasi im Krieg mit amerikanischen und europäischen Servern, die unter Dauerfeuer der Chinesen stehen. Der Cyberkrieg findet weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit statt und ist auch eine wichtige Domäne der „Dritten Abteilung“ der chinesischen Kampfunterstützungsgruppe sowie einiger „Büros“ des Ministeriums für Staatssicherheit, außerdem der chinesischen Industrie, die über Korruption, politische Übernahmen durch die Mächtigen der KP Chinas und offizielle Private-Public Partnerships eng mit der Regierung verknüpft ist.

Gearbeitet wird auch daran, ein unabhängiges, chinesisches Satellitensystem aufzubauen, das im Ernstfall auch gegen den militärischen Gegner eingesetzt werden kann und von diesem möglichst nicht manipulierbar ist.

Demokratiebewegung Hongkong

Die Idee, dass ein englischer Geschäftsmann (Karl Klixfield) in Hongkong die Demokratiebewegung unterstützt und zugleich beste Kontakte zur chinesischen Nomenklatura und auch zum Chef der chinesischen Geheimpolizei in Hongkong unterhält, ist frei erfunden.

Die einflussreichste NGO der Demokratiebewegung ist die „Civil Human Rights Front“, die an die fünfzig Mitgliedsorganisationen aus dem gesamten Spektrum der bürgerlichen Gesellschaft in Hongkong hat. Geld dürfte also nicht so sehr das Problem sein, auch wenn vor allem Studenten an vorderster Front stehen, die ja bekanntlich ständig unter Geldknappheit leiden.

Glaubt man den Medien wird jedoch reichlich gespendet und über Großspender ist nichts bekannt.

Die Frage, die mit der konstruierten Verbindung zwischen Wu und Klixfield in den Vordergrund rücken soll, ist die, ob die Demokratiebewegung nicht in Wirklichkeit den chinesischen Behörden in die Hände spielt. Denn die gesetzlichen Verschärfungen kommen immer im Gefolge großer Proteste, wie zuletzt im Jahre 2019 oder nach der versuchten Regenschirmrevolution 2014. China spricht dann von Umsturzversuchen, gegen die man sich wehren müsse, um die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten. Mit jeder großen Aktion der Studenten, bekommt dieses Narrativ neue Nahrung.

Man könnte sich also vorstellen, dass Interessenten einer schnellen und vollständigen Eingliederung von Hongkong nach China die Demokratiebewegung eher unterstützen, solange sie den Vorwand liefert, den Prozess der Eingliederung zu beschleunigen. Dabei gibt es auch deutliche Absetzbewegungen in der Bevölkerung von der Demokratiebewegung, welche von den chinesischen Behörden und der Marionettenregierung Pekings, unter Carrie Lam, regelmäßig propagandistisch ausgeschlachtet werden. Diese Absetzbewegungen sind auch auf die Ängste zurückzuführen, die die Massenproteste bei den Hongkongern verursachen. Man sieht dort schon, dass diese Proteste die chinesische Machtübernahme nur beschleunigen. Es könnten sogar Provokateure im Dienst des chinesischen Regimes eine Rolle spielen.

Die Lage ist so schwer zu analysieren, weil sich weder die NGOs der Demokratiebewegung noch das Chinesische ZK in die Karten schauen lassen. Westliche Geheimdienstberichte sind hier, soweit öffentlich einsehbar, wenig ergiebig.

Die Frage, ob die chinesisch kontrollierte Regierung, Lam, so weit gehen würde, Aktivisten der Demokratiebewegung bewusst körperlich zu schädigen, ist indirekt schon beantwortet. Die Berichte, nach denen die muslimische Volksgruppe der Uiguren in chinesischen Umerziehungslagern als „Versuchskaninchen“ in der Impfstoffentwicklung benutzt wurden, nehmen in letzter Zeit zu. Davon wird in einem anderen Kapitel die Rede sein.

Aktuell gibt es aber keine Hinweise, dass Aktivisten in Honkong zwangsgeimpft oder gar infiziert wurden, wohl aber wurden viele von ihnen zwangsgetestet.

Corona-Pandemie in Hongkong

Hongkong hat lediglich moderate Zahlen während der Pandemie gehabt. Es gab bisher 10500 offiziell registrierte Infizierte und 180 Todesfälle im Zusammenhang mit Covid19. Die Behörden haben allerdings radikale Methoden beim Aufspüren von Infektionsherden entwickelt, die in ganz Hongkong gefürchtet sind, zumindest dort, wo ärmere Menschen wohnen.

Der Tagesspiegel berichtet aktuell von überfallartigen Abriegelungen ganzer Wohnblocks durch die Polizei. Die Leute werden dann auf die Straße geholt und getestet. Wer sich weigert wird verhaftet oder unter körperlichem Zwang getestet. Es werden drastische Strafen verhängt. Von der Regierung, Lam, wird mindestens ein unangekündigter Lockdown pro Tag angedroht. Die Menschen sollen ganz offensichtlich eingeschüchtert und verängstigt werden. Dabei ist es überhaupt nicht nachvollziehbar, wie eine Quarantäne, die dicht an dicht lebenden Hongkonger schützen soll. Vorzugsweise werden die Abriegelungen und Zwangstestungen in den dicht besiedelten Stadtgebieten mit alten Wohngebäuden, wie auf der Halbinsel Kowloon, vorgenommen.

Der Eindruck, dass die Pandemie auf diese Weise auch dazu benutzt wird, die Bevölkerung und unter ihnen die Aktivisten der Demokratiebewegung ruhig zu halten, besteht durchaus.

Roof-Top-Slums

Beengte Wohnformen gibt es in ganz Asien in den Städten. Das reicht von fensterlosen Ein-Zimmer-Appartements, die es auch in Tokyo häufig gibt, über die Kultur der „Wohnkapseln“, bei denen die Leute quasi in einem Wandschrank von zwei Quadratmetern in großen Wohnfluren leben, über komfortablere Kapsel-Hotels für Touristen bis hin zu den so genannten Roof-Top-Slums für Mittellose. Dabei handelt es sich um Hütten die auf den Dächern der Wohnhäuser, auch der Hochhäuser errichtet werden, wobei jeder Quadratzentimeter ausgenutzt wird. Die Behörden drücken vor allem in den sehr dicht besiedelten Bezirken, wie Kowloon ein Auge zu. In anderen Bezirken werden die illegalen Bewohner vertrieben und die Hütten abgerissen.

Dort, wo die Slums auf den Dächern stehen bleiben, werden sie zu pittoresken Hütten-Dörfern, die sich über mehrere Gebäude erstrecken und teilweise Verbindung zueinander haben. Alles in luftiger Höhe von bis zu dreißig Stockwerken.

Kapitel 2

Ein heißer Tag in Peking. Chi schwitzt unerträglich. Er weiß nicht, wie er den Schweißfluss, der unter seinen Achseln beginnt und über die Arme bis zu den Händen herunterläuft, stoppen soll. Die Augen brennen, so oft er sie auch mit seinem feuchten Taschentuch abtupft. Seine wenigen, verbliebenen Haare kleben in dicken, dunklen Strähnen an seinen Schläfen, aus denen es ebenfalls tropft.

Gleich wird er zum Vorsitzenden vom zehnten Büro gerufen und dann möchte er nicht in einem nassen Hemd, dessen Feuchtigkeit auch sein graues Jackett erfasst hat, vor ihn treten. Chi hat Angst, während er in einem der vielen Warteräume des klassizistischen Palastes sitzt, der eigens für das Ministerium für Staatssicherheit hergerichtet wurde. Der kleine Mann mit der fanatischen Ausstrahlung hat in diesem Augenblick sogar große Angst.

Chi ist ein fanatischer Mann, der den Untergang des Kommunismus in China fürchtet. Er ist stark motiviert, die Welt der kapitalistischen Staaten, die er als Kolonialisten sieht, zu schädigen. Aber gleichzeitig ist er ein Patriot, der sein Land im Globalisierungswettlauf auf dem ersten Platz sehen will. Er hofft, dass China, wenn es die Kontrolle über die Welt gewonnen hat, eine „silenced World under control of Beijing“ erzwingen kann. Er hat gute Kontakte zum 10. Büro der Staatssicherheit, das mit wissenschaftlich-technologischem Fortschritt im Dienst Chinas befasst ist. Gleichzeitig ist er aus seiner Zeit in der chinesischen Volksbefreiungsarmee gut vernetzt mit der strategischen Kampfunterstützungstruppe, die von General Li geführt wird.

Der kleine nasse Mann sitzt allein in einem Raum von etwa acht mal zehn Metern, in dem nur wenige Stühle stehen. Der Raum wirkt überdimensioniert, die Decken sind hoch und durch gerade Stuckaufsätze von den Wänden abgegrenzt. Der Stuck leuchtet goldfarben zu ihm herunter. Chi weiß, dass er versagt hat. Sein virologischer Geniestreich hat ein globales Desaster ausgelöst und ganz China steht unter Verdacht.

Was wird er dem Vorsitzenden sagen? Die Büchse der Pandora ist geöffnet und das Virus wird Mutation um Mutation entwickeln, mit der es die Welt über Jahre in Atem halten kann. Chi hat kein Gegenmittel, der Impfstoff kommt immer zu spät und alle Welt schaut auf China.

Ein Land in dem die Infektionsketten mit brachialer Gewalt gebrochen werden, in dem Menschen in ihren Wohnungen eingeschweißt werden, die man besser in ihren Wohnungen verhungern lässt, damit sie das Virus nicht weitertragen. Denn es gibt kein Mittel dagegen.

All das hat Chi auf dem Gewissen. Sein Kopf sinkt auf die Brust, dann rafft er sich wieder auf und denkt an den glorreichen Sieg Chinas über die Welt. Sein großartiges Land, hat die Macht gezeigt, die es hat, die Welt in die Knie zu zwingen, denn die Welt weiß, dass das Virus aus China kommt.

Die Welt weiß nur nicht, dass es von Chi kommt.

Natürlich wird der Vorsitzende ihn tadeln. Die wirtschaftliche Macht des Landes wird durch das Virus vielleicht sogar gebrochen. Der Vorsitzende wird sagen, dass dieses Virus Jahrzehnte der erfolgreichen, chinesischen Akquisition in Europa und den USA zunichtemachen kann. Aber der chinesische Markt mit seiner Milliarde Menschen ist viel zu groß. Niemand kann einen solchen Markt vom Welthandel ausschließen. Keine Sanktion könnte jemals wirksam sein. Darin würde ihm auch General Li beipflichten, dessen Waffenprogramm in Chi´s Labor große Fortschritt gemacht hatte. Chi ist stolz darauf.

Nein, man wird ihn nicht einfach bestrafen können, niemand wird ihm sein Labor wegnehmen. Chi wird weiterarbeiten können, da ist er sich in diesem Augenblick vollkommen sicher!

Eine Tür wird geöffnet. Jetzt werden sie ihn hereinbitten. Chi nimmt Haltung an. Ein uniformierter Mitarbeiter tritt in den Raum und macht eine Bewegung, als würde er mit dem Finger auf den Wissenschaftler zeigen. Ein heller Blitz, der aus einem dunklen Gegenstand kommt,  ist das letzte, was Chi von dieser Welt sieht.

Noch am selben Tag tritt die Wissenschaftlerin und Expertin für biologische Kriegsführung, Mae-Chen, im Rang eines Generalmajors der Volksbefreiungsarmee, die Leitung des Labors an. Das Labor wird hermetisch von der Öffentlichkeit, auch der wissenschaftlichen Öffentlichkeit, abgeschottet. Sieben wissenschaftliche Mitarbeiter werden entlassen. Zwei von ihnen verschwinden spurlos, die anderen haben gelobt, zu schweigen.

Der Führungswechsel sei eine notwendige „Umstrukturierung“, angesichts der Bedrohung durch die Pandemie, wie ein chinesischer Pressesprecher es ausdrückt.  Mae-Cheng ist aber mehr Soldat als Wissenschaftler und soll das Labor wieder unter Kontrolle bringen.

Als die Pandemie in Wuhan ihren Ursprung nahm, war die Aufregung groß. Einige Mitarbeiter hatten es verlernt zu schweigen und mussten es wieder beigebracht bekommen. Das Schweigen, die chinesische Tugend, die vor allen Tugenden steht, ausgenommen vielleicht, der Gehorsam.

Letztlich wird es erforderlich sein, das Labor ganz zu schließen, aber wird dann die Weltöffentlichkeit nicht erst recht misstrauisch?

Die kleine La-Meng ist untergetaucht, nachdem sie verbreitet hatte, dass das Virus aus einem Labor käme. Diese Virologin würde Mae-Chen zu gern in die Finger bekommen, aber sie hält sich irgendwo in den USA, an einem unbekannten Ort auf.

Dann ist da noch dieser Gao, dieser Exil-Oligarch, der schon seit Längerem schlecht über ihr Land redet, die Korruption anprangert, die allgegenwärtig sei. Mae-Cheng hasst die Korruption, aber Gao, dieses verlogene Plappermaul hasst sie noch viel mehr. Er hat eine Organisation, über die er auch La-Meng unterstützt, „Right of Law Society“, was soll das sein? Law-Society! Lächerlich!

La-Meng hatte ihre Studien von Hongkong aus publiziert und war danach aus China geflohen. „Hongkong, verdammtes Hongkong,“ denkt Mae-Cheng, während sie die Unterlagen ihres Vorgängers durchgeht, „das werden wir schon säubern, genau wie dieses Labor!“

Mae-Cheng hält es für Schlamperei, dass das Virus aus dem Labor entkommen ist. Sie ist Expertin für Biowaffen und kennt das chinesische Programm, das in Wuhan beforscht wurde. Ihr ist klar, dass das Virus eine Waffe ist, aber sie verschwendet keinen Gedanken darauf, dass das Virus bewusst freigesetzt worden sein könnte. Sie ist eine chinesische Wissenschaftlerin mit hohem militärischem Rang, keine Kriminelle.

Flucht aus Hongkong

Brand ist mit seinen beiden Schützlingen nur wenige Straßenecken weiter vom Krankenwagen in die Metro umgestiegen. Bruce wirkt schwach, sein Gesicht sieht grau aus. Mary sitzt angespannt neben ihm. Brand steht und beobachtet bei jeder Einfahrt die Bahnhöfe. Noch im Krankenwagen hatte er Fetcher kontaktiert, der ihnen davon abgeraten hat, in das britische Generalkonsulat zu gehen, das nicht weit vom Metropark-Hotel liegt, in dem die chinesische Geheimpolizei ihr Hauptquartier hat.

Stattdessen fahren sie nach Norden zur Diamond Hill Station, wo Fetcher auf sie wartet. Die Metro-Station ist weitläufig und bietet in allen Richtungen Fluchtmöglichkeiten. Oben wartet 00F in einem Taxi, das sich schnell in Bewegung setzt und den Highway nach Süden nimmt.

In wenigen Minuten sind sie im Jachthafen von Kwun-Tong. Fetcher steigt mit den beiden Aktivisten aus. Brand fährt mit dem Taxi weiter. Er hat noch etwas vor.

Die Nachmittagssonne hat die Stadt bereits erheblich erhitzt und die Bewegungen der Menschen auf den Straßen sind langsamer geworden, als am Morgen dieses Tages, an dem überall heftiges Getriebe war. Während Bruce und Mary direkt in den kühlen Hafen laufen können, um dort mit 00F auf einer Motoryacht zu verschwinden, fährt Brand die Seitenscheibe seines Taxis herunter, um etwas mehr Luft zu bekommen.

Das Taxi steuert den Victoria-Hafen von Kowloon an. Brand hofft, Wu dort zu finden. Der Quai ist typisch touristisch. Von dort fahren Schiffe aller Art, auch Kreuzfahrschiffe, wie die Princess Jang, die allerdings bereits seit Jahren dort festliegt und deren Casino eine Touristenattraktion ist. Das Schiff wird von der Reederei im betriebsfähigen Zustand gehalten, denn die Liegegebühren im Hafen sind extrem hoch. Sollte das Geschäft mit dem Glücksspiel einmal einbrechen, wird die Princess wohl ihre letzte Fahrt auf eine Abwrackwerft unternehmen. Aber derzeit läuft es noch.

Brand kann das Schiff ohne Umstände betreten und im Casino ist bereits Betrieb, obwohl es noch nicht Abend ist. Automaten, Spieltische und Bars wechseln sich ab. Brand bestellt sich einen Martini „extra dry“ und beginnt ein Gespräch mit dem Mädchen an der Bar. Er beobachtet dabei eine aufgeregte Auseinandersetzung zwischen einem Gast in kurzen Hosen und einem Sicherheitsmitarbeiter. Der Gast hat ein stark gerötetes Gesicht und wird laut. Er wolle den Manger sprechen.

Brand weiß, dass nun Verstärkung kommen wird und beobachtet die Situation ebenso beiläufig wie aufmerksam. Aus einer Schwingtür, im hinteren Bereich kommen drei Männer in billigen, dunklen Anzügen. Sie komplimentieren den lauten Touristen vom Schiff.  Sie zeigen das typische Verhalten von Sicherheitsleuten aus dem nicht ganz seriösen Milieu. Brand ist klar, dass Wu hier seine Leute hat, für die er Schutzgeld kassiert.

Er entschuldigt sich kurz bei dem Mädchen, tut so, als suche er die Toiletten. Unbemerkt verschwindet er dann hinter der Schwingtür, die zu einem Gang führt, welcher in einem Treppenabgang endet. Schnell und leise steigt er hinab und steht vor einem kleinen Speiseraum in dem offensichtlich geraucht wird.

Brand öffnet die Tür und tritt in den Raum. Mehrere Männer springen sofort von ihren Stühlen auf und treten ihm entgegen. Dahinter sieht Brand einen dicken Chinesen, der an  einem reichlich gefüllten Tisch diniert.

Wu sitzt allein am Tisch und macht eine abwehrende Bewegung, so als wollte er eine Fliege verjagen. Die Männer packen Brand, der laut und vernehmlich sagt: „Ich will Wu sprechen.“

Noch einmal schlägt Wu nach dem nicht vorhandenen Insekt und die Männer lassen von Brand ab.  „Wer sind Sie, was wollen Sie,“ fragt der kleine Chinese mit vollem Mund, ohne Brand anzusehen. Er hat viel mehr Augen für eine attraktive Languste, an der er sich mit seinem Besteck zu schaffen macht.

„Mein Name ist Brand,  Marcus Brand.“ Nach einer kurzen rhetorischen Pause. „British-Secret-Service.“ Die Männer ziehen, wie auf Befehl, augenblicklich ihre Waffen und Wu dreht sich zu Brand um. “Soll das ein Witz sein?” Brand gibt einem der Männer seinen alten Dienstausweis, der ihn an Wu weitergibt. Der studiert ihn auffällig gründlich, hält ihn sogar gegen das Licht.

Dann grinst er. „Der MI6 weiß wohl immer, wo ich zu finden bin und jetzt besucht er mich sogar.“ Wu lacht kurz. Die Männer halten immer noch ihre Waffen auf Brand gerichtet.

Brand lächelt. „Ach, ich will Ihnen doch nur ein paar Fotos zeigen…“ Brand greift in seine Jackentasche und holt ein, nicht aktiviertes, Smartphone heraus, während es um ihn herum laut und vernehmlich klickt. Alle Waffen sind jetzt schussbereit, aber Wu winkt ab.

„Durchsucht ihn und gebt mir das Handy.“ Die Männer interessieren sich kaum für Brands Waffe. Sie wird herausgenommen und auf einen Tisch gelegt. Die Leibesvisitation ist nicht angenehm, denn man sucht nach einem Sender und geht dabei sehr gründlich vor.

Währenddessen betrachtet Wu das Foto.

„Und?“

„Ein Freund,“ fragt Brand?

Wu antwortet nicht. Die Männer sind immer noch an Brand dran, der sie gewähren lässt. „Schuhe aus“ befiehlt ein ziemlich groß gewachsener Chinese mit breiten Schultern und auffällig starker Behaarung. Brand streift seine Slipper ab und behält Wu im Auge, der versonnen auf das Handy schaut. Etwas zu lange, wie Brand findet.

