Kann man eine Gesellschaft wie ein Unternehmen führen?


Sönke Paulsen, Berlin

In einem aktuellen Stern-Interview entwirft Lindner ein Gesellschaftsmodell, das sich auf Unternehmensziele verpflichtet. Die Träume eines Lobbyisten?

Christian Lindner wünscht sich eine Gesellschaft nach dem Vorbild des Start-Up-Unternehmens Biontech.

Eine „Gesellschaft, die sich durch Vielfalt bereichert sieht. Wo Start-ups wachsen und segensreiche Innovationen hervorbringen. Eine Gesellschaft, die ein Bildungssystem schafft, das allen Chancen bietet, unabhängig von der Herkunft. In der beide Geschlechter die gleichen Möglichkeiten haben.“

Die grundsätzliche Idee, Wirtschaftsunternehmen als Blaupause für eine Gesellschaft zu nehmen ist nicht neu. In Zeiten des „Rheinischen Kapitalismus“ als Bonn noch die Hauptstadt der Bundesrepublik war, sprach man von der Deutschland AG.

Gemeint aber war damit etwas anderes, als eine Blaupause. Es war eher ein gemeinschaftliches Gefühl, Deutschland durch einen gemeinsamen Geist und die Mitarbeit aller, in den Wohlstand zu führen und nicht ein Land, wie ein Unternehmen zu führen. Es war immerhin auch die Zeit, der sozialen Marktwirtschaft, von der Teile der FDP sich längst verabschiedet haben.

Ganz richtig ist aber, dass die Gesellschaft, auch mit ihren Gastarbeitern, damals kohärenter war und sich auf gemeinsame Ziele eher einigen konnte. Die kulturelle Diversität war weniger ausgeprägt, was aber nicht bedeutete, dass die deutsche Kultur in einer „Unternehmenskultur“ aufging. Ganz im Gegenteil! In den großen Unternehmen wurde gekämpft, was das Zeug hielt. Denn es war auch die Zeit der starken Gewerkschaften und mächtigen Betriebsräte.

Deutschland war damals noch Deutschland und kein Vielvölkerstaat, der nur durch einen Arbeitsmarkt zusammengehalten wird, der alles irgendwie aufsaugt.

Warum diese Reminiszenz?

Die Zeit, in der Deutschland noch eine relativ starke Identität besaß, könnte eher eine Blaupause für unser zukünftiges Gesellschaftsmodell sein, denn Vielfalt schafft keine Gemeinsamkeiten und eine gesellschaftliche Kultur ist keine „Unternehmenskultur“.

Wirtschaftsunternehmen und Gesellschaften sind beides Systeme, aber während Gesellschaften im liberalen Sinne große Freiräume für Pluralismus und Identität bieten, sind Unternehmen bestenfalls diversifiziert und sollen ansonsten eine Corporate Identity besitzen, die das Unternehmen zusammenhält. Da besteht dann wesentlich weniger Spielraum für kulturelle und gesellschaftliche Freiheit.

Wer nicht mitbekommen hat, dass unsere Unternehmen kein Hort der Demokratie sind, sondern profitorientierte Organisationen, die ihre Mitarbeiter nicht nur bevormunden, sondern ihnen nicht selten das Gehirn waschen, ist naiv oder Lobbyist.

Man darf sich aussuchen, was Christian Lindner ist. Da hilft es dem FDP-Vorsitzenden auch nichts, wenn er auf kreative und erfolgreiche Startups, wie Biontech, verweist, die in ihrer Vielfalt wichtige Impulse für das Wirtschaftsleben geben. Unternehmen werden irgendwann groß und dann stellen sie die, oft totalitär wirkende, Zwangsjacke für tausende von Mitarbeitern da.

Die Gesellschaft kann da nicht im Gleichschritt mitmarschieren, wenn sie noch in irgendeiner Form einen korrektiven Einfluss auf die oft diktatorische Atmosphäre in Wirtschaftsunternehmen haben will. Gewerkschaften, Betriebsräte und eine wachsame Öffentlichkeit gehören dazu und kommen eben nicht aus den Vorstandsetagen unserer Dax-Unternehmen.

Es gibt aber noch einen anderen Aspekt in der zweifelhaften Gleichsetzung von Unternehmen und Gesellschaften.

In der langen Phase der Deregulierung unserer Arbeitsmärkte, in der Arbeitskräfte für Unternehmen passend gemacht wurden, des neoliberalen Idealismus, in der man diverse Aufsätze über den Homo Oeconomicus, den Menschen der nur aus Profitstreben besteht, lesen konnte, zerfiel unsere Gesellschaft in eine fast unregierbare „Multi-Layer-Society“ wo gesellschaftliche Gruppen sich ohne jeden Bezug auf Andere und die Gesamtheit nur in der eigenen Blase verorteten und keinerlei soziale Empathie für die anderen Gruppen und Schichten in der Gesellschaft mehr zeigten.

Auch angesichts der bestehenden Pandemie, in der sich dieses Phänomen besonders auffällig zeigt, ist das wohl das dringendere Problem.

Denn selbst in linken und grünen Kreisen, die traditionell eher sozial orientiert waren, versagt die Empathie für den „Rest der Gesellschaft“ ganz auffallend. Die grün-linke Idee, dem „Rest der Gesellschaft“ die Zukunft quasi zu diktieren, passt genau zu dieser Eigenbezüglichkeit.

Diese destruktive Entwicklung lässt sich durch eine Verengung unseres Landes auf ein paar Unternehmensziele weder aufhalten noch beheben.

Es ist ein bewusster und „nicht modischer“ Diskurs über den Zustand unseres Landes erforderlich für den auch die Medienlandschaft offen werden muss.

Ansonsten droht das Auseinanderfallen unserer Gesellschaft. Diese Vorstellung ist nicht ganz unrealistisch. Dann allerdings sind wir wieder bei Lindners innovativer Vielfalt. Nur eben ohne jeden inneren Zusammenhalt. Der muss dann von oben erzwungen werden, schlimmstenfalls durch eine Diktatur.

Fazit:

Träumen darf man auch als FDP-Vorsitzender. Aber für ein gesamtgesellschaftliches Programm reicht das eben nicht. Lindner bedient eher die Narrative der Wirtschaftslobbyisten.

spaulsen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.