Dann wird Wu ungeduldig. „Werden sie endlich deutlicher.“

„Die Tochter von Klixfield wurde in London ermordet,“ sagt Brand scharf. „Eine Virologin, sie hat das Virus analysiert. Der Leiter des Labors wurde ebenfalls ermordet.“

Brand beobachtet Wu´s Reaktion sehr genau. Er wirkt erstaunt und etwas verärgert. „Mister Brand, warum belästigen Sie mich mit Dingen, die in London vor sich gehen und stören mein Dinner? Nur wegen eines harmlosen Fotos?“

„Nein“, entgegnet Brand sofort und sehr scharf, „ wir denken, dass Sie es waren!“

Wu zuckt, aus seinen schwarzen Augen sticht ein kurzer Blitz in Richtung des Agenten, dann lehnt Wu sich zurück und gibt sich gelassen, fast generös.

„Sie sind nicht dumm, aber auch nicht besonders klug.“

Wu steckt sich eine Zigarre an und bläst einen blauen Ring in Richtung Decke.

„Sie suchen mich hier auf, nicht im Hauptquartier. Sie stellen mir nach und konfrontieren mich mit einem, sagen wir, Vorwurf. Keine offizielle Anfrage, nein. Ein Marcus Brand kommt auf mein Schiff und zeigt mir ein Foto. Das Dumme ist nur, dass ich nicht weiß, wovon Sie reden. Nichts davon ist mir bekannt. Das ist alles.“

Brand wird abgeführt. Die Waffe bekommt er nicht wieder, ebenso wenig das Handy und seinen Ausweis. Kein Problem. Brand hatte damit gerechnet. Er wird zur Tür eskortiert und dann die Gangway zum Quai heruntergeschubst. Was ihn dazu verleitet, reflexartig einen der Männer mit einem Wurfgriff ins Wasser zu expedieren, während er einen anderen auf die Gangway legt.  Dann hebt er die Hand und gibt dem Dritten, der gerade seine Waffe zieht, zu verstehen, dass er nicht weiterkämpfen will. „Unglücklicherweise habe ich vergessen, meinen Martini zu bezahlen.“ Aus seiner Hosentasche zieht er einen größeren Geldschein und hält ihn dem Gorilla mit der Pistole entgegen.

In vollendetem britischen Stil bittet er ihn: „ Sir, es war die Bar Nr.3, würden sie freundlicherweise die Rechnung für mich erledigen?“

Brand schmunzelt vor sich hin. Er hatte Wu sozusagen auf seinem Örtchen besucht, wo er sein großes Geschäft erledigt.

Eine offizielle Verhaftung des MI6-Agenten hätte Wu nicht riskiert, zumindest nicht hier, auf seinem Schiff, außerhalb seines offiziellen Aufgabenbereiches. Wer hätte Brand auch verhaften sollen? Wu´s Männer auf dem Schiff sind ausschließlich Kriminelle. Brand wird nicht festgesetzt. Er kann einfach davon gehen und niemand hält ihn auf.

Er ist sich sicher, dass Wu mit dem Mord an Godfrey zu tun hat. Wie genau der Chef der Geheimpolizei in der Sache drinhängt, wird Brand noch herausfinden. Entscheidend ist, dass er das Spiel eröffnet hat. Wu wird den nächsten Zug schon machen.

Im Hotel angekommen, packt Brand seine Sachen. Er holt sein aktuelles Smartphone aus dem Zimmersafe und sieht die Botschaft von 00F. „Das Paket ist unterwegs nach London“. „Sehr gut“, murmelt er zufrieden, während er die Botschaft löscht, genau dahin fliegt er jetzt auch.

Auf dem Weg zum Flughafen, grübelt er darüber nach, ob Wu es riskieren würde, ihn, einen bekannten MI6 Agenten, am Flughafen offiziell festsetzen zu lassen. Wenn ja, wäre das ein untrügliches Indiz dafür, dass die Geheimpolizei einen behördlichen, wenn auch verdeckten Auftrag aus Peking in dieser Virus-Affäre hat. Ansonsten würde Wu von Brand tunlichst die Finger lassen, um sich keine unnötigen Probleme einzuhandeln.

Tatsächlich kommt Brand ungehindert durch die Passkontrolle und besteigt sein Flugzeug nach London.  Wu scheint noch zu überlegen.

Fortsetzung folgt

Hintergrund: Fiktion und Realität

Labor in Wuhan

Die plötzliche Umstrukturierung des virologischen P4 Labors am Stadtrand von Wuhan ist nur ein Eingriff unter vielen gewesen, die chinesische Behörden, in dem 2015 neu hergestellten Labor vorgenommen haben.

Ursprünglich als Kooperation französischer und chinesischer Wissenschaftler gedacht, war das Labor ein weiterer, erhoffter Meilenstein der chinesisch französischen Zusammenarbeit. Die Creme der französischen Exportunternehmen befindet sich bereits in der Millionenstadt. Darunter  L’Oréal, Peugeot, Renault, Schneider und Pernod-Ricard. Das Labor sollte die chinesisch-französische Zusammenarbeit noch ergänzen. Dafür lieferte Frankreich die Sicherheitstechnologie, die den hohen Standard überhaupt erst ermöglichte. Weltweit gibt es keine dreißig Labore mit dem P4-Standard.

Was dann passierte, ärgerte die Franzosen massiv. Die gemeinsame wissenschaftliche Leitung wurde von den Chinesen ausgehebelt, so dass sich die Franzosen letztlich aus dem Labor zurückzogen. Der Prozess der allmählichen Abschottung des Labors gegenüber der wissenschaftlichen Weltöffentlichkeit betraf allerdings auch die Amerikaner und schließlich die WHO.

Zuletzt wurde dies im vorläufigen Abschlussbericht der WHO zum Ursprung des Virus dokumentiert, anlässlich dessen internationale Wissenschaftler massiv bemängelten, dass sie eine ganze Reihe von wichtigen Forschungsdaten in Wuhan nicht zu sehen bekamen und dass die Transparenz des Berichtes darunter erheblich gelitten habe. Dennoch ist die WHO zur Einschätzung gekommen, dass das Virus von der Fledermaus über einen unbekannten Zwischenwirt auf den Menschen übergegangen sei. Ein Entweichen des Virus aus dem Labor in Wuhan sei „sehr unwahrscheinlich“.

Der renommierte amerikanische Virologe, Redfield, der ehemals die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC leitete, war nicht in dem Untersuchungsteam der WHO, bezieht aber eindeutig Stellung, dass das Virus eben doch aus dem Labor in Wuhan kommen müsse. Das Virus mit seinen Eigenschaften, mache, biologisch gesehen, keinen Sinn. Viele Fragen bleiben offen. Das Labor aber ist unzugänglich geworden, obwohl dort noch geforscht wird. Die chinesische Firma Sinopharm hat ihren Impfstoff in Zusammenarbeit mit Wuhan entwickelt. Die Methoden der Entwicklung werden an späterer Stelle nochmal besprochen.

Insgesamt entsteht der Eindruck, auch bei französischen Politikern, die die Partnerschaft für den Aufbau dieses Labors, seit Jaques Chirac gefördert haben, ob die Chinesen nicht in Wirklichkeit von Anfang an den Plan hatten, die Sicherheitstechnologie für das Labor von den Franzosen zu bekommen und sie dann aus der Zusammenarbeit heraus zu komplimentieren. Interessanterweise gibt es seit Abgang der Franzosen aus Wuhan auch die Gerüchte, dass das Labor eine Abteilung für militärische Zwecke eingerichtet hat, also seit 2017.

Allerdings waren die Chinesen so gründlich, dass sie inzwischen auch alle Forschungsarbeiten, die in Richtung gefährliche Virusforschung gingen, vom Server der National Natural Science Foundation of China (NSFC) genommen haben. Einen wesentlichen Anteil an diesen Arbeiten hatte die renommierte Virologin, Shi Zhengli, in der Wissenschaftswelt auch als Batwoman bekannt, weil sie nachwies, dass Sars-Viren von Fledermäusen kommen.

Shi Zhengli und Chi (aus der Geschichte)

Die Wissenschaftlerin Shi Zhengli, die immer vehement den Verdacht bestritten hat, dass Cov-Sars 2 ein Produkt der „Gain of Function-Forschung“ in Wuhan sei, wo sie selber forscht, hat mit der fiktiven Person von Chi (ein Fanatiker, der auch bewusst gefährliche Viren auf die Welt losgelassen hat) nichts zu tun.

Sie wird trotzdem vom amerikanischen State-Department verdächtigt, nicht die Wahrheit zu sagen und die wahren Risiken und Ausmaße ihrer Forschung zu vertuschen. Eine Veröffentlichung an der sie beteiligt war, hat sogar ein künstlich kombiniertes Virus mit hoher Pathogenität für die menschliche Lunge zum Gegenstand. Immer wieder wird auf eine militärische Kooperation ihrer Arbeitsgruppe im Jahre 2017 hingewiesen, an der auch Shi-Zhengli beteiligt gewesen sein musste.

Was dagegen spricht ist, dass China als Unterzeichnerstaat der Biowaffenkonvention, wohl kaum in der Lage ist, ein Virus zu züchten, das nur „Nicht-Chinesen“ angreift. Sehr viel wahrscheinlicher wird die biologische Kriegsführung in Richtung von molekularen „Nanomaschinen und Robotern“ entwickelt, die in Zukunft ähnliche Wirkungen und Verbreitungsmuster aufweisen können, wie Viren und Bakterien, aber als Maschinen kontrollierbar bleiben und vor allem keine Mutationen entwickeln. Hier liegt ganz sicher ein Schwerpunkt nicht nur der amerikanischen militärischen Forschung, sondern auch der chinesischen.

Insofern geht die Geschichte ein bisschen an der Realität vorbei. Ein rationales Kampfmittel im Krieg können Viren sicher nicht sein. Jedoch auch nicht im Frieden?

China hat die Pandemie so ziemlich als erstes Land in den Griff bekommen und setzt extrem repressive Mittel ein, um weitere Infektionsherde schnell zu „löschen“. Außerdem hat es als einziges Land der Erde gleich drei verschiedene Impfstoffe entwickelt, die nun zugelassen werden. Es geht also sowohl was die Verbreitung, als auch die Bekämpfung des Virus angeht, global in Führung.

Wie wir aktuell sehen, sind radikale chinesische Methoden überall auf der Welt in Gebrauch, auch in Europa, wo das Virus mit quasi diktatorischen Mitteln bekämpft wird, die massiv in die Menschenrechte eingreifen. Mit dem Virus kam eben auch die chinesische Unfreiheit in die Welt. Von Peking gewollt oder nicht?

Dabei demonstriert China gleichzeitig seine wissenschaftliche Dominanz auf dem Gebiet und die schnelle Anpassung seiner pharmazeutischen Industrie.

Kurz, das Land führt uns eine vermeintliche Welt-Führung in diesem Bereich vor. Seltsame Abhängigkeiten zwischen der Führung der WHO und Peking kommen hinzu, die teilweise auch in finanzieller Unterstützung bestehen. Allerdings ist auch der Chef der WHO, ein Äthiopier und ehemaliger Minister, Tedros Adhanom Ghebreyesus, nicht ganz frei von einem „chinesischen Korruptionsverdacht“.

Ob tatsächlich chinesisches Dominanzstreben auf dem Gesundheitsmarkt so weit gehen kann, dass China die Welt mit einer viralen Katastrophe überzieht, ist nicht geklärt. In der Geschichte ist es so, in der Realität hingegen scheint es tatsächlich möglich zu sein.

Mae-Chen und Chen-Wei

Die Wissenschaftlerin Mae-Chen ist der realen Person Chen Wei nachempfunden, wenn auch nicht identisch. Beide sind in der Volksbefreiungsarmee mit einem hohen Rang (Generalmajor) versehen und haben politische Aufgaben. Chen-Wei ist Spezialistin für Biowaffenforschung im Bereich Virologie. Interessanterweise hat sie als Leiterin einer Arbeitsgruppe an der Entwicklung eines Phase-1-Impfstoffes gegen Cov-Sars 2 mitgewirkt. Sie hat sich dabei das Vakzin noch vor Tierversuchen selbst gespritzt. Im August 2020 bekam sie dafür die Auszeichnung „Held des Volkes“ verliehen.

Im Februar 2020 übernahm sie eine Leitungsposition im Wuhan Labor, von der allerdings nichts Näheres bekannt ist. Die leitenden Wissenschaftler sind scheinbar im Amt geblieben. Die Abordnung eines hohen Militärs in das Labor hat allerdings diverse Spekulationen über eine mögliche Biowaffenforschung in Wuhan angeheizt.

Fazit:

In Bezug auf das P4 Labor in Wuhan gibt es derart viele Unstimmigkeiten, Verschleierungsmanöver, Schließungen und Öffnungen und Umbesetzungen, dass hier tatsächlich ein Objekt ersten Ranges für eine Investigation mit geheimdienstlichen Mitteln vorliegt. Das Dumme ist nur, dass die Öffentlichkeit von den Ergebnissen nichts erfährt.

Es gibt auch einige Ansätze dafür, zu überlegen, ob die EU überhaupt ein Interesse daran haben kann, dieses „französische Labor“ offen zu legen. Frankreich und Macron dürften keinerlei Interesse an einer Störung mit den Chinesen haben, und die deutsche Bundesregierung? Wohl auch nicht. Die wirtschaftlichen Interessen sind viel zu ausgeprägt, um China wirklich zur Rede zu stellen! Mit diesem Gedanken hatte die Figur in der Geschichte, Chi, vollkommen Recht. Der chinesische Markt mit einer Milliarde Menschen, verbietet das einfach. Im Ministerium für Staatssicherheit hatte dieses Argument, das der Figur Chi in den Sinn kam, allerdings kein Gehör gefunden. Chi wurde liquidiert, bevor er sich verteidigen konnte.

Ein weiterer Punkt ist zumindest zu diskutieren. Am Anfang der Pandemie kamen auch von Seiten der WHO öffentliche Warnungen, dass es die Welt jederzeit mit einem biologischen Angriff zu tun bekommen könne. Es sei also wichtig, Pandemiepläne zu trimmen und auf ihre Umsetzung hin zu prüfen. Seitdem reagieren zumindest die meisten europäischen Regierungen so, als hätten wir es mit einem dauerhaften biologischen Angriff auf unsere Länder zu tun, als befänden wir uns im Krieg.

Unsere Verfassungen sind derzeit keinen Pfifferling mehr wert.

Die Frage, ob die oft überschießenden Maßnahmen der Regierungen gegen das Virus etwas damit zu tun haben, dass sie in dieser Hinsicht mehr Geheimdienstinformationen haben, als die Öffentlichkeit, ist unklar. Es kann sehr wohl sein, dass sie davon ausgehen, dass dieses Cov-Sars 2 Virus mit seinen diversen Mutationen bereits eine Biowaffe darstellt, die entweder versehentlich in China freigesetzt wurde oder gar bewusst gegen die Welt eingesetzt wird.

Eine solche Information würde keine Regierung der Welt an die Öffentlichkeit geben, da dies zu schwersten internationalen Verwerfungen mit entsprechender Kriegsgefahr führen würde.  So übernehmen viele Regierungen vielleicht lieber die diktatorischen Methoden Chinas, als das Land wegen der Pandemie an den Pranger zu stellen. Man versucht das chinesische Virus mit chinesischen Methoden zu schlagen, auf Kosten der jeweiligen Landesbevölkerungen. Ein gefährliches Spiel für die Demokratie, das durchaus tieferliegende Gründe haben mag.

Gao ist Guo Wengui

Der Milliardär Gao, über den sich Mae-Cheng in der Geschichte aufregt, ist der Person des chinesischen Milliardärs Guo Wengui nachempfunden. Dieser machte sein Vermögen mit Immobilien und wurde schließlich von der chinesischen Justiz wegen Korruption und verschiedener anderer Verbrechen verfolgt.

Seit 2017 lebt er in New York in seinem selbstgewählten Exil. Er hatte enge Kontakte zur Administration Trump und Auslieferungsersuchen der chinesischen Regierung wurden abgelehnt. Dies dürfte wohl auch an der fehlenden Erwartung eines rechtsstaatlichen Verfahrens für den Milliardär gelegen haben. Allerdings dürften seine Kontakte zu Steve Bannon, dem damaligen Berater von Trump, ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Derzeit unterhält Guo eine Mini-NGO mit dem Namen „Rule of Law Society“ mit der er quasi Milliardäre und andere wichtige chinesische Persönlichkeiten auf der Flucht unterstützt. Auch die Wissenschaftlerin, die die Herkunft des Cov-Sars 2 Virus aus einem Labor behauptet hat und die nun in den USA untergetaucht ist, bekam von ihm Unterstützung. Guo soll auch schon Drohbesuche der chinesischen Geheimpolizei bekommen haben, die ihm auch mit Mord gedroht haben soll.

In der Geschichte spielt Guo nur eine untergeordnete Rolle, auch deshalb, weil seine Angaben in der Realität oft nicht sicher zu überprüfen sind. Er stellt umfangreiche Korruptionsvorwürfe bis hinauf zum chinesischen Präsidenten in den Raum und macht darauf aufmerksam, dass tausende wichtige Persönlichkeiten in den letzten Jahren in China verschwunden seien. Guo legt nahe, dass die Reichen in China jederzeit vom kommunistischen Regime ausgeschaltet werden können, was auch oft genug passiere. Er selbst sei 2015 ebenfalls verschleppt und gefoltert worden.

Gao ist letztlich ein Beispiel dafür, wie ungeheuer korrupt das chinesische System ist, wenn er es dem Regime nützt und wie gnadenlos dann Unternehmensinhaber verfolgt werden, wenn sie das Regime nicht mehr hinreichend stützen. Vergleichbar ist das wohl am ehesten mit Putins Russland.F

Man muss davon ausgehen, dass die gesamte Technologie-Branche in China, auch die Biotechnologie mit ihren militärischen Implikationen unter der Kontrolle der Kommunistischen Partei Chinas sind. Entwicklungsaufgaben für das Militär können sich die Unternehmen wohl kaum entziehen. Die großen technologischen Fortschritte Chinas, von denen die Biotechnologie nur ein Bereich darstellt, sind zwar ein Ergebnis der kapitalistischen Wirtschaft, können aber von der kommunistischen Diktatur jederzeit gegen die Welt eingesetzt werden.

Kapitel 3

Nach der Landung des British-Airways Fluges in London Heathrow, bleibt Brand noch eine Weile sitzen und wartet ab, bis auch der letzte Passagier das Flugzeug verlassen hat. Die Schutzmaske vom FFP2-Standard mit chinesischer Aufschrift, behält er auf. Der Kapitän, John Miles, kommt aus dem Cockpit und strahlt ihn an. „Mr. Brand“ ich habe Sie erkannt, wir hatten einmal das Vergnügen, bei der RAF zusammen zu fliegen. Erinnern Sie sich?“

Brand schaut den sympathischen Spätfünfziger der immer noch einen blonden Lockenkopf besitzt, genau an. Dann dämmert es ihm.

„John“, ruft er aus, „sie waren doch der, der die verdammte Lockheed geflogen ist! Mussten Sie nicht sogar einmal aussteigen?“

„Genau Mark“, erwidert John, „ der Übungsflug war mein Schlimmster mit diesem Monster. Seither bin ich besseres geflogen.“

„Wie man sieht“, lächelt Brand, der seine Maske nun abgenommen hat.

„Kommen Sie ins Cockpit, Mark“, fordert Miles seinen alten Fliegerkameraden auf, „mein Copilot ist schon draußen. Wir nehmen jetzt einen Drink!“

Brand lässt sich in den Copiloten-Sitz gleiten und bekommt dafür ein Gläschen Whisky von John. Die beiden Männer mögen sich auf Anhieb, ihre alte Bewunderung für einander lebt wieder auf. Zwanglos duzen sie sich.

„Fliegst Du noch privat?“ fragt Brand.

„Sagt Dir XB-1 etwas“, fragt Miles zurück.

Brand hebt die Augenbrauen und ein leichtes Leuchten erscheint in seinen blauen Augen.

„Überschall Prototyp, Mach 2, soll einmal sechzig bis siebzig Passagiere über den Atlantik bringen.“

„Genau“, bestätigt Miles, „ich teste gerade den Prototypen“.

„Aber der fliegt doch noch gar nicht“, wendet Brand ein, so als hätte ihn sein Gegenüber auf den Arm genommen.

„Oh, dann weiß der Secret-Service wohl auch nicht alles“, grinst John.

„Würde ich gern mal sehen“, gibt Mark zurück.

John trinkt den letzten Schluck aus dem kleinen Glas und sagt plötzlich.

„Kannst Du. Komm morgen früh zum General Aviation-Terminal von London City. Vieruhrdreißig!“

Erstaunt stellt Brand sein Glas ab.

„London City ist geschlossen. Ihr habt wohl den Schlüssel?“

„Right“, antwortet John Miles, „der Flughafen geht für Business-Jets, der Tower arbeitet noch. Deshalb eignet er sich zurzeit für Testflüge. Ich würde Dir das Baby wirklich gerne zeigen“, sagt Miles in deutlich gehobener Stimmung.

Brand will sich das nicht entgehen lassen. „OK“, ruft er, „ich bin dabei!“

Im Hauptquartier ist dicke Luft.

Der MI6 bekommt Druck von der Regierung, den „chinesischen Verdacht“ möglichst diskret zu ermitteln. Es gab Ärger wegen Brands Auftritt in Hongkong. Chief ist sauer. Wu hat offensichtlich eine ziemlich hohe Karte spielen können, die bis in die Downig-Street geflogen ist. Jedenfalls, kam vom Premierminister eine unverhüllte Drohung, die Chinesen nicht zu verärgern. Ermittelt werden soll aber weiterhin.

Brand steht vor Chief in dem gewölbeartigen Büro, das an einen Keller erinnert, in dem alte Möbel aufbewahrt werden.

„Was“, fragt Brand, „wenn sich der chinesische Verdacht bestätigt?“

Chief beginnt hinter seinem Schreibtisch hin und her zu gehen.

„Ich frage mich das selbst und finde immer nur die eine Antwort.“

Brand schaut seinen Vorgesetzten mit der glänzenden Glatze und den buschigen Augenbrauen fragend an.

Chief seufzt, während er sich in seinen Sessel fallen lässt.

„Es wird einfach in der Schublade landen, egal, was die Chinesen sich herausgenommen haben. Niemand in Europa hat ein Interesse sich mit ihnen anzulegen.“

„Auch dann nicht“, fragt Brand in einem ungewöhnlich scharfen Ton, „wenn die Chinesen uns und die Welt mit biologischen Waffen angreifen?“

„Sogar dann nicht“, antwortet Chief deutlich, „wenn die Chinesen uns mit diesen kleinen biologischen Robotern angreifen, die wir übrigens in Ihrem Paket nachweisen konnten.“

„Bruce?“ fragt Brand.

„Molekulare Kampfmaschinen, die seinen Körper malträtieren und ein zentrales Befehlszentrum in einem Chip unter seiner Haut am Rücken haben. Da, wo er mit den Händen nicht hinkommt und es nicht spüren kann, zwischen den Schulterblättern. Nie hätte ich gedacht, dass die Chinesen so weit fortgeschritten sind“, stöhnt Chief mit gekräuselter Stirn und setzt nach. „Wissen Sie, was das bedeutet, 00Y?“

„Ja“, antwortet Brand schnell und deutlich, „China führt Krieg gegen uns.“

Chief nickt schwach.

„Dieser Krieg darf nicht an die Öffentlichkeit, obwohl er dort überall zu sehen ist, auch wenn Menschen an dem Virus sterben, was der Fall ist. Der Krieg muss im Verborgenen geführt werden. Eine offene Konfrontation mit China kann zum Kollaps der Weltwirtschaft führen. Militärisch ist diesem Land nicht beizukommen, wirtschaftlich erst recht nicht.“

„Aber Peking wird doch schon wegen der Uiguren sanktioniert“ entgegnet Brand.

„Nadelstiche“, ruft Chief. „Die westlichen Staatschefs sind sich einig, mit Ausnahme der Amerikaner. Wir verteidigen uns still gegen das Virus und auch gegen die Nanobots, wenn diese tatsächlich im größeren Umfang zum Einsatz kommen und werden Peking nicht offen zur Rede stellen.“

“A silenced world, controlled by Beijing”, denkt Brand für sich. Er hatte diesen Satz kürzlich in einer amerikanischen Analyse gelesen.

Chief wirkt nun entschlossen.

„Aber wir müssen alles über dieses Programm erfahren, das die Chinesen auf uns losgelassen haben. Die Entwicklung, die Logistik und die Leute, die dahinter stehen. Alles.“

Brand versteht sofort. Ab jetzt hat der „chinesische Verdacht“ oberste Priorität.

„00Y“, sagt Chief nun in einem offiziellen Ton. „Es gibt einen Uiguren, den 00M als Kontaktperson in Chinatown aufgetrieben hat. Er behauptet, Beweise zu haben, dass sein Volk in den Umerziehungslagern bewusst infiziert und geimpft wird. Wir vermuten jetzt, dass auch dort Naniten eingesetzt und erprobt werden. Suchen Sie den Mann auf und sehen Sie zu, was sie noch herausfinden können.“

„Was ist mit Klixfield“, fragt Brand.

„Hat sich bisher nicht geregt“, antwortet Chief „aber es kann nicht schaden, wenn wir ihn observieren. Seine Tochter ist weiterhin vermisst. Ihre Leiche wurde bisher nicht gefunden.“

Brand denkt in diesem Augenblick an die Vereinbarung, die er vor einigen Tagen mit Tia-Nam getroffen hat. Sie ist seine gezinkte Karte, die er auch gegenüber dem MI6 im Ärmel behalten will und hält sich an einem unbekannten Ort auf. Brand kann sie jederzeit kontaktieren. Der Agent des britischen Secret-Service ist sich seit dem Mord an Godfrey nicht mehr sicher, dass sein Dienst tatsächlich dicht hält. Es sieht sehr nach einer undichten Stelle aus. Brand hat beschlossen äußerst vorsichtig zu sein.

„Ich werde mit 00M Kontakt aufnehmen und über Klixfield und den Uiguren mit ihr reden.“

„Einverstanden“, antwortet Chief umstandslos. „Das war´s 00Y.“

Brand verlässt das Büro.

Fortsetzung folgt

Hintergrund – Fiktion und Realität

Die Uiguren und die chinesische Impfstoffentwicklung

Es wird geschätzt, dass mindestens eine Millionen Uiguren in chinesischen „Umerziehungslagern“ festgehalten werden. Die muslimische Minderheit befindet sich in Opposition zu Peking, weil sie ihrer eigenen kulturellen und religiösen Prägung folgen will. Das verbietet Peking.

Die chinesische Regierung befindet sich daher im Fokus der internationalen Menschenrechtsorganisationen. Auch Regierungen, die intensive Wirtschaftsbeziehungen zu China haben, kommen daran nicht mehr vorbei. Der Druck wächst.

Währenddessen häufen sich Berichte, dass in der Region Xinjiang, Uiguren, angeblich absichtlich, mit Cov-Sars 2 infiziert werden. Sie dienen unfreiwillig als Versuchspersonen für die Impfstoffentwicklung. Darunter auch Kinder. Die Vorwürfe kommen vor allem von Exil-Uiguren, die von ihren Angehörigen in den Lagern informiert werden. Ein Beispiel stellt ein Chefingenieur der Nasa, Erkin Sidick, gegenüber ntv dar, der mit seiner Organisation Menschenrechtsverstöße gegen sein Volk dokumentiert. Er spricht von absichtlichen Infektionen und Zwangsimpfungen und Isolation der Menschen in den Lagern und legt zumindest plausible Indizien vor. Beispielsweise fällt auf, dass der offizielle chinesische Infektionsverlauf in den Lagern bei 20 000 Infizierten linear abbricht. Pharmafirmen brauche für ihre Studien etwa zwanzigtausend Versuchspersonen. Sidick zieht die Parallele, dass hier ein Ausbruch simuliert wurde, um einen der drei Impfstoffe zu testen. Tatsächlich wurden aus den Familien einzelne Personen, auch Kinder, herausgegriffen, isoliert und untersucht. Sie bekamen Medikamente und Spritzen, ohne, dass es Einwilligungen dafür gab. Die Menschen wurden erst wieder entlassen, wenn sie schriftlich erklärten, über die medizinischen Vorgänge zu schweigen. Genau während dieser Zeit wurde ein rigider Lockdown verhängt, den man als Lockin bezeichnen muss, weil die Bewohner ihre Häuser und Wohnungen nicht mehr verlassen durften und sich nicht mehr mit Lebensmitteln versorgen konnten.

Welcher Impfstoff auf diese Weise entwickelt wurde, ist unbekannt. Es könnte sich um Sinuvac oder um Sinopharm gehandelt haben. Letztere wurde allerdings mit dem, unter Militäraufsicht stehenden, Institut für Virologie in Wuhan zusammen entwickelt. Es ist eher unwahrscheinlich, dass die Chinesen in Wuhan nicht genug Versuchspersonen für eine klinische Phase-3 Studie bekommen hätten. Allerdings gibt Sinopharm genau 20 000 Personen für eben diese Studie an. Die Sache bleibt nebulös, zumal es eine Reihe weiterer Vorwürfe wegen schweren Menschenrechtsverstößen in Xinjang gibt. Das geht bis zu Zwangssterilisationen und erzwungenen Abtreibungen in den Lagern, die man wohl als Konzentrationslager bezeichnen muss.

Die Vorstellung, dass das chinesische Militär bei dieser Gelegenheit Nanobots, also biologische Maschinen auf molekularer Ebene bei den Uiguren getestet haben könnte, ist allerdings reine Fiktion und derzeit durch nichts anderes gestützt, als die naheliegende und vollkommene Skrupellosigkeit der chinesischen Behörden und des Militärs. Das reicht aber für eine solche Behauptung natürlich nicht aus.

Pikant ist, das deutsche Technologieunternehmen wie Siemens in der Region, in der sich auch die Konzentrationslager befinden, mit der chinesischen Rüstungsindustrie im Bereich Überwachungstechnologie, zusammenarbeitet. Es steht die Behauptung im Raum, dass Siemens sich auch an einer App des militärischen Produzenten „China Electronics Technology Group Corporation“ (CETC) beteiligt habe, welche zur Überwachung der Uiguren eingesetzt wird.

Siemens gibt dagegen an, für CETC nur Fertigungslösungen zu entwickeln. Tatsächlich wirkt das aber wenig relevant, weil CETC bereits wegen weltweit eingesetzter Überwachungstechnologie (darunter intelligente Gesichter-Erkennung, Spionage-Software) von den USA sanktioniert wird. Außerdem forscht und produziert CETC über Drohnenschwärme, die komplexe Überwachungsfunktionen für das Militär und Behörden übernehmen können und möglichst klein sein sollen (beispielsweise so groß, dass man sie mit Insekten verwechseln kann, was die USA auch tun).  Auch hier dürfte der deutsche Technologiekonzern ein geeigneter Partner sein.

Das alles reicht nicht aus, um zu unterstellen, dass China mit deutscher Hilfe Nanobots entwickelt, die dann auch gegen missliebige Minderheiten, politische Oppositionelle und vielleicht auch gegen andere Länder eingesetzt werden. Aber die existierenden Kooperationen, auch mit französischen und englischen Unternehmen, sind teilweise dafür geeignet.

Diese Situation stützt die Aussagen von Brands Vorgesetzten Chief, in der Geschichte, dass keine europäische Regierung ein Interesse daran hat den „chinesischen Verdacht“, der ja einen biologisch-technologischen kriegerischen Angriff auf die Welt und insbesondere Europa meint, offen anzusprechen. Nicht einmal dann, wenn er sich erhärten ließe. Vor China knickt zurzeit ganz Europa ein und das hat etwas mit dem hohen Engagement europäischer Firmen in dem Land und umgekehrt, chinesischer Firmen in der EU zu tun.

Dies bedeutet auch, dass der „chinesische Verdacht“ in der europäischen Öffentlichkeit wohl auch dann nicht geäußert würde, wenn belastbare Geheimdienstinformationen über einen solchen Angriff vorliegen würden. Man würde versuchen, den Angriff als Naturkatastrophe darzustellen und so gut es geht zu bewältigen. Zumal China bei dieser Deutung den europäischen Regierungen beipflichten würde, während es eigentlich Krieg gegen sie führt.

“A silenced World controlled by Beijing”

Das Zitat stammt nicht aus einem amerikanischen Bericht, sondern vom estnischen Geheimdienst, Välisluureamet. China hat bereits offiziell protestiert und eine Änderung des Geheimdienstberichtes gefordert.

Sinngemäß werden die chinesischen Taktiken beschrieben, Kontrolle über andere Länder zu bekommen, um sie dann unter Druck setzen zu können.

“The coronavirus crisis offered new opportunities for authoritarian regimes to exert influence. In a time of universal maskwearing some masks also fell off.”

Ganz besonders scheint das für das außenpolitische Konzept Chinas zu gelten, das auf eine „Schicksalsgemeinschaft der Welt“ a „community of common destiny“ pocht, aber damit vor allem eigene hegemoniale Interessen meint, die es zunehmend aggressiv verfolgt. 

Gleichzeitig versucht China der Welt eine eigene Umdeutung von Menschenrechten aufzudrängen, in deren Mittelpunkt nicht mehr die freie Entfaltungsmöglichkeit des Individuums, sondern lediglich ein Recht auf wirtschaftliche Prosperität und Sicherheit stehen, für das eine Aufgabe von Freiheit in Kauf genommen werden muss. Es ist die chinesische Vorstellung einer kontrollierten Sicherheitswelt.

Das „chinesische Virus“ wirkt hier fast wie ein Instrument, diese Weltsicht durchzusetzen. Denn es fordert massive freiheitsbeschränkende Maßnahmen von allen betroffenen Ländern und rückt die Sicherheit einer tatsächlichen „community of common destiny“, angesichts der Pandemie, ganz in den Vordergrund. Menschenrechte, im westlichen Verständnis von Humanität, spielen nur noch eine untergeordnete Rolle.

Der Geheimdienstbericht schreibt hierzu:

“Simultaneously in China, the media, heavily controlled by the Communist Party, was actively defaming, demonising and ridiculing Western democracy, saying that only an authoritarian system like China could successfully defeat the virus.”

Wenn diese Strategie verfängt, westliche Demokratien für unfähig zu erklären, die Bedrohung abzuwehren, was laut chinesischen Medien für den autoritären chinesischen Überwachungsstaat spräche, hat Peking tatsächlich gewonnen.

Das Resultat ist dann tatsächlich eine schweigende Welt, die von Peking kontrolliert wird, wie es im Augenblick den Anschein hat. Denn das totalitäre chinesische Denken hat sich in den letzten Monaten rasend schnell um die Welt bewegt und bestimmt die (Krisen-)Politik in vielen Ländern.

Die beklemmende Frage, ob dieses Virus absichtlich von China in die Welt gesetzt wurde, welche die WHO auch in ihrem Bericht über die Herkunft von Cov Sars 2 gar nicht ernsthaft erwägen wollte, sollte also ernsthaft untersucht werden. Denn wenn sich dies bestätigt, wäre das ein chinesischer „Angriff auf die Welt“ und würde zu einer kompletten Neubewertung dieser „größten Diktatur der Erde“ führen müssen.

XB 1

Beim XB1 handelt es sich um ein privat entwickeltes Überschall-Passagierflugzeug, das aber derzeit nur in einem Prototypen besteht, der noch nicht fliegt. Somit ist der Testflug eine Fiktion und der Testpilot, John Miles, ebenfalls.

London City Airport

Wegen der Pandemie und den Einbrüchen im Flugverkehr ist der London City Airport seit 2020 geschlossen. Testflüge finden dort nicht statt oder sind zumindest nicht bekannt.

Golf R

Der Golf R ist natürlich keine Fiktion, den gibt es wirklich. Ich erwähne das Fahrzeug explizit nicht deshalb, weil ich einen Werbevertrag mit Volkswagen hätte, sondern weil es der außergewöhnlichste Golf ist, der in Serie gebaut wird. Im Unterschied zum Golf GTI mit Frontantrieb, hat der R einen Allradantrieb, den man auf Drift einstellen kann. Dies bedeutet, dass die meiste Power dann auf die Hinterachse geht und der Wagen sich wie ein Hecktriebler fahren lässt. Dadurch ist er auch für effektvolle Verfolgungsjagden in einer Agentengeschichte geeignet.

Kapitel 4

Brands Wecker klingelt um Drei. Es ist einer von der Sorte, die sich mit einer unfreundlichen Geste vorrübergehend zum Schweigen bringen lassen, aber letztlich erst aufhören, wenn man in der Dunkelheit den kleinen Knopf findet, den Alarm abzustellen.

Brand tastet nach ihm und landet mit seiner Hand in einer verwühlten, weiblichen Frisur.“ Ach Mark“, seufzt es neben ihm, „lass mich schlafen“. Lucy, eine Barbekanntschaft, die er mit in sein Hotelzimmer nahm, schläft weiter.

Marc geht ins Bad und klettert aus seinem Pyjama. Die warme Dusche schläfert ihn noch ein wenig ein, doch dann denkt er an John Miles und will auf keinen Fall zu spät kommen.

„Wohin gehst Du“, fragt Lucy mit schläfriger Stimme, als Brand vor seinem Kaffee sitzt, der aus der Minibar stammt und ein Croissant aus der Plastiktüte dazu isst.

„Ich gehe fliegen“, entgegnet 00Y heiter.

„Aber Du bist doch heut´ Nacht so schön geflogen“, seufzt Lucy mit einer leicht lispelnden Stimme.

„Warum müssen die Frauen immer alles auf sich selbst beziehen“, denkt Brand kurz und antwortet:

„Natürlich Darling“, er beugt sich zu ihr und küsst sie sanft auf ihre Schulter, „aber heute will ich noch höher hinaus.“

Brand verlässt die schmollende Lucy und nimmt ein Taxi, das vor dem Hotel steht. „City Airport. Private Jet Center“, sagt er kurz und das Taxi setzt sich in Bewegung.

Gegen 10.00 ist der Testflug vorbei. John und Marc gehen über das Apron zurück zum Jet Center. Sie sind in ein aufgeregtes Gespräch über die Flugeigenschaften des Jets vertieft, als Bond einen gepflegten Engländer mit Aktentasche aus der kleinen Abfertigungshalle kommen sieht. Es ist Klixfield, den er sofort erkennt.

Ohne die beiden zu beachten, geht der Geschäftsmann eilig in die Richtung eines bereit stehenden Jets. Als er etwa die Hälfte des Weges geschafft hat, hört Brand hinter sich etwas fallen, einen Aktenkoffer, der auf dem Asphalt aufschlägt. Er dreht sich um und erkennt, dass nicht nur der Aktenkoffern am Boden liegt, sondern auch Karl Klixfield. Die beiden eilen hin, um ihm aufzuhelfen und sehen den Mann mit einem Loch im Rücken leblos liegen. Kurz schauen sie sich um, ob der Schütze noch zu sehen ist, ohne Erfolg. Brand dreht Klixfield um, der kurz zu Bewusstsein kommt und leise redet.

„Sie wollen meine Tochter. Sie ist nicht tot. Sie haben mich gezwungen und ich bin geflohen.“ Mit einem besorgten Gesicht verstirbt der Engländer. John schaut Brand fragend an. Der durchsucht die Jackentasche des Toten nach seinem Smartphone und findet es. Es verschwindet schnell und unauffällig in Brands Tasche.

Mehrere Flughafen-Mitarbeiter kommen auf das Vorfeld gelaufen und Brand ruft Ihnen zu, dass man einen Krankenwagen brauche. „Die Kugel kam von da oben“, sagt John und zeigt auf das Dach. Aber das Dach des kleinen Terminals ist gut einsehbar und dort befindet sich niemand mehr.

Der Krankenwagen kommt und Brand gibt sich als MI6-Agent zu erkennen. Er bittet das Rettungsteam, den Toten zu intubieren und mit Blaulicht ins Krankenhaus zu fahren. Die Sanitäter zögern, aber Brand flüstert, dass es wichtig sei. 00Y steigt hinten mit ein. John bleibt zurück.

Auf dem Weg ins Krankenhaus überprüft Brand Klixfields Telefon. Dort finden sich tatsächlich mehrere SMS von Tia Nam. Bond schnalzt mit der Zunge und atmet scharf ein. Die Chinesin war sehr unvorsichtig, Kontakt mit ihrem Vater aufzunehmen. Sie ist jetzt ebenfalls in Gefahr.

00Y hofft, dass die Killer den Krankenwagen gesehen haben und ihm nun in das Nightingham Hospital folgen. Er meint aus der Rückscheibe des Krankenwagens einen grauen BMW zu sehen, der bereits die gesamte Victoria Dock Road hinter ihnen fährt, aber er ist nicht sicher.  Er gibt Anweisung, die Rettung des toten Klixfields weiter zu spielen, bis sie in der Notaufnahme sind. Tatsächlich kommt der Verfolger bis zur Rampe des Krankenhauses und bleibt dort stehen.

Durch einen Seiteneingang verlässt Brand das Hospital wieder und kann sich von hinten an das Fahrzeug anschleichen. Einer steigt aus und geht Richtung Notaufnahme. Er hat ein asiatisches Aussehen, was in London allerdings nicht viel bedeutet.

Er erkennt aber am Gang, dass er eine Waffe unter der Achsel tragen muss. Der linke Arm hängt ruhig herunter und die rechte Hand bewegt sich langsam zur Mitte seines Körpers. Der Agent zögert nicht lange. Er zieht seine Waffe und zielt auf die Beine des Mannes. Dann springt er in Deckung.

Der mutmaßliche Killer ist kurz zusammengebrochen, richtet sich aber auf und schleppt sich zurück zum Fahrzeug. Er kriecht hinein und der Wagen fährt mit Vollgas davon. Brand kapert das Fahrzeug eines jungen Mannes, einen weißen VW-Golf und nimmt die Verfolgung auf. Der Mann den er unsanft aus dem Wagen gezogen hat, schaut ihm verblüfft hinterher.

Der BMW rast die Victoria Dock Road entlang und folgt ihrem Verlauf auf den Silvertown-Way nach Norden. Dort beschleunigt das Fluchtfahrzeug auf über 120 mph. Darauf schleudert es nach links in Richtung Newham Way und legt dabei noch einmal Tempo zu.

Marc Brand, der sich das nächstbeste Auto zur Verfolgung gegriffen hatte, kann dran bleiben. Der Golf ist zufällig eine R-Version mit über 300 PS und driftet ohne Probleme dem großen BMW hinterher.

Aus dem großen grauen BMW, der aussieht, wie eine Schildkröte im Rennmodus, wird auf Brand geschossen. Der weiße Golf jedoch folgt dem größeren Fahrzeug wie eine Nähmaschine bei der Zickzack-Naht und kann problemlos dran bleiben. 

Der East India Dock Road Tunnel wird dem Killer-Team zum Verhängnis. Beim waghalsigen Versuch einen Stau rechts liegen zu lassen, touchiert das Fahrzeug die Betonwand und gerät ins Schleudern, kracht in mehre Fahrzeuge und landet schließlich vor einem Betonpfeiler. Brand nähert sich dem dampfenden Wrack und steigt aus. In dem Fahrzeug befindet sich kein Leben mehr. Die Männer sind tot. Eine Tür ist beim Aufprall aufgesprungen und der Fahrer liegt halb auf der Straße. Der Agent beugt sich über ihn und greift in seine Tasche. Die Brietasche enthält einen Führerschein und den Fahrzeugbrief. Brand steckt beides unauffällig ein und verschwindet durch eine Fluchttür des Tunnels.

Brand erwischt ein Taxi und beginnt auf dem Rücksitz die Papiere des Fahrers zu überprüfen. Der Mann scheint aus Hongkong zu kommen. Der BMW aber ist auf den toten Klixfield zugelassen. Die Killer könnten dem Geschäftsmann das Auto entwendet haben, samt der Papiere, aber das kommt Brand irgendwie seltsam vor.  Ihm scheint es eher so, dass Klixfield seine Mörder kannte. Diese haben vielleicht sogar für ihn gearbeitet. Sie haben ihn zum Flughafen gebracht und dann hinterrücks erschossen. So ist Klixfield vielleicht in einen Hinterhalt geraten mit dem er nicht gerechnet hatte. Vor wem aber ist er geflohen?

Das doppelte Spiel ist für alle Geheimdienste der Welt eine Routine. Nur welcher Geheimdienst, hatte dem Mann derartig eingeheizt, dass er sogar seine Tochter in London zurückließ, als er flüchtete? Welcher Geheimdienst könnte die Killer in seiner Nähe positioniert haben, so nah, dass sie für ihn arbeiteten?

Auf alle Fragen fiel Brand immer zuerst ein Name als Antwort ein. „Wu“.

Brand schätzt den kleinen, korrupten Mann aus Hongkong nicht so ein, dass er wirklich das große Rad drehen würde, aber er findet keine Alternative zu dieser Antwort.

Das Versteck

Das Taxi hält an einer der zahlreichen Brücken, die über die Themse führen, unweit von China-Town oder dem, was früher China-Town war. Denn ursprünglich hatten sich die Chinesen bei den Docks angesiedelt, wo die Schiffe aus Hongkong ankamen. Erst später wanderte Chinatown weiter vom Hafenviertel weg.

Er steigt die Treppen zur Themse hinab und überprüft, ob er beobachtet wird. Dann geht er schnell zu einem der dort liegenden Lastkähne, der verlassen und dunkel im schwarzen Wasser der Themse schaukelt.

Er klopft an eine Luke und Tia Nam öffnet ihm sofort. Sie ist aufgeregt und will Brand wegen ihres Vaters sprechen, der in höchster Gefahr sei. Man wolle von ihm ihren Aufenthaltsort und droht ihn zu töten. „Wer“, fragt Brand. „Wu“, stößt sie hervor, „und  der ganze korrupte Apparat, zu dem er gehört!“

Brand wird immer ruhiger.

Er kennt Tia Nams Geschichte und ihre Version vom Mord an Godfrey. Die chinesische Geheimpolizei stecke dahinter. Immer wieder Wu. Brand vermeidet es, der jungen Wissenschaftlerin vom Tod ihres Vaters zu berichten. „Für wen arbeitet Dein Vater,“ fragt er sie scharf.

Tia Nam schweigt beharrlich. Vor einigen Tagen waren die beiden sich näher gekommen und der Agent hatte beschlossen, die Wissenschaftlerin zu schützen, hat sie hier auf das Boot gebracht.

„Tia Nam, für wen arbeitet Dein Vater,“ wiederholt Brand seine Frage.

Die junge Virologin mit dem runden Gesicht und der scharf geschnittenen Nase ihres Vaters, schaut nach unten. „Warum fragst Du das, Mark, wenn ich es Dir schon gesagt habe?“

„Weil ich glaube, dass der Auftraggeber Deines Vaters, ihn hat umbringen lassen.“

Augenblicklich schaut er in die weit aufgerissenen, dunklen Augen der Frau.

„Mein Vater ist…?“

„Ja“, sagt Brand leise, „ er ist tot. Er ist heute erschossen worden. Ich glaube nicht, dass Wu dahinter steckt.“

Die junge Frau verbirgt ihr Gesicht, ihre Körper verliert dabei die Spannung. So kauert sie eine Weile auf dem alten Sofa, das in der ehemaligen Kajüte des Lastkahns steht. Der Raum ist dämmerig durch das Licht einer alten Petroleum-Lampe erleuchtet, aus der ein dünner Faden Rauch aufsteigt. Die Fenster sind verhangen. Brand sitzt auf einem Stuhl gegenüber von Tia Nam und beobachtet sie.

„Es tut mir leid“, sagt er, „ich konnte nichts tun. Er wurde hinterrücks erschossen, als er zu seinem Flugzeug ging.“

Brand steht auf und geht zu einer alten Vitrine, auf der ein Gaskocher steht. Er setzt Wasser auf und holt zwei Tassen aus dem Glasaufsatz des Möbels. In einem Regal stöbert er nach essbarem und findet ein chinesisches Schnellgericht, das er in den Topf füllt. Dann nimmt er etwas Tee und schüttet ihn in eine Kanne, gießt kochendes Wasser darauf und nimmt das übrige Wasser für das Schnellgericht.  Reis mit Hühnchen in der Instant-Version.

Der Duft chinesischer Gewürze lässt die Engländerin mit chinesischen Wurzeln wieder zu sich kommen. Brand stellt ihr eine kleine Schüssel vor die Nase und den Tee dazu. Dann bedient er sich selbst. Die beiden essen schweigend.

 „Es gab noch jemanden“, sagt sie irgendwann.

Brand schiebt seine Schüssel weg und schaut aufmerksam.

„Mein Vater exportierte medizinisches Gerät und Medikamente nach Afrika. Er hatte auch eine Fabrik, die für ihn produzierte, nicht weit von Shenzhen, er war öfter dort. Ich bin dahinter gekommen, dass diese Fabrik nur nachts für meinen Vater produzierte. Tagsüber produziert man vor allem Vakzine und Medikamente, auch gegen Ebola. Ich war nie da, aber mein Vater sagte mir im Vertrauen, dass diese Fabrik sehr groß ist und er dort mehr als gute Geschäfte mache. Aber er wollte mich fernhalten, was ich deutlich spüren konnte.“

„Wem gehört diese Fabrik“, fragt Brand.

„Ein chinesisch-amerikanisches Joint-Venture. Zur Hälfte dem chinesischen Staat und zur anderen Hälfte dem Amerikaner Gabil. Typisch für China. Sie holen sich ausländisches Know-How auf ihr Staatsgebiet und drängen dann die Ausländern langsam heraus.“

Brand hat längst begriffen, dass die Virologin mehr drauf hat, als Wissenschaft und Forschung. Sie hatte ihrem Vater aufmerksam beobachtet und was sie fand, beunruhigte sie zunehmend.

„Was hat Dein Vater dort nachts produzieren lassen?“

„Auftragsarbeiten. Vor allem Medikamente für Afrika“ antwortet Tia Nam, „Nigeria, genauer gesagt.“

Schenzhen ist nicht weit von Hong-Kong, denkt der Agent für sich.

„Kannst Du mir die Fabrik zeigen?“

Fortsetzung folgt

Hintergrund – Realität und Fiktion

Illegale Produktion von Medikamenten

Illegal produzierte Medikamente, Fälschungen echter Medikamente und Medikamente als Tarnung für illegale Drogen, sind ein Markt, in dem Jahr für Jahr viele Milliarden Dollar umgesetzt werden. Etwa die Hälfte, so lauten die meisten Schätzungen von Experten, wird in China und Indien produziert.

Die Produzenten reichen von der chinesischen Mafia bis hin zu zertifizierten und legalen pharmazeutischen Unternehmen, die ihre Bulkware neben der eigentlichen Produktion nachts produzieren. Oft handelt es sich auch um Vorläuferstoffe der Arzneien, ebenso oft aber auch um fertig verpackte Medikamente.

Wie viele Menschen global durch Fake-Arzneien ums Leben kommen, ist nicht bekannt, aber es dürften mehr sein, als es Drogentote gibt.

Ein BKA-Bericht von 2007 bezeichnet die Arzneimittelkriminalität als Wachstumsmarkt. „Erkenntnisse zu den Herkunftsländern lagen teilweise vor. So wurden überwiegend China und Indien als „wichtigste Quellen“ von Arzneimittelfälschungen bzw. Wirkstoffen, die in Fälschungen verarbeitet werden sowie im Bezug auf illegale „Klone“ westlicher Medikamente benannt. Eigene Erfahrungen der Befragten zu diesen Ländern bezogen sich auf das Gebiet nicht zutreffend gekennzeichneter Wirkstoffe. In dem Zusammenhang wurde im Rahmen von Expertengesprächen bestätigt, dass Fälschungen teilweise auch in Zusammenarbeit mit kriminellen Mitarbeitern aus der legalen Produktion im Ausland stammen. … Es bestünde die Gefahr, dass nachts– außerhalb der legalen Fertigung – illegal produziert oder Bulkware (meist Wirkstoffe, die weiterverarbeitet werden können, Anmk.)verkauft wird. Ein wesentliches Problem sei auch das mangelnde Sicherheitsbewusstsein der produzierenden Pharmaunternehmen.“

Die Frage, ob es in China kriminelle Arzneimittelhersteller gibt, ist eigentlich keine Frage mehr. Es muss sie geben. Interessanter sind aber die Formen der Produktion, die sich zu ändern scheinen. Mit der Zunahme zertifizierter Hersteller, kommt es auch zu einem höheren (Konkurrenz-)Druck, neben der offiziellen Produktion auch illegal zu produzieren und zu verkaufen.

2007 haben Experten, die gefälschte Arzneimittel, die nach Europa kamen, genau analysieren ließen, noch festgestellt, dass ein Schwerpunkt der Produktion im Drei-Ländereck zwischen Südchina, Vietnam und Burma liegen müsse. Inzwischen gibt es Berichte, die davon ausgehen, dass die kriminelle Produktion in ganz China stattfindet und im großen Stil über Hong-Kong in die Welt exportiert wird. Ein Schwerpunkt ist natürlich Afrika und hier insbesondere Nigeria, wo es ein großes Distributionssystem mit vielen Händlern und ebenfalls vielen Produktionsanlagen gibt.

Die Liste von Pharma-Unternehmen in Shenzhen, das in direkter Nachbarschaft von Hongkong liegt, ist lang. Es kann also durchaus sein, dass dort auch eine Reihe krimineller Produzenten, auch in legalen Produktionsstätten am Werk sind. Die Produkte können von Shenzhen dann schnell außer Landes gebracht werden.

Wenn in der Geschichte der Vater von Tia Nam, Karl Klixfield, bei einem Pharmahersteller in Shenzhen Arzneien für Nigeria in Nachtarbeit fertigen lässt, ist die Sache mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht legal. Es wäre auch kein Problem, in so einer offiziellen Produktionsstätte Impfstoffe herzustellen, die dann mit Zusätzen versehen werden, die nicht vermerkt sind. Beispielsweise auch mit Molekularen Drug-Transportern, die sich im Impfstoff lösen und dann in den Körper der Betroffenen gelangen.

Schließlich wäre es möglich, Zusatzstoffe, die in Impfmitteln benötigt werden, zu produzieren und als Bulkware an den eigentlichen Produzenten zu liefern. Ob man solche Vorläufersubstanzen dann mit molekularen Drug-Transportern, also Nanobots anreichern kann, ist aber fraglich.

Trotz der vermutlichen Machbarkeit handelt es sich hier um Fiktion, weil es für solche Vorgänge keinerlei Hinweise gibt. In Abwandlung eines Brecht-Zitates könnte man allerdings sagen:

„Der Boden ist fruchtbar schon, aus dem das kriechen wird.“

Science Fiction ist das eigentlich nicht mehr und Biowaffen in Medikamenten um die Welt zu schicken ist ohne weiteres möglich. Die chinesische Arzneimittelkriminalität wird von Experten als vollkommen skrupellos eingeschätzt und niemand weiß, wie weit die Kontakte dieser Kriminellen zur chinesischen Nomenklatura reichen. Vielleicht bis hinauf zum Präsidenten.

Fazit:

Die Geschichte ist Fiktion mit einem bedrohlich realen Hintergrund.

Gabil ist Bill Gates

Der Geschäftspartner von Klixfield, Tia Nams getötetem Vater, heißt in der Geschichte „Gabil“. Gemeint ist zumindest teilweise Bill Gates mit seiner Stiftung, die seit 2007 auch in China aktiv ist.

Bei der Partnerschaft mit China geht es der Stiftung ganz offensichtlich um die Neuentwicklung und günstige Produktion von Impfstoffen und Medikamenten für Afrika. Auch ist vom Aufbau neuer Produktionskapazitäten in Afrika die Rede, mit chinesischer Hilfe. Das zunächst einmal ehrenwerte Modell krankt allerdings daran, dass China seine Impfstofflieferungen und Investitionen in den Gesundheitssektor ärmerer Länder, auch in Afrika, an politische Knebelverträge knüpft, die diese Länder in eine politische Abhängigkeit von der größten Diktatur der Erde bringt.

Es ist nicht ganz klar, ob Gates so naiv oder so berechnend ist, dass er diese Art der Kooperationen für Afrika bevorzugt. Bereits während der African-Green-Revolution-Kampagne der Stiftung wurde mit Monsanto zusammengearbeitet. Der Konzern ist für seine agroindustrielle Ausrichtung bekannt und hat in verschiedenen afrikanischen Ländern gerade nicht die kleinen Bauern gefördert, sondern geschädigt und analog zu China, in Abhängigkeit vom eigenen Konzern gebracht.

Es scheint so, als würde Gates überall den großen Wurf suchen und dann mit möglichst skrupellosen Akteuren zusammenarbeiten. Dass nun ausgerechnet die Bundesregierung ein intensiver Partner der Stiftung ist, spricht nicht gerade für Deutschland, das aber auch dafür bekannt ist, statt echter Entwicklungshilfe eine postkoloniale Abhängigkeit in der dritten Welt, insbesondere von der EU, zu fördern.

Einen Höhepunkt mangelnder Seriosität hat die Stiftung allerdings mit ihrer Kampagne gegen das Bargeld erreicht. Die „Better then cash alliance“, in der auch Kreditkarten-Konzerne und die Bundesregierung Mitglied sind, soll angeblich den armen Ländern zu Gute kommen, ohne dass erklärt werden kann, wo für arme Bauern in Afrika der Vorteil liegt. Bargeldlose Zahlungen finden meist in harten Währungen statt, was für Menschen in Ländern mit weichen Währungen und hoher, oft auch notwendiger, Abwertungstendenz, schon seit Jahrzehnten den Ruin bedeutet.

Beispiele für solche Euro-Dollar und Yuan-Abhängigkeiten gibt es aus den ehemaligen sowjetischen Republiken aber auch in Südamerika, Afrika und Asien in Unmengen. Die Abschaffung von Bargeld ist eine neoliberale Phantasie der Finanzmärkte, auf die sich die Gates-Foundation und die Bundesregierung gesetzt haben. Am Ende profitieren davon die globalisierten Finanzmärkte, aber nicht die armen Leute überall auf der Welt.

Besonders pervers ist hier, dass ein und dieselbe Stiftung mit Ländern wie China zusammenarbeitet, die die Selbstbestimmung von Entwicklungsländern auf allen drei genannten Ebenen untergräbt. Im Gesundheitssektor, im Agrarsektor und ganz besonders im Finanzsektor.

Das alles auf Naivität der Gates-Foundation zurückzuführen, ist schon eine extrem philantropische Position, die hier gegenüber Gates nicht geteilt werden kann.

Sorry, aber Bill Gates ist in dieser Geschichte der Bösewicht und er wird das, in der Rolle des Gabil, auch noch zeigen!

Kapitel 5

Brand trifft 00M in der Newport-Street in einem kleinen Massagesalon, der eigentlich geschlossen ist. 00Y kennt die Besitzerin, die auch eine ausgezeichnete Akkupunktur zu bieten hat, welche der Agent nach den Strapazen der letzten Tage dringend nötig hat.

Er liegt rücklings auf der Massagebank, als Moneycent das kleine Etablissement betritt. Ihre Augen leuchten kurz auf, als sie Marc´s maskuline Brustbehaarung erblickt. Nach der Begrüßung bemüht sie sich um einen nüchternen Ton.

„Der Uigure heißt Sadock. Er sagt, er habe Beweise für Menschenversuche in einem neu erbauten Umerziehungslager für Uiguren. Er will Dich sprechen, Marc.“

„Hat er dir etwas gegeben“, fragt Brand.

Moneycent schüttelt kurz den Kopf. Er hat mir ein Video gezeigt, das aber schon öffentlich ist. 00M hält ihm ihr Huawei Smartphone vor die Nase. Brand betrachtet das Video von Yengyer, einem neu erbauten Gefängnis, das zum Zeitpunkt des Drehs aber noch nicht belegt war. An den Wänden stehen Slogans der Kommunistischen Partei Chinas. Es handelt sich um ein Hochsicherheitsgefängnis mit perfekter Überwachungsanlage.

„Die Koordinaten sind 43.977428, 81.138830“, erwähnt 00M, die sehr stolz auf ihr Gedächtnis ist.

Brand gibt die Koordinaten in sein Smartphone ein, das er etwas umständlich aus seiner Hose fingert. Über seinen Mund spielt ein leichtes Lächeln.

„Gar nicht weit von der kasachischen Grenze“, denkt er, „das ist gut.

“ Wo treffe ich diesen Sadock?“

„Tea-Time“, lächelt Moneycent, „17 Uhr ist er in der Telefonzelle gegenüber dem Casino in der Little Newport-Street.“

„Ich werde da sein“, antwortet Brand.

Es läuft nicht normal

Nach der Behandlung gönnt sich Brand noch einen kleinen Spaziergang und begnügt sich dabei notgedrungen mit Finger-Food. Die Restaurants haben geschlossen, wegen des chinesischen Virus. Natürlich kennt er einzelne Restaurants und Bars, die man durch einen Hintereingang betreten kann. Aber Brand verspürt keine Lust dazu. Nach der Massage mit Akkupunktur möchte er den Nachmittag mit schöner, langweiliger Normalität verbringen. Normalität entspannt den Agenten, der in London noch nicht einmal ein Appartement hat. Das wäre zu gefährlich für ihn. Brand wechselt regelmäßig seine Hotels.

Gegen 17.00 biegt er vom Newport Place kommend in die Little Newport-Street ein. Direkt an der Straßenecke befindet sich die klassisch rote Telefonzelle. Drinnen steht ein kräftiger, bärtiger Mann mit türkischem Aussehen, ganz offensichtlich ein Uigure, denn seine Augenpartie wirkt eindeutig asiatisch.

Die Uiguren-Region im Westen Chinas stand über Jahrhunderte unter persischem Einfluss und durch sie verlief die alte Seidenstraße, die China mit dem vorderen Orient verband. Heute verläuft dort die neue Seidenstraße, ein Projekt das über Kaschstan und Russland bis Europa reicht. Derzeit führt die Schnellstraße aber nur bis nach Korgos an der chinesischen Grenze.

Der Mann hängt nun den Hörer auf, schaut zu Brand und nickt ihm kurz zu. Dann wendet er sich zur Tür, öffnet sie und während Bond ein kurzes, helles Geräusch vernimmt, das von einem Schuss durch Glas herrührt, bricht Sadock zusammen. In seiner rechten Schläfe befindet sich ein kleines Loch aus dem ein feiner Streifen Blut rinnt.

„Verdammt“, denkt 00Y ich bin vom Pech verfolgt. „Nein“, korrigiert er seinen Gedanken kurz, „das Pech ist mir immer einen Schritt voraus.“

Er beugt sich zu dem Mann hinab und durchsucht seine Taschen. Sie sind leer. Nichts, nicht einmal eine Brieftasche.

Das Fenster aus dem der Schuss gekommen sein kann, ist längst wieder verschlossen. Brand sieht keinen Sinn darin, nach dem Schützen zu suchen. Er steht auf und geht. Einem schockierten Passanten sagt er schlecht gelaunt. „Rufen Sie die Polizei, der Mann ist tot.“ Erst in diesem Augenblick bildet sich eine Menschentraube um den Erschossenen.

Brand taucht unter

„Ich werde selbst tätig werden,“ sagt 00Y zu Chief, in dessen Büro.

 „Sie wollen wieder nach China“, fragt ihn sein Vorgesetzter. „Ja“, entgegnet der Agent, der schon einiges hinter sich hat, „ich werde ein paar Spuren verfolgen. Außerdem ist mir London zu unsicher geworden“.

Sein langjähriger Chef schaut ihn fragend an.

„In der Tat ist London sehr unsicher“, bekräftigt 00Y.

„Was meinen Sie“, fragt Chief irritiert.

„Ich meine den MI6“, gibt Brand scharf zurück, „es gibt hier ein Leck.“

Chief fängt sich wieder und fragt nüchtern: „Haben Sie einen Verdacht, 00Y?“

„Lassen Sie 00M überprüfen“, gibt Brand zurück, „bis dahin behalte ich meinen Aufenthaltsort für mich.“

„Sie denken, Moneycent…,“ fragt Chief ungläubig.

„Ich denke gar nichts“, gibt Brand zurück, „aber alle Kontaktpersonen, die sie überwacht hat, haben sich eine Kugel gefangen, bevor ich sie sprechen konnte. An einem normalen Arbeitsplatz würde man so etwas als Mobbing bezeichnen. Aber das ist ja hier kein normaler Arbeitsplatz.“

Brand, der irgendwie beleidigt aussieht, dreht sich um und geht zur Tür. Dann dreht er sich, mit der Klinke in der Hand, noch einmal um.

„Sie hören von mir, wenn es Neuigkeiten gibt.“

Brand nimmt ein Taxi zur Eastside und lässt sich erneut zu der Brücke an der Themse bringen. Dabei hat er bereits sein Kabinen-Gepäck, das aus einem einzigen Koffer besteht, und zwei Tickets nach Hongkong dabei. Er hat beschlossen, Tia Nam nicht allein in London zu lassen.

Grigori, sein bester persönlicher Kontakt im äußerst korrupten Beamtenapparat von Kasachstan, schuldet ihm noch einen Gefallen. 00Y hatte ihn vor zehn Minuten über das „Darknet“ kontaktiert und sein Kommen angekündigt. Der Russe, kasachischer Nationalität mit besten internationalen Kontakten, wird die neue logistische Basis sein, von der London keine Kenntnis hat.

Brand hat dafür gesorgt, dass seine Spur nach Hongkong führt und nicht nach Almaty. In Amsterdam werden die beiden das Flugzeug nach Doha besteigen. Die Hongkong-Route werden sie erst dort ändern, über Istanbul nach Almaty. In Hongkong, wo man sie erwartet, werden sie so schnell nicht ankommen!

Als Brand das Boot betritt erwartet Tia Nam ihn bereits ungeduldig. „Brand“ ruft sie verzweifelt, „ich halte es hier nicht mehr aus. Es ist so dunkel und stickig hier und ich habe Angst.“ Ihre Gesichtszüge wirken beherrscht, aber ihre Augen sind feucht und glänzen“.

„Sie weint, wie ein Hund“, denkt Brand kurz und verwirft diesen Gedanken wieder. „Wie weint ein Hund“, grübelt er kurz, als er in die untere Kajüte hinabsteigt.

Er wendet sich zu der kleinen Frau mit den Hundeaugen. „Dein Leiden hat jetzt ein Ende, wir verlassen London“.

Tia Nam atmet auf und lächelt leicht.

„Wohin fliegen wir“ fragt sie.

„Nach Kasachstan“, antwortet der Agent. „Ich kenne da jemanden, der sich auch um Dich kümmern wird. Er hat erheblichen Einfluss in Almaty.“

Tia Nam wird etwas reservierter. „Mafia“, fragt sie kurz, während sie ihre Reisetasche zusammenpackt.

„So ähnlich“, antwortet der Agent, „er ist Regierungsbeamter“.

Tia Nam träumt von einer heißen Dusche und stellt sich kurz einen goldenen Wasserhahn vor. Dann verwirft sie die alberne Vorstellung.

„Ich bin bereit, Marc“, sagt sie kurz.

Brand lächelt sie an. Er hat erneut das Gefühl, dass diese Frau ihm noch sehr zuverlässig helfen wird.  Es ist eigentlich nicht seine Art, aber er vertraut ihr.

Fahrt zum Flughafen

Auf dem Weg zum Flughafen wird ihr Taxi kurz aufgehalten. Ein Demonstrationszug mit knapp eintausend Teilnehmern fordert auf Transparenten, das neue Gesetz gegen Demonstrationen zurückzunehmen. Im Zuge der Pandemie werden Demonstrationen in Europa zunehmend verboten. Großbritannien hatte sich bisher zurückgehalten, aber nun mit diesem Gesetz das Demonstrationsrecht deutlich eingeschränkt, quasi unter Vorbehalt gestellt. Demonstrationen sind jetzt genehmigungspflichtig und die Polizei versucht, die Leute auseinander zu treiben.

„Die chinesische Krankheit“, denkt sich Brand und vermeidet es auszusprechen. Er will Tia Nam nicht kränken. Brand aber ist überzeugt, dass das chinesische Denken in Europa eingezogen ist und Werte wie Freiheit, Unabhängigkeit und Individualität in Frage stellt. Es graust ihm bei diesem Gedanken, aber das chinesische Virus wirkt wie ein machtvoller Vorbote des kommunistischen Regimes in Peking. Die ganze Szenerie erinnert ihn sehr an die Demonstration in Hongkong, an Bruce und Mary. Kurz bildet er sich ein, die beiden Geschwister hinter einem Transparent zu sehen. Dann schließt er die Augen, fühlt sich müde.

„An was denkst Du“, fragt ihn Tia Nam.

„An nichts Besonderes“, antwortet 00Y ruhig.

„Ich habe das Gefühl“, sagt sie nach einem kurzen Schweigen, „dass wir uns im Krieg befinden“.

„Stimmt“, antwortet Mark Brand und legt seinen Arm um ihre Schulter, „wir müssen jetzt nur den Angreifer finden, was nicht ganz leicht sein wird.“

Tia Nam nickt und lehnt sich bei ihm an. Sie ist müde und sie wünscht sich so sehr eine warme Dusche.

Fortsetzung folgt

Hintergrund – Fiktion und Realität

Konzentrationslager in Xinjiang

Die chinesische Regierung räumt inzwischen die Existenz von so genannten „Berufsbildungs-Zentren“ in Xinjiang ein, nachdem sie bis 2020 die Existenz von Lagern ganz generell bestritten hat. Der chinesische Außenminister hatte noch im letzten Jahr, 2020, von „Fake-News“ gesprochen.

Inzwischen sind die Beweise erdrückend, dass es hunderte dieser Lager gibt. Das „Australische Strategic Policy Institute“ (ASPI) hat über 380 Lager identifiziert. Die meisten dieser Lager liegen rund um die zentrale Taklamakan-Wüste.

Die Fluchtmöglichkeit, der geschätzt eine Million inhaftierten Uiguren, jeden Alters, einschließlich Kleinkindern und Säuglingen, sind entsprechend gering. Die Lager werden nach unterschiedlichen Sicherheitsstufen eingeteilt. Für ein Lager der höchsten Sicherheitsstufe interessiert sich der Agent Brand in der Geschichte. Es handelt sich um Yingyer.

Es wurde bereits vor Inbetriebnahme verdeckt gefilmt und soll inzwischen mehrere Tausend Häftlinge aufgenommen haben, nennt sich aber ebenfalls Berufsbildungszentrum. Es liegt am südlichen Rand der Taklamakan Wüste.

RTL hatte bereits Videos und Berichte veröffentlicht, nach denen die chinesischen Behörden in verschiedenen Lagern medizinische Experimente, mit dem Ziel der Impfstoffentwicklung gegen Cov Sars 2, auch zwangsweise durchführen ließen. In welchen Lagern das genau geschehen ist, wurde bisher nicht veröffentlicht, es muss aber die Region um die Hauptstadt Urumtschi gewesen sein. Viele dieser Berichte sind glaubwürdig und mit Videoaufnahmen unterlegt.

Über das Lager Yingyer (Yingyercun) ist noch wenig bekannt. Ob dort auch Menschenversuche stattfinden, wie in Lagern rund um die Hauptstadt Xinjiangs, Urumtschi, ist unbekannt. Das Lager wurde in der Agentengeschichte ausgewählt, weil es gut dokumentiert, besonders scharf überwacht wird und auf einem ehemaligen Militärgelände liegt. Das sind dramaturgisch interessante Eigenschaften für eine Agentengeschichte.

Auch wenn das Experimentieren mit Nanobots, an Gefangenen Uiguren, Fiktion ist, ist es dennoch nicht weit hergeholt. Die Lager werden genau wie die Nanobots in der Geschichte zum Zweck der Gehirnwäsche und Schwächung der Inhaftierten genutzt. Überwiegendes Instrument ist die Kontrolle. Den Inhaftierten Uiguren wird vermittelt, dass die chinesischen Behörden bis in den kleinsten Winkel ihres Privatlebens schauen können. Genau so ist das Lager Yingyer auch konzipiert (Totalüberwachung). Es wird immer wieder berichtet, dass die Inhaftierten danach bereits traumatisiert sind und dann zusätzlich noch Überwachungstechnologie mit sich tragen müssen. Beispielsweise Überwachungs-Apps, die gegen den Willen der Betroffenen auf deren Handys installiert werden. Überwachungs- und Manipulationstechniken, die in den Körper der Betroffenen eindringen, sind aber bisher nicht dokumentiert.

Dennoch sind sie möglich und bei entsprechendem Entwicklungsstand, muss man davon ausgehen, dass die chinesischen Behörden solche Instrumente auch ohne weiteres gegen die Uiguren einsetzen würden.

Fazit:

Es handelt sich hier lediglich um eine partielle Fiktion vor dem Hintergrund eines futuristischen und zugleich zutiefst unmenschlichen, realen Überwachungs- und Manipulationsapparates der Chinesen. Konzentrationslager, wie zu Maos Zeiten, treffen hier auf moderne chinesische Gehirnwäsche mit den Methoden der Folter, der Traumatisierung und moderner Informationstechnologie, vermutlich bald auch der Biotechnologie. Eben doch eher beklemmend real, als entspannend fiktional.

Demonstrationsgesetze in Großbritannien und Europa

Auf ihrer Fahrt zum Flughafen Heathrow wird das Taxi von Mark und Tia Nam von einer Demonstration aufgehalten. Hier wird gegen die Einschränkungen des Demonstrationsrechtes protestiert. Es geht um ein neues britisches Demonstrationsgesetz, das in der Tat einen „zunehmenden Hang zum Autoritarismus“ der britischen Regierung nahelegt, wie es in einer Unterhaus-Debatte kürzlich von der Opposition ausgedrückt wurde.  Auch friedliche Demonstrationen dürfen künftig aufgelöst werden, wenn sie die „Öffentlichkeit einschüchtern“ könnten oder ein „allgemeines Missbehagen“ auslösen.

Auch in Frankreich gibt es deutliche Verschärfungen des Demonstrationsrechtes seit Anfang 2020 mit einer „quasi Ermächtigung des zuständigen Polizeipräfekten“, Demonstranten von vornherein von der Demonstration auszuschließen. Eine Reihe anderer Gesetze stärkt die Rolle der Polizei, die ohnehin in Frankreich als ausgesprochen gewaltbereit bei Demonstrationen gilt.

In Griechenland gab es in 2020 ebenfalls Verschärfungen des Demonstrationsrechtes, die zu massiven Protesten in der Bevölkerung geführt haben und in Spanien gibt es bereits seit 2015 ein Demonstrationsrecht, nach dem im Prinzip jede Demonstration kriminalisiert werden  und aufgelöst werden kann. Teilnehmer erwarten dann hohe Strafen.  In den Niederlanden ist die Polizei in 2020 durch massive Restriktionen gegen friedliche Demonstrationen im Rahmen der Pandemie aufgefallen. In Deutschland ist das Demonstrationsrecht seit der Föderalismusreform 2006 von den Ländern geregelt. In Bayern wurde ein besonders restriktives Versammlungsgesetz beschlossen, das eine komplette Aufzeichnung von Demonstrationen durch die Polizei erlaubt, auch wenn es keinen Anlass dafür gibt. Veranstalter werden zu detaillierten Informationen über die Demonstration und ihre Teilnehmer gegenüber den Behörden verpflichtet. Dieses Demonstrationsgesetz wurde nach einer Verfassungsbeschwerde etwas nachgebessert, ist aber in seinen Grundzügen das schärfste und restriktivste Demonstrationsgesetz, das es in Deutschland gibt.

Fazit:

Angesichts der Niederschlagung der Demokratiebewegung in Hongkong durch China, die in Europa heftig kritisiert wurde, verwundert der autoritäre Kurs vieler europäischer Regierungen vor und während der Pandemie. Es ist, als sei der chinesische Geist in Europa eingezogen und  europäische Regierungen hätten jetzt die „Segnungen des Autoritarismus“ für sich entdeckt. Das gilt von Griechenland über Spanien und Frankreich bis Großbritannien, einschließlich der Niederlande, wenn man nur West- und Südeuropa betrachtet. In Osteuropa sieht es teilweise noch schlimmer aus.

Es wäre übertrieben, zu behaupten, dass das „chinesische Virus“ diese Entwicklung gegen die Demokratie verursacht hat. Das spanische Demonstrationsgesetz ist bereits von 2015, das Bayerische sogar von 2008. Aber das „chinesische Virus“ und die dadurch ausgelöste, weltweite Pandemie haben die Einschränkungen von demokratischen Regeln und Rechten, auch dem Demonstrationsrecht, seitens der Regierungen in Europa, ganz deutlich befördert. Die Beunruhigung, die Mark Brand und Tia Nam spüren, ist also durchaus berechtigt. Der Geist der chinesischen Diktatur zieht in Europa ein!

Kapitel 6

Nachdem der Agent und die junge Wissenschaftlerin in London-Heathrow das Flugzeug nach Hongkong bestiegen haben, schweigen sie lange. Sie sind mit ihren echten Pässen unterwegs, aber Brand hat darauf geachtet, dass sie einen billigen Flug, wie die meisten Touristen, nehmen. Beide sind in Jeans und Sportjacken unterwegs. Nur das fehlende Gepäck könnte auffallen. Wegen der beabsichtigten Flugänderungen will Brand schnell und flexibel bleiben. Da muss dann ein Kabinen-Trolley reichen. Seine Waffe kann er ohnehin nicht mitnehmen. Er wird sich in Almaty neu ausstatten müssen.

In Amsterdam-Shiphol setzt der Airbus etwas hart auf. Brand grinst und denkt an seine eigene Fliegerzeit. Es hat ihn gefreut, John Miles wiederzusehen.

Der Flug nach Doha mit Qatar Airways ist schon wesentlich komfortabler. Die Gesellschaft setzt die große Boeing 777 auf der Strecke ein, mit 550 Sitzplätzen. Tia Nam ist froh, dass sie sich während des sechsstündigen Fluges in den Gängen bewegen kann. Brand sitzt währenddessen an seinem Convertible und studiert Satelliten-Karten von Xinjiang. Er sucht nach anderen Lagern, die in einer australischen Studie identifiziert wurden und möglicherweise für ihn leichter zugänglich sind. Beispielsweise in Yining und der Hauptstadt Urumtschi, wo es auch eine Reihe von Lagern geben soll. Immerhin sind es über 380 Konzentrationslager, die von den Australiern gezählt wurden, viele davon liegen am Rande der Taklamakan-Wüste.

Allerdings wären die Chinesen nicht so dumm, Experimente mit so großer Tragweite in einem Lager durchzuführen, aus dem die Insassen entkommen können. Also muss das so genannte Re-Education-Camp, ein euphemistischer Ausdruck für Gehirnwäsche-Camp, tatsächlich so aussehen, wie das in Yingyer, dessen Koordinaten Moneycent ihm gegeben hatte.

Brand hat längst den Entschluss gefasst, mindestens einen Lagerinsassen, der mit einem Drug-Transporter infiziert ist, nach London zu schaffen und dort, genau wie Bruce, untersuchen zu lassen. Wenn bei ihm auch die Nanobots nachgewiesen werden, hat der MI6 zwei nachgewiesene Fälle, einen im äußersten Osten und einen an der westlichen Grenze des Riesenreiches. Die lokale Gliederung Chinas würde dann nahelegen, dass dieses Programm zentral angeordnet wurde. Der Verbrecher wäre dann nicht Wu in Hongkong, der ganz sicher ein Verbrecher anderer Art ist und nicht irgendein Geheimdienstchef in Xinjiang, sondern zwangsläufig der chinesische Präsident selbst. Nicht weniger als das, will Marcus Brand herausfinden.

Der Agent ist sich bewusst, dass die Chinesen ahnen, worum es dem britischen Secret-Service geht. Sie haben Brand längst auf dem Plan, was die Morde in London zumindest nahelegen. 00Y ist sich auch sicher, dass er es mit dem militärischen Arm des Geheimdienstes, der Abteilung für strategische Kampfführung, zu tun hat. Er kennt die chinesische Geheimpolizei, die in China sehr effizient gegen die eigene Bevölkerung vorgeht, aber im Ausland nichts auf die Reihe bekommt. Das ist nun die Aufgabe der vierten Brigade oder genauer gesagt, eines Teils dieser Einheit, die ihr Hauptquartier nördlich von Peking am Fuß des Yang-Gebirges hat. Jedenfalls waren die Morde in London nahezu perfekt ausgeführt und nur durch den Trick mit dem Krankenwagen konnte Brand drei dieser Agenten erwischen. Leider nicht lebendig.

Wie auch immer. Die Chinesen warten auf Brand und er wird sie nicht enttäuschen.

Er wendet sich an seine Begleiterin, die sich bei ihm angelehnt hat und etwas gedankenverloren, auf die bergigen Satellitenbilder schaut, welche Brand vor sich hat.

„Glaubst Du, dass man funktionsfähige Naniten mit einem Impfstoff injizieren kann“?

Sie nickt. „Ich vermute sogar, dass man sie im Impfstoff gar nicht spezifisch nachweisen kann, sie gehen bei der Analyse als leichte Verunreinigung mit DNA durch.“

Brand hebt die Augenbrauen und signalisiert Aufmerksamkeit.

„Vermutlich lassen sie sich erst nachweisen, wenn sie in die Blutbahn der Betroffenen geraten sind.“

„Es nützt also nichts die kontaminierten Impfstoffe aufzutreiben“, fragt er.

„Nein, man braucht das Blut der Infizierten. Allerdings nützt eine Blutprobe wohl auch nichts. Man braucht den Infizierten selbst, dem man diverse Male Blut abnehmen muss.“

Brand bedankt sich und lehnt sich lächelnd zurück. Er hatte also richtig gelegen. Er braucht den einen Infizierten und zwar in England im Labor und vor allem lebendig!

Brand checkt seine Nachrichten und findet eine von Chief, die stark verschlüsselt ist. Er liest sie mit einem von Z geschriebenen Programm auf seinem Blackberry aus.

Haben 00M überprüft, sie ist sauber, aber ihr Phone ist komplett verwanzt, so dass Z es entsorgen musste. Vorteil: Er konnte vorher die Autoren einiger Spionageprogramme eingrenzen. Es ist eine chinesische Firma, die mit dem Militär zusammenarbeitet. Sie heißt CETC (China Electronics Technology Group Corporation) und operiert auch in Xinjiang. Offensichtlich hat Huawei jede Menge Hintertüren für Spyware in seinem Betriebssystem. Hatte 00M schon davor gewarnt, aber sie wollte es angeblich nur privat nutzen. Das hat sie aber nicht eingehalten. Tut ihr sehr leid, 00Y!

Tia Nam spielt mit ihrem Handy, um sich von ihrer Müdigkeit abzulenken. Brand schaut ihr kurz zu. „Noch ein Smartphone von Huawei“,  murmelt er.

Charmant und etwas zu liebevoll, lächelt er sie an. Sie lächelt erfreut zurück. „Meine Liebe“ zwitschert er ihr ins Ohr, „hättest Du etwas dagegen, Dein Smartphone hier zurückzulassen?“

„Hier im Flugzeug?“

„Ja“, antwortet Brand, „aber nimm Deine SIM und alle Speicherkarten heraus und lösche die persönlichen Daten. Schaffst Du das in einer halben Stunde? Dann landen wir nämlich.“

„Aber warum“, gibt ihm die temperamentvolle, dunkelhaarige Frau zurück. Sie ist verärgert.

„Wir wollen möglichst unentdeckt nach Almaty. Da ist Huawei wirklich kein guter Begleiter. In Doha spendiere ich Dir ein neues Phone“,  beschwichtigt er sie.

Neues Phone, hört Tia Nam gern und antwortet lächelnd: „Aber auch wirklich!“

Kurz vor der Landung nimmt Brand ihr Phone, das soeben einen Hard-Reset erlitten hat und wischt es mit einem feuchten Brillentuch gründlich ab. Beim Austeigen entsteht ein unruhiges Getümmel im Flugzeug. Brand steckt das Handy ein paar Reihen weiter vorn zwischen die Sitze.

„Es war ganz neu“, stöhnt Tia Nam. „Vielleicht freut sich ja jemand anderes über das Phone“, tröstet sie sich dann selbst“.

Brand nickt. „Vielleicht der Reinigungs-Service.“

Im Hamad International Airport Doha gibt es einen Samsung Shop. Tia Nam sucht sich ein neues Samsung S21 in der Farbe „Pink“ aus, das dort knapp eintausend Dollar kostet. Brand zahlt in bar, während die kleine Chinesin frech durch den Laden lächelt.

„Komm“, sagt er, „der Flug nach Istanbul wartet nicht“.

Von Istanbul fliegen beide direkt nach Almaty. Die Fluggesellschaft heißt Pegasus-Airline, nach dem geflügelten Pferd von Bellerophon, dem Held der griechischen Mythologie, der fliegend die Chimäre, ein hochgefährliches Mischwesen,  besiegen konnte. Ein trefflicher Vergleich, wie 00Y findet. Denn wie eine Chimäre erscheint ihm im Augenblick auch China, das sich als fruchtbar und gewinnbringend wie eine Ziege darstellt, dabei die Dominanz eines Löwen ausübt und schließlich tödlich sein kann, wie eine Schlange oder ein Drache. Wie Bellerophon hätte Brand gern ein geflügeltes Pferd zur Verfügung. „Man wird sehen, was Grigori für mich tun kann“, denkt er lächelnd.

Fortsetzung folgt

Hintergrund – Fiktion und Realität

Huawei

Der größte weltweite Anbieter von Kommunikationselektronik, der kürzlich den koreanischen Konzern Samsung von Platz eins gestoßen hat, ist zwar in Privatbesitz der Familie Ren, aber hochgradig abhängig vom chinesischen Staat. Die Geräte, insbesondere Smartphones, kommen leider mit einem Betriebssystem auf den internationalen Markt, das hochgradig anfällig für Manipulationen ist. Es gibt auch Behauptungen, dass hier absichtlich Hintertüren für die Geheimdienste eingebaut wurden. Dies ist der Grund, warum Kommunikationselektronik von Huawei auf dem amerikanischen Markt nicht mehr verkauft werden darf, wohl aber auf dem europäischen Markt, einschließlich Großbritannien. Das ist bei der Generation der 5G-Geräte durchaus sicherheitsrelevant, weil diese auch für diverse Steuerungssysteme eingesetzt werden können.

Die Frage, ob China hier Vorgaben gemacht hat, wird vom Unternehmen konsequent verneint. Es bessert allerdings auch nicht nach, was durchaus verdächtig ist, das Huawei-Geräte für Spionageaktivitäten auf einer sehr breiten Ebene eingesetzt werden sollen oder vielleicht schon werden.

Ob ein 5G Gerät von Samsung wirklich sicherer ist, können wohl nur Experten beurteilen.

Das Unternehmen CETC ist ein Softwareanbieter, der eng mit dem chinesischen Militär kooperiert und hier bereits in Deutschland Schlagzeilen machte, weil Siemens in Xinjiang für CETC Fertigungslösungen entwickelt, die letztlich auch militärische Relevanz bekommen können, obwohl Siemens das verneint. CETC hat außerdem Überwachungsprogramme entwickelt, die auch gegen die Uiguren in Xinjiang eingesetzt werden.

Bellerophon tötet die Chimäre

Die Chimäre ist ein griechisches Fabelwesen, das eine Mischung aus Löwe, Ziege und Schlange oder Drache darstellt. Der Held Bellerophon besiegt dieses Wesen mit Hilfe eines anderen Mischwesens, dem geflügelten Pferd Pegasus. Auf einer Lanze wirft er der Chimäre einen Klumpen Blei in das Maul, das dort schmilzt und an dem das Wesen letztlich erstickt.

Brand kommt die Chimäre wie ein Gleichnis für China vor. Man kann den chinesischen Soft-Imperialismus von verschiedenen Seiten betrachten. Als dominant (Löwe), furchtbar und gewinnbringend (Ziege) und als tödlich (Drache, Schlange). Wenn man sich auf einen Kopf konzentriert, versteht man diese Chimäre nicht und kann auch nicht mit ihr umgehen. Im schlimmsten Falle wird man dann zum nächsten Kopf weitergereicht. Erst kommt die Ziege, dann der dominante Löwe und schließlich der tödliche Drache, als Verhängnis. Bellerophon hat die Chimäre daher logischerweise am tödlichsten Kopf, dem Drachen angegriffen so wie Brand sich der gefährlichsten Seite Chinas zuwendet. Am Ende entscheidet die Beweglichkeit der Kämpfer über Sieg und Niederlage. Eben diese Beweglichkeit erhielt Bellerophon durch Pegasus, während Brand sie in der Geschichte durch Grigori erhalten will. Das macht Sinn, wenn man einen so unberechenbaren Gegner wie China hat.

Kapitel 7

In Almaty wartet ein Fahrer auf die beiden „Touristen“ und bringt sie über Umwege aus der Stadt heraus. An der Einfahrt zu Grigoris Datsche steigt der Fahrer aus und spricht mit dem Sicherheitsdienst, der dort postiert ist. Die beiden müssen aussteigen und werden durchsucht, auch ihr Gepäck. „Grigori scheint immer noch viele Feinde zu haben“, denkt Brand und lächelt Tia Nam aufmunternd zu. Ihr gefällt diese Eingangskontrolle überhaupt nicht.

Brands „Joker“ in Kasachstan, der sich Grigori nennt, ist für den Agenten allerdings reines Gold wert, denn ohne diesen Regierungsbeamten geht in Kasachstan für ihn nichts. Er leitet die wichtigste Abteilung im Innenministerium, der auch die regionale Schutzpolizei untersteht, aber nicht der Grenzschutz und die sogenannte Fremdenpolizei, die direkt dem KNB, dem nationalen Sicherheitskomitee unterstehen, welches auch für Terrorabwehr zuständig ist. Das KNB ist eigentlich die Nachfolgeorganisation des KGB. Diese wird von dem ehemaligen Premierminister, Massarow, geleitet, zu dem Grigori, als ehemaliger Geheimdienstler, ausgezeichnete Verbindungen hat. Die KGB-Vergangenheit des Regierungsbeamten, der nicht unwesentliche Anteile am kasachischen Uranförderer, Kazatoprom, besitzt, ist der eigentliche Grund für die Verbundenheit der beiden Agenten.

Brand hatte Grigori vor mehr als zwanzig Jahren die entscheidenden Hinweise auf ein Bande von Uran-Schmugglern gegeben und ihm so ermöglicht, die Mafia, die international gut vernetzt war, fast komplett auszuheben und zu zerschlagen. Das hatte Grigori zu seiner eigentlichen Karriere in der Regierung verholfen und ihm seine Position in Almaty eingebracht. Schließlich konnte er sich, dank seiner Insiderkenntnisse noch einige Anteile bei Kazatoprom sichern. Grigori ist heute ein gemachter Mann, dank seines britischen Kollegen, Marc Brand. Eine gewisse Freundschaft ist seitdem zwischen ihnen entstanden.

Die Datsche Grigoris ist, in kitschiger Art, einem englischen Landschloss nachempfunden. Das Grundstück ist zehn bis fünfzehn Hektar groß, schätzt Brand und komplett von einer vier Meter hohen Mauer umgeben. Die Überwachung ist perfekt, ohne tote Winkel und wird durch mehrere Dutzend bewaffneter Sicherheitsleute ergänzt.

Daneben wirkt das Leben der Familie fast normal. Der Empfang ist herzlich und Grigoris Frau, eine freundliche, runde Kasachin mit mongolischen Gesichtszügen, bietet den Gästen einen Imbiss an. Sie lässt es sich nicht nehmen, Brand und seine Begleiterin auf ihre Zimmer zu führen und legt für Tia Nam selbst ein paar neue Handtücher ins Bad. Endlich kann sie ihre ersehnte Dusche nehmen und dann ein paar Stunden schlafen. Das Abendessen findet heute erst später statt, weil Grigori noch Termine hat. Marc hat versprochen, sie rechtzeitig abzuholen, um sich dann in sein Zimmer zu begeben.

Marc Brand ist inzwischen älter geworden und er sehnt sich nach Ruhe. Mehr als vierundzwanzig Stunden waren die beiden unterwegs, aber nun ist sich der Agent wenigstens sicher, dass niemand seinen Aufenthaltsort so schnell ermitteln kann. Die Strapazen haben sich also höchstwahrscheinlich gelohnt. Er nimmt seine Kleidung aus dem kleinen Koffer und zaubert sogar einen ordentlich gelegten Anzug daraus hervor. Nur seine Ausrüstung fehlt  ihm.

Lediglich seine Uhr hat er dabei, die ein paar kleine Extras aufweist. Das wichtigste Feature ist ein eingebautes Miniradar, das auf offenem Gelände, im Umkreis von einem Kilometer, so gut wie alle bewegten Objekte ab einem „Foot“ Größe orten kann, also auch Drohnen und kleinere Roboter. Ein Notsender und das Geheimfach für einen Mikrochip sind obligatorisch dabei. Von außen sieht die Uhr billig aus, worauf Brand großen Wert legt. Ihm sind wiederholt Uhren von Rolex und Omega abhandengekommen.  Er trägt also nur noch eine Uhr, die nicht auffällt. Nicht auffallen ist überhaupt zu einer Strategie des Agenten geworden, die leider in London nicht so gut funktioniert hat.

Als Brand ein paar Stunden später an Tia Nams Zimmertür klopft, öffnet ihm eine chinesische Prinzessin. Sie hat sich nicht nur geduscht und erholt, sondern auch außergewöhnlich schön gemacht. Sie trägt ein rotes Cocktail-Kleid mit goldenen Streifen und duftet nach echten Rosenblüten. Auch diese Qualitäten der jungen Wissenschaftlerin sind evident. Brand macht ihr ein kurzes Kompliment, doch seine Begleiterin weiß, dass dahinter mehr Bewunderung steht, als der ältere Agent zeigen will. Auf ihrem glänzenden Gesicht erscheint ein selbstbewusstes Lächeln.

Das Wiedersehen mit Grigori ist übertrieben herzlich. Solange seine Familie dabei ist, wird nur über England, Sport und die leuchtende Zukunft von Kasachstan gesprochen. Später dann sind sie unter vier Augen und trinken einen guten Cognac.

„Du bist älter geworden“, erwähnt Grigori ohne Häme. „Du aber auch“ erwidert 00Y lächelnd.

Grigori räuspert sich. „Willst Du Dich so kurz vor der Rente tatsächlich mit den Chinesen anlegen, Marc?“

„Ist schließlich mein Job“, antwortet ihm Brand nüchtern.

„Aber Du könntest besser leben, wenn Du wolltest“, sagt ihm sein alter Bekannter in einem vielversprechenden Tonfall.

„Oh ja“, antwortete der Agent spontan, „viel besser. Mit einem eigenen Zuhause, einer Frau, vielleicht ein paar Jagdhunde. Ich kann mir tatsächlich ein anderes Leben vorstellen, mein Freund“!

Das Gesicht des Regierungsbeamten wird plötzlich ernst. „Warum also die gottverdammten Chinesen“, fragt er in einem rauen Ton.

Brand schweigt eine Weile und denkt nach.

„Nach meinen bisherigen Informationen haben sie eine Grenze überschritten, die kein Land der Welt überschreiten darf. Sie greifen die gesamte Welt an“, antwortet der Agent bedächtig.

„Du meinst das chinesische Virus?“

„…und das was nach ihm kommt“, ergänzt Brand.

Grigori lehnt sich zurück und schließt die Augen. Er weiß zu genau, was der britische Agent andeutet und legt seine Zigarre beiseite, die ihm gerade nicht schmeckt.

„Glaub mir oder nicht“, eröffnet er etwas großspurig, „ich bin ein Patriot. China greift mein Land ständig an. Wir hatten hier sogar spontane Großdemonstrationen wegen der Chinesen. Die Kasachen demonstrieren eigentlich nicht. Nur es gibt dieses allgemeine Gefühl der feindlichen Übernahme. Du weißt schon, dieses Seidenstraßen-Projekt. Die Chinesen kommen, kaufen und sperren uns von ihren Projekten aus. Niemand weiß, wie viele Chinesen inzwischen hier sind. Öl, Gas, Straßenbau, Infrastruktur. Der Präsident lässt sie machen und hofft, dass für Kasachstan etwas dabei abfällt, aber er verhandelt nicht gut. Er und seine Leute lassen sich lieber schmieren. Du kennst das ja, Marc.“

Brand nickt.

„Das Virus“, fragt Brand.

„Sterben hier viele Leute dran“, entgegnet Grigori und sein ohnehin leicht gerötetes Gesicht scheint anzuschwellen, „die Chinesen sind so frech, zu behaupten, die schweren Lungenentzündungen, die wir haben, kämen von Kasachstan nach China und nicht umgekehrt. Sie sprechen von der kasachischen Pneumonie. Wir haben die Sterbenden durch internationale Wissenschaftler untersuchen lassen. Es ist eindeutig das chinesische Virus. Sie wollen nur verhindern, dass wir die Grenze für sie dicht machen.“

„…und“, fragt Brand aufmerksam.

„Wir machen nicht dicht, weder der Präsident noch der Premier und die  Minister, auch nicht der Innenminister, sind dazu bereit. Mit ihren Einkünften hängen sie am Tropf der Chinesen. Ich habe neulich mit Massarow darüber gesprochen, der, genau wie ich, dicht machen will. Er ist entsetzt, wie pekinghörig die Regierung geworden ist“.

Brand runzelt die Stirn.

„Wir sind eine leichte Beute Pekings“, ergänzt Grigori.

„Wirst Du mir helfen“, fragt Brand unvermittelt und schaut seinen ehemaligen Kollegen vom KGB scharf an.

Grigori versucht diesen Blick zu vermeiden. Dann wendet er sich Brand zu.

„Ich werde Dir helfen, Mark, was hast Du vor und was brauchst Du“?

In diesem Augenblick kommt Alexandra, die Frau von Grigori mit Tia Nam in den Raum. Hinter ihnen ein Butler, der einen großen Samowar auf einem Servierwagen an den Tisch schiebt.

„Trinken wir Tee“, grinst Alexandra „und lernen uns besser kennen“.

Grigoris Gesicht hellt sich auf. Er hat es nicht so eilig, das ernste Gespräch mit dem britischen Secret-Service fortzusetzen.

Als Brand am nächsten Morgen recht früh sein Fenster öffnet, blickt er direkt nach Süden auf das Tian Shan Gebirge, das größtenteils in Kirgistan liegt. Der eisbedeckte fast fünftausend Meter hohe „Pik-Talgar“ ragt als höchster Berg vor ihm auf und liegt gerade noch in Kasachstan. Die kirgisische Grenze ist nur dreißig Kilometer von hier entfernt und bis nach China sind es rund dreihundert Kilometer. Die Berge sind die Begleiter auf dem Weg ins Reich der Mitte.

Grigori wartet mit dem Frühstück auf ihn und die beiden Männer genehmigen sich schon einen Kaffee, während die Frauen noch schlafen oder unter der Dusche stehen.

Brand gießt sich einen Kaffee ein.

„Ich brauche zuverlässige Kontakte in Xinjiang. Die Leute sollten militärisch geschult sein und sich in der Taklamakan Region auskennen. Ich denke an uigurische Widerstandkämpfer.“

„Wofür“, fragt Grigori.

„Vielleicht ist es nicht notwendig und ich komme leichter an mein Ziel“, antwortet Brand etwas nachdenklich, „notfalls aber muss ich eines dieser Lager angreifen. Vermutlich Yingyer in der südlichen Taklamakan-Wüste.“

„Ich kümmere mich“, antwortet Grigori in einem sachlichen Tonfall, der Brands Vertrauen hat. Dann wird sein Gesicht ernst.

„Wenn etwas nicht so läuft, wie es soll…“, er spricht nicht weiter.

Brand hat verstanden und nickt, „Versteht sich.“

Grigori lächelt wieder.

„Schaut Euch heute einfach in Almaty um. Nehmt meinen Wagen“.

Dann steigt der Beamte in seinen Dienstwagen mit Chauffeur und fährt ab.

Fortsetzung folgt

Hintergrund – Fiktion und Realität

Die Kasachische Pneumonie

China hat im Sommer 2020 auf schwer verlaufende Pneumonien in Kasachstan hingewiesen und in Abrede gestellt, dass diese im Zusammenhang mit der Covid 19 Erkrankung stünden, welche sich von China (Wuhan) wohl durch kasachische Gaststudenten nach Kasachstan ausgebreitet hatte. Hintergrund ist, dass die zentralasiatischen Länder den Grenzverkehr mit China in der Pandemie schon seit Februar 2020 unterbrochen haben und Kasachstan auch weitere Visaabkommen mit China ausgesetzt hat, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Kurz nach der öffentlichen Warnung vor der kasachischen Pneumonie hat China dann den Grenzverkehr von Kasachstan stark heruntergefahren. Das Manöver diente in erster Linie dazu, das Nachbarland unter Druck zu setzen, Chinesen wieder ungehindert bei sich einreisen zu lassen. Das war dann tatsächlich erfolgreich. Kurz darauf verkündete die kasachische Regierung allgemeine Lockerungen im Grenzverkehr mit China, der seitdem wieder unbeeinträchtigt für die Chinesen läuft. Die kasachische Pneumonie wurde in der überwiegenden Zahl der Fälle als Covid19-Pneumonie identifiziert. Daneben gab es Fälle mit bakterieller Infektion und Pilzinfektionen.

China und Kasachstan (Mongolei)

Offiziell gibt es zwischen China und Kasachstan eine Reihe von Freundschaftsverträgen, Öffnungsabkommen und eine vereinbarte Kooperation über das Seidenstraßen-Projekt Chinas.

Inoffiziell folgt die Bevölkerung der Regierung nur sehr widerwillig bei der kasachisch-chinesischen Kooperation. Der Vorwurf, die Chinesen würden keine neuen Arbeitsplätze bringen und mit ihren Projekten Chinesen ins Land holen, die dort exklusiv arbeiten, führte bereits zu heftigen Demonstrationen in Almaty, der kulturellen Hauptstadt des Landes.

Die Vorwürfe liegen auf der Hand. China schmiert Kasachstans korruptes politisches System und bekommt dafür Gesetze, die es den Chinesen ermöglichen, im großen Stil Land zu kaufen, kasachische Rohstoffe auszubeuten und eine eigene Infrastruktur in Kasachstan aufzubauen. Damit untergräbt China gezielt die Autonomie des jungen Landes.

Die Kasachen schätzen, dass sich die chinesische Bevölkerung, die sich im Land ansiedelt und bei chinesischen Unternehmen arbeitet, alle drei Jahre verdoppelt. Für ein achtzehn Millionen Volk wie die Kasachen ist das schon ein Alarmsignal, dass sie bald nicht mehr Herr im eigenen Land sind.

Argwöhnisch blicken die Kasachen in die angrenzende chinesische Xinjiang Region und erwarten, dass die dortige Siedlungspolitik, bei der Peking den Bevölkerungsanteil der Uiguren von siebzig auf vierzig Prozent zu Gunsten der Han-Chinesen reduzieren konnte, sich auch nach Kasachstan ausdehnen wird. Irgendwann werden die Chinesen, dann auch militärischen Einfluss auf das Nachbarland nehmen, um den chinesischen Bevölkerungsanteil in Kasachstan zu „schützen“, wie man es von Russland bereits kennt. In einem Filmbeitrag von Arte, wird diese Vorgehensweise Chinas auch als Soft-Imperialismus bezeichnet.

Wenn Kasachstan, das gerade dreißig Jahre unabhängig ist, erst eine faktische, chinesische Provinz geworden ist, was sich durchaus anbahnt, hat China das sechstgrößte Land der Erde gekapert. Sein Einfluss reicht dann vom Pazifik bis an das Kaspische Meer und fast bis an die Wolga, also bis nach Europa. Damit ist China mit der Wirtschaftskraft von mehr als einer Milliarde Menschen, die bestimmende Nation auf dem eurasischen Kontinent. Zusammen mit der Mongolei, die sich in noch stärkerer chinesischer Abhängigkeit befindet, als Kasachstan, entsteht so ein Reich, das sich den Ausmaßen von Russland annähert, welches bekanntlich das größte Land der Erde ist. Dies nur mit Unterschied, dass eine stark wachsende Bevölkerung von über einer Milliarde Menschen dann an ein dünn besiedeltes Land mit nur einhundertvierzig Millionen Menschen grenzt. In Moskau wird schon gewitzelt, dass man im Osten Russlands mehr Chinesen als Russen antrifft.

Es steht ganz außer Frage, dass China sich anschickt, ein neues Weltreich zu werden und dafür alle Mittel nutzt, die ihm möglich sind. Die Provinz Xinjiang, mit einer Fläche von England, Frankreich und Deutschland zusammen, die an Kasachstan grenzt, ist derzeit die chinesische Schlüsselregion für diese Expansion. Damit die einheimische Bevölkerung der Uiguren keine Probleme mehr macht, hat Peking diese riesige Fläche mit Konzentrationslagern überzogen, in denen aus Uiguren Chinesen geformt werden sollen. Auch außerhalb der Konzentrationslager wurde ein Überwachungssystem installiert, das es bisher in keiner Diktatur der Welt gab. Überall finden sich stark bewaffnete Polizisten und Kameras. Die Bevölkerung wird gezwungen Spionage-Apps auf ihren Handys zu haben, was auch kontrolliert wird und die gesamte Bevölkerung wird seit Jahren mit DNA-Tests, einschließlich Fingerabdrücken und Iris-Analysen erfasst. Es ist durchaus nicht übertrieben, die ganze Provinz als ein großes chinesisches Lager zu bezeichnen.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Chinesen in Kasachstan genauso verfahren würden, wenn sie die Möglichkeit bekämen. In der „Inneren Mongolei“, die zu China gehört, gibt es ähnliche, wenn auch nicht so radikale, Repressionen gegen die mongolische Bevölkerung und die Mongolei selbst hängt am wirtschaftlichen Tropf der Chinesen.

Widerstand der Uiguren und Terroranschläge

Seit den neunziger Jahren sind Terroranschläge der Uiguren in China bekannt. Allerdings mit wenigen Opfern und eher selten. So wurden erst seit 1997 uigurische Anschläge mit Sicherheit zugeordnet und der Schwerpunkt der Terroranschläge lag in den Jahren 2013 und 2014, wo es zu erheblichen Spannungen zwischen den Uiguren und den chinesischen Behörden kam. Die meisten Opfer in diesen Jahren waren Uiguren selbst und ein Teil der Ereignisse, insbesondere im Jahr 2014 waren spontane Volksaufstände in Xinjiang, die auf die chinesische Religionsunterdrückung zurückzuführen waren.

Peking spricht seit dem Anschlag auf das World-Trade-Center in New York, von einer muslimischen Terrororganisation der Uiguren, die eng mit Al Qaida und den Taliban in Afghanistan zusammenarbeiten und von dort unterstützt würde. Diese Organisation soll ETIM heißen und für eine Abspaltung der Provinz von China kämpfen. Allerdings ist ETIM in dieser Form nie an die Öffentlichkeit getreten. Es gibt lediglich eine verbotene islamische Partei in Xinjiang, die solche Forderungen erhebt, aber nicht als Terrororganisation auftritt.

Fakt ist aber auch, dass einige hundert Uiguren zusammen mit dem IS im vorderen Orient gekämpft haben und in Afghanistan Ausbildungslager der Taliban besucht haben. Einige dieser Kämpfer wurden von westlichen Medien interviewt und berichteten, dass sie nicht für einen Gottesstaat in Xinjiang kämpfen würden, sondern lediglich aus China geflohen seien.

Die Wahrheit liegt vermutlich in der Mitte. Viele Experten für die Region gehen davon aus, dass China die Terrorgefahr durch die Uiguren dafür benutzt, den betriebenen kulturellen und religiösen Genozid in Xinjiang zu rechtfertigen und damit die innere Kolonialisierung, wie es japanische Medien seit Jahren bezeichnen, fortsetzen zu können.

Kapitel 8

Nachdem Marc und Tia Nam gefrühstückt haben, drängt die Wissenschaftlerin auf eine Erkundungstour. Brand sieht im Augenblick ohnehin keine Möglichkeit weiter zu kommen. Jetzt ist er auf Grigoris Kontakte angewiesen. Er muss ihm etwas Zeit geben. Wenn der Agent in den letzten dreißig Jahren etwas gelernt hat, ist es Geduld. Das fiel ihm allerdings schwer, weil in seinem Inneren ein ungestümer Charakter lauert.

Die beiden holen sich die Autoschlüssel von Grigoris Fahrer und stehen vor einer voll gepanzerten, schwarzen Mercedes G-Klasse. Sie zögern und fühlen sich augenblicklich unwohl.

„Wenn wir den nehmen“, merkt Brand an, „ist uns alle Aufmerksamkeit sicher“.

Tia Nam geht ein paar Schritte und betrachtet ein kleineres Auto, das dahinter im Schatten einer Garage steht. Es ist ein himmelblauer WAS, auch als Lada bekannt. Es handelt sich um ein altes Modell mit Doppelscheinwerfen vorn und viel Chrom an der Limousine. Innen ist es mit hellen und sauberen Sitzen ausgestattet und hat ein durchgehendes Holzfurnier, das die Armaturen einfasst.

„Den nehmen wir“, ruft Tia Nam begeistert und will einsteigen.

„Das geht nicht“ ruft der Fahrer auf russisch, „der Wagen gehört dem Gärtner“.

Der Gärtner, ein gepflegter, älterer Mann, der nicht schlechter aussieht, als die englische Gartenanlage auf dem parkähnlichen Gelände, fühlt sich geschmeichelt. Brand darf den Wagen mieten und verspricht bis zum späten Nachmittag zurück zu sein.

Etwas verwundert sieht er die beiden mit seinem Oldtimer zur Schranke fahren. Dann lächelt er und murmelt: „Ja, das ist ein wirklich sehr guter Wagen“,  denkt noch einmal kurz nach, „für diese Straßen zumindest“. Dann steckt er den Geldschein ein und geht wieder an seine Arbeit.

Es ist ein sonniger Tag in Almaty, wenig Wind und viel Hitze, die von der staubigen Straße in das Fahrzeug aufsteigt. Die beiden haben alle Fenster geöffnet und fahren Richtung Zentrum. An einem Park halten sie schließlich an. Sie entdecken einen Markt, der sich um einen kühlen Platz mit einem Brunnen herum aufbaut. Zahllose Verkaufsstände bieten alles an, was nur denkbar ist. Die Gänge bilden ein chaotisches Gewirr, in dem Brand und seine Begleiterin sich fast verirren. Tia Nam ist die treibende Kraft bei dieser Unternehmung. Schließlich sitzen sie auf einer Bank und essen Schaschlik mit Zwiebeln.

„Ein schöner Tag“, lächelt die Halbchinesin mit der scharf geschnitten Nase und dem leicht betonten Kinn. Sie ist sichtlich erfreut, dass sich ihr professioneller Begleiter von ihr mitreißen lässt. Sie lehnt sich bei ihm an. Marc lächelt und nickt.

„Wie werden wir es angehen“, fragt sie unbefangen.

Brand schaut sie erstaunt an. „Nicht wir“, sagt er, „Du bleibst bei Grigori, wenn ich über die Grenze muss“.

Ihre Augen funkeln leicht. „Du brauchst eine zuverlässige Übersetzerin“, wendet sie leicht empört ein.

„Zu gefährlich“, kommt seine Antwort.

„Lass mich das entscheiden“, erwidert die selbstbewusste Frau energisch.

„Tia Nam“, antwortet der Agent ernst, „Du bist im Augenblick meine einzige Zeugin. Du kennst die Untersuchungen von Godfrey bis ins Detail. Dein Vater war ein wichtiges Bindeglied zum chinesischen Geheimdienst, vielleicht sogar ein inoffizieller Mitarbeiter. Die Hauptspur jedenfalls führt nach Hongkong und Shenzhen. Ich möchte Dich nicht auf einem Seitenweg nach China verlieren, von dem ich nicht einmal weiß, ob er die Untersuchung weiter bringt.“

Tia Nam blickt den Agenten ernüchtert an. So viel Pragmatismus ist für eine Frau mit ihrem Temperament eigentlich zu viel.

„Also gut, Marc“, sagt sie, „wie willst Du es angehen“?

„Ich warte auf Grigori“, antwortet 00Y nüchtern.

 In diesem Augenblick hat Brand das Gefühl, dass die Bank unter ihm nachgibt und eigentümlich schwankt. Ein seltsames Dröhnen erfüllt die Luft. Plötzlich finden sich beide auf der Erde wieder und sehen, wie vor ihnen die Menschen fallen, in die Knie gehen oder straucheln. Ein Verkäufer kämpft gegenüber mit seiner ausgelegten Unterhaltungselektronik, die auf dem Tisch umhertanzt, als sei sie verrückt geworden. Auf dem ganzen Markt schwanken die Verkaufsstände bedrohlich oder fallen in sich zusammen. Ein Geschrei hebt an. Viel zu spät, möchte man meinen, denn in diesem Augenblick ist es schon vorbei.

Die beiden stehen wieder auf und sammeln ihre Sachen zusammen. Alle anderen tun es ihnen anscheinend nach.

„Ein Erdbeben“, ruft der Verkäufer von gegenüber. Er hatte sich wacker geschlagen und nur weniges von seinem Tisch war heruntergefallen.

„Ich schätze Stärke 3-4“, meint Brand, „passiert das häufiger?“

„Ja“, sagt der Verkäufer, „in letzter Zeit nehmen die Beben wieder zu. Vermutlich kommt bald ein Größeres.“

Tia Nam hat sich auch wieder gefangen und zurechtgerückt. „Wie groß“, fragt sie die beiden Männer. Der Verkäufer zuckt mit den Achseln. Beim letzten größeren Erdbeben waren die Flughäfen hier für mehrere Tage außer Betrieb, der Turm und vor allem das Radar waren beschädigt. Die Straßen, Häuser und Brücken hatten Risse. Es gab auch Stromausfälle.

Tia Nam klopfte Brands verstaubte Hose ab, insbesondere das Hinterteil auf das er gefallen war. „Dann war das Erdbeben auch in China“, merkt sie an, „denn die geologische Kante verläuft in West-Ost-Richtung vor den Gebirgszügen“.

Brands Augen leuchten kurz auf.

„Ein Erdbeben“, sagt er, als käme ihm eine tiefgreifende Erkenntnis.

Ein letzter Klaps auf seinen Hintern und der Agent ist wieder sauber. Marcus Brand wirkt plötzlich ungewöhnlich heiter.

Die beiden gehen zum Wagen und bahnen sich ihren Weg durch das kleine Chaos, das das Erdbeben angerichtet hatte. Herabgefallene Werbeplakate auf den Straßen und viele umgefallene Mülltonnen. Ein paar Autos im Straßengraben und sogar orientierungslose Tiere auf der Straße, als sie die Stadt verlassen. „Ein schönes nützliches Chaos“, sagt Brand.

„Schon“, entgegnet seine Gefährtin, „aber Du kannst ein Erdbeben nicht im Kofferraum mitnehmen und es herauslassen, wenn Du es brauchst“.

„Leider“ruft 00Y mit aufrichtigem Bedauern. Beide lachen und lassen sich vom Fahrtwind kühlen, der durch die Seitenscheiben hereinweht.

Auf Grigoris Anwesen angekommen, geben sie den Lada wieder ab und bedanken sich überschwänglich. „Ein wirklich schönes Auto“, sagt Tia Nam zum Gärtner, der nicht weiß, wie ihm geschieht. Verlegen antwortet er. „Wenn Sie es noch einmal mieten wollen, ist das kein Problem“.

Grigori hat einen schönen großen Swimming-Pool an dem sie den Rest dieses, bis auf ein Erdbeben, unbeschwerten Tages genießen. Sie trinken Martini mit Eis und springen gemeinsam in den Pool.

Da sie ungestört sind, zeigt Marc der hübschen Wissenschaftlerin ein paar ungewöhnliche Rettungsgriffe  unter Wasser, die eben nur Geheimagenten kennen. Tia Nam ist beeindruckt und lässt sich gern von 00Y „retten“. Besonders die Atemspende unter Wasser ist beiden sehr wichtig und wird intensiv geübt.

Der Plan

Am Abend sitzen Marc und Grigori zusammen mit den Frauen im Kaminzimmer. Auch Grigoris Frau Alexandra ist eingeweiht. Grigori berichtet, dass von der uigurischen Widerstandbewegung nicht mehr viel übrig sei.

„Wenn es die ETIM in dieser Form, wie die Chinesen das behaupten, als organisierte Kampftruppe, überhaupt gegeben hat, dürfte sie jetzt erledigt sein“, meint Grigori.

Die drei anderen schauen ihn fragend an.

„Das Regime, dass die Regierung in Xinjiang, ich meine die Regionalregierung, errichtet hat, verbreitet Angst und Schrecken. Die Bevölkerung stützt ihre eigene Widerstandsbewegung nicht mehr, auch die islamische Bevölkerung nicht. Genauso haben sie es übrigens in Tibet gemacht. Vor allem dieser Quang, der Parteisekretär, der vorher in Tibet den Widerstand erstickt hat, ist höchst effektiv dabei, ein Überwachungs- und Lagersystem für die Bevölkerung zu errichten. Die haben den Widerstand längst im Griff“.

„Was schlägst Du vor, Grigori“, fragt Brand.

„Ich habe mit ein paar alten Bekannten gesprochen“, antwortet er und nimmt kurz einen Schluck aus seinem Whiskey-Glas, „die haben uns geraten, einen Gefangenen freizukaufen“.

„Freikaufen“, fragt Tia Nam erstaunt.

„Von wem“, fragt Alexandra.

Grigori lächelt. „Das ist der Punkt. Ich kenne zwar den Polizeichef von Urumtschi, aber das nützt überhaupt nichts. Die Versuche an Häftlingen finden vor allem rund um die Taklamakan-Wüste statt, in Lagern, aus denen niemand mehr herauskommt. Wir brauchen also ein Lager, in dem diese Versuche stattfinden und dann müssen wir ein paar Bewacher kaufen“.

Brand runzelt die Stirn. „Besser man stellt vor Ort sicher, dass man dann auch wirklich das Versuchskaninchen bekommt“.

„Sonst kauft man die Katze im Sack“, meint Grigori.

Er nimmt noch einmal einen großen Schluck Whiskey und lächelt verschmitzt.

„Aber wir haben Glück“, verkündet er, „ in der kommenden Woche sollen ein paar Häftlinge von Yingyer in ein Lager bei Kaxgar verlegt werden. Das könnte unsere Chance sein, jemanden herauszubekommen“.

Brands Augen leuchten kurz auf, dann nimmt sein Gesicht wieder einen nüchternen Ausdruck an.

„Wir müssen also selbst tätig werden“, meint er.

„Ja“, antwortet Grigori, „nur wir müssen sicher sein, dass die Fracht auch heiß ist. Wir brauchen ja die Versuchskaninchen“.

„Das wird schwierig“, meint Tia Nam und setzt nach. „Wir könnten Morphin im Urin nachweisen, es gibt einen Schnelltest. Allerdings ist das keine Garantie, dass der Ausscheider auch Nanobots im Körper hat. Es können schließlich ganz andere Substanzen von Drug-Transportern abgegeben werden.“

„Aber bei Bruce hat man Morphin nachgewiesen, also machen sie vermutlich ihre Experimente auch mit Opiaten“, sagt Marc.

„Die Fahrt wird mehr als acht Stunden dauern“, sagt Grigori, „die machen mindestens zweimal eine Pause. Dann sind wir dran“.

„Nicht sicher genug“, meint Brand, „ wir sollten Wächter kaufen, die die Schnelltests vor dem Transport durchführen und dann auch selbst unser Paket nochmal testen, bevor wir es mitnehmen“.

„Das ist gut“, meint Grigori, „ich kümmere mich morgen darum. Für Yingyer habe ich schon einen Kontaktmann, der bei der örtlichen Polizei arbeitet. Er kennt ein paar Wächter und könnte ihnen die Tests geben. Hoffentlich halten die dicht“.

„Eins ist klar“, sagt Brand, „wenn das rauskommt, dann warten die schon auf uns.“

Die anderen schweigen betreten.

Irgendwann sagt Alexandra. „Das alles ist extrem riskant!“

Fortsetzung folgt

Hintergrund –  Fiktion und Realität

System der Angst in Xinjiang

Wenn man eine Person nennen sollte, die außer der Regierung in Peking und dem chinesischen Präsidenten, für die Unterdrückung des Widerstandes in Xinjang verantwortlich ist, müsste vermutlich der Parteisekretär Chen Quanguo genannt werden.

Die Person Quang, die in dem Kapitel erwähnt wird, spielt auf diesen Architekten des Überwachungssystems in der Region an. Chen Quanguo hatte bereits von 2011 bis 2016 die Funktion des Parteisekretärs in Tibet inne und diese fünf Jahre dafür genutzt ein Spitzelsystem gegen die tibetischen Widerstand zu installieren. Ein staatliches Umerziehungsprogramm hat dort, ähnlich, wie jetzt in Xinjang, wo Quangui seit 2016 in gleicher Funktion herrscht, viele Menschen aus ihren Familien herausgenommen und an staatliche „Ausbildungseinrichtungen“ gezwungen, die eine „militärisch-ideologische“ Ausbildung mit beruflichen Aspekten verbinden. Etwa fünf Millionen vorwiegend arme Menschen wurden auf diese Weise umgesiedelt und damit der Boden für den Widerstand gegen die chinesische Besatzung deutlich ausgedünnt.  Nach dem derzeitigen Erkenntnisstand gibt es zwar massive Einschüchterungen der Bevölkerung und Zwangsumsiedlungen in Tibet, aber noch keine Konzentrationslager, wie in Xinjiang.

Chen Quango hat sich also in den letzten Jahren gesteigert und sein Schreckenssystem in der Uiguren-Region noch perfektioniert.

Er ist auch dafür bekannt, innerhalb der eigenen Partei, „Stimmen der Vernunft“, die Masseninhaftierungen für kontraproduktiv halten, wie den verurteilten Parteisekretär, Wang Yongzhi, zum Schweigen zu bringen. Dieser hatte aus einem Lager in Yarkand, mit zwanzigtausend Insassen, für das er selbst verantwortlich war, siebentausend Menschen entlassen, weil er dort Aufstände fürchtete und das Lager und die Region nicht destabilisieren wollte. Chen Quanguo hatte daraufhin dafür gesorgt, dass sein Kollege ins Gefängnis wandert. Entsprechende Dokumente wurden der New York Times zugespielt.

In chinesischen Konzentrationslagern wird, soweit bekannt, gefoltert, aber derzeit noch nicht systematisch getötet. Jedoch das Beispiel um die Verfolgung von Parteifunktionären, die versuchen das „chinesische System gegen die Uiguren“ noch menschlich und vernünftig auszulegen, zeigt, dass die chinesischen KZs vermutlich ähnlichen Mechanismen unterliegen, wie die Konzentrationslager der Nationalsozialisten in den dreißiger Jahren, die unter der Hand von skrupellosen Parteifunktionären, wie Heinrich Himmler, immer unmenschlicher, brutaler und tödlicher wurden. Auf einem ähnlichen Weg scheint sich China mit seiner Lagerpolitik in Xinjiang zu befinden.

Zum Vergleich empfiehlt es sich, Berichte über die Anfangsphase der nationalsozialistischen Konzentrationslager anzusehen. Die Sprache und Argumentation der Verantwortlichen, weist große Ähnlichkeiten mit den heutigen Mustern der Chinesen bei der Rechtfertigung ihrer KZs, auf.

 „Wennst nicht still bist, kummst nach Dachau“ hieß es damals im bayerischen Volksmund, genau die Wirkung, die heute in mit den KZs in Xinjiang bewusst erzielt wird. Die deutschen KZs sollten laut Himmler zum „Schutz und zur allgemeinen Beruhigung“ der Bevölkerung dienen. Ganz ähnlich klingt es in den chinesischen Dokumenten , die die New York Times veröffentlicht hat.

Die deutsche Bevölkerung (wie die chinesische Bevölkerung aktuell) fühlte sich überwiegend nicht unterdrückt und  stützte deshalb das nationalsozialistische System. Hinzu kamen wirtschaftliche Erfolge, die dazu führten, dass es der Bevölkerung in den dreißiger Jahren besser ging, als vorher.  Es gibt also Ähnlichkeiten zwischen dem Nationalsozialismus und dem heutigen China, welche die Welt durchaus beunruhigen dürfen.

Fazit:

Man kann festhalten, dass es Marcus Brand in der Geschichte tatsächlich mit einem Gegner zu tun bekommt, der mit Methoden der Nationalsozialisten arbeitet und schließlich ein vergleichbares Lagersystem etabliert hat. Ein solcher Gegner ist absolut skrupellos und hochgefährlich. Quang ist in Wirklichkeit Chen Quanguo, ein äußerst pedantischer Mann, ein Perfektionist in Sachen Unterdrückung, ein chinesischer „Heinrich Himmler“.

Kapitel 9

Am nächsten Morgen steht Marc etwas später auf. Das Anwesen befindet sich in sonntäglicher Ruhe. Grigori hat keine Termine und man beschließt seine 18-Loch Anlage zu bespielen. Die Golfschläger liegen schon auf dem kleinen Caddy, während man beim Frühstück sitzt.

Zum Unmut aller holt Brand sein Convertible und zeigt seinem Ex-Kollegen mögliche Fluchtwege aus China. Die Frauen üben sich in Geduld und lassen den Agenten sprechen.

Auf dem Bildschirm erkennt man Markierungen, die Brand noch in der Nacht eingegeben hat.

„Es gibt keine schnelle Möglichkeit, von Kaxgar direkt zurück nach Kasachstan zu kommen. Wenn wir unser Paket haben, müssen wir mit ihm entweder über Tadschikistan oder Kirgistan flüchten.“

Grigori nickt.

„Grigori“, wendet sich Marcus an den jüngeren aber deutlich korpulenteren Mann, „wie lange wird es dauern, bis die Chinesen einen Hubschrauber in die Luft bekommen um uns zu suchen?“

„Der nächste Stützpunkt ist Kaxgar-Airport im Norden des Ortes“, antwortet Grigori ohne nachdenken zu müssen. „Vielleicht eine viertel Stunde nach Eingang des Alarms.“

„Wir brauchen aber in jeder Richtung mindestens zwei Stunden bis zur Grenze“, sagt Brand.

„Wir müssen eben verhindern, dass sie Alarm geben“, wirft Tia Nam ein.

„Was das Beste wäre“, meint Grigori.

„Aber wenig erfolgsversprechend“, kontert 00Y, „die Busse sind mit Wachmannschaften  besetzt und es wird sehr wahrscheinlich Begleitfahrzeuge geben, jeder von denen hat ein Handy“.

„Es sei denn“, meint Grigori, „ sie haben gerade kein Netz“.

„Genau“, meint Brand, „weshalb wir uns die Strecke des Konvois vorher genau ansehen sollten.“

„Ah“, meint Grigori, „Funklöcher messen“, und grinst dabei, „am Rande der Taklamakan-Wüste soll es noch riesige Funklöcher geben“. Während er das sagt, greift er nach seinem Telefon und hat kurz darauf einen guten Bekannten dran. „Hör mal Wowa“, ruft er in den Apparat, „Ihr seid doch ständig südlich von Kaxgar unterwegs. Wie sieht es dort aus mit dem Handy-Empfang?“

Grigori nickt und sagt ständig „OK“, während es aus dem Telefon undeutlich plappert. Sein Gesicht hellt sich dabei immer mehr auf. „Spassibo“, sagt er schließlich und trennt die Verbindung.

„Tatsächlich gibt es fünfzig Kilometer südlich an der Nationalstraße keine Netzabdeckung. Mein Kontakt ist dort mindestens einmal pro Woche mit seinen LKWs. Etwa auf zehn Kilometern Länge neben einer kleinen Hügelkette.“

Brand schaut auf die Karte und setzt dort eine Markierung. „Das könnte unser Postamt werden, wo wir das Paket abholen“, lächelt er. „Wir müssen den Konvoi allerdings für mindestens eine Stunde lahmlegen“.

„Das dürfte kein Problem sein“, meint Grigori, „sie werden ihre Pause genau dort machen. Mein guter Freund, Wladimir,  wird mit seinen LKWs schon dafür sorgen“.

Während des Golf-Spazierganges, diskutieren die beiden über die Fluchtstrecke. Der Weg über den Kulma-Pass nach Tadschikistan wäre der schnellste. Allerdings müsste man auf der Straße von Berg-Badachschan nach Kirgistan mit chinesischen Übergriffen aus der Luft rechnen, denn sie führt an der Grenze entlang. Dennoch entscheiden sich die beiden für diesen Weg. Sie würden hinter der Grenze in ein unauffälliges Fahrzeug wechseln.

„Fahrzeug“, sagt Brand und locht in Nr. 15 ein, „ein Motorrad wäre das Beste, würde aber voraussetzen, dass unser Kaninchen das aushält.“

„Ich kümmere mich darum“, meint Grigori, der in Siegeslaune, die nächsten beiden Löcher macht.

Das Kaninchen wird zum Paket

Eine Woche später sitzt Brand in einem der LKWs Wladimirs, die in einer Kolonne von sieben Fahrzeugen nach Kaxgar unterwegs sind. Sein Name ist jetzt Sergeij Ulanov und er hat die besten Papiere dabei, die man sich vorstellen kann. Er ist kasachischer Staatsbürger.

Brand ist nervös. „Was ist mit dem Motorrad“ fragt er den Fahrer, nachdem sie die Grenze passiert haben. „Wird noch zugeladen“, kommt die Antwort, „ in Kaxgar“.

Tatsächlich hält der LKW bei einer Werkstatt und lädt eine, gerade eingefahrene, Voge 500 DS, eine chinesische Reiseenduro, die ähnlich wie eine BMW GS wirkt, mit chinesischer Zulassung auf. Brand weiß, dass die Maschine nur 160 km/h läuft, aber das reicht ihm.

Er lehnt sich entspannt zurück und geht noch einmal den Plan durch. Bis zum Kulma-Pass wird er auf sich gestellt sein. Bei der Paketübernahme helfen ihm Wladimirs Leute. Ziemlich genau zur Mittagszeit wird der Konvoi mit den Häftlingen, der am frühen Morgen Yingyer verlässt, an der Hügelkette bei Kezilexiang ankommen. An einer Steigung wird der erste LKW Wladimirs liegenbleiben und der zweite wird sich neben ihn setzen, um ihm Unterstützung zu geben. Ein dritter LKW wird den zweiten bei einem gewagten Überholmanöver touchieren und ebenfalls stehen bleiben. Die übrigen vier LKWs werden das Chaos perfekt machen.

Zwei Mann werden dann das Motorrad von der Ladefläche heben und schließlich wird Brand einen jungen Mann, der mit seinem Bewacher pinkeln geht, in Empfang nehmen. Dann heißt es für den Agenten schnell zu sein. Zweihundertdreißig Kilometer auf chinesischen Serpentinen und längeren Graden sowie die letzten zehn Kilometer ohne Straße durch ein Flusstal. Das dürfte sehr knapp werden. Der Agent ist nervös, wenn er daran denkt.

Auf der anderen Seite erwarten ihn Grigori und Tia Nam mit einem neuen Fahrzeug mit dem es dreihundert Kilometer durch Tadschikistan gehen wird, bis man in Kirgistan ein Flugzeug besteigt, das das Team schnell nach Almaty bringen kann.

Der Polizeichef von Yingyer hatte übrigens hervorragend funktioniert, ohne etwas zu ahnen. Grigoris Verbindungsmann hatte ihm die Tests gegeben und darauf aufmerksam gemacht, dass sich unter den Häftlingen Opiumabhängigkeit breit machen würde. Das wäre kontraproduktiv und sollte unterbunden werden. Am Ende hatte der Polizeichef sogar die Namen der positiv Getesteten herausgegeben. Einer von ihnen, ein junger Mann namens Nijab hatte sich einem gekauften Wärter offenbart und angegeben, dass er mehrfach Injektionen bekommen, auf die er stark reagiert habe. Er fühle sich deutlich verändert und sogar in seltsamer Weise von außen gesteuert.

Während der Fahrt im LKW denkt Brand noch darüber nach. Hoffentlich handelt es sich bei dem Versuchskaninchen nicht um einen Psychotiker, der aus ganz anderen Gründen Symptome wie Bruce, aus Hongkong, zeigt. Aber das Risiko muss der Agent eingehen. Nijab würde jedenfalls kooperieren und ist bereit, sich für ausführliche Untersuchungen ins Vereinigte Königreich bringen zu lassen. Das ist entscheidend. Ein Fehlgriff ist eben nicht auszuschließen.

Südlich der Hügelkette wenden die LKW und warten in der prallen Sonne auf den Gefangenen-Transport. Die Fahrer sitzen im Schatten ihrer Fahrzeuge und rauchen. Kaum einer sagt etwas. Die Straße ist weithin einsehbar. Einer von Wladimirs Fahrern sitzt mit dem Fernglas auf einer Erhebung und gibt ein Zeichen. Die Fracht nähert sich.

Schnell setzen sich alle LKW in Bewegung und blockieren, wie geplant, die Straße.

Zwei chinesische Busse und ein Begleitfahrzeug mit mehreren Polizisten fahren hinter der Blockade an den Straßenrand.

Die Chinesen haben bereits Erfahrung mit der Schlampigkeit der Kasachen und beginnen sich darüber aufzuregen. Die Polizisten beschimpfen Wladimirs Leute und drohen ihnen auf chinesisch. Aber die zucken nur mit den Schultern, wirken geschäftig in ihre eigenen Probleme vertieft.

Tatsächlich dürfen die Insassen der Busse aussteigen und in der glühenden Mittagshitze zum Pinkeln gehen. Immer unter den Augen ihrer Bewacher. Ein paar Bewacher führen ihre Schützlinge in eine Senke, die parallel zur Straße verläuft, da diese etwas mehr, als nur pinkeln müssen. Nijab ist dabei und lässt sich Zeit. Sein Bewacher, der bestochen wurde, lässt ihn allein im Straßengraben und geht mit den anderen zurück.

Nijab läuft in der Senke zu den LKW und klettert in einem unbemerkten Augenblick hinauf zu Brands Fahrzeug. Der beobachtet den jungen Mann wohlwollend, wie er sehr wendig und geschmeidig auf ihn zuläuft. Niemand hat etwas gesehen und Brand lässt zufrieden die Maschine an.

Die Paketübernahme war erfolgreich. Die beiden brausen davon.

Fortsetzung folgt

Hintergrund – Fiktion und Realität

Die Versuchskaninchen

Es ist sicher von Brand und Grigori respektlos, von den Insassen der Lager als Versuchskaninchen zu sprechen. Aber die Berichte häufen sich, nach denen genau das in den Lagern der Uiguren geschieht. Sie werden für medizinische Experimente missbraucht und ein herausragendes Beispiel ist die Entwicklung der chinesischen Impfstoffe gegen Covid 19.

Die Rede ist insbesondere von „Sinovac und Sinopharm“ zwei Impfstoffen, die bestenfalls eine fünfzigprozentige Schutzwirkung gegen das Virus entfalten und daher insbesondere von China an Dritte-Welt-Länder verkauft wird. Von beiden Impfstoffen halten die Chinesen die eigentlichen klinischen Anwendungsstudien, die zur Zulassung führen würden, unter Verschluss. Ein unverblümter Artikel auf t-online weist nochmal deutlich darauf hin.

Dabei läge es durchaus in der üblichen Geschäftspraxis Chinas, den Ländern, in die der Wirkstoff geht, zu verbieten, Untersuchungen darüber anzustellen und sogar andere Wirkstoffe zu kaufen und damit zu vergleichen. Die Verträge der Chinesen sind allgemein mit einer extrem strengen Geheimhaltungsklausel versehen. Deshalb sickert relativ wenig durch, denn die chinesischen Banken, die auch die Kredite für chinesische Warenleistungen (eben auch medizinische) vergeben, drohen regelmäßig damit, diese zu kündigen und fällig zu stellen, wenn der Partnerstaat sich missliebig verhält.

Es ist also ein bisschen so, als würde die Mafia Drogen verkaufen und die Kredite dafür zur Übernahme der jeweiligen Abnehmerstaaten missbrauchen. Der Verdacht wiegt schwer, dass China seine Geschäfte mit armen Ländern nach der Methodik einer Mafiaorganisation abwickelt.

Im Falle der Corona-Vakzine, wiegt dieser Verdacht besonders schwer. Dabei weisen Indizien darauf hin, dass die chinesischen Behörden die Wirksamkeitsstudien von Sinovac vor allem deshalb unter Verschluss halten, weil diese ausschließlich an uigurischen Lagerinsassen in Xinjiang durchgeführt wurden. Das wäre dann nicht nur ein Hinweis auf schwerste Menschenrechtsverstöße, weil man nicht davon ausgehen kann, dass die Häftlinge freiwillig mitgemacht haben, sondern auch eine nicht repräsentative Gruppe an der der Impfstoff getestet wurde.

Die Website „Bitter Winter“, die von Exil-Chinesen betrieben wird, berichtet immer wieder darüber.

In einem aktuellen Artikel stellt die Seite auch Positionen verschiedener internationaler Wissenschaftler dar, dass die WHO eigentlich nur die Aussagen der chinesischen Wissenschaftler in Wuhan übernommen hat, dass das Virus nicht in einem Labor entstanden sein kann. Ohne irgendeinen Beweis.

Tatsächlich hatte ein Jahr zuvor der renommierte, chinesische Wissenschaftler, Zeng Guan, behauptet, das Virus sei eindeutig in einem amerikanischen Labor hergestellt worden und zwar als biologische Waffe gegen China!

Wow, kann man da nur sagen. Die Chinesen halten es für unmöglich, dass das Virus in einem chinesischen Labor scharf gemacht wurde, unterstellen aber genau das den Amerikanern in Bezug auf eben dieses Virus. Dümmer kann man sich nicht entlarven!

Fazit:

In dieser Krise stehen die Chinesen, der Weltöffentlichkeit gegenüber, mit dem Rücken zur Wand und behaupten das, was ihnen jeweils passt. Dabei schlagen sie auch noch Profit aus ihren schwach wirksamen Vakzinen, die sie wahrscheinlich an gefangenen Uiguren entwickelt haben. 

Der Aspekt, dass China das Cov-Sars2 Virus anfangs als biologische Waffe der Amerikaner bezeichnet hatte, spricht sehr dafür, dass es sich in Wirklichkeit um eine biologische Waffe der Chinesen handelt, die nun außer Kontrolle geraten ist.

Je mehr man die Rolle Chinas in dieser globalen Katastrophe beleuchtet, desto mehr wächst die Überzeugung, dass man dieses Land als Schurkenstaat mit Mafia-Regeln ansehen muss, welcher dabei ist, die Welt anzugreifen.

Da China aber eine Atommacht ist und die größte Armee der Welt besitzt, ist man vorsichtig, so etwas laut zu äußern. Außerdem sind alle westlichen Industrieländer in diesem Schurkenstaat wirtschaftlich engagiert. Noch ein Grund, nichts an die große Glocke zu hängen.

Vermutlich aber kann man davon ausgehen, dass alle Regierungschefs der westlichen Länder und natürlich auch unsere Kanzlerin Bescheid wissen. Möglicherweise resultiert daraus Merkels rigide Haltung in dieser Pandemie-Krise